Sonntag, 5. Juli 2015

Blick in die Zukunft


Von Ausnahmen einmal abgesehen, finde ich diese Unsitte, andauernd sein Essen zu fotografieren, ja reichlich überflüssig. Kommt natürlich ein wenig drauf an. Es ist ein Unterschied, ob jemand das macht, um auf ein besonders gutes Restaurant hinzuweisen oder sich bloß mit exklusivem Gespachtel dicke tun will. Manchmal kann das aber auch aufklärerische Wirkung entfalten und etwas in Bewegung bringen. Als zum Beispiel die neunjährige Martha Payne jeden Tag Bilder ihres Schulessens ins Netz stellte, wirbelte das mächtig Staub auf. Viele Menschen waren entsetzt, was für eine billigstmögliche Schulabspeisung den Kindern und Jugendlichen da Tag für Tag vorgesetzt wurde und empörten sich, dass Caterer für den Conveniencemampf allen Ernstes 2,50 Euro pro Kopf und Tag abrechneten.

Der 63jährige Jürgen E. ist wegen einer Lungenkrankheit Frührentner und lebt in einem Nürnberger Altenheim. Weil er Probleme mit den Zähnen hat, bekommt er püriertes Essen. Dass das selten besonders appetitlich aussieht, hat er längst akzeptiert. Sauer wurde er, als ihm ein Nachschlag verweigert wurde mit der Begründung, das Essen müsse für alle reichen. Wenn man bedenkt, dass Jürgen E. bei einer Körpergröße von 1,80 Meter gerade noch 45 Kilo wiegt, es also nicht unbedingt eine Frage des Geschmacks ist, dass er beim Essen ordentlich zulangt, sondern lebensnotwendig, wirkt das schon ein wenig befremdlich. Irgendwann fing Jürgen E. an, Fotos von seinem Essen bei facebook (FB-Link) hochzuladen.

"Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht." (Helmut Kohl, notorischer Sozialromantiker und linksradikaler Gutmensch)

Das kredenzte Essen auf den Bildern als nicht gerade verlockend zu bezeichnen, wäre noch geschmeichelt. Labbriges Brot mit wenig dabei. Blasse Nürnberger Würstchen in saurem Sud mit labbrigem Brot. Labber, labber, labber. Und undefinierbares Püriertes. Matsch. Modder. Pampe. Wie schon mal verdaut. Obwohl püriertes Essen, wie gesagt, nie wirklich schön aussieht, kann man aber auch das ein wenig nett anrichten, sodass es nicht aussieht wie das, was in Amifilmen immer GIs und Strafgefangenen in die Blechnäpfe geklatscht wird, kurz bevor die Revolte ausbricht. Kleinigkeiten können da einen großen Unterschied machen. In dem katholischen Krankenhaus, in dem ich seinerzeit Zivildienst gemacht habe, legte man großen Wert darauf, denn das hatte etwas mit Respekt und Wertschätzung zu tun.

Die Aktion zog bald Kreise, es kamen Fotos aus anderen Heimen hinzu und das Nürnberger Heim, in dem Jürgen E. lebt, sah sich bald heftiger Kritik ausgesetzt. Insgesamt aber ist der ganze Fall ziemlich verwirrend und weist viele Fragezeichen auf. Jürgen E. will mit der facebook-Seite nichts zu tun haben und behauptet, eine Freundin habe die Gruppe betreut, die eine Satireaktion sein sollte. Bei der Dame handelt es sich nämlich um Eva Patricia Rußegger, die österreichische Vizechefin der 'Partei'. Zwischendurch hieß es, Jürgen E. sollte der Heimplatz gekündigt werden, was die Heimleitung inzwischen dementiert hat. Schwer zu beurteilen, wer da was gesagt hat, wer nun recht hat oder nicht. Aber das ist auch gar nicht der Kern der Sache, es geht um anderes.

Könnten Kantinen oder Uni-Mensen es wagen, so etwas zu servieren? Kaum, denn es würde sehr bald mächtig Ärger geben. Angestellte oder Studenten würden sich beschweren und auch an die Öffentlichkeit gehen, sollte das nichts bringen. Bei Pflegebedürftigen scheint das anders zu sein.

Was so erschreckend ist und wohl die große Aufmerksamkeit ausgelöst hat, ist die Kälte und Lieblosigkeit, die einem aus den Essensbildern entgegenschlägt. So was knallt man also in einem der reichsten Länder der Welt Menschen hin, die zu den schwächsten gehören und sich mit am wenigsten wehren können. Weil alles längst kapitalisiert und kommerzialisiert, Heimbewohner nur mehr als betriebswirtschaftliche Kostenstellen zählen und allein das machbar ist, was in den Augen von Gevatter Controller Gnade findet. Kein schöner Blick in unser aller Zukunft, kann doch schließlich jeder einmal in einer Pflegeeinrichtung landen und dergestalt abgefüttert werden, der nicht über die nötigen Barmittel für eine exklusive Residenz mit angeschlossenem Restaurant verfügt.


Oxi!

Noch was: Σας ευχαριστώ, αγαπητοί Έλληνες - was für eine Ansage! Es gibt wenig Schöneres, als wenn Selbstgerechtigkeit eins aufs Dach bekommt. Was das Votum bedeutet, ist natürlich noch nicht absehbar. Klar scheint jedoch, dass sich die, die in Griechenland mit Nein gestimmt haben, eher auf der Höhe der ökonomischen Debatte bewegen, als jene vornehmlich deutschen Regierenden nebst ihren publizistischen Hilfstruppen, die letzte Woche vor keiner Verbalinjurie zurückgeschreckt sind, um die Regierung Tsipras zu diskreditieren. Klarer Fall von nach hinten losgegangen.


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