Freitag, 16. Oktober 2015

Die Kulturpessimisten haben doch recht


Immer wachsam sein, liebe Besorgte Bürger, schön aufpassen! Nicht genug damit, dass Gevatter Migrant in Scharen hier angeschissen kommt, um uns zu überfremden und uns mit seinem Fremdsein in Angst und Schrecken zu versetzen, nein, jetzt nimmt er deutschen Hartzern auch noch jene Almosen weg, die die Tafeln so tapfer einsammeln. Und als sei das immer noch nicht genug, erkühnt er sich auch noch, frech zu werden. Und so pöbeln nunmehr angeblich Rassisten gegen ehrenamtliche Helfergutmenschen bei den Tafeln, wenn Sie’s wagen sollten, nicht exklusiv Deutsche zuerst zu bedienen. Und der verrohte Kommentarpöbel tutet artig zu zwei Dritteln ins gleiche Horn. Mission accomplished, so geht Machterhalt.

Das ist ja das Schöne an Rechten und Rassisten. Sie praktizieren exakt das, was sie immer so großartig den Linken vorwerfen: Sich die Welt wahrnehmungsmäßig so zu machen wie’s ihnen gerade ins duster besonnenbrillte Weltbild passt. Nur dass sie eben keine positiven Utopien wälzen, sondern ausschließlich schwärzeste Schreckensszenarien und das für die einzige Realität ausgeben. Wie anders könnte eine Bewegung, die reflexhaft "Lügenpresse" bölkt, gleichzeitig aber Aufmerksamkeit und Berichterstattung selbiger über sich durchaus goutiert, ja ohne sie gar nicht auskäme, auch sonst begehren, ernst genommen zu werden? Oder nehmen wir das bürgerliche rechte Lager

(das natürlich um Himmels Willen nicht so genannt werden will. Niemand will rechts genannt werden. Wir sind schließlich alle Mitte. Also jenes schwarze Loch des Mittelmaßes, in dem die SPD sehr bald verschwunden sein wird. Auch die namhafte Hobbyethnologin und Schnackselexpertin Gloria von Thurn und Taxis behauptete ja schon keck, sie sei eigentlich voll total Mittelschicht, und das ganz  ohne Lachanfall und Rotwerden. Unvergessen auch der Auftritt von Marie Elisabeth Schaeffler. Die stellte sich in der Krise bekanntlich vor ihre von Arbeitslosigkeit bedrohte Belegschaft und meinte unter Tränen, sie selbst lebe ja quasi auch von Hartz IV. Für so was nicht von einem wütenden Mob mit faulem Gemüse beworfen, um danach unter allgemeinem Hallo geteert und gefedert aus der Stadt gejagt zu werden, das funktioniert wohl tatsächlich nur in Deutschland. Die Lady ist inzwischen übrigens reicher als vorher).

Ich meine, die Partei, die noch 1997 förmlich dahin geprügelt werden musste, Vergewaltigung in der Ehe für illegal und strafbar zu erklären und noch im Jahre 2000 dagegen gestimmt hat, das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung im Gesetz zu verankern, entdeckt angesichts von Gevatter Moslem ihre Sorge um die Gleichberechtigung von Frauen und tut so, als habe man im Hause Adenauer von jeher die EMMA abonniert. Dieselben Kräfte, für die noch vor nicht allzulanger Zeit der faule Hartz-IV-Parasit, der sich von unserem Geld ein schönes Leben macht, der größte anzunehmende Schrecken und schlimmstmögliche Ausbeuter war, entdecken plötzlich ihr Herz für ebenjene sozial Schwachen, deren bescheidene Existenzen sie nunmehr ernstlich bedroht sehen durch den fremdländischen Zustrom an die deutschen Tafeln. Soziales Gewissen nach Tageslage.

 "Pass bloß auf, besorgter Bürger, der Asylant nimmt dir deinen Keks weg!" Vorsicht vor den Gutmenschen, sie sind überall, jetzt sitzen sie sogar schon im Kanzleramt. Divide et impera. Wir kriegen sie schon noch zum kippen, die Stimmung. Jetzt geh schon auf die Barrikaden, Volk! "Hören Sie, ich kenne da jemanden, der jemanden kennt, der einmal einen beim Einkaufen getroffen hat, der in so einem Asylantenheim arbeitet. Unfassbar, sag ich Ihnen, un-fass-bar! Man macht sich kein Bild. Der Dreck! Die Gewalt! Jeden Tag die Polizei, je-den Tag! In den Medien erfahrt man darüber gar nichts, das wird alles zurückgehalten, es gäbe nämlich einen Aufstand, dann hätten wir ganz schnell Adolf wieder an der Macht." Das rassistische Geschwalle tut seine Wirkung wie der Tropfen beim Stein, langsam aber zuverlässig.

Und die Politik? Nutzt die Chance. Eben noch mal fix das Menschenrecht auf Asyl zur huldvoll gewährten Gnade gestutzt, heute zum soundsovielten Male ein Gesetz zur anlasslosen Totalüberwachung, vulgo: Vorratsdatenspeicherung durch den Bundestag gewunken. Ay, sweet, our little ritual! Es wird ebenso zuverlässig vom Bundesverfassungsgericht wieder kassiert werden, sollten gut die Hälfte der dort beschäftigten Richter noch halbwegs alle Latten am Zaun haben, wovon angesichts der bisherigen Erfahrungen glücklicherweise auszugehen ist. Viel Kluges und Richtiges ist von Anderen bereits geschrieben worden über diese Dreistigkeit. Bleibt mir noch die Frage: Für wie blöd hält man mich eigentlich?

Inzwischen beginne ich übrigens zu glauben, dass die Kulturpessimisten Recht haben. Dieses Land ist wohl wirklich dem Untergang geweiht. So viel geballte Dummdreistigkeit, Doofheit, Piesepömpligkeit und Panikmache übersteht auf Dauer keine Gesellschaft der Welt. Abgesehen davon, dass ich Kategorien wie 'Volk' und 'Nation' im 21. Jahrhundert eh für weitgehend obsolet halte, könnte ich so einem Untergang im Unterschied zu den Kulturpessimisten einige positive Seiten abgewinnen.




Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen