Sonntag, 27. September 2015

Die nächste bitte!


Es ist wirklich entzückend. Jetzt haben sie die Doktorarbeit einer weiteren Unionsgranden am Wickel. Zwar ist noch nicht klar, ob die angeblich 60 Unregelmäßigkeiten die VroniPlag auf den 70 Seiten der Doktorarbeit Ursulas von der Leyen meint ausgemacht zu haben, ausreichen, um ihr den Titel abzuerkennen, aber der Spitzname 'Pfuschi' dürfte ihr, egal, wie's am Ende ausgeht, schon jetzt nicht mehr zu nehmen sein. Die Tatsache, dass Frau von der Leyen die Universität Hannover, die sie einst promoviert hat, um eine gründliche Prüfung der Arbeit und des Verfahrens gebeten hat, zeigt zumindest, dass sie die Sache sehr ernst zu nehmen scheint.

Ich würde ja weit weniger Aufhebens machen, wenn ich nicht immer wieder diese Erfahrungen mit gewissen Konservativen gemacht hätte. Mit denen, die es gewaltig nötig hatten und die magischen zwei Buchstaben vor dem Namen vornehmlich dazu verwendet haben, andere spüren zu lassen, Menschen zweiter Klasse zu sein. "Herr Doktor bitte. So viel Zeit muss sein." - "Da habe ich damals hart für gearbeitet und ein Anrecht drauf." (Nein, hast du nicht, never mind) - "Erlauben Sie mal! Doktor Blümel, wenn ich bitten darf, Sie Flegel!“ Ungekrönter König dieser Disziplin war übrigens Helmut Kohl, pardong, Doktor Helmut Kohl. Der war so stolz auf seine Doktor-Arbeit, von der es heißt, sie hätte schon damals nicht als Magisterarbeit angenommen werden dürfen wegen Leistungsverweigerung, dass er sich nicht entblödete, darauf zu bestehen, dass auch Leuten, die selbst promoviert hatten, ihn mit Doktor anredeten. 

Es ist nicht bekannt, dass Ursula von der Leyen sich auch so benommen hat. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass ein Doktortitel längst kein Ausweis akademischer Meriten ist oder einer langen Forschungstätigkeit, sondern mehrheitlich nur noch missbraucht wird als Karrierehelfer und Herrschaftsinstrument und damit entwertet wird. Der Zinnober hat nichts mehr mit dem eigentlichen Sinn der Sache zu tun und je eher das Gehuber in sich zusammenfällt, desto besser.

Deswegen wird mein Grinsen umso breiter, je mehr von diesen Möchtegern-Gelehrten jetzt auffliegen und eine lange Nase kriegen. Gut, der Fairness halber und zur Verteidigung der Verteidigungsministerin muss man natürlich auch anführen, dass die allermeisten medizinischen Doktorarbeiten von jeher reine Formsache sind und in anderen Fächern bestenfalls als Diplom- oder Magister- bzw. Masterarbeit akzeptiert würden. Weil Ärzte eben unbedingt Doktoren sein müssen, das schon immer so war und in den Augen autoriätsfixierter Zeitgenossen sonst die Weltordnung ins Chaos sinkt.

Ist natürlich Blödsinn. Ein Arzt ist dann ein guter Arzt, wenn er sein Handwerk in Theorie und Praxis beherrscht, sich regelmäßig fortbildet, seine Grenzen kennt und sich nicht kaufen lässt. Aber bestimmt nicht, weil er vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren mal ein paar Seiten zu einem minder relevanten Thema vollgetippt hat. Das sehen glücklicherweise inzwischen auch immer mehr Nachwuchsärzte so, von denen viele gleich ganz auf die Promotion und den für den Berufsalltag als Arzt völlig unnötigen Titel verzichten.

Noch entzückender als die Sache selbst sind allerdings die erbärmlichen Rechtfertigungsversuche der  Fanboys- und -girls der Hardthöhenchefin: Der Klassiker ist natürlich, die Ermittler von VroniPlag anzugreifen und ihnen unlautere Motive zu unterstellen, angefangen vom fehlenden Sexualleben bis hin zu einem Autoritätsproblem. Besonders reizend sind die Versuche, die Maßstäbe wissenschaftlichen Arbeitens aufzuweichen. Meine Güte, noch nicht mal einen Fehler machen darf man. Verdammte linke Jakobiner! Noch nie versehentlich über eine rote Ampel gefahren? Wer wird denn immer so pingelig sein? 70 Seiten! Da kann man doch schon mal den Überblick verlieren. Der Gipfel: Die Regeln des Zitierens seien damals doch völlig andere gewesen.

Nein, sind sie definitiv nicht. Der eherne Grundsatz des Zitierens in wissenschaftlichen Arbeiten sieht heute genau so aus wie damals. Er lautet in etwa, dass immer und überall unmissverständlich deutlich werden muss, ob und wo etwas von woanders übernommen wurde, sei es als wörtliches Zitat oder als Paraphrase. Wie das im einzelnen geschieht, ist grundsätzlich egal, wiewohl sich dafür gewisse Standards etabliert haben, die von Fach zu Fach verschieden sein können. Wichtig ist nur, dass das geschieht.

Was ist daran so schwer zu verstehen? Bekommt man normalerweise im ersten Semester ausführlich beigebracht. Genau so einfach wäre es, diesen ganzen Spuk sofort zu beenden: Abschaffung der deutschen Unsitte des lebenslangen Titelbesitzstandes bei akademischen Graden und Doktor bzw. Professor als reine Berufsbezeichung, die nur für die Dauer einer entsprechenden Tätigkeit in Wissenschaft und Forschung geführt wird. Das würde aber wohl nur funktionieren, wenn zumindest ein Teil derer, die ihren Doktor wirklich durch lange Forschungsarbeit ehrlich erlangt haben, endlich anfinge, sich von den ganzen Karrieredoktoren zu distanzieren.



1 Kommentar :

  1. Sehr auffällig ist hier, dass in den bürgerlichen Medien von "Plagiatsjäger" gesprochen wird. In einem Artikel von Spiegel Online wird der Begriff ganze fünf mal verwendet. Anstatt sie als "Aufklärer" oder "Bewahrer von wissenschaftlichen Standards" zu bezeichnen, wird versucht sie zu diskreditieren, sie als Mobber von ehrbaren Politiker abzukanzeln. Diese verdammten Jäger suchen sich immer nur arme Opfer. Das sind bestimmt auch Frauenhasser: Annette Schavan, Veronica Saß, Von der Leyen...Wo bleiben die Feministen, welche die VroniPlag-Macher als Sexisten aburteilen?

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