Mittwoch, 5. August 2015

Jagdszenen im Netz


Letzte Woche hat es ja Cecil erwischt. Walter Palmer, ein Zahnarzt aus Minnesota, hatte gegen entsprechendes Kleingeld die Lizenz erworben, in Simbabwe einen Löwen zu erlegen, heißt es, und tat nicht nur so, sondern postete auch noch Fotos von seinem Erfolg in die sozialen Netze. Sieh herab, Ernest Hemingway! Dummerweise hatte er mit Cecil so was wie das inoffizielle Maskottchen des Nationalparks weggepustet. Ach so, eine Angestellte begrapscht haben soll er auch noch, der Ungut.

Klar, noch vor einigen Jahrzehnten wäre ihm allgemeiner Beifall sicher gewesen für seine Jägerei, so von wegen: Unerschrockener Bezwinger der unbarmherzigen Natur. Leider muss ihm irgendwie entgangen sein, dass es immer weniger Leute goutieren, wenn jemand wie er damit angibt, einem Wildtier per Schusswaffe das Lebenslicht ausgeblasen zu haben. Sollte ihm das tatsächlich nicht bewusst gewesen sein, dann muss man schon mal fragen, wo genau der Mann die letzten Jahrzehnte über eigentlich gelebt hat und welche Medikamente dort so gereicht werden..

Wiewohl ich kein eindeutig nevatives Verhältnis zur Jagd habe, sie in dicht besiedelten Gegenden wie der unseren sogar für geboten halte, finde ich es immer noch einen Unterschied, ob man Tiere aus Gründen der Nahrung, der Regulierung eines Ökosystems oder der Selbstverteidigung jagt oder allein um des Tötens und der Trophäe willen.

Ich denke, es ist mittlerweile zu recht Konsens, jemanden, der aus sicherster Deckung, möglicherweise, ohne selbst dabei das geringste Risiko einzugehen, ein Wildtier abknallt, pardon, mit einer Hightech-Armbrust erlegt, das aber beim ersten Anlauf nicht schafft, sodass er nach längerer Nachsuche mit der Knarre nachhelfen muss, um sich hinterher damit dickezutun, für eine ziemlich armselige Knackwurst zu halten, die es aus diversen Gründen gewaltig nötig hat. Zeiten ändern sich nun einmal. In jenen, in denen man bewundernd zu so jemandem aufschaute, pflegte man im Umgang mit Mutter Natur auch sonst eine erfrischende Rücksichtslosigkeit an den Tag zu legen.

"Das ist für viele Länder ein Wirtschaftszweig, 'Jagdreisen' auch nach Ungarn etwa oder weiß der Geier. Man lese die Pirsch oder Wild und Hund und kotze in den Anzeigenteil." (Friedrich Küppersbusch)

Leider artet die sicher berechtigte Kritik am großen Nimrod von Minneapolis, wie inzwischen üblich, aus in ein, Shitstorm genanntes, in jeder Hinsicht maßloses Umdiewettekrakeelen. Auch Prominente waren natürlich sogleich in Kohortenstärke zur Stelle um ihrer Empörung und ihrer edlen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Und, natürlich, kriegt Hart auch die obligaten Morddrohungen bzw diejenigen, ihm exakt das anzutun, was er Cecil angetan hat oder schlimmeres. Ich verstehe das nicht. Was hat das mit Tierschutz zu tun? Blutrünstige Rachephantasien helfen keinem einzigen Tier und retten auch keines. Ich dachte immer, zivilisierte Menschen seien sich weitgehend einig, dass die Todesstrafe keine Straftat verhindert oder ungeschehen macht.

So wie es mir auch an der linken Szene gewaltig auf den Keks geht, wenn Leute im sicheren Bewusstsein, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, meinen, daraus das Recht ableiten, wirklich alles blindlings in einen Topf werfen zu können und kräftig umzurühren. Etwa einen Blogger, den man mögen kann oder nicht, dem man zustimmen kann oder nicht, der das eine oder andere Mal gewiss provokante Dinge schreibt und zuweilen sicher arg zwischen Kunstfigur und Realperson hin- und herirrlichtert, dabei aber schon den einen oder anderen Widerspruch offenlegt, auf ein und dieselbe Stufe zu stellen mit Nazis, die offen Vertreibungs-, Ausmerzungs- und Vernichtungsforderungen Gassi führen.

