Freitag, 7. August 2015

Propagandistisches Eigentor


Einem Ratschlag Wiglaf Drostes zufolge (wann und wo er ihn gab, ist mir im Moment entfallen), sollte man sich in der Schweiz mit Komplimenten über das Land lieber zurückhalten. Wer sich Einheimischen gegenüber allzu schwärmerisch ergehe über die Schönheit der Landschaft, die dezente Freundlichkeit der Bewohner, die köstlichen Spezialitäten, die Sauberkeit und Sicherheit der Städte, mache sich damit nicht etwa beliebt, sondern müsse vielmehr damit rechnen, misstrauisch beäugt zu werden: Was führt der Ausländer im Schilde? Will er jetzt, nachdem er sein Geld dagelassen hat, etwa noch länger bleiben? Sich am Ende gar häuslich niederlassen hier? 

Warum wollen die bloß alle zu uns? So viele wie noch nie, Alarm, Alarm! Wieso nur kann man nicht einfach in Ruhe deutsch sein und auf Insel der Seligen machen? - So barmen ja in letzter Zeit nicht nur hiesige Rassisten und besorgte Bürger sich Schimpfende, obwohl, nein, die sind einfach nur dagegen, das fragen sich vor allem hiesige Konservative und andere Besitzstandswahrer, angesichts des wachsenden Zustroms an Flüchtlingen und Einwanderern. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Flüchtlinge kommen, weil man in Europa immer noch nicht begriffen hat, dass Außenpolitik immer auch Weltinnenpolitik ist. Um Europa herum liegt inzwischen ein Feuerring aus Kriegsgebieten, die man, wenn nicht aktiv befeuert, aus Halbherzigkeit, Konzeptlosigkeit oder schlichter Blödheit zum großen Teil mit angerichtet hat.

So genannte Migrationsströme aus Menschen, die woanders ein besseres Leben suchen, also jene, die gern als Wirtschaftsflüchtlinge denunziert werden, kommen immer dann zustande, wenn die Ungleichheit zu groß wird, die Armut so drückend, dass massenhaft Menschen beschließen, alles zurückzulassen und sich auf einen gefährlichen Weg machen, um sich einen Anteil vom Wohlstand holen zu kommen. Alle historische Erfahrung zeigt, dass das kaum wirklich zu stoppen ist, auch wenn's einem hundertmal nicht passt.

Dass vornehmlich allein reisende junge Männer kommen, ein anderes Schreckbild der Xenophoben, ist bloß beinharte Ökonomie: Ein junger Mann allein in der Fremde kann qua Leistungsfähigkeit, aufgrund maximaler Mobilität und Flexibilität auch maximalen Gewinn erwirtschaften. Die Familie mitzubringen, wäre da bloß unnützer Ballast. Marktwirtschaft auf ihren grausamen Kern reduziert, Warencharakter ahoi, feuchter Traum jedes Neoliberalen. Letztere reiben sich die Hände ob des ganzen Menschenmaterials, das bereit sein dürfte, sich für einen Hungerlohn kaputt zu schuften, ohne lästige Ansprüche zu stellen.

Nicht zuletzt dürfte meiner geliebten Regierung auch ihre höchsteigene Dauerpropaganda auf die Füße fallen. Seit Jahren ertönt die Jubellitanei: Deutschland geht es gut, wettbewerbsfähig, Exportweltmeister, Jobwunder, Fachkräftemangel, Wirtschaft sucht händeringend. Wiewohl der Kokolores natürlich bloß dazu dient, das deutsche Wahlvolk einzulullen, bleibt er aber dummerweise nicht im Land. Das spricht sich doch rum, so was. Auch in jenen Gegenden der Welt, in denen die Mühseligen und Beladenen leben, die Verlierer und Abgehängten des großen Rattenrennens, gibt es Satellitenfernsehen, Internetanschlüsse und Menschen, die der deutschen und englischen Sprache mächtig sind.

Klassischer Fall von Eigentor. Ganz blöd gelaufen mal wieder.



Kommentare :

  1. Für den nächsten Urlaub - [im nächsten Jahr?] lassen wir wohl mal gewaltig den Hut herumgehen. Die südlichen Gefilde - Rupertiwinkel, Schweiz, etc. - tun dem Herrn Rose nicht gut. Ich empfehle 14 Tage in der Grafschaft Donegal^^

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    1. Kein Problem, ich gebe auf Anfrage gern meine Kontodaten heraus. Vorausgesetzt, da gibts gratis Guinness und Whiskey...

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