Samstag, 8. August 2015

Jung & Fromm


Zu den mit Abstand unterhaltsamsten Eigenschaften des Feminismus zählt ja seine (warum eigentlich ist ausgerechnet 'Feminismus' ein Maskulinum?) immer wieder aufblitzende Doppelmoral. Frauen sind grundsätzlich die besseren Menschen, Männer hingegen Schweine. Sollten Frauen doch einmal nicht die besseren Menschen sein, dann nur aus Notwehr. Quod licet Iovi non licet bovi. Wahlweise sind Frauen höhere Wesen, die alles können, und das auch noch besser, oder hilf- und schutzlose Opfer, die mit aller Macht des Gesetzes geschützt werden müssen. Wie es eben gerade passt. So wird auch eine Titelzeile wie "Töchter sind die einfacheren Nachfolger" offenbar nicht als sexistisch empfunden. Stünde dort aber etwas wie "Söhne sind die einfacheren Nachfolger", es täte vermutlich gewaltig rappeln im Karton.

Ein schönes Beispiel liefert jetzt Anne Fromm von der taz. Die findet es voll doof, wie Tilo Jung, Betreiber des Portals 'Jung & naiv' und Mitbegründer der 'Krautreporter', sich immer noch aufführt. Zum Weltfrauentag am 8. März hat er eine kontroverse Bilderserie bei Instagram eingestellt. Darin trifft eine Männermauke auf einen Frauenrücken und bringt dessen Inhaberin zu Fall. Ich habe periphär davon gehört und muss sagen, auch schon mal besser gelacht zu haben. Allerdings soll es sich dabei um einen privaten Insider-Scherz gehandelt haben. Er holte sich den dafür fälligen Shitstorm ab (Sexist, Gewaltverherrlicher, Idiot!) und wurde vorübergehend von der Krautreporter-Redaktion beurlaubt. Nach einer Entschuldigung wurde er in Gnaden wieder aufgenommen.

Und, hat er sich gebessert? War ihm das eine Lehre? Mitnichten! Drei Mal pro Woche, vermeldet Fromm, säße Jung nunmehr in der Bundespressekonferenz herum und treibe dort ganz schlimme Dinge. Zum Beispiel mache er sich einen Spaß daraus, vorzuführen, wie doof die da oben auf dem Podium seien. Komisch, ich hatte eigentlich immer gedacht, Demaskieren von Mächtigen gehöre zu den Kernkompetenzen und den vornehmsten Aufgaben kritischer Journalisten. Vielleicht werde ich auch nur langsam alt. Besonders abgesehen jedenfalls habe er es auf Sawsan Chebli. Die ist studierte Politologin und seit eineinhalb Jahren stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Außerdem sei sie jünger als ihre KollegInnen und daher habe sie "[die] Selbstsicherheit, mit der RegierungssprecherInnen sonst ihre Allgemeinplätze formulieren, [...] noch nicht drauf. Sie stammelt, stottert und eiert."

Obwohl er zu Füßen ihres Podiums säße, behandle Jung sie deswegen immer ganz fies von oben herab, etwa in dem er seinen Wortmeldungen voranstellt: "Frau Chebli, Lernfrage", und auf seiner Facebook-Seite stelle er ganz viele gemeine Videos ein, um sie bloßzustellen. Klarer Fall, meint Fromm im tadelnden Tonfall der gestrengen Gouvernante, Jung sei eben ein unverbesserlicher Sexist, habe offenbar aus dem Shitstorm gegen ihn nichts gelernt und gäbe daher jetzt eine Frau mit palästinensischem Hintergrund zum "medialen Abschuss" frei. Etwa, indem er bei sexistischen Kommentaren auf seiner Facebook-Seite ("Die sieht echt sehr gut aus - leider redet die nur Scheiße.") nicht einschreite. Soso. Aha, Hm-hmm.

Abgesehen davon, dass jede Sozialarbeiterin oder Lehrerin für deutlich weniger Geld mit weit heftigeren Sprüchen klar kommen muss, hätte ich da noch eine andere Interpretation anzubieten: Vielleicht hat das alles ja gar nichts mit Gender- oder Altersfragen zu tun. Kann es sein, dass Jung deswegen so viele Filmchen mit Frau Chebli als Hauptperson einstellt, weil sie einfach das meiste Material dafür liefert? Vielleicht findet er ja, dass eine erwachsene, studierte Frau, die es auch nach eineinhalb Jahren auf einem gewiss ordentlich dotierten Posten, der zudem diplomatisches Geschick erfordert, immer noch nicht auf die Kette bekommt, in der Öffentlichkeit halbwegs unfallfrei zu sprechen, schlicht den Job nicht kann. Vielleicht hält er es auch nicht für ein Zeichen sympathischen Unverbildetseins, wenn sie "stammelt, stottert und eiert", sondern für eines von mangelnder Professionalität.

Vielleicht hat er ferner - horribile dictu! - nicht einmal völlig unrecht damit. Es sind schon Kriege ausgebrochen wegen eines einzigen unbedacht daher gesagten Wortes. Zwar hoffe ich inständig, dass wir eine solche Situation nie erleben, möchte aber in so einem Fall keine Person mit den genannten oder anderen Wortfindungsstörungen auf so einem Stühlchen sitzen haben, wenn's beliebt. Und zwar egal ob alt oder jung, Frau oder Mann, transgender, homo-, hetero-, bi- oder sonstwie sexuell, mit oder ohne Migrationshintergrund.

Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendwas sagt mir, Frau Fromm schriebe vermutlich anders, wenn umgekehrt eine vorlaute, freche junge Reporterin einen kläglich vor sich hin stammelnden männlichen Sprecher in ähnlichem Rahmen in ähnlicher Weise behandeln würde. Ist nur so eine Vermutung.




Kommentare :

  1. Niemand hält an der weiblichen Opferrolle so vehement fest wie der heutige Feminismus.

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    1. ... um dann in Selbstüberhöhung zu verfallen...

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