Abgesehen davon, dass jeder Blogger/Journalist/Schreiberling mal einen schlechten Tag hat, an dem er ins Klo greift: Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der moralinsaure, undifferenzierte Schreihälse das Sagen haben, die glauben, die Moral für sich gepachtet zu haben. Aber dazu wird es sowieso nicht kommen, denn die Linke ist wie eh und je unfähig, sich zusammenzuraufen und zerfleischt sich lieber untereinander. Treibt keinem von denen, um die es eigentlich geht, auch nur den Hauch einer Falte auf die Stirn. Schade, blöd gelaufen. Zu blöd zum Kacken, wird dereinst mal auf dem Grabstein der Linken stehen. Das nur am Rande, zurück zu Cecil und seinem Killer.

"Are most of these people aware – do they even care – that there are innumerable incidents of perfectly legal animal cruelty, systemic exploitation and botched slaughter going on all the time?" (Barbara Ellen)


Es ist ja nicht so, dass Harts Kritikern nicht im Prinzip recht zu geben wäre, aber angesichts der Tatsache, dass der arme Cecil dummerweise nicht allein ist, sondern dass Millionen von Tieren in jedem Moment überall auf der Welt noch weit Schlimmeres angetan wird, wirkt das Gelärme schon arg überzogen. Es keimt der Verdacht, dass es denen, die sich am lautesten empören, nicht um Tierschutz geht, sondern vor allem darum, möglichst penetrant mit ihrer Bessermenschmoral anzugeben.

Überhaupt wirkt dieses ewiggleiche, komplett vorhersehbare pawlowsche Aufgeschreie inzwischen nur noch ermüdend. Zoodirektor verfüttert Giraffe? Selbst verfüttern das Schwein! Am besten bei lebendigem Leibe und vollem Bewusstsein! Um der Zivilisation willen! Kolumnistin schreibt Unopportunes? Feuern, die Frau, sofort! Morddrohung! Großwildjäger knallt Löwen ab? Auf ihn mit Gebrüll! Morddrohung! Flüchtlingsunterkunft im Ort geplant? Brandanschlag! Morddrohung! Shitstorm, Shitstorm, Shitstorm! Der inquisitorische Blick, mit dem die, die diese digitalen Hexenjagden initiieren und am Laufen halten, offenbar die Welt in einer Tour nach Unmoralischem abscannen, über das sie sich empören können, erinnert nicht zufällig an den einer verbiesterten puritanische Gevatterin, die sich gespitzten Mündchens ein neues Hühnchen zum Rupfen sucht.

Apropos rupfen: So leid es mir tut, aber Menschen verursachen nun einmal Tierleid oder den Tod von Tieren und werden das leider wohl auch in Zukunft tun. Sei es gezielt oder unabsichtlich, aber wir tun es und werden es weiter tun, egal, ob wir nun tierische Produkte konsumieren oder nicht. Man nennt das Ökosystem, dessen Teil wir sind. Plattgefahrene Igel auf der Landstraße, vom Mähdrescher geschredderte Rehkitze als Kollateralschäden der Ernte auf den Feldern sind da nur zwei Beispiele. Unschön, passiert aber leider. Notwendiges Übel, ein Preis unseres Lebensstils. Wird sich wohl nie ganz vermeiden lassen, wenn man gezwungen ist, sich einen Planeten zu teilen, auf dem es zudem immer enger wird. Natürlich, im Gegensatz zu Cecils Tod passiert so was unabsichtlich, das Ergebnis ist jedoch dasselbe.

Eine komplett konfliktfreie, reibungsfreie, repressionsfreie, leidfreie Welt? So verlockend die Vorstellung klingen mag, ich fürchte, so sind die Menschen nicht, das gibt die Condition humana nicht her. Es gibt halt immer Idealvorstellungen und Realitäten. Bei allem ehrenwerten Bemühen, wird es wohl niemals ein moralisch völlig einwandfreies Leben geben können, und die, die mir das dennoch einreden wollen, sind mir eigentlich immer reichlich suspekt.

