Dienstag, 15. September 2015

The Jeremy Days


Die Wahl Jeremy Corbyns als demographisches Phänomen

Glaubt man den hysterischen Reaktionen der Journaille im In- und Ausland, dann handelt es sich bei dem mit knapp 60 Prozent zum neuen Chef der britischen Labour Party gewählten "Außenseiter" (ZEIT) Jeremy Corbyn um eine Art Mao von Islington. Ist natürlich Quatsch, trotzdem herzig, wie etablierte Journalisten gemeinsam mit New Labour-Profiteuren und 'sozialdemokratischen' Funktionären, da plötzlich das Ende aller Zivilisation heraufbeschwören. Und das nur, weil da die Basis einer sozialdemokratischen Partei sich symbolisch dazu entschieden hat, künftig lieber sozialdemokratische Inhalte statt Oberschichtinteressen zu vertreten, wie's ein Kommentator im 'Standard' schwer übertrefflich formulierte.

Lustig ist ja, dass der Autor des oben genannten Artikels meint, Corbyn plane, die ehrwürdige Labour Party in eine "Kuschelecke" zu führen, wo sie sich der harten Realität nicht stellen müsse, dass Wahlen nun einmal in der Mitte gewonnen würden. Richtig, die Anbiederung an die ominöse Mitte, respektive, an die neoliberale Ideologie, war bekanntermaßen höchst erfolgreich in der Vergangenheit. Wer so was schreibt, hat vermutlich ein echtes Interesse daran, dass die Inselsozis, und nicht nur die, sich noch weiter ins Abseits manövieren. Schlimmer noch: Corbyn lehne, so ist zu lesen, jeden Gedanken an eine Verschlankung des Sozialstaats ab. Abgesehen davon, dass es am britischen Sozialstaat nicht mehr allzuviel zu verschlanken gibt, bekommt so einen Satz eigentlich nur hin, wer meint, gute Politik müsse grundsätzlich weh tun, sonst tauge sie nichts. Den anderen natürlich.

Andere werfen ihm allen Ernstes vor, Kommunist zu sein und das Land wieder in die Zeiten von Charles Dickens zurückkatapultieren zu wollen. Also den Manchesterkapitalismus wieder einführen zu wollen. Als Kommunist. Rumms. Tilt. Programmabsturz. Ich will nicht mehr. Sie beleidigen die menschliche Intelligenz. Manchmal möchte man einfach ein bisschen weinen…

(Nebenbei, unter uns: Die paar hundert Meinungsmacher die in den Redaktionen der überregionalen und öffentlich-rechtlichen Medien des Landes sitzen und den öffentlichen Diskurs dominieren, sind Teil der Eliten. Sie haben trotz gleicher Berufsbezeichnung mit Lokaljournalisten oder prekären Freiberuflern etwa so viel gemein wie der Bankvorstand mit dem Kassierer in der Zweigstelle Kleckersdorf. Der Job von Eliten war es schon immer, im Tausch gegen Geld, Sozialprestige und Privilegien die herrschende Ordnung zu bewahren, zu sichern und zu verteidigen. Nicht etwa, sie infrage zu stellen oder gar zu bekämpfen. Nur für den Fall, dass demnächst wieder einmal jemand überrascht ist über die angeblich gekaufte Presse, die zum größten Teil ins neoliberale Horn trötet.)

Bevor man aber die Wahl dieses klassischen Sozialdemokraten als Startsignal für die Renaissance klassisch sozialdemokratischer Politik feiert, sollte man ein paar Besonderheiten des Vereinten Königreiches berücksichtigen.

"If England has not been invaded since 1066, it is because foreigners dread having to spend a Sunday there."

So hieß es bis 1994. Margaret Thatcher mag die dortige Gesellschaft stark polarisiert haben, doch ist nicht alles, was sie angegangen ist, unpopulär. Wegen des 'Shops Act' von 1950 mussten früher nicht nur sonntags alle Geschäfte geschlossen bleiben, sondern auch alles andere außer Polizei, Feuerwehr, Kirchen, Krankenhäusern und der BBC. Kneipen, Restaurants, Cafés, Freizeitparks, sonstige touristische Attraktionen? Sorry, we're closed. Erinnerungen an öde, grabesstille Sonntage, an denen absolut nichts los und deren einziger Höhepunkt ein fader Sunday Roast am Mittag war, gehören auf der Insel zum kollektiven Gedächtnis. Man munkelt, Großbritannen habe damals nicht zufällig bei den Verkaufszahlen von Videospielen und den damals noch sauteuren Home Computern und Videorecordern an der Spitze Europas gestanden. Thatcher hat den Shops Act lange vergeblich bekämpft, was viele ihr dennoch hoch anrechnen. Erst 1994 gelang es Thatchers Nachfolger Major, ihn endgültig zu kippen.

'Old Labour' aber ist nicht minder kontrovers als die Eiserne Lady. Old Labour, das ist für viele gleichbedeutend mit Stillstand und Lähmung, ist untrennbar verknüpft mit dem 'Winter of Discontent' 1978/79. Da hatten die Gewerkschaften das Land komplett lahmgelegt und die (Labour-) Regierung von James Callaghan nach Strich und Faden vorgeführt. Durch das Instrument des 'Secondary Picketing' konnte vor allem die mächtige Transportgewerkschaft nach Belieben alles blockieren. Benzin wurde rationiert, Geschäfte mussten an mehreren Tagen in der Woche schließen, Häfen waren blockiert, Müll stapelte sich in den Straßen und eine Zeit lang wurden sogar die Toten nicht mehr bestattet. Sogar der traditionell linksliberale 'Guardian' sinnierte damals, ob Großbritannien nicht als erstes Land Europas auf dem Weg vom entwickelten zum unterentwickelten Land sei.

Viele glauben noch heute, die Gewerkschaften hätten damals den Bogen überspannt und so die Wahl Thatchers, die 1979 mit dem Versprechen angetreten war, deren Macht einzuschränken, erst möglich gemacht. Was immer im Einzelnen an den Erzählungen vom britischen Steckrübenwinter stimmt oder nicht, in der Erinnerung vieler Älterer bedeutet die Aussicht auf eine Rückkehr zu Old Labour jedenfalls nicht nur Gutes. Anders als zum Beispiel in Westdeutschland in den Siebzigern und frühen Achtzigern, das vielen geradezu als sozialstaatliche Idylle erscheint. Nicht nur zu unrecht übrigens.

Corbyn sei, so heißt es, vor allem durch die Stimmen junger Parteimitglieder zum Labour-Chef gewählt worden. Wer älter als 35 ist, war 1979 noch nicht auf der Welt und kennen den legendären Winter nur aus Erzählungen. Die Folgen von Thatchers und Blairs Politik hingegen bekommt jeder Tag für Tag mit, der nicht reich ist. Keine allzu schlechten Voraussetzungen. Und auf das, was die Tories sich für Corbyn werden einfallen lassen, nachdem sie 1997 den stockneoliberalen Tony Blair schon zum von dunklen Mächten gesteuerten Dämonen gemacht haben, darauf darf man wirklich gespannt sein.



Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen