Montag, 7. September 2015

Zwei mal Harald


Man sollte bedenken, dass sie beim Berliner 'Tagesspiegel' nicht einen, sondern gleich zwei Haralds auf der Gehaltsliste führen. Der eine hört auf den Zunamen Martenstein. Der hat sich jetzt daran gemacht, sozialistischen Träumerles im bewährten, schmunzelig-verschmitzten Tonfall des weisen Onkels zu erklären, wie so ein Sozialstaat eigentlich funktioniert, nämlich nicht ohne Reiche, und quargelt sich zu diesem Zwecke unter anderem folgende goldenen Worte aus der Runkel:

"Der Staat nimmt über Steuern den Bürgern einen Teil ihres Geldes weg und verteilt es um. Die Reichen, jedenfalls die ehrlichen, zahlen den Großteil der Steuern. Ohne Reiche kein Sozialstaat, keine Rente mit 63 und auch kein Flüchtlingsheim, verrückt, oder? Wenn der Staat die Reichen enteignet, dann kann er noch eine Weile von der Substanz leben, so lange, bis der Laden zusammenbricht."

Abgesehen davon, dass, wie eigentlich immer bei solchen Anlässen, diskret unter den Tisch fällt, dass die Reichen auch einen Großteil des Vermögens besitzen, wird das abgestandene Märchen aufgetischt von den Reichen, die ihren Reichtum ganz allein und ohne jede Hilfe erwirtschaften. Weder profitieren sie von Infrastruktur noch vom Bildungswesen, das ihnen ausgebildete Mitarbeiter liefert. Kein Reicher, der je mithilfe von Staatskohle seine Verluste sozialisiert oder seine Mitarbeiter in die Frührente gedrängelt hätte. Reiche, denen etwa Supermarkt- oder Discounterketten gehören, sei es als Besitzer oder Aktionäre, profitieren davon, dass die Armen per Sozialstaat alimentiert werden, um sich wenigstens die nötigsten Konsumgüter zu kaufen? Gott bewahre!

Und, was passiert? Zum Dank werden sie vom Sozialstaat (was bekanntlich ein anderes Wort ist für staatlich sanktonierter Diebstahl) nach Strich und Faden ausgeplündert. Buhu! Nun kann man meinethalben ja gern der Meinung sein, unsere Gesellschaft sei leistungsfeindlich und setze falsche Anreize. Wäre jetzt nicht so meins, kann man aber kontrovers diskutieren. Dann müsste man aber auch zumindest mal erwähnen, dass Reiche sich kaum an jenen Kosten für den Sozialstaat beteiligen, die aus Sozialabgaben finanziert werden. Die Beiträge zu den Sozialversicherungen sind aber oberhalb bestimmter Einkommensgrenzen eingefroren bzw. sie werden von den meisten Selbstständigen gar nicht erst erhoben bzw. sie haben die Möglichkeit, sich aus der Solidargemeinschaft zu verabschieden und eigenen Versorgungswerken beizutreten.

Wäre vielleicht auch zu viel verlangt, Martenstein hat schließlich eine Mission, da haben solch lästige Details eben Pause.

"Die Flüchtlingsströme zeigen ja ziemlich genau, welches System die Verdammten dieser Erde für das attraktivere und das menschlichere halten. Simbabwe, Kuba oder Venezuela sind keine Traumziele, im Gegenteil, viele Leute hauen ab. China und Saudi Arabien nehmen sowieso niemanden, es sei denn als Arbeitssklaven."

Die Flüchtlinge können einem wirklich leid tun. Zuvörderst natürlich wegen dem, was die, die seit einiger Zeit massenhaft bei uns aufschlagen, alles durchmachen mussten. So eine Flucht über Wochen und Monate ist keine Mittelmeerkreuzfahrt. Übel ist inzwischen aber auch das, für das sie politisch so alles eingespannt werden und von wem.

