Samstag, 24. Oktober 2015

Schade, dass er gegangen ist


Wolfgang Lieb, sicher den allermeisten der hier Lesenden und Kommentierenden als Mitherausgeber der NachDenkSeiten bekannt, verlässt diese mit sofortiger Wirkung, wie gestern bekannt gegeben wurde. Seine Erklärung dazu, die freundlicherweise noch veröffentlicht wurde, drückt sehr gut aus, wie auch meine Bauchschmerzen sich anfühlen, die mich angesichts der - freilich großen, diffusen, vielgestaltigen - linken Szene seit einiger Zeit immer öfter und immer stärker befallen. Ich wollte mich schon länger zu einigem äußern, was mir an Teilen des linken Spektrums zunehmend missfällt und auch beunruhigt. Da gärte was, allein, mir fehlte ein wenig der Anlass. Der ist jetzt da. Lieb meint unter anderem:

"Es reicht eben m.E. nicht aus, die Welt moralisch in „Freund“ und „Feind“ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt „einflussreichen Kräften“ (oft in den USA) oder undurchsichtigen „finanzkräftigen Gruppen“ oder pauschal „den Eliten“ zuzuschreiben. Die Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf einen Antagonismus zwischen „Volk“ und „Eliten“ halte ich für missbrauchsanfällig."

Exakt diesen irritierenden Trend vermeine auch ich verstärkt zu beobachten. So ist es ja zweifellos gut und schön und wichtig, auf mögliche und tatsächliche Verstrickungen hinzuweisen bzw. diese aufzudecken. Das kann so einiges bewegen (man erinnere sich etwa an die hektische Betriebsamkeit, die eine kurze Nummer aus der 'Anstalt' mal verursacht hat). Nur darf man dabei, wie es Lieb so richtig sagte, nicht stehen bleiben.

Es mag nur meine Wahrnehmung sein, aber nicht wenige scheinen sich bloß noch darin zu gefallen, die Bösen (USA, Goldman Sachs, die (System-)Medien, die Eliten) eindeutig als solche identifiziert zu haben und damit ihr Weltbild im wesentlichen als fertig gezimmert zu betrachten. Bequemes Leben, das. Erinnert ein bisschen an den Opa, der jeden Tag auf der gleichen Parkbank sitzt und über alles und jedes herumgnattert. Besonders gern über leicht bekleidete Mädchen, über die er sich - hättsdamalsnichtgegeben! - ereifert, dank derer er aber wenigstens noch den Ansatz einer Erektion bekommt. Weswegen ihn auch keiner ernst nimmt.

Kann natürlich jeder gern so machen, nur gerät dabei so einiges unter die Räder: Zuvörderst, dass zum Tango tanzen immer zwei gehören, dass es neben denen, die manipulieren, immer auch die braucht, die sich manipulieren lassen. Oder dass es zwischen Schwarz und Weiß eine unendliche Menge Grauschattierungen gibt. So leid es mir tut, ist eben nicht jeder, der es in unserem gewiss verbesserungswürdigen System nicht zu einem gediegenen Auskommen oder gar einem gewissen Wohlstand gebracht und vom Jobcenter zu leben die nicht leichte Aufgabe hat, immer grundsätzlich nur Opfer. Mir sind durchaus Menschen begegnet, die ihr Leben lang jegliche Job- und Hilfsangebote mit großer Geste ausgeschlagen haben, etwa weil sie ein Problem hatten, sich, ihre Möglichkeiten und Grenzen halbwegs realistisch einzuschätzen und dann als Hartz-IV-Empfänger darüber nölen, wie furchtbar sie vom Leben und vom Schweinesystem immer nur gefickt wurden. Denen, die gerade wieder massenhaft bei Pegida mitlatschen und sich ganz ähnlich benehmen, werfen wir im Kern ja nichts anderes vor. Zu Recht, wie ich finde.

So wie es Kokolores ist und auf Dauer auch zu nichts führt, in einer Tour das Lied von den bösen 'Systemmedien' zu trällern und so zu tun, als sei die Erkenntnis, dass hinter Medien gewisse Interessen stehen, der heißeste Scheiß seit Erfindung des geschnittenen Brotes. Privatwirtschaftlich betriebene Medien, sei es online, gedruckt oder audiovisuell, sind weder karitativ noch gemeinnützig, sondern überwiegend Investments von Leuten mit entsprechenden Kapitalien, die dafür, wenn möglich, Rendite sehen möchten. Und letztlich schafft nun einmal der an, der zahlt, das ist bei der taz nicht anders als bei der FAZ. Ein Jasper von Altenbockum etwa, um eine Spitze des Eisbergs zu nennen, schreibt seine oftmals schwer erträglichen Ergüsse doch nicht deswegen, weil er aus dem Kanzleramt entsprechende Order erhielte, das seine Order wiederum aus dem Weißen Haus erhält, wie wir alle wissen, sondern weil er tatsächlich so tickt und das im wesentlichen seinem Wertesystem entspricht. Klasseninteresse, anyone?

