Freitag, 31. Juli 2015

Reiseimpressionen (4)


Rupertus-Therme, Bad Reichenhall

Die Gegend hier nennt sich Rupertiwinkel. Diese alte, auf den heiligen Rupert bzw. Rupertus zurück gehende Bezeichnung wurde irgendwann für das Tourismusmarketing entdeckt. Alleinstellungsmerkmal, Baby! Daher bekommt hier so ziemlich alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist oder sich mit Händen und Füßen wehrt, das Präfix 'Rupertus-' bzw. 'Ruperti-' vorn dran getackert.

Reichenhall, das bedeutet, wie jeder weiß, der sich das Sortiment eines Supermarktes schon einmal genauer angesehen hat: Salz. Das Attribut des heiligen Rupertus ist, wie jeder ikonographisch und kulturhistorisch Bewanderte weiß, ein Salzfass. Salz war wertvoll, wer es hatte und liefern konnte, ein gemachter Mann, daher die prachtvolle Hofhaltung der Salzburgischen Fürstbischöfe. Irgendwann hörte das Salz auf, wertvoll zu sein. Dafür hat man irgendwann herausgefunden, dass es gesund ist, salzige Luft zu inhalieren, später dann, dass es noch gesünder ist, in salzigem Wasser zu baden. So haben sie in Reichenhall lange gut vom Kurbetrieb gelebt. Erst brachten die Reichen, die hier ihre Sommervillen unterhielten, das Geld, später der von den Krankenkassen finanzierte Massenbetrieb.

Wer einen Rupertus auf dem Bild findet, darf ihn behalten
Inzwischen ist auch dieses Geschäftsfeld größtenteils weggebrochen. Also verlegte man sich aufs gourmetmäßige Hochjazzen und Überteuern der Produkte aus der örtlichen Saline. Warum auch nicht? Wer daheim im Bioladen artig Himalaya-Salz kauft, soll sich meinethalben auch hier Grobkörniges aus den Alpen für 50 Euro das Kilo andrehen lassen, kein Mitleid. Ansonsten macht man in Wellness. Wurden früher im Staatsbad vom Arzt verordnete Anwendungen von grantelnden, stiernackigen Heildienern im Akkord verabreicht, gibt es heute einen edlen Wohlfühltempel namens 'Rupertus-Therme', der als 'Spa und Familien Resort' beworben wird (man beachte die fashionable Getrenntschreibung - da waren zweifellos PR-Profis am Werk) - und das, obwohl Reichenhall streng genommen gar nicht zum Rupertiwinkel gehört.


Was man geboten bekommt? Blöde Frage, Wasser natürlich. Das aber in gefühlt hundert Becken und in allen Variationen. Mit oder ohne Salz, mit viel Salz, mit wenig Salz, von rattenkalt bis brühwarm und durch alle Blubber- und Spritzdüsen gejagt, die die moderne Technik so bietet. Das salzige Zeug heißt übrigens Bad Reichenhaller AlpenSoleTM (man beachte die schicke und originelle Binnenmajuskel - da hat ein echter Könner die Hand im Spiel gehabt). Hinterher hat man das Gefühl, nie wieder Pickel zu bekommen. Sicher, es hat zweifellos was, sich nach absolviertem Bahnenschwimmen, ja, auch das kann man hier selbstredend, zu Füßen einer imposanten Bergkulisse in einem wohlig temperierten Außenbecken zu aalen und sich von Sprudeldüsen massieren zu lassen, keine Frage. Das entspannt ungeheuer, so lange man dabei nicht ans Geld denkt.


Die Preise nämlich sind ungefähr so gesalzen wie die Brühe, in der man dümpelt. Hätte ich für vier Stunden schwimmen, planschen und gepökelt werden auch dann 18,50 Euro ausgegeben, wenn ich nicht im Urlaub gewesen wäre? Kaum. Darauf scheint im Übrigen das Geschäftsmodell des Ladens zu beruhen. Auf dem Parkplatz überwiegen auswärtige Kennzeichen aus der ganzen Republik. Urlauber, viele Familien mit kleinen Kindern. Klar, bei schlechtem Wetter kriegen die als erste den Lagerkoller, wenn sie im Hotelzimmer oder in der beengten Ferienwohnung den ganzen Tag aufeinanderhocken. Also geht man mit den Kurzen ins Schwimmbad, da können sie sich austoben und sind hinterher pflegeleicht. Auch wenn es 50, 60 Euro kostet.


