Donnerstag, 29. Oktober 2015

Nachtrag


Vorgestern erschien hier bekanntlich ein Beitrag über die unsägliche Panikmache um rotes und verarbeitetes Fleisch bzw. Wurst. Unter anderem ging es dabei auch um Korrelationen, Kausalität und Wahrscheinlichkeiten (sehr lesenswert und anschaulich übrigens die Analyse von Jens Berger gestern). Das ist auch in anderen Bereichen von Bedeutung. Wie wichtig es auch jenseits von Gesundheits- und/oder Ernährungsthemen ist, ein wenig darüber Bescheid zu wissen, zeigt etwa die Propaganda, die entsprechend interessierte Kreise seit einiger Zeit um die angebliche Kriminalität von Flüchtlingen bzw. die sprunghaft ansteigende Kriminalität um entsprechende Einrichtungen veranstalten.

Man muss daran erinnern, dass die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland einem Verbrechen zum Opfer zu fallen trotz täglicher, aufgeregter Berichterstattung immer noch äußerst gering ist. Daher müssen auch Meldungen über einen "deutlichen Anstieg" einzelner Delikte in der Nähe von Flüchtlingseinrichtungen im Zweifel nicht viel bedeuten – Tombola, wir erinnern uns – und sind im Zweifel so zu beurteilen wie die Schnurre, dass man vom Wurstessen Krebs bekommen könnte. Auch ein zeitweiliger Anstieg um ein Mehr- bis Vielfaches macht eine verschlafene Mittelstadt nicht zu einer Metropole des Verbrechens. So es sich überhaupt um Verbrechen handelt und nicht bloß um Polizeieinsätze.


Nachtrag zum Nachtrag: Eine kurze Geschichte der Netzneutralität, wie ich sie bislang so erlebt habe

Telefon- und Mediennetze werden privatisiert, weil Privatisierung super ist.
Es treten Wettbewerber und Konkurrenten auf den Plan. Man hat die Wahl.
Es findet ein runiöser Preiskampf statt.
Die Kunden freut's.
Um den Preiskampf zu finanzieren, werden u.a. Investitionen verschleppt.
Am Ende bleibt ein Oligopol aus einer Handvoll Anbietern übrig.
Man kennt sich und seine Interessen.
Wegen der verschleppten Investitionen häufen sich Störungen.
Wegen der ganzen Störungen häufen sich die Beschwerden.
Endlich wird in den Breitbandausbau investiert.
Das kostet natürlich.
Deshalb plant die Telekom, einen "fairen Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur" zu erheben.
Vodafone hat bereits ähnliche Pläne.
Die anderen werden wohl nachziehen.
Die Kunden freut's nicht mehr, sie kommen aber nicht raus aus der Nummer.
Privatisierung ist super!



Kommentare :

  1. Jetzt mal nicht so pessimistisch, Mann. Privatisierung ist super, weil: Wenn die Infrastruktur wegen des preiskampfbedingten Ausbleibens werterhaltender Maßnahmen und vernünftiger Investitionen kaputtgespart ist, sich die Störungen häufen und der durchschnittliche Kunde mehr und mehr Lebenszeit störungsbedingt unbedienstleistet und in computergesteuerten Warteschleifen verbringt, merkt auch der Letzte, dass der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, sondern dass den dort irgendwer vorher reintun muss.

    Am Ende zahlen wir genauso viel wie wir mit der alten Behördenpost bezahlt hätten, haben aber eben noch eine wertvolle Lektion dazugekriegt: Der ungezähmte Markt ist nicht der Himmel auf Erden. Und den gegenüber der Behördenpost wahrscheinlich merklich schneller realisierten technischen Fortschritt bezahlen wir eben mit den sich häufenden Störungen. Privatisierung ist super!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du willst damit sagen, die wertvolle Lektion sei kostenneutral, also quasi gratis? Unmöglich! Außerdem ist, was nichts kostet, bekanntlich auch nichts wert. Haben uns die Privatisierer doch so beigebracht, die müssen das wissen...

      Löschen
    2. Jein. Kost nix = nix wert ist wohl richtig. Aber es hat ja gekostet - die Störungen, Systemausfälle usw. Bezahlt haben wir erstens Geld (nämlich, das, welches wir für die Dienstleistungen ausgegeben haben, die dann doch nur lückenhaft geliefert wurden) und zweitens Nerven, Lebenszeit, u.U. verlorgengegangene Geschäfte.

      Ansonsten war das vielleicht eine Unvorsichtigkeit von DENEN (TM), ein unbeabsichtigter Blick hinter die Fassade ;)

      Löschen