Dienstag, 2. Juni 2015

Unternehmertum, das Freude macht


Vor inzwischen etlichen Jahren, wir zahlten noch in guter alter D-Mark, jobbte ich an einer 24-Stunden-Tanke, um an ein paar Extraflocken fürs Studium zu kommen. Manchmal hatte ich Nachtschicht. Warf einem zwar ein wenig den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander und am Wochenende war meist ziemlich Stress, dafür hatte man werktags so ab eins ein paar Stunden Ruhe und ist zum lesen gekommen.

Gegen halb fünf in der Früh pflegte der Tag langsam zu erwachen. Ab da bis in den späten Vormittag war der mit Abstand meistverkaufte Artikel die meistverkaufte Tageszeitung Deutschlands. Zu Anfang, als ich meine Pappenheimer noch nicht so kannte (Tankstellen in Stadtgebieten haben zu bestimmten Tageszeiten vorwiegend Stammkundschaft) ist es mir zwei, drei Mal passiert, dass ich eine Art Tunnelblick bekam und bei jedem Kunden routinemäßig ein Exemplar aus dem Stapel neben der Kasse dazulegte und bonnierte. Nur wenige protestierten und meinten: "Hey, die wollte ich aber nicht!" oder so. Genau weiß ich es nicht, aber 150 bis 200 Stück sind pro Tag wohl locker über den Tisch des Hauses gegangen.

Keine Ahnung, wie viel der Chef damals an dem Blatt so verdient hat, ich kenne auch die Kalkulationen nicht, doch lässt sich recherchieren, dass die ambulanten Verkäufer der Wochenendausgabe um die 30 Cent pro verkaufter Zeitung erhalten. Geht man davon aus, dass diese Provision in etwa dem Gewinnanteil entsprechen dürfte, der auch im stationären Handel als Umsatz hängenbleibt, dann kommt man unter Berücksichtigung von 7 Prozent Mehrwertsteuer auf knapp 30 Prozent Gewinnanteil auf den Selbstkostenpreis. Geht man weiterhin davon aus, dass das auch für die Wochentagsausgaben gilt, dann wären mit 100 verkauften Zeitungen am Tag etwa 500 Euro im Monat zu erzielen. Milchmädchenrechnung, ich weiß, es geht aber um die Hausnummer.

Auf 500 recht leicht eingenommene Euronen im Monat zu verzichten, mag für größere Betriebe zu verschmerzen sein, für einen kleinen Krauter kann das eine Frage des Überlebens sein. Möglicherweise wird ein Teil der Kunden zu anderen Zeitungen greifen und dadurch den Umsatzverlust zumindest teilweise wieder ausgleichen, trotzdem bleibt die Entscheidung, die großbuchstabige Gazette aus dem Sortiment zu nehmen, für einen Einzelunternehmer eine riskante. Dennoch haben sich mehrere Händler anlässlich der unsäglichen Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe entschieden, den Verkauf des Blattes zu boykottieren. Was ich nicht wusste, ist, dass das gar nicht so ohne weiteres geht.

In meiner nur als grenzenlos zu bezeichnenden Naivität hatte ich immer gedacht, so ein Händler könne im wesentlichen selbst entscheiden, was er verkauft und was nicht und habe auch die freie Wahl, von wem er sich so beliefern lässt. Mitnichten! Presseerzeugnisse werden von Grossisten an den Einzelhandel geliefert. Für die gilt, wie für Schornsteinfeger, ein Gebietsrecht. Das heißt, sie sind jeweils monopolistisch für ganze Gebiete zuständig, in denen kein anderer liefern darf. Und wenn einzelne Händler sich weigern, einzelne Titel zum Verkauf auszulegen, dann kann es passieren, dass so ein Grosso-Händler mit Kündigung droht. Das bedeutet: Entweder Springerpresse verkaufen oder - Hallo Gebietsrecht! - gar keine Presseerzeugnisse mehr beziehen.

Natürlich kann es für einen kleinen Händler sinnvoll sein, seinem Grossisten ein auf seine Lage und Zielgruppe per Marktforschung optimiertes Komplettpaket abzunehmen. Das befreit ihn auch weitgehend davon, sich selbst aufwändig mit Sortimentspolitik zu befassen. Davon, dass viele Zeitungen und Zeitschriften verkauft werden, hat schließlich auch der Händler etwas, der kein Marketingexperte ist. Ich hatte eben nur gedacht, es gäbe so etwas wie unternehmerische Freiheit.

Sind Unternehmer wie Tankstellenpächter und Supermarktinhaber demnach vielleicht gar keine Unternehmer, sondern bloß bessere Verkäufer, die genauso zu spuren haben wie Angestellte, aber keine geregelten Arbeitszeiten haben, erst recht keinen Tarifvertrag und nicht sozialversichert sind? Wie kann das sein in einem Land, in dem die einschlägige Pressuregroup Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gerade noch folgendes Gebot Ex Cathedra verfügte: "Unternehmertum muss Freude machen!" (facebook!)?

"Menschen werden Journalisten, weil sie gern Geschichten erzählen - und Mathe hassen." (Scott Maier)

Wo wir gerade beim Rechnen sind: China ist bekanntlich im Begriff, eines der strengsten Rauchverbote weltweit einzuführen. Denn, so ist zu erfahren, in keinem anderen Land der Welt werde so viel gequarzt wie im Reich der Mitte. 360 Millionen der 1,3 Milliarden Chinesen griffen regelmäßig zur Fluppe (sogar kleine Kinder haben die Kippe auf der Lippe, suggeriert das Foto zum verlinkten Artikel). Dabei kommen mir die Werte auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch hoch vor. Und tatsächlich: Greift man zum Taschenrechner und rechnet einmal nach, ist das Ergebnis 27,7 Prozent.

Weil China nun einmal das bevölkerungsreichste Land der Welt ist, ist es natürlich nur logisch, dass es dort in absoluten Zahlen auch die meisten Raucher gibt. Anteilig hingegen kann das sehr wohl anders sein. So wurde für die 27 EU-Länder noch 2010 eine Raucherquote von insgesamt 32 Prozent ermittelt. Bei uns wird also im Verhältnis immer noch deutlich mehr gequalmt, und zwar trotz Rauchverboten in vielen Ländern. Entweder, es ist so wie im obigen Bonmot und absolute und relative Zahlen können ja echt a bitch sein - oder es handelt sich um die übliche gezielte Desinformation.

Ich tue es ungern, sollte aber vielleicht noch erwähnen, dass meine schulischen Leistungen in Mathematik damals nichts waren, auf das man auch nur ansatzweise stolz sein könnte, und zwar über die volle Distanz ab Klasse fünf. Ich bekam mehr als einmal eine Mitleids-Fünf auf dem Jahreszeugnis, weil ich mit einer Sechs irgendwann von der Schule geflogen wäre und man mir das auch nicht antun wollte. Ich weiß wirklich nicht, wie man in der Schule noch schlechter in Mathe gewesen sein kann als ich. Deshalb beschämt es mich fast immer ein wenig, wenn ich mich gezwungen sehe, dergestalt korrigierend einzugreifen.


1 Kommentar :

  1. Eine Bild , zwei Schnäpse , das Sonntag-morgen-Bouquet an der Tanke.

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