Ein schickes Sozialkaufhaus haben sie inzwischen auch hier.


Elternhass-Exkurs

Apropos: Ich habe wirklich nichts gegen Kinder. Im Gegenteil, ich kann da die Langmut in Person sein. Gerade kleine Kinder sind ja selten wirklich schuld, stehen doch hinter vielen problematischen Nervkindern überforderte oder ignorante Eltern. Natürlich hasse ich es zutiefst, wenn Kinder autoritär herumkommandiert werden, von körperlicher Misshandlung gar nicht erst zu reden. Ich finde es aber schon sinnvoll, Kindern ab einem gewissen Alter beizubringen, sich an bestimmten Orten angemessen zu benehmen. Nicht um ihnen stumpfes Regelbefolgen einzudrillen, sondern weil das etwas mit Respekt vor Mitmenschen zu tun hat. Zudem habe ich mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die respektiert und ernstgenommen werden, es einem nicht unbedingt krumm nehmen, wenn man ihnen klar und bestimmt signalisiert: Stopp, bis hierher und nicht weiter.

In der Therme gibt es einen abgeschlossenen, abgedunkelten Bereich namens 'Solegrotte'. Es handelt sich, so ist auf einem Schild an der Tür zu lesen, um einen Entspannungsbereich, in dem höflichst um Ruhe gebeten wird. Und, was machen sie, die Honk-Eltern? Natürlich schleppen sie ihre Kinder mit rein. Das wäre an sich kein Problem, handelte es sich nicht um kreischende, springende, arschbombende, quietschende Kinder deren Eltern keinerlei Anstalten machen, daran etwas zu ändern. Vielmehr scheinen sie das Benehmen ihrer Brut nicht nur völlig unproblematisch, sondern auch irre lustig zu finden.

Nota bene: Es ist nicht so, dass es hier keine Möglichkeit zum Herumtollen gäbe. Iwo, hier gibt es zig Becken, in denen die Kleinen toben können, wie sie wollen, ohne dass jemand etwas dagegen hätte. Aber das reicht natürlich nicht. Nein, was die Rettung der Deutschen vor dem Aussterben ist, die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung, das muss gefälligst alles dürfen, und zwar immer und überall. Keiner der übrigen Anwesenden sagt etwas, weil keiner Lust hat, sich zum Nazi zu machen. Man kennt das: Wer sich erdreistet, etwas zu sagen, gleich wie höflich, dem nölen diese Deppeneltern, die Litanei vom kinderfeindlichen Deutschland ins Gesicht. Oder sie tun gleich völlig entgeistert. "Tss, also wirklich, Sie waren wohl nie jung, oder?" Rappelkiste und die Folgen. Vom Unterdrücken und Brechen von Kinderseelen ins andere Extrem gefallen, blöd gelaufen. Wo ist Michael Winterhoff, wenn man ihn mal braucht? Oder Doktor Prügelpeitsch?

Es ist ein Elend: Sie halten es für Liebe, wenn sie ihre Kinder auf einen Sockel stellen und verwechseln ihre Wurstigkeit mit Liberalität und Abgeklärtheit. Diese ihren Nachwuchs vergötternden Mittelschichtdödel sind zu doof oder zu tranig, Grenzen zu setzen, während die, die darunter leiden müssen, längst resigniert haben, keinen Bock mehr haben auf die ewiggleichen Diskussionen, darauf, sich andauernd unbeliebt zu machen und sich lieber genervt auf die Lippe beißen oder gleich den Raum verlassen. Es heißt, wenn die Klügeren immer nachgäben, regierten am Ende die Dummen. In bestimmten Bereichen des Lebens scheint das inzwischen eingetreten zu sein.

(Einen habe ich noch. Morgen oder übermorgen. Da müssen Sie jetzt durch.)


Kommentare :

  1. Das Problem könnte auch darin liegen, dass höflichst gebeten wird.

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    1. Das denke ich auch - verdammte Harmoniesucht, damische. Nur scheine ich bei weitem nicht der einzige zu sein, der sich generell schwertut, mit offener Dreistigkeit umzugehen...

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