Donnerstag, 16. Juli 2015

Oans, zwoa, gsuffa!


Machen wir uns nichts vor, sie werden das mit der Prohibition wieder in Angriff nehmen. In Baden-Württemberg haben sie die ersten Schritte jetzt eingeleitet und öffentliches Trinken nach 22:00 Uhr untersagt. Sicher, es wird noch eine Zeit dauern, bis Alkohol so stigmatisiert sein wird wie heute Tabakrauch, aber er wird es irgendwann sein, da mache ich mir nur wenig Illusionen. Ich weiß das, weil ich die Anfänge der Anti-Rauch-Bewegung in den Achtzigern mitbekommen habe. Auch damals wurden die ersten Aktivisten noch allgemein belächelt, ihre hinkenden Vergleiche bespottet, ihr demonstratives Rumhusten ignoriert. Irgendwann um die Jahrtausendwende gewann das alles mächtig an Schwung und wenige Jahre später war die einst allgegenwärtige Fluppe aus dem öffentlichen Leben weitgehend verschwunden.

Wie damals, fängt es, klar, in den Medien an. Kommt es mir nur so vor oder häufen sich in letzter Zeit Artikel wie die von Markus Günther, der einmal mehr vor der unterschätzten Droge warnt und mithülfe erschröcklichen Zahlenmaterials für hohe Besteuerung und starke Einschränkung des Verkaufs nach skandinavischem Vorbild eintritt? Oder Selbstoffenbarungen wie die von Benjamin von Stuckrad-Barre und Daniel Schreiber, die durch völlige Abstinenz zu sich selbst fanden. Sicher, das alles kann natürlich nur eine Mode sein, die wieder vorbeigeht, doch ich fürchte nicht.

Es ist ja absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen entsprechende Konsequenzen ziehen, nachdem sie, wie auch immer, herausgefunden haben, dass sie etwas tun, das ihnen schadet. Etwa mehr zu trinken als gut für sie ist und sie einsehen, dass ihnen das nicht bekommt. Ferner ist es durchaus richtig, dass wir oft ein seltsam gespaltenes Verhältnis zum Alkohol haben. Natürlich hat Schreiber recht, wenn er fragt, warum sich eine Gesellschaft eine Droge gestattet und zugleich diejenigen stigmatisiert, die damit nicht umgehen können. Es ist mehr als bedenklich, wenn Menschen, die den Willen äußern, kürzer zu treten, ganz oder teilweise auf Alkohol zu verzichten, von anderen mit psychischem Druck zum Mittrinken genötigt werden.

Über all das und noch mehr muss sicher geredet werden, nur eben bitte nicht in moralinsaurem Erziehungs- und Verbotstonfall. Wenn es auch weiterhin so etwas geben soll wie einen freien Willen, dann bitteschön in alle Richtungen. Dann muss die Entscheidung, sich beizeiten mal einen zu geben, ebenso respektiert sein wie die, das eben nicht zu tun, sonst stimmt etwas nicht.

Damit aber, dass es durchaus zum Leben gehört, unvernünftig zu sein, braucht man Neutemperenzlern ebensowenig zu kommen wie mit Traditions- oder Kulturargumenten. Ihr Blick ist der von Erleuchteten. Wo andere an einem heißen Tag jemanden mit gelockerter Krawatte in einem Biergarten sitzen sehen, der sich den Feierabend genüsslich mit einem Weißbier versüßt, sehen sie nur einen Alkoholiker in spe, der schon bald von der Leberzirrhose hingerafft werden wird, wenn er nicht sofort die Finger von dem Teufelszeug lässt. Bald schon werden die ersten sich legitimiert fühlen, so jemandem ungefragt Vorträge zu halten darüber, wie viele Menschen pro Jahr von Gevatter Ethanol dahingerafft werden. Wenn's der Volksgesundheit dient, ist kein Mittel drastisch genug, und spätestens da kann es fies werden.

"Ich halte jeden Menschen für voll berechtigt, auf die - von den Ingenieursgesichtern und Betriebswissenschaftlern herbeigeführte - derzeitige Beschaffenheit unserer Welt mit schwerstem Alkoholismus zu reagieren, so weit er sich nur was zum Saufen beschaffen kann. Sich und Andere auf solche Weise zu zerstören, ist eine begreifliche und durchaus entschuldbare Reaktion. Wer nicht säuft, setzt heutzutage schon eine beachtliche und freiwillige Mehr-Leistung." (Heimito von Doderer)

Sie können nämlich den Zeitgeist voll hinter sich wissen, und dessen Zeichen stehen nun mal auf Selbstoptimierung. Statt des guten Lebens, in dem die gelegentliche Unvernunft erlaubt war, herrscht inzwischen bei nicht wenigen der Imperativ des möglichst langen, von keinem Schadstoff beeinträchtigten Lebens um jeden Preis, idealerweise auch noch ethisch korrekt. Ein gottgefälliges Leben hinzubekommen, war ein Schiss dagegen, denn der Liebe Gott vergibt, der Trainings- und Ernährungsplan eines voll durchoptimierten Superperformers mit Bonusmodell in der Krankenversicherung nicht.

Apropos Krankenversicherung: Schon länger gibt es Bonusmodelle, die uns und unsere kleinen Vergehen  im Tausch gegen Rabatte auf Schritt und Tritt überwachen. Machen wir uns auch da nichts vor: Die, die meinen, Privatsphäre sei voll Nuller und sie hätten ja eh nichts zu verbergen, werden sich spätestens mit der Frage ködern lassen, wieso sie wegen der ganzen fetten, faulen, trägen, ungesund essenden Zecher unnötig viel bezahlen sollten. Solidargemeinschaft ist für Sissies.

(Nochmal apropos: Natürlich würde ich nicht ernsthaft behaupten, das Argument mit der Solidargemeinschaft, die die Exzesse anderer schließlich bezahlen müsse, sei totalitär. Doch wird es eben in totalitären Zusammenhängen immer gern verwendet, um Querköpfe moralisch unter Druck zu setzen. So meinte Roland Freisler beim Prozess gegen die 'Weiße Rose' unter anderem, die Volksgemeinschaft ermögliche ihnen, den Angeklagten, immerhin das Privileg des Studiums, da sei es doch sehr undankbar, so aufmüpfig zu sein. So kann’s Leuten ergehen, die glauben, in der Diktatur einen eigenen Kopf haben zu müssen Wie gesagt, keine vorschnellen Parallelen, doch wollte ich das einfach mal erwähnt haben.)

Wie bin ich eigentlich darauf gekommen? Ach ja, Eigentlich wollte ich ja auf etwas ganz anderes hinaus. Da radelte ich letztens durch die Stadt und sah folgendes:


Jo do schau her! D' Wiesn kimmt endlich aa zu uns! Bier aus Maßkrügen, Gemütlichkeit, oanszwoaxsuffa!, Umpapah-Musik, stramme Buam in Lederhosen und dralle Madln mit Hoiz vur da Hütt’n in feschen Dirndln (sexistische Kackscheiße! #aufschrei) und wo wir gerade dabei: sind: Schweinshaxe satt. Und mehr Bier. Kurz: Das größte Massenbesäufnis der Welt hat endlich auch den Weg in meine heimische RMRS (Randständige Mittelgroße Ruhrgebietsstadt) gefunden. Wundert mich, dass sie überhaupt noch einen Monat gefunden haben, in dem zwischen Wirtefest, Weinmarkt, Illumination, Fête de la musique und was weiß ich noch kein organisiertes Remmidemmi im öffentlichen Raum herrscht.

Eigentlich wollte ich, als ich das Plakat sah, hier zu einer gepfefferten kulturkritischen Suada ansetzen, von wegen: Noch ein Event für den Wohlstandsbürger, der zum Lustigsein einen Anlass braucht, am besten einen, der Geld kostet. Jetzt schrecken sie in ihrem Multikultiwahn noch nicht einmal mehr vor Bayern zurück. Ich wollte mich auslassen über die Verlogenheit einer Gesellschaft, deren Mitte erodiert und deren Ränder sich radikalisieren. Die einerseits Gesundheit predigt und andererseits jedes Jahr aufs Neue einer Veranstaltung größte Aufmerksamkeit widmet, bei der Rekordmengen an Alkohol weggepumpt werden, Kotzen, Alkoholvergiftungen und sexuelle Belästigungen als Teil eines gelungenen Tages gelten und was noch alles.

Vor dem Hintergrund des eingangs Gesagten hingegen finde ich: Man sollte hingehen, so lange so was noch erlaubt ist.

Kommentare :

  1. "Irgendwann um die Jahrtausendwende gewann das alles mächtig an Schwung und wenige Jahre später war die einst allgegenwärtige Fluppe aus dem öffentlichen Leben weitgehend verschwunden."

    In Berlin habe ich davon bis heute nichts mitbekommen ;-) Hier wird man überall ungefragt zugepafft. Und das ewige Freiheits-und-Genussmittel-Argument zieht (zumindest bei mir) nicht. Erst recht nicht dann, wenn das vor allem immer Raucher anwenden, während sie selbst ständig die Freiheit der Anderen einschränken, weil sie keine Rücksicht nehmen und die Leute mit ihrem Rauch belästigen. Die Raucher die freiwillig auf den Balkon gehen, im Restaurant darauf achten, niemanden zum Passiv-Rauchen zu bringen und echte Rücksicht nehmen, sind und bleiben leider in der totalen Minderheit. Ich erlebe das täglich und da bin ich sicher nicht der Einzige!

    Insofern sind solche Gesetze kein Verbots-Wahn-Fetisch, sondern dienen dem Schutz der Nichtraucher. Ansonsten kann sich jeder die Lunge schwarz rauchen, saufen bis der Kopf platzt, kiffen bis er auf nichts mehr Lust hat oder sich andere Drogen einpfeifen, weil er es cool oder rebellisch findet - alles völlig in Ordnung, solange ich damit nicht belästigt werde.

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    1. Ich glaube, da laufen zwei Dinger parallel. Einmal gibt es die teils erhebliche Belästigung der Öffentlichkeit durch rüchsichtslose Raucher (die vielen, die nach Möglichkeit Rücksicht nehmen, fallen viel weniger auf und gehen in der Wahrnehmung daher wohl meist unter) und das einigermaßen berechtigte Interesse der Nichtraucher, nicht zum Passivrauchen gezwungen zu werden.

      Regelungen, die diese Leute vor ungefragtem Zugequalmtwerden schützen, finde ich in gewissen Grenzen sinnvoll.

      Gleichzeitig gibt es aber diese teils moralinsaure, teils betriebswirtschaftlich motivierte Gängelei, bei der man die Leute zu gesundem™ Leben zwingt. Da ist es egal, ob Kirchen, Grüne oder irgendwelche Gesundes-Leben-Fetischisten das aus im weitesten Sinn politischen Gründen tun oder ob Krankenkassen (unter Billigung oder sogar auf Anstoß der Obrigkeit) die Ausgaben für das Gesundheitssystem drücken wollen.

      Nichtraucherschutz ist in Ordnung, und hartnäckig Rücksichtslose muss man u.U. etwas deutlicher anfassen mit entsprechenden Regelungen. Aber allgemeine Gängelei geht nicht, das ist ein Fass ohne Boden, ein abschüssiger Weg, das ist letzten Endes auch nur wieder Salamitaktik in Richtung Rundum-Überwachung. Und gegen diese Gängelei gilt es, sich zu wehren.

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    2. Nun, epikur, klassischer Fall von falsches Bundesland, würde ich sagen. ;-) Hier in NRW ist die Gastronomie in geschlossenen Räumen komplett rauchfrei. Es ging mir weniger um Sinn und Unsinn von Rauchverboten, sondern darum, wie schnell sich die Wahrnehmung eines sehr etablierten Phänomens komplett ändern kann. Beim Rauchen hat das gerade mal so 20 Jahre gedauert und ich erinnere mich, dass das anfangs die meisten für völlig durchgeknallt gehalten haben...

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    3. @epikur @gnaddrig
      Fetischismen oder auch Fetische beziehen sich per Definition auf leblose Objekte, weshalb schon im allgemeinen gebräuchliche Kombinationen wie Fußfetisch eigentlich falsch sind. Erst Recht falsch sind Kombinationen mit abstrakten Begriffen wie Verbot, Wahn oder gesundem Leben. Was ihr beide offensichtlich meint ist "Die Verehrung" bzw. "Das Verehren" von Verbotswahn und gesundem Leben, was zugegebener Maßen nicht so schmissig klingt wie Fetisch, aber sorry, ich musste einfach mal irgendwohin klugscheißen und hier bot es sich an. :)
      pS.: Idolatrie (Götzendienst) böte sich auch an.

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    4. @ der swingende Grund: Hast ja recht mit dem Klugschiss. Das Problem ist tatsächlich die Schmissigkeit, die den alternativen Begriffen fehlt.

