Mittwoch, 7. Oktober 2015

Das Reich und seine Bürger


Mein damaliger Prof für neuere Geschichte war ein distinguierter Herr mit besten Manieren. Doch auch dieser Gentleman geriet zuweilen an seine Grenzen. Es gab da einen weit im Rentenalter befindlichen Gasthörer, der im zweiten Weltkrieg Offizier gewesen war, wie er selten versäumte mitzuteilen. Der besuchte jedes Seminar zum Thema Weimarer Republik/NS-Zeit/WKII und nutzte diese Veranstaltungen als Bühne, den Anwesenden seine ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse und deren wahre Ursachen ausgiebig zu schildern. Leider entging dem alten Herrn des öfteren, dass es in so einer Veranstaltung nicht darum geht, Opa vom Krieg erzählen zu lassen, sondern vor allem darum, Studierende, die ein Examen zu wuppen haben, mit dem aktuellen Stand der Forschung zum Thema vertraut zu machen.

Nachdem er x Mal auf die freundliche Tour versucht hatte, ihn zu mäßigen, riss dem Prof irgendwann das Kollier und er komplimentierte den redseligen Ruheständler kurzerhand hinaus. Er benutzte dazu Worte, von denen ich nicht wusste, dass er sie im aktiven Wortschatz führte und tat das in einer Lautstärke, die ich ihm nie zugetraut hätte. Für die Aktion erhielt er allgemeinen Beifall der übrigen. Alt-Siegfried trollte sich unter Drohungen mit seinem Anwalt und Bemerkungen darüber, dass noch nicht mal Adolf und seine Spießgesellen es gewagt hätten, ihm dergestalt rüde die Redefreiheit zu beschneiden. Damals dachten wir, diese Geschichte sei so abgefahren, dass wir sie dereinst noch unseren Enkeln und Urenkeln erzählen würden. Wir hatten ja keine Ahnung, was einmal aus diesem Internet werden sollte.

Auch Richter ist kein einfacher Beruf, wie man so hört. Im Gegensatz zum von inferioren fiktionalen Fernsehformaten gezeichneten Bild, sind Richter und, zumal die der unteren Besoldungsstufen an den Amtsgerichten, mitnichten wohlhabende Supermänner und -frauen, die Jugendstilvillen bewohnen, britische Edelkarossen mit H-Kennzeichen fahren und ansonsten Zeit zum Golfspielen haben oder dafür, wochenlang aufwändige Ermittlungen in Bagatellfällen anzustellen. Vielmehr handelt es sich nicht selten um stark beanspruchte, wenn nicht überlastete Beamte, die Akten im Akkord abarbeiten, lange Arbeitstage schieben und dafür zwar sicher auskömmlich, gewiss aber nicht üppig entlohnt werden. So schildert es jedenfalls jemand, der sich ein wenig auskennt in der Szene.

Da kann man es schon mal verstehen, wenn auch einige von ihnen hin und wieder jene Contenance verlieren, die normalerweise von ihnen erwartet wird. Etwa wenn sie das Gefühl haben, es legten welche drauf an, ihre Zeit zu verschwenden. So genannte Reichsbürger zum Beispiel.

Reichsbürger, für alle die nicht wissen was das ist (die anderen können das hier überspringen), sind echte Checker, die herausgefunden haben, dass wir in einer Tour belogen und betrogen werden. Die Bundesrepublik existiert ihrer Ansicht nach überhaupt nicht, weswegen wir alle nach wie vor Bürger des Deutschen Reiches seien und jegliches staatliche Handeln der BRD in ihren Augen keinerlei Legitimität besitzt. Als Konsequenz hissen sie alte Reichsflaggen, basteln Ausweise, Führerscheine, Reisepässe und andere Phantasiedokumente am Computer zusammen und verkaufen sie gegen Gebühr. Ferner glauben sie unter anderem, das wahre Briefporto betrüge inflationsbereinigte 4 Cent, rufen eigene Staatsgebilde aus, wählen irgendwelche Reichskanzler oder lassen sich gleich zum König ausrufen. Erfreulich, wenn Menschen sinnvollen Hobbys nachgehen.

[Das ist natürlich nur eine Kurzfassung des luziden völkerrechtlichen Gedankengebäudes der Reichsheinis. Wer mehr erfahren will, sei auf einige exzellente Beiträge des Kollegen gnaddrig verwiesen (Reichkriegflagge - Ohne Worte - Wir basteln uns ein Reich - Heim ins Reich, der Führer wartet!). Ferner auf die Reichsburgerwochen bei aargks/pro Logik, wo das Phänomen sehr ausführlich angegangen wird (Teil I - II - III - IV - V - VI - VII - VIII - IX - X - XI - XII). Weiterhin empfohlen seien Blogs wie reichsdeppenrundschau oder angereichert, die über aktuelles berichten.]

