Samstag, 10. Oktober 2015

Keine Helden, nirgends


Wer Zuhälter für eine Profession hält, der trotz einiger unschöner Aspekte doch eine gewisse Romantik innewohnt, sollte sich Dominik Grafs Film 'Hotte im Paradies' mit dem grandiosen Mišel Matičević in der Hauptrolle ansehen. Ein Spielfilm, natürlich, also Fiktion, aber mit dem unbedingten Willen zur fiesen Wahrheit. Im Leben eines Zuhälters, das wird schon in der ersten Szene klargemacht, geht es um Geld und um nichts, absolut gar nichts anderes, alles weitere ist Augenwischerei. Dabei bleibt es bis zum Schluss. Als der tenzdenziell gewalttätige Hotte nämlich doch einmal auf seine Gefühle hört und sich von ihnen leiten lässt, ist er ein toter Mann. Das System, eines der Ausbeutung, ein auf seinen rohen Kern abgeschälter Kapitalismus, duldet solche Anwandlungen nicht.

"Schwache Staaten und starke Clans bedingen einander." (Don Alphonso)

Wenn Staaten sich heraushalten, sich auf ihre Kernkompetenzen beschränken und die Märkte machen lassen, dann geht die Menschheit, entgegen der Wunschträume der Neoliberalen, nicht in ihren paradiesischen Urzustand über, sondern es bilden sich und profitieren Strukturen, die im Zweifel weit brutaler, archaischer und willkürlicher sind als jede staatliche Tyrannei. Das, was wir italienische Mafia nennen, ist vor einigen hundert Jahren im bettelarmen Mittel- und Süditalien entstanden. Im Norden Italiens, das kein zusammenhängender Staat war, regierte die alte Aristokratie, während der Süden beherrscht wurde von Kleinkönigen und von raffgierigen, brutalen Großgrundbesitzern. Dagegen schlossen sich Familien zusammen. Um sich zu verteidigen und für sich etwas abzuzweigen, schufen ihre eigenen Strukturen, ihre eigenen Zeichen, ihre eigenen Gesetze.

Auch die Mafia ist, vor allem in der Popkultur, von einem ähnlichen Nimbus umwölkt wie die Zuhälter. Ja, es sind Verbrecher, hört man zuweilen, die manchmal schlimme Dinge tun, was natürlich nicht in Ordnung ist und weswegen sie ja auch bekämpft gehören, eigentlich. Andererseits umgibt sie ein Desperado-Chic, eine gefährliche Erzählung, die ungefähr lautet: Ja richtig, es sind Ganoven, die manchmal hässliche Dinge tun. Aber sie tun sie, weil sie sie tun müssen. Sie haben schließlich auch einen Ehrenkodex, die Familie, die Kirche und vor allem die Mutter ist ihnen heilig. Letztendlich geht es darum, die Familien zu schützen vor der Willkür von denen da oben. Denn eigentlich sind sie doch tief drinnen Kämpfer für Gerechtigkeit. Und genau das ist Blödsinn. Es geht um Profit und ums Geschäft, nichts weiter.

Neapel ist eine Stadt, deren arme Außenbezirke jenseits des Weltkulturerbes vom Staat weitgehend aufgegeben wurden. Hier herrschen eigene Gesetze, und die macht die Camorra. Wie kann es auch anders sein in einer Stadt, einer Region, in der die meisten nicht privilegierten Jugendlichen, wenn sie denn überhaupt irgendeine Perspektive bekommen, mit sinnlosen Praktika abgespeist werden, während ihnen ein paar Stunden risikoloses Schmierestehen für einen Camorrista einen Hunderter auf die Hand einbringt? Es gibt Gegenden, in denen eine Karriere bei der Mafia bzw. in deren Umfeld die einzige Chance auf eine bürgerliche Existenz ist. Wer will da urteilen?

Solche und ähnlich unbequeme Fragen wirft Roberto Saviano in seinem 2006 erschienenen dokumentarischen Roman 'Gomorrha' auf. Sein Fazit: Wer immer sich einredet, es sei möglich, die Mafia unter den Bedingungen eines globalen Konkurrenzkapitalismus zu bekämpfen, macht sich etwas vor. Denn die Mafia ist kein Moloch, kein außerirdisches Monstrum, sondern Fleisch von dessen Fleische. Seine dunklere, noch gnadenlosere Schattenseite. Savianos Verdienst ist es, in 'Gomorrha' glasklar herausgearbeitet zu haben, wie die Neapolitanische Camorra unter der Haube funktioniert und was sie antreibt. Wie die Mechanik des Bösen funktioniert, die Durchschnittsmenschen, liebende Ehemänner und Väter, die unter anderen Umständen vielleicht brave Arbeiter und Angestellte geworden wären, die keiner Fliege was zuleide täten, in kaltblütige Killer verwandelt.

Das, und nicht ein paar Indiskretionen machte das Buch so gefährlich und lässt den tapferen Autoren immer noch Deckadressen und Personenschutz zum Überleben brauchen. Dass er bis heute überlebt hat, kann man durchaus als echten Erfolg bezeichnen. Saviano fungierte auch als Co-Autor einer 2014 erstmals auf sky ausgestrahlten 12teiligen Fernsehserie, die ebenfalls 'Gomorrha' heißt. Sie läuft seit diesem Donnerstag auf arte und sie ist ganz großes Kino.

Es geht vor allem um Genny Savastano (Salvatore Esposito), den einzigen Sohn des Bosses Don Pietro Savastano (Fortunato Cerlino). Der ist ein mittelalter, grauer Mann, den man, begegnete man ihm auf der Straße, für einen Filialleiter bei der Sparkasse halten würde. Don Pietro ist in Sorge, dass die Polizei ihn bald drankriegen wird und will den dicklichen, verwöhnten Kronprinzen zu seinem Nachfolger aufbauen, einen Mann aus ihm machen. Das bedeutet: Der verweichlichte Poser, der den Clan durch seine Ungeschicklichkeiten immer wieder in Bedrängnis bringt, muss töten lernen. Dazu soll sein bester Mann Ciro di Marzio (Marco D'Amore), genannt l'Immortale, ihn unter die Fittiche nehmen.

Schon in den ersten beiden Folgen wird klar, dass 'Gomorra' kein europäischer Abklatsch von 'The Wire' ist, jener legendären Serie, die von vielen als beste aller Zeiten bezeichnet wird, sondern einen Schritt weiter geht. Es gibt keine Helden und Hauptpersonen mehr, das ganze Gehabe von Treue und Loyalität wird als bloße Fassade enttarnt. Diese Serie "schafft nicht nur den Outlaw-Helden ab, sondern gleich den Helden als solchen. Im Neapel von Gomorrha gibt es keine auf charmante Art gebrochenen Publikumslieblinge wie den Hood-Robin-Hood Omar Little oder den netten Junkie Bubbles."

Das Unheil nimmt übrigens seinen Lauf, als Genny sich in ein Mädchen verliebt, das mit jemandem aus einem anderen Clan zusammen ist. Wie gesagt, gibt es Systeme, die gewisse Anwandlungen nicht zulassen.

Auch sonst gibt es Blicke hinter die Kulissen, die vielleicht zugespitzt sind, aber authentisch sind. Der Ölscheichgeschmack, der Kitschbarock, in dem sie alle ihre Wohnungen einrichten, das Bling-Bling-Geprotze der Jungen, ihr atavistisches Männlichkeitsgehabe, der als Frömmigkeit getarnte Aberglaube, die blutleere Härte der Dons, das aristokratische Hofzeremoniell um sie, der sentimentale Mutterkult. Die härtesten Mafiosi legen die Kippe weg und halten die Klappe, wenn Mamma verfügt, bei Tisch werde nicht geraucht und nicht geflucht. Fast müsste man lachen über all das Getue, wenn es nicht so einen blutig ernsten Hintergrund hätte. Denn es geht brutal zu und hart. Aber nicht um der Brutalität und Härte, sondern um der Wahrheit willen. Und um uns alle Romantik auszutreiben und alle Glorifizierung zu beenden.

'Gomorrha' (I 2014) läuft seit dem 8. Oktober immer donnerstags um 21:00 Uhr auf arte. Wer die ersten beiden Folgen verpasst hat, kann sie noch bis 15.10. in der +7-Mediathek ansehen (Folge 1, Folge 2). Ansehen lohnt. Wer ein Problem mit dem Medium Fernsehen hat, kann ja den Stream schauen.



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