Samstag, 19. September 2015

Der Superdirektor


Es gibt ja Leute in durchaus exponierter Stellung, von deren Existenz man erst Wind bekommt, wenn sie nicht mehr da sind. Manfred Schmidt ist so jemand. Der war bis vor kurzem Chef des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und ist jetzt aus persönlichen Gründen zurück getreten. (Das Bundesministerium für Wahrheit gibt sich die Ehre, folgendes klar zu stellen: Egal, was Sie jetzt denken, Schmidts Rücktritt hat einzig und allein persönliche Gründe und absolut nichts, rein gar nichts mit irgendwelchen aktuellen, sein Ressort betreffenden Ereignissen zu tun, basta. Schreiben Sie sich das gefälligst hinter die frechen Rotzlöffel!)

Ersetzt wird Schmidt von Frank-Jürgen Weise, den Supremo der Bundesagentur für Arbeit. Den Job beim BAMF wird er zusätzlich zu dem beim Laden mit dem großen A drauf erledigen. Komisch, wenn ich meinen Chef fragen würde, ob er mir erlaubte, einen ähnlichen Job bei einem anderen Laden parallel anzutreten, er würde es mir vermutlich untersagen, wenn es sich um eine Vollzeitstelle handelte. Weil zu befrüchten wäre, dass ich nicht mehrgenügend Zeit hätte, meinen Erstjob mit dem gebotenen und vertraglich vereinbarten Aufwand zu erledigen. Oder er würde sagen, ich müsse auf Teilzeit gehen. Das Arbeitsrecht hätte er dabei übrigens durchaus im Rücken. Solche Kinkerlitzchen gelten aber wohl ab einer bestimmten Gehaltsstufe nicht mehr.

Also gut, gehen wir einfach davon aus, dass Weise in der Lage ist, zwei Bundesbehörden gleichzeitig zu managen. Wenn das so ist, dann kann das meiner Meinung nach zwei, nein, drei Dinge bedeuten:

Erstens: Weise ist eine Art Superdirektor, dessen überbordende Intelligenz und lichtschnelles Arbeitstempo so was möglich machen. Kein anderer als Super-Weise würde das hinkriegen. Marvel, übernehmen Sie!

Zweitens: Der Job als Leiter einer Bundesbehörde ist, entgegen der Selbstdarstellung der ihn und andere Leistungstägerposten Ausfüllenden, nicht sonderlich fordernd. Zumindest so wenig, dass man problemlos noch eine zweite nebenher leiten kann. Ist ja auch von Thilo Sarrazin bekannt. Der räumte offen ein, seinen bestsellenden Erstling als Vorstand der Bundesbank problemlos im Büro geschrieben bekommen zu haben, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Wo sind eigentlich diese BWL-Schnösel vom Controlling, die sonst immer das allerletzte aus der Arbeitskraft von Angestellten herauspressen, wenn man sie mal braucht? Auf den Chefsesseln der Bundesbehörden scheint doch Einsparpotenzial ohne Ende zu sein. Schlanker Staat, Baby!

Drittens: Ich versuche mir vorzustellen, was los wäre, wenn etwa bekanntgegeben würde, der Chef des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINNBw) wäre ab nächste Woche ein Teilzeitjobber vom Sparkassenverband. Uiuiuiuiui! Geht denn das? Schafft er das überhaupt? Aber die Verantwortung! Ist der überhaupt qualifiziert? Im Falle des BAMF ist nichts dergleichen zu hören. Diese Personalie könnte also durchaus auch das eine oder andere darüber aussagen, welcher Stellenwert Arbeitslosen, Flüchtlingen und Migranten in der Chefetage des Staates wirklich eingeräumt wird.



Kommentare :

  1. Ach, da sind sie wieder, der Neid und das Misstrauen der Minderleister gegenüber den Leistungsträgern! Ich bin vor einer Weile über den Herrn Patrick Aebischer gestolpert. Der ist parallel Präsident einer Hochschule (ETH Lausanne), Professor und Leiter eines Labors (Neurowissenschaften), Aufsichtsratsmitglied bei zwei Großkonzernen (Novartis-Nestle und Lonza). Und neben alle dem gründete er noch ein eigenes biotechnologisches Start-up (Amazentis). Und der schafft das nicht nur - der sieht noch nicht einmal das Problem von Interessenkonflikten! Vor solchen Leuten sollten doch all die, die schon mit dem Führen einer Pommesbude oder einer Professur in Neurowissenschaften ausgelastet sind, den Hut ziehen! Doch ihre Leistung wird nicht bewundert, sondern in Zweifel gezogen! Pfui! ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist ja eben das Problem: Unsereins kann sich mit seinem beschränkten Minderleistegehirn eben gar nicht vorstellen, was so ein Leistungsträger noch vor dem zweiten Frühstück alles weggearbeitet kriegt.

      Löschen
  2. Gschaftlhuberei halt. Wer dünne Bretter bohrt, der schafft mehr Löcher.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So ungefähr. Es stellt sich eben die Frage, wieviel der jeweilige Obermacker in so einer Behörde tatsächlich schafft und inwieweit das sowieso nur Galionsfigurjobs sind. Die eigentliche Arbeit machen ja Referenten auf der sogenannten Arbeitsebene, der Oberboss muss nur die offiziellen Schriftlichkeiten signieren, den Eindruck von Kompetenz vermitteln und, wenn was schiefläuft, den Kopf hinhalten (vulgo: "die politische Verantwortung übernehmen und personelle Konsequenzen ziehen").

      Wenn diese Posten aber sowieso vor allem repräsentativer Natur sind (starke Grüßaugustkomponente), kann man ohne weiteres zwei oder mehr solche Jobs machen. Eigentlich könnte Frau Merkel doch alles machen, oder? Ok, lassen wir Herrn Gabriel auch ein paar Pöstchen, nach Wahlergebnisproporz. Die Vergütungen werden verrechnet, das spart jede Menge Steuergeld!

      Löschen