Übrigens müssen Harts Helfer sich natürlich vor Gericht verantworten, denn Wilderei ist eine Straftat. Was mit Hart als US-Bürger passiert, ist noch nicht klar. Trotzdem treibt mich schon noch die eine oder andere Frage um: Wenn Hart, der Tiere mit Absicht und zum Zwecke seiner Belustigung tötet, ein Mörder ist und entsprechend bestraft gehört, so die Logik der trauernden Freunde Cecils, was blüht mir dann, wenn ich versehentlich einen Fuchs überfahre? Zwei Jahre auf Bewährung wegen Totschlags in minderschwerem Fall? Keine Ahnung, bin ja kein Jurist.


Kommentare :

  1. Fahr halt nicht Auto, dann machst Du auch nicht versehentlich einen Fuchs platt. Und bei Hart regen sie sich nur auf, weil Cecil nun eben das Maskottchen des Nationalparks war. Wenn er irgendeinen egalen anderen Löwen geschossen hätte, wäre das weitgehend unkommentiert in der Timeline der Welt verschwunden. Zeigt auch die Bigotterie der Shitstormerei.

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    1. Ich fürchte, da muss ich widersprechen. Ein Teil des Problems ist meiner Ansicht nach, dass die shitstormende Empöreria sich ihre Opfer reichlich wahllos auszuwählen scheint, so nach dem Motto: Boah, das nervt mich jetzt gerade voll, lass' uns die/den fertig machen!

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    2. Das stimmt schon, aber je weiter jemand sich aus dem Fenster lehnt, desto größer die Gefahr, dass er auffällt und als Zielscheibe genommen wird. Ich habe die Entwicklung dieses einen Shitstorms nicht verfolgt, aber soweit ich mitgekriegt habe, hat sich das Theater ja daran entzündet, dass der Mann nun ausgerechnet den Cecil gemeuchelt hat, das Maskottchen des Parks dort, den Knut von Kenia gewissermaßen.

      Tausend andere Leute gehen jedes Jahr Großwild schießen, viele dürften auf ähnliche Weise damit prahlen wie Hart und kriegen keinen Shitstorm. Das ist, glaube ich, weniger die reine Willkür sondern vor allem Zufall, Glück und Pech, dumm gelaufen vs. glücklich davongekommen. Die Bosheit schnappt immer wieder zu, keine Frage, aber sie schaut nicht so genau, wen sie jeweils erwischt.

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  2. Na ja, da gibt's ja immer zwei Seiten der Medaille. Wenn man schon was kriminelles macht, wie das Töten eines Löwen in einem Nationalpark, wieso postet man dies im Nachhinein voller Stolz in den sozialen Medien? Ein Bankräuber macht ja auch keine Selfies von sich, nachdem er die Bank ausgeraubt hat und stellt dies auf Facebook. Und falls doch, wäre er sehr dämlich. Und so ist auch dieser Zahnarzt. Ich verstehe einfach nicht, wieso jeder sein Privatleben in den sozialen Medien so ausbreitet und auch immer wieder unpassende Kommentare per Twitter sendet und sich dann darüber wundert, dass dies ein anderer vielleicht blöd findet. Diese Shitstorms sind lächerlich, dämlich und unnötig, aber genau so sind es die meisten Twittermeldungen und Facebookposts, die diese verursachen. Das heißt nicht, dass man wegen jedem unwichtigen Twitterpost sofort in die Luft gehen sollte, aber die Menschen sollten mal endlich lernen, dass die Sachen, die sie per Internet von sich geben, irgendwo ankommen, von irgendwem gelesen und interpretiert werden. Jeder, der die sozialen Medien nutzt, sollte vielleicht öfters vorher nachdenken, was er da sendet, bevor er es sendet. Aus diesem Grund bin ich weder bei Twitter noch bei Facebook angemeldet. Weil da meist nur Blödsinn zu lesen ist.

    Diese ganzen Shitstorms nerven aber gewaltig, da haben Sie natürlich recht.

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