Donnerstag, 9. Juli 2015

Thilos heiße Tipps


Nein, ich habe dieses Blatt nie gekauft und werde es auch nicht tun. Eines meiner wenigen unumstößlichen Prinzipien im Leben. Auch die Online-Variante meide ich, wo und wie immer es irgendwie geht. Ein Gebot des Anstandes und meiner persönlichen politischen Hygiene. Manchmal jedoch ist es aus Recherchegründen, trotz aller guten Vorsätze, unumgänglich, auf deren Internetseite vorbeizuschauen. Am Dienstag war das wieder einmal nötig geworden. Ich hatte von diesem ungeheuerlichen Pickelhauben-Titelbild Wind bekommen und meine erste Reaktion war: Das haben die jetzt nicht wirklich gemacht, oder? Parodie oder was? So blöd sind doch noch nicht einmal die! Es muss doch noch irgendwas auf der Welt geben, wovor sogar die sich ekeln.

Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Sie haben es wirklich getan und damit die Latte im grassierenden Deutschtümel-Limbo gleich um etliche Stufen auf einmal niedriger gehängt. Und noch etwas wurde ich gewahr: Thilo Sarrazin, der große Versöhner und Universalgelehrte, ist wieder einmal im Auftrag der Gazette im Dienste der unbequemen Wahrheit unterwegs. Und was macht er da? Richtig, er redet Klartext. Ahhh, "Klartext reden" - die Lieblingsforderung aller autoritären Zwangscharaktere, die Widerworte voll lästig finden, die glauben sie hätten eine Meinung, wenn sie bis Oberkante Unterkiefer voll sind mit Ressentiments und die nicht zuletzt deswegen glauben, irgendetwas berechtige sie dazu, anderen andauernd etwas abzuklemmen.

Diesmal sind es die Griechen, die in den Genuss von Thilos heißen Tipps kommen. Ist ja einschlägig erfahren der Mann, hat schließlich schon Millionen grenzdebiler Hartz-IV-Empfänger, die zu doof zum Kochen, Duschen oder zum Pulloveranziehen waren, kompetent und wissenschaftlich fundiert beraten.

Die Griechenland-Tipps heben sich gar nicht mal so sehr ab von dem, was konservative Politiker seit Monaten an herrenmenschelndem Geschwalle seit langem von sich geben. Im Gegenteil, Sarrazins wie üblich ungefragt erteilte Ratschläge, was immer im Einzelnen inhaltlich von ihnen zu halten ist, nehmen sich geradezu überraschend moderat aus, was als einigermaßen sicheres Zeichen dafür gelten kann, zu was für einer nationalistischen Jauchegrube dominante Teile des öffentlichen Diskurses nicht nur um Griechenland inzwischen geworden sind. Zwei Neuigkeiten hat uns Thilo dann aber doch auf Lager:

"Warum geht die Regierung nicht hart gegen die reichen Griechen vor?
In Griechenland geht man nicht hart gegen die eigenen Freunde vor und die Mächtigen beschützen sich gegenseitig."


Hm, soso, jaja. Das ist natürlich ein Problem. Bei uns in Deutschland freilich ist das ganz anders. Hier werden die Reichen und Mächtigen bekanntlich gnadenlos zur Kasse gebeten und dürfen keineswegs auf Unterstützung einflussreicher Freunde oder gar auf welche aus der Politik hoffen. Deutschland ist schön, sein Steuersystem gerecht, seine Steuerfahnder knallhart. Umpftadada, dös Erdinger Weißbier, jolladulliöhhh.

"Auch die jetzigen linken Machthaber?
Natürlich haben Tsipras und Varoufakis bestimmte Ideologien. Das sind Linksradikale, aber eben doch Angehörige der Oberschicht, das sieht man schon an deren glänzendem Englisch. Da gilt der Satz: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus."


Abgesehen davon, dass man heute schon als linksradikal gilt, wenn man bloß klassischer Sozialdemokrat ist, war es mir wirklich neu, dass fundierte Englischkenntnisse neuerdings ein eindeutiges Indiz dafür sind, zur Oberschicht zu gehören. Das bin jetzt nur ich, aber zu meiner Zeit reichte dafür in der Regel Englisch im Abi und ein Jahr als Austauschschüler (so man nicht zweisprachig war wie meine Cousine). Kenne einige, die deswegen auch in höherem Alter noch hervorragendes Englisch sprechen, ich aber wirklich nicht zur Oberschicht zählen würde. Gut, vielleicht versteckt das Pack seine Superyachten, Villen, Uhrensammlungen und Ferraris auch nur äußerst geschickt. Wie gesagt, natürlich nur meine Meinung. Anekdoten sind halt keine Beweise. Außerdem habe ich wohl dieses Sarrazinsche Gen für messerscharfe Analysen einfach nicht auf der DNA.

Keine Ahnung, wieso ich ausgerechnet beim Thema Thilo Sarrazin jetzt auf Fremdenfeindlichkeit komme, aber ich denke, man muss ihm gratulieren. Die Saat geht auf. Immer mehr besorgte, von der linksgrünen, gernderversifften Multikulti-Lügenpresse mundtot gemachte Bürger, die doch nur Angst um ihre Familien haben und deren Sorgen und Nöte bislang einfach nicht ernst genommen wurden, trauen sich endlich, ihre Sorgen und Nöte ganz angstfrei und offen zu äußern. Glückwunsch, Thilo! Mit Worten fängt es an. Immer. Würg.


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