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    5. Stimme epikur da zu. Ich könnte jetzt ein auch ein großes Fass (muaha, welch Wortspiel...) aufmachen und meine Meinung zum Thema Volksdroge Nr. 1 - Alkohol - sagen... brächte aber nix - außer miese Stimmung. :P

      Ich sehe da auch - grade wenn ich mich an das Thema "Impfen" in diesem Blog erinnere und welche Standpunkte da vertreten wurde - eine Doppelmoral, die Ihresgleichen sucht...!

      Zitat gnaddrig: "Gleichzeitig gibt es aber diese teils moralinsaure, teils betriebswirtschaftlich motivierte Gängelei, bei der man die Leute zu gesundem™ Leben zwingt."

      Die Menschen sollen ruhig saufen und rauchen (und somit andere schädigen) dürfen - eine Einschränkung dieser Freiheit sei "Gesundheitsfaschismus" oder ein "Gesund-Leben-Fetisch", eine böse Gängelei Unschuldiger Individuen...! Und in die Liste der umfangreichen Passivschädigungen gehört der Alk übrigens auch rein - denn Alk macht aggressiv, ab einem gewissen Level: unzurechnungsfähig. Bei schweren Unfällen im Straßenverkehr spielt er regelm. eine Rolle. Und auch bei Gewaltverbrechen (vor allem Schlägereien) ist der Alk der letzte Funke der meist fehlt, jemanden komplett ausrasten zu lassen. Von sozialen Problemen (durch Alkoholsucht ruinierte Familien, weil ein oder mehrere Familienmitglieder den einzigen Trost im Alkohol zu finden glaubten) schweigen wir mal großzügig. Geht alles mit rein in die Bilanz - die aber leider in dieser versoffenen Gesellschaft, in der man sich für seine Abstinenz als "Spaßbremse" regelm. rechtfertigen muss, ausgeblendet wird.

      Aber wenn sich jemand entscheidet, sich oder sein Kind nicht gegen jeden Sch...dreck impfen zu lassen - dann isser plötzlich kein Problem: der Gesundheitsfaschismus... dann sollen sogar Menschen zwangsgeimpft werden - zum Wohle des Volkskörpers. Aber gleichzeitig auf das "Recht" pochen seinen eigenen Körper (und den anderer gleich mit) selbst ruinieren zu dürfen...

      Ja, die Welt ist Scheiße. Sie sich für ein paar Stunden schönsaufen (oder von mir aus auch -rauchen, -spritzen, -koksen oder - kiffen) ändert nichts an ihrem Zustand. Außer Kater nix gewesen... Die Bierindustrie freuts. Aber jaaaa - natürlich gilt dies nicht für die verantwortungsbewussten "Genießer"! ;)

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  2. "öffentliches Trinken nach 22:00 Uhr untersagt"

    Naja, so weit ist es noch nicht. Öffentlich trinken darf man nach 22 Uhr schon noch, nur kaufen nicht. Ansonsten hast Du recht, die Marschrichtung deutet sich an...

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  3. Ich kann mich an die Siebziger und Achtziger erinnern, wo Raucher kein Problem damit hatten, auch solche Räume vollzustinken, in denen sich Alte, Kranke und kleine Kinder aufhielten. Wenn die Sensibilität für das, was man tut oder besser lässt, auf dem Nullpunkt ist, muss eben der Gesetzgeber einschreiten.
    Ähnlich beim Allohol. Wenn nur in Biergärten oder dafür vorgesehen Ortschaften gesoffen würde, wärs ja in Ordnung. Aber die Zahl derer, die an allen möglichen und unmöglichen Orten einer Stadt die Finne am Hals haben, ist inzwischen Legion.
    Der öffentliche Raum in diesem Land ist inzwischen zu einer großen Bedürfnisanstalt geworden. 80% der Leute kriegen ohnehin nicht mehr mit, wo sie sich gerade befinden, sondern starren unentwegt auf ihre blöden Elektronikknochen. Natürlich werden auch sämtliche häßlichen Tätowierungen und Piercings und bei Frauen die schlecht eingepackten Hupen vorgeführt. Man möchte direkt manchmal muslimisch werden.
    Gegen ein bisschen Prohibition wäre aus Gründen der Ästhetik nichts einzuwenden, würde nicht die Erfahrung lehren, dass davon hauptsächlich Verbrecherbanden profitieren, denn der kapitalistische Alltag lässt sich leider ohne Alkohol nicht mehr ertragen.

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