Donnerstag, 27. August 2015

Marxloh to go


Preisfrage: Ist es wirklich bloß Zufall, dass ausgerechnet in diesem Sommer, in dem der hässliche Deutsche endgültig zurückgekehrt ist, "Mitleidlosigkeit zur Konsenshaltung" gerinnt (Georg Seeßlen) und das braune Pack sich nicht mehr genötigt sieht, sich irgendwie noch einen Zwang anzutun, so intensiv über den Stadtteil Duisburg-Marxloh berichtet wird? Glaubt man dem, was so geschrieben wird, dann ist das ja eine No-go-Area, in der Hell’s Angels und Clans aus  libanesischen Muskelbergen ein wahres Schreckensregime errichtet haben. Kein Biodeutscher, wird suggeriert, könne sich mehr dorthin trauen, ohne Gefahr zu laufen, ausgeraubt zu werden oder Drogen aufgeschwatzt, die Tochter geraubt, mindestens jedoch ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen. Oder, horror of horrors, ohne dass Kinder auf Autos trampeln. Oder alles gleichzeitig. Buh!

Zugegeben, ich bin eher selten in Marxloh, wie ich überhaupt selten in Duisburg bin, war aber schon in genügend ähnlichen Vierteln, zu denen unter anderem die Dortmunder Nordstadt, Essen-Katernberg und Gelsenkirchen gehören, um getrost sagen zu können, dass das ziemlicher Quatsch ist. Tritt man nicht auf, als sei  man gerade aus einem von der NPD kontrollierten Jugendclub in der sächsischen Provinz gestolpert, dürfte ein Bummel durch Marxloh nicht viel gefährlicher sein als in einer beliebigen anderen Großstadt. So genannte Problemstadtteile haben ja, wiewohl man die Probleme nicht unter den Teppich kehren sollte, oft etwas von Herrn Turtur, dem Scheinriesen aus Michael Endes Jim-Knopf-Roman: Je näher man ihnen kommt, desto kleiner und weniger bedrohlich wirken sie. Hat sich was mit No-go-Area

Überhaupt finde ich es ja immer wieder putzig, als eingeborener Ruhrpöttler von Externen erklärt zu bekommen, wie schlimm es hier zugeht. Vor ein paar Jahren musste ich mir auf einer Zugfahrt von der männlichen Hälfte eines älteren Ehepaars aus dem Schwäbischen anhören, er wisse aus sehr zuverlässiger Quelle, dass der ganze Ruhrpott, außerhalb von ein paar wenigen, zu Hochsicherheitstrakten aufgerüsteten Gated Communities, im Prinzip ein einziges Bürgerkriegsgebiet sei. Man könne dort kein Auto an die Straße stellen, ohne es am nächsten Morgen aufgebockt und ohne Räder vorzufinden, könne unbewaffnet nicht auf die Straße und wenn jetzt nicht durchgegriffen werde, dann würden wir bald alle mit vorgehaltener Waffe gezwungen, das Haupt gen Mekka zu neigen.

Was dieser Alfonsoknilch kann, kann ich schon lange. Fahrrad, ...
Seinerzeit habe ich den Fehler gemacht, mit dem Mann das Diskutieren anzufangen. Klar, wie das ausging: Er beharrte, ich beharrte. Dass ich einwandte, von dort zu sein und mich ein wenig auszukennen, focht ihn nicht weiter an, im Gegenteil. Er wisse, was er wisse, das genüge ihm, da mochten andere reden wie sie wollen. Irgendwie musste ich an Remarques 'Im Westen nichts Neues' denken. Da muss der Soldat Paul Bäumer sich im Heimaturlaub von Stammtischstrategen den Krieg erklären lassen ("Junger Mann, Sie haben da nicht so den Überblick."). Am Ende gab der Klügere nach. Keine Ahnung, ob ich das war, aber ich musste aussteigen.

Apropos Soldat: Besser wäre es wohl gewesen, wenn ich eine möglichst originalgetreue Softair-Replik einer 45er-Magnum im Schulterholster unter der Jacke gehabt hätte. Dann hätte ich irgendwann kurz das Jäckchen gelüpft und den paranoiden Landeiern verschwörerisch zugeraunt: "Hören Sie, ich komme von da. Richten Sie Ihrem Bekannten aus, es ist in Wahrheit noch viel, viel schlimmer. Ich habe Dinge gesehen..." Das wäre nicht nur cooler gewesen, sondern hätte gleich zwei Vorteile gehabt. Der Tag der beiden wäre, weil Weltbild zementiert, ein gelungener gewesen, gleichzeitig aber hätten sie vermutlich so die Hosen voll gehabt, dass sie sich wahrscheinlich gar nicht mehr in die Nähe Nordrhein-Westfalens getraut hätten. Win-win. Leider ist es nicht mehr ganz ungefährlich, mit allem, was nach Knarre aussieht, Zug zu fahren. Verdammte Islamisten!

... Stück Kuchen und...
Hier im Pott krankt man an dem, woran Regionen so kranken, in denen Großindustrie florierte, deren Uhr abgelaufen ist. Sie kommen zwangsläufig runter, die meist mit viel Steuergeld und Aufwand angesiedelten neuen Jobs vermögen den Wegfall der alten Industrien bei weitem nicht auszugleichen. Das ist fast überall so, wo einst die Old Economy herrschte und mitnichten eine Spezialität des Ruhrgebiets. Und mit gut oder schlecht wirtschaften hat das mal erst recht nichts zu tun, mögen die Seehofers dieser Welt sich noch so in die Brust werfen.