(stupidedia)
(stupidedia)
Nun könnte man sagen, diese Reichskomiker hätten so grandios einen am wandern, dass sie zu den exotischeren, unterhaltsameren und in ihrer Abgefahrenheit eigentlich harmloseren Sumpfdotterblumen gehören. Getreu dem Motto, dass nicht jeder im Internet irre, aber jeder Irre garantiert im Internet ist, bekommen sie überhaupt erst durch das Netz eine gewisse Aufmerksamkeit jenseits von Hinterzimmern und selbst verfassten Pamphleten, tun ansonsten aber niemandem weh. Außer natürlich denen, die die gedanklichen Konstrukte zu verstehen versuchen und dabei in einer Tour ihre schmerzende Rübe mit Wand benutzen.

Wie es mir normalerweise auch völlig wumpe ist, wenn etwa Rohköstler sich selbst durch Mangelernährung schädigen oder frühzeitig abtreten, weil sie bei eigentlich behandelbaren Krankheiten medizinische Therapien für sich ablehnen und sich lieber alternativen Heilern anvertrauen, so können auch gern entsprechend Beeinflusste für Reichsbürgertinnef ihre Konten plündern, kein Problem. Der Spaß hört sich aber auf, wenn andere Personen, die das nicht wollen oder sich nicht wehren können, zu Schaden kommen. Etwa wenn reichsdeutsche Familien interessanterweise Hartz IV wollen (wenn’s ums Geld geht, ist die nicht existente BRD offenbar gut genug), leider aber den Antrag wegen ihres akuten Hirndurchschusses komplett versemmeln und damit qua ausbleibender Grundsicherung die Gesundheit ihrer Kinder gefährden.

Oder wenn der abstruse Zinnober als Steuersparmodell herhalten muss. Weil die Lügenrepublik Deutschland in ihrer knuffeligen Lesart des Völkerrechts, wie gesagt, nicht existiert, weigern sich viele Reichsbürger, Steuern und andere Gebühren zu zahlen bzw. fluten die Gerichte mit unsinnigen, von vornherein zum Scheitern verurteilten, abstrus begründeten Klagen gegen ihrer Meinung nach unberechtigte Bescheide. Zumindest in Brandenburg halten sie den Laden inzwischen wohl dermaßen auf, dass dortige Richter jetzt langsam die Schnauze voll haben.

Fassen wir das einmal kurz zusammen, nur um die Logik dahinter zu verstehen: Die Reichsdödel bemühen also die Justiz eines Staates, der ihrer Überzeugung nach gar nicht existiert, um Urteile zu erwirken, die nach ihrer speziellen Version des Staatsrechts demzufolge eigentlich gar nicht rechtskräftig sind, zudem noch von Gerichten gesprochen werden, die sie nicht anerkennen. Und das von meinen Steuergeldern!

Es kommen ja im Augenblick viele Menschen aus anderen Ländern zu uns. Da werden doch jetzt echt massig Grundstücke und Wohnungen frei. Und weil gerade unsere rechten Abendlandsverteidiger so genau wissen, dass die meisten Flüchtlinge in Wahrheit nur Asülbedrücher sind, kommen demnach die meisten aus Ländern der Welt zu uns, in denen keine politische Verfolgung stattfindet. Könnte man sich da nicht mit der jeweiligen Regierung über den Erwerb des einen oder anderen Stückes Land handelseinig werden? Da könnten die Reichsdödel dann hin, um ihr Neuschwabenland oder ihren Sonnenstaat einzurichten. Oder vielleicht eine griechische Insel kaufen?

Das ganze soll übrigens rein freiwillig geschehen. Weil die Reichsidee in den Augen der Betreffenden sowieso die überlegene ist, müsste dort in kürzester Zeit ein Musterstaat entstehen, um dessen Staatsbürgerschaft sich die unaufgeklärten Massen nur so reißen würden. Warum ihnen also nicht die Chance geben? Klar, so was kostet erstmal, aber wenn man die Einsparungen bedenkt, die sich dadurch ergäben, dass die Justiz bei uns endlich wieder ungestört arbeiten könnte!  Das müsste doch locker hinkommen. Win-win. Nullsumme. Problem gelöst.


Kommentare :

  1. Gute Idee mit der Ausgründung, da findet sich bestimmt ein geeignetes Stück Land. Die Hauptstadt könnte dann Reichsburg an der Wahn heißen.

    AntwortenLöschen
  2. Warum macht das Sozialamt den Spinnern nicht einfach die Freude und zahlt denen ihr Hartz IV-Geld in Reichsbanknoten aus? Tät nix kosten, und wenns nicht langt könnten die sich nach Bedarf ja beliebig viele Farbkopien davon machen.

    AntwortenLöschen