Etwa für die Umfragewerte und das Image von Angela Merkel, die sich durch eine ihrer legendären Kehrtwendungen in jene Position manövriert hat, in der sie jetzt als Mutter Europas, als Schutzmantelmadonna der Fliehenden gefeiert wird. Bis zum Beweis des Gegenteils muss man davon ausgehen, dass dieser Sinneswandel so wenig damit zu tun hat, dass die Teflonkanzlerin ihre karitative Seite in sich entdeckt hat, wie ihre überraschende Entscheidung für den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie damals nach Fukushima damit, dass sie doch noch mal über die Sicherheit von Atomreaktoren nachgedacht hat.

Dann für diejenigen unter den Helfern, die es nicht bei den an sich schönen und wichtigen Gesten des Willkommenheißens, Spendens, Helfens und Engagierens belassen, sondern die Neuankömmlinge qua Herkunft pauschal zu edlen Fremdlingen hochstilisieren, von denen sie sich erhoffen, sie mögen hierzulande deutschen Ungeist exorzieren helfen und sich dabei vor allem auf ihre eigene Gutherzigkeit einen runterholen. Natürlich auch für jene, die seit Jahren das Märchen vom Fachkräftemangel in die Welt setzen. Sie haben allen Grund, sich über die möglichst massenhafte Zuwanderung die Hände zu reiben, lässt sich doch damit die Konkurrenz um die knappe Ressource Arbeit weiterhin hoch und die Löhne unter Druck halten

Und jetzt auch noch für jene neoliberalen Ideologen und Stiefelspanner des Kapitals, die die Traumatisierten missbrauchen, um für die Mär vom segensreichen Kapitalismus zu trommeln. Nota bene: Wir leben in Zeiten, die so verrückt sind, dass mittlerweile ehemalige Financial Times-Redakteure sozialdemokratischen Parteien ans Herz legen, endlich damit aufzuhören, mit der neoliberalen Doktrin herumzukuscheln, wenn sie wieder Wahlen gewinnen wollen.

Der andere Harald hört übrigens auf den Familiennamen Schumann. Der betreibt für dasselbe Blatt wertvolle, sorgfältig recherchierte Aufklärungsarbeit, die die Schattenseiten des vom einen Harald so kritiklos gefeierten Kapitalismus offenlegt, von der neoliberalen Agenda nicht mehr viel übrig lässt und die Menschheit vielleicht wirklich weiter bringen kann. Wahrlich, wir leben in verrückten Zeiten!


Kommentare :

  1. Moin Stefan

    Harald Martenstein, der Jan Fleischhauer mit Manieren? Ja, so ähnlich. Im Grunde sollte man doch dankbar dafür sein, daß der Kapitalismus im Feuilleton nicht mehr zu bieten hat als solche Figuren.
    Still-romatische Weisheiten wie »Oft heißt es, ja, uns geht es gut, aber nur deshalb, weil der Kapitalismus andere Länder ausplündert. Wenn man sich die ausgeplünderten Länder genauer anschaut, dann ist dort meistens eine korrupte Gangsterclique an der Macht oder eine fanatische Einheitspartei.« Herrlich! Was hatte der Meister da wohl im Auge? Argentinien? Nigeria? Man muß sich seiner Mission schon sehr sicher sein, zu erwarten, daß solch offensichtlichen Widersprüche am Leser spurlos vorbeiziehen werden.

    » Die Flüchtlingsströme zeigen ja ziemlich genau, welches System die Verdammten dieser Erde für das attraktivere und das menschlichere halten.«
    H.Martenstein

    »Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2014 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. Ein Viertel aller Flüchtlinge war in Staaten, die auf der UN-Liste der am wenigsten entwickelten Länder zu finden sind.«
    www.uno-fluechtlingshilfe.de

    Fleischhauer hatte neulich auch so einen Aussetzer: »Vermutlich wird es unter den (Asyl)Bewerbern sogar IS-Kämpfer geben«
    Wenn man »BILD« - Niveau verläßt und facebook erreicht.



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    1. Moinsen,
      Fleischhauer in nett trifft es wohl recht gut - man breite seine eigene privilegierte Existenz aus und schüre dann subtil Ängste, es könnte einem was davon genommen werden. Scheint in vielerlei Gestalt zu funktionieren. Interessant auch, sich die begeisterten, nicht minder ideologischen Claqueuren unter den Kommentatoren anzusehen (wenn man sich das geben mag, ich habe nach 5 min. aufgehört).

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