Samstag, 12. September 2015

Was ist typisch deutsch?


Wenn mich jemand fragt, was typisch deutsch sein soll, dann zucke ich normalerweise mit den Schultern. Keine Ahnung. Menschen nach Nationalcharakteren zu beurteilen ist etwas für Leute, die ohne Schubladen nicht klarkommen. Brauch ich nicht. Manchmal allerdings, gerät auch das ins Wanken. Etwa wenn ich Vorschläge sehe wie den von Hannelore Kraft, der (sozialdemokratischen) Landesmutter von Nordrhein-Westfalen. Die möchte Langzeitarbeitslose als Flüchtlingshelfer einsetzen und reiht sich damit ein in die stolze Reihe derer, die Langzeitarbeitslosen alles Mögliche zutrauen und sie für irgendwas einspannen wollen. Fairerweise muss man allerdings hinzufügen, dass bei Frau Kraft nicht die Rede davon ist, Langzeitarbeitslose dazu zu verpflichten. Das werden möglicherweise andere übernehmen.

Natürlich ist es sinnvoll, sich Gedanken zu machen, was man tun kann, wenn der große Anfangsschwung, die große Euphorie in der Bevölkerung und bei den Neuankömmlingen, die jetzt noch vieles zudeckt, erst einmal vorbei ist. Es wäre völlig naiv zu glauben, die fröhliche Stimmung würde ewig anhalten. Der Winter steht vor der Tür und man muss weder Schwarzseher sein noch Nazi, um Probleme kommen zu sehen. Es wird Enttäuschungen geben und Frust, weil das gelobte Land Deutschland bei einigen turmhohe Erwartungen aufgebaut hat, die es auch beim besten Willen nicht wird erfüllen können. Es kann in überfüllten, schlecht geführten Einrichtungen durchaus zu Gewalt oder gar zu Revolten kommen, zu Hygieneproblemen, auch ansteckende Krankheiten könnten sich ausbreiten, Ausbeuter und Kriminelle werden ihre Geschäfte machen. Um so was zu managen, benötigt man vor allem qualifiziertes Personal, und zwar nicht das allerbilligste.

Viele Tausend Menschen vernünftig unterzubringen, zu versorgen, zu betreuen und, ja, auch zu verwalten, ist kein Feriencamp, wo alle halt mal ein wenig mit anfassen, sondern anspruchsvolle, harte Arbeit, die gekonnt werden will. Wer sich schon einmal mit Haupt und Nebenamtlichen vom Roten Kreuz, THW und ähnlichen Veranstaltungen unterhalten hat, weiß, dass humanitäre Hilfe ab einer gewissen Größenordnung zwar oft auf freiwillige Helfer und andere Hilfskräfte angewiesen ist, die eigentliche Arbeit aber am besten von Profis mit entsprechendem Knowhow, Gerät und entsprechenden Ressourcen erledigt wird. Willkommenskultur, Engagement und guter Wille sind sicher schön und gut, wärmen aber noch keinen Frierenden, machen keinen Hungernden satt und heilen auch keine Krankheiten.

Auch Sozialarbeit wird am besten von einschlägig ausgebildeten Leuten ausgeübt. Ehrenamtliche, die persönliche Betroffenheit und Anteilnahme mitbringen, können sicher hilfreich sein, können aber auch mehr Schaden anrichten als sie nutzen, wenn ihre Arbeit nicht professionell begleitet wird. Natürlich gibt es unter den Freiwilligen auch welche wie Moritz Heisler. Der ist hauptberuflich in der Logistik tätig und organisiert in seiner Freizeit die Lagerhaltung der Hamburger Flüchtlingshilfe. Das ist ohne Frage großartig, scheint mir aber doch eher die Ausnahme zu sein. Außerdem: Wie lange kann und wird er das noch machen?

Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, was typisch deutsch sein soll. Verbreitet zu sein aber scheint mir eine arrogante Geringachtung von Arbeit, die keinen unmittelbaren Gewinn abwirft. Man frage einmal Kreative, wie oft sie Anfragen bekommen, dieses oder jenes mal eben gratis zu machen. Weil sie's doch so gern täten. Sei ja quasi mehr Hobby als Arbeit. Nicht nur Kulturelles, auch Soziales gilt vielen als bloßes Gedöns, das man sich halt so leistet, das im Zweifel jeder Trottel mit etwas gutem Willen hinkriegt und ergo auch nichts zu kosten braucht. Ganz im Gegensatz zu Prestigeprojekten wie der Elbphilharmonie, dem grandiosen Hauptstadtflughafen und der Rettung von Banken, wo Geld anscheinend keine Rolle spielt. Ob das typisch deutsch ist? Weiß ich nicht. Es fällt halt nur immer wieder so unangenehm auf.


Kommentare :

  1. "Das werden möglicherweise andere übernehmen."

    Freiwilliger Arbeitsdienst , eine Idee der SPD , aus dem Jahr 1932.

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  2. Typisch deutsch?

    Nach unten treten, nach oben buckeln. Mallorca und Thailand. Bier und Bratwurst. Arbeitsfetisch oder: sich über die Lohnarbeit definieren. Eigenverantwortung für Solidarität halten. Schrebergarten. Verkrampfte Besitzstandswahrung. Angst vor Veränderung. Unpolitisch. Kaum gast- und familienfreundlich. BILD für die Wahrheit halten. Und vieles mehr.

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