In einer Nachbarstadt zum  Beispiel gibt es einen großen Chemieverbundstandort, der vor zwanzig Jahren ernsthaft auf der Kippe stand. Die Firma war dem Konkurs nahe, der Standort konnte dank einer konzertierten Aktion gerettet werden. Die Firma wurde an einen in Frankfurt ansässigen Konzern verkauft und leider gingen auch einige Arbeitsplätze verloren. Die meisten der größtenteils nach Chemietarif gut bezahlten Jobs konnten jedoch gehalten werden. Nur wechselte auch der Firmensitz von der Nachbarstadt nach Frankfurt, sodass die Stadtväter schlagartig ein paar Millionen an Gewerbesteuereinnahmen weniger im Säckel hatten. Seitdem verfällt die Infrastruktur zusehends. Schlecht gewirtschaftet? Was hätten sie sonst tun sollen?

Auswärtige übersehen leicht, dass das Ruhrgebiet eine Gegend ist, in der es nie wirklich optimal lief und die Leute sich halt irgendwie arrangieren mussten. Sollte von der Berg- und Talfahrt der letzten 200 Jahre eine bestimmte Mentalität geblieben sein, die eher das Glück im Kleinen sucht, weil Rumjammern nichts bringt und die es lächerlich findet, vor lauter fremd im eigenen Land fühlen (das hier eh nie so das eigene war) gleich in Ohnmacht zu fallen, bloß weil irgendwo mehr als drei undeutsch aussehende Menschen zusammenstehen, mich würde es freuen.

Früher war hier zwar Arbeit satt, doch war sie gefährlich, machte viele krank und invalid. Nicht nur die, die sie verrichteten übrigens. Gerade die Kinder litten oft unter Haut- und Lungenkrankheiten. Außerdem waren die Städte vielerorts von solch erlesener Potthässlichkeit, dass man zusätzlich noch depressiv wurde. Wer das nicht war, dem gab spätestens der Bauboom der Siebziger, der die letzten nicht potthässlichen Innenstädte in Betonwüsten verwandelte, den Rest. Heute ist die Luft sauber, die Industriebauten sind abgerissen oder zu Kulturzentren umgebaut, die Halden renaturiert, begrünt, mit Kunst bestückt und für die Freizeitgestaltung erschlossen. Sogar die Emscher stinkt nicht mehr. Das ist zwar alles deutlich hübscher als früher, dafür grassiert jetzt leider die Arbeitslosigkeit. Wie man's macht, ist es verkehrt.

... Heimat. Antike Ölschinken habe ich keine an der Wand.
Zumal Stadtteile mit hohem Migrantenanteil hier von jeher etwas ziemlich normales sind. Lange vor den so genannten Gastarbeitern aus der Türkei, Italien, Spanien und Portugal waren die Polen gekommen. Es gab Anfang des 20. Jahrhunderts Zechen, auf denen mehr als 90 Prozent der Belegschaft kein Deutsch sprachen. Als Kind wird man hier damit groß, dass die A 2 Richtung Hannover inoffiziell 'Warschauer Allee', bestimmte Straßen und Viertel 'Klein-Anatolien' und Busse und Straßenbahnen, die dort hin- oder hindurchfahren, 'Orient-Express' heißen. Politisch vielleicht nicht korrekt, schafft paradoxerweise aber erst jene Normalität, die Integration erleichtert.

Natürlich gibt es Probleme, das zu leugnen, wäre genau so deppert wie alles in schwärzesten Farben zu malen und gnatternden Rentnern die alleinige Deutungshoheit zu überlassen. Interessanterweise ist die Kriminalität, auch wenn es rechte Apokalyptiker vielleicht nicht hören wollen, in den meisten Ruhrgebietsstädten trotz allen Multikultis nicht höher als in Hannover, Mainz oder Dresden. Einzig die Stadt Dortmund ragt ein wenig heraus und liegt etwa auf dem Niveau von Berlin, Köln, Hamburg und Frankfurt. Ich will nicht unken, aber könnte das eventuell daran liegen, dass die Neonaziszene sich dort so wohl fühlt, dass sie sich inzwischen sogar hoheitliche Aufgaben anmaßt? (Dabei gibt man sich übrigens derart homophob, dass man befürchten muss, am Ende noch Beifall von Islamisten zu bekommen.)

Zurück zur Ausgangsfrage. Meine Antwort lautet: Wohl nicht. Es scheint fast so, als ginge es darum, den verschreckten Michel in diesem schlimmen August 2015 beizeiten daran zu erinnern, was passiert, wenn Gevatter Migrant sich hier zu sehr ausbreitet und dass nicht immer nur der Deutsche der Bösewicht ist, wenn er zündelt, uriniert, rumpöbelt und demonstriert. Ich fände das alles übrigens ein klein wenig weniger verlogen und lächerlich, wenn ähnlich aufgeregt über jene No-go-Areas in Neufünfland berichtet würde, in die man sich als nicht mitteleuropäisch Aussehender lieber nicht hineinwagen sollte, aber das nur am Rande.



Kommentare :

  1. Was für tolle Bilder! Jetzt zählst Du auch zu den Stützen der Gesellschaft! :)

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    1. Oje. Na Hauptsache nicht Deus ex Machina...

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