Sonntag, 19. Juli 2015

Wir bloggen Food


Ich auch Essen fotofieren! Heute: Vom Einerlei des Frühstückengehens und einer rühmlichen Ausnahme

Frühstücken gehen, geplant und im Rudel (in der Anglizismenhölle auch brunchen genannt) - das Wochenendvergnügen jener Ältergewordenen, deren Schlafbedürfnis oder deren familiäre Verpflichtungen durchfeierte Nächte und ähnliche Exzesse nicht mehr zulassen. Man kann das verspotten als Kaffeekränzchen für junge Spießer, die bloß noch nicht wahrhaben wollen, dass sie welche sind. Ab einem gewissen Alter aber, let's face it, ist so ein gemeinsames Sonntagsfrühstück oft die einzige Möglichkeit, ein paar alte Freunde und Bekannte mal an einen Tisch zu kriegen, denn am Sonntagvormittag haben viele noch am ehesten Zeit, seitdem der sonntägliche Kirchgang eher zum Event einer Minderheit geworden ist.

Was man aufgetischt bekommt bzw. was man sich vom Buffett auftischen kann, ist meist so vorhersehbar wie das Fernsehprogramm von Nordkorea: Neben dem üblichen Brötchen-Brot-Butter-Wurst-Käse-Marmelade-Kram meist noch die heilige Dreifaltigkeit aus Räucherlachs, Rührei und Speck. (Immer wieder amüsant zu sehen, wie gewisse Zeitgenossen bei solchen Gelegenheiten sich die letztgenannten in Quantitäten auf die Teller häufen, als würden diese seltenen, erlesenen Viktualien schon morgen mit einem strengen Embargo auf unbefristete Zeit belegt werden, aber egal.) Erfreut ist man schon, wenn ein Gastronom sich sichtbar ein paar Gedanken macht und das eine oder andere anbietet, das sich vom üblichen Einerlei abhebt.

Was das Essen angeht, kann die Frühgestückelei also eine reichlich traurige Angelegenheit sein. Aber keine Regel ohne Ausnahme und begegnet einem mal eine, dann sollte sie gebührend gewürdigt werden. Das Café Seitenblick in Essen ist so eine Ausnahme. Dieser zentral gelegene, gediegene Laden ist in einem der wenigen Altbauten untergebracht, die Krieg und Wiederaufbau von der Essener Innenstadt übrig gelassen haben. Das Team hat sich eine Menge Gedanken gemacht, und zwar so viele, dass man sagen kann: Die verderben einen. Wer einmal dort sein Petit dejeuner eingenommen hat, ist für den buckligen Rest ein für allemal verloren. Man möchte einfach nicht mehr dahinter zurück.

Das Bild täuscht, es war nicht leer, es saßen nur alle draußen.
Alles ist bio, alles, was irgendwie geht, machen sie selbst: Marmeladen, Dips, Dressings, köstlicher Eiersalat, und auch der Lachs wird selbst gebeizt. Ferner gibt es noch Häppchen von Bauernomelette und Gemüsequiche. Sogar das Brot und die - äußerst nahrhaften - Brötchen sind aus eigener Herstellung. Der zunächst happig wirkende Preis von 15 Euronen für das Buffett relativiert sich da sehr schnell zum reinsten Schnäppchen. Im Preis inbegriffen ist ein Heißgetränk nach Wahl, ein Glas Prosecco und frisch zubereitetes, auf Holzbrettern serviertes Rührei mit verschiedenen Zutaten nach Wahl wie Kräuter, Tomaten, Zwiebeln und Speck. Schließlich gibt es noch eine Waffelstation, an der man sich selbst helfen darf.

(Die Qualität des Fotos ist entgegengesetzt zum auf ihm Gezeigten.)
Überhaupt haben sie's hier mit Holz und bemühen sich um kleine Einsprengsel von Rustikalität und um nette Details. So gibt es auch keine Untertassen sondern Holzbretter. Milchkaffee kommt selbstverständlich stilecht in der bol auf den Tisch, ebenso wie ein kleines Glas Leitungswasser zum Kaffee Standard ist. Bestellt man ein Kaltgetränk aus der riesigen Auswahl, etwa einen Saft oder eine Schorle, bekommt man in der großen Variante kein Halbliterglas, sondern einen Bembel. Eigens gelobt werden müssen auch die Sanitäreinrichtungen: Stoffhandtücher und ein fest montiertes Stück einer Seife, die so unverschämt natürlich nach Zitrus duftet, dass man nicht genug davon inhalieren kann.

Heinz Schenk würde weinen vor Glück. Jawohl, weinen!
Wiewohl ich kein faireres Angebot für ein gutes Frühstück kenne, müssen doch noch zwei Dinge angemerkt werden: Erstens: Wer gern Wurst und Käse frühstückt, ist hier weniger gut aufgehoben. Zwar gibt es das, aber die Auswahl ist minimal. Liegt vermutlich daran, dass das als einziges zugekauft wird. Der Schwerpunkt liegt klar auf den selbstgemachten Marmeladen und Dips. Das ist natürlich absolut nichts Schlechtes, sollte einem aber bewusst sein. Und, leider muss das gesagt werden, ist der Service, der ausschließlich von sehr jungen Leuten gestemmt wird, bisweilen arg wurstig. Vor einiger Zeit habe ich eine Dreiviertelstunde auf einen Cappuccino gewartet und wurde angemault, als ich höflich fragte, ob man den vielleicht vergessen hatte.

Wer weiß, vielleicht gehört das auch zum Geschäftskonzept, das sie hier, muss ja, natürlich 'Philosophie' nennen. Zumindest am Wochenende ist der Laden gerammelt voll, ohne Reservierung geht gar nichts. Vielleicht steuern sie mit gezieltem muffigen Benehmen ja die Besucherströme, wie der Türsteher vor dem angesagten In-Club.

Trotz allem bietet das Seitenblick das beste Frühstücksangebot, das mir bislang begegnet ist. Hingehen. Wer frühstücken gehen für ödes Einerlei hält und sich irgendwie in Schlagdistanz zur Stadt Essen befindet, möge sich besinnen.


Café Seitenblick
Trentelgasse 2
45127 Essen




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