Zumal das Pauschalurteil 'Systemmedien' schlicht nicht der Realität entspricht. Es ist lachhaft, zeugt nicht von differenziertem Denken und hilft niemandem weiter, andauernd entsprechende Artikel rauszupicken, lauthals "Typisch verlogene Systempresse mal wieder!", zu bölken und alles andere zu ignorieren. (Und sich damit nebenbei mit jenen, die "Lügenpresse" bölken, stärker gemein zu machen als einem eventuell lieb ist.) Tag für Tag verlinken zum Beispiel die NachDenkSeiten zahlreiche Artikel aus der Mainstreampresse, auf die dies Etikett genau nicht zutrifft, im Gegenteil.

Ich finde es ärgerlich, wenn nonchalant all jene mitabgekanzelt werden, die sich als Journalisten bemühen, eben genau keine Hofberichterstattung zu machen und unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dagegenzuhalten. Die Heribert Prantls, Harald Schumanns, Jakob Augsteins, Georg Diezens, Bettina Gaus', Stefan Hebels, Ulrike Herrmanns und wie sie alle heißen mögen, sie schreiben, sie werden veröffentlicht, sie werden gelesen und sie stecken teilweise erhebliche Prügel ein dafür, meist von rechts. Ich finde, solche Leute brauchen Unterstützung und kein geistloses 'Mainstreammedien'-Genöle, auch wenn sie vielleicht nicht alle immer kompromisslos für den Sturz des Systems und die völlige Abschaffung des Kapitalismus eintreten.

Ärgerlich ist natürlich auch, wenn wirklich gemeinnützige Institutionen wie die Öffentlich-Rechtlichen sich allzu parteiisch machen. Wiewohl es im deutschen Journalismus sicher die fatale Neigung gibt, nicht so trennscharf zwischen Bericht und Kommentar zu unterscheiden wie im Englischsprachigen, sollte man aber schon bedenken dass auch öffentlich-rechtliche Journalisten am Ende des Tages, wenn die Musik vorbei ist und alle Rechnungen auf dem Tisch liegen, nicht der Wahrheit oder der Neutralität verpflichtet sind, sondern denjenigen, die sie bezahlen. Und das sind in ihrem Fall die Beitragszahler. Die wiederum finden, allen Umfragen zufolge, Angela Merkel und die Politik der Regierung zu zwei Dritteln weitgehend okay, so absurd man das finden mag als Linker. Ziemlich genau das aber wird von den Öffentlich-Rechtlichen abgebildet: Zwei Drittel regierungstreue Verlautbarungen und Verteidigung der herrschenden Ordnung, ein Drittel Innovatives, Investigatives und Anspruchsvolles im Nachtprogramm für den Rest. Kann es, streng genommen, anders sein? Man kann das selbstredend kritisieren, sollte aber nicht vergessen, dass das, was unsereins so treibt, nach wie vor ein Minderheitenprogramm ist.

Man könnte endlos weitermachen. Natürlich haben die USA Interessen, die sie mit allen möglichen sauberen und unsauberen Mitteln durchsetzen. Scharf beobachtet, keine Frage, aber war auch das jemals anders? Staaten haben, einem Bonmot des gewiss nicht unproblematischen Henry Kissinger zufolge, grundsätzlich niemals Freunde, sondern immer nur Interessen. Es beunruhigt mich, wenn ich befürchten muss, dass Adorno recht gehabt haben könnte mit seiner Vermutung, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien bloß zwei Seiten derselben Medaille, weil ich sehe, wer eine Behauptung wie die, dass die Welt letztlich von Juden regiert werde, so alles unterschreiben würde.

Normalerweise bemühe ich mich, das Wort Querfront wenn möglich zu umschiffen, aber wenn ich sehe, was für Gestalten etwa anlässlich des G7-Gipfels von Schloss Elmau so alles getrötet haben, die Vasallen der USA seien da bloß zum Befehlsempfang angetreten und sich damit mal eben auf NPD-Linie begeben haben, ohne ein Problem darin zu sehen, wird mir mulmig. Es geht mir gegen den Strich, wenn Linke, die völlig zu Recht den Kapitalismus und seine Folgen anprangern, ihrerseits vor lauter Schaum vor dem Mund keinerlei Graustufen mehr sehen und eine Rhetorik am Leibe haben, die so menschenfeindlich ist, dass einem Angst und Bange wird. Was soll Linkssein noch wert sein, wenn dabei die Menschlichkeit so auf der Strecke bleibt? Dann können wir es gleich beim herrschenden System belassen. Es gibt eine Menge Linke, von denen ich innigst hoffe, dass sie bitte nie, niemals das Sagen haben mögen.

Wer mich wegen all dem für einen kleinmütigen, verzagten, nicht satisfaktionsfähigen Sozialdemokraten ohne Mut zum ganz großen Wurf halten will, soll das meinethalben gern tun. Komme ich klar mit. Vielleicht ist es angeboren oder meiner Sozialisation geschuldet, wenn ich Spatzen in der Hand Tauben auf Dächern vorziehe. Wen soll ich ernster nehmen? Die, die sich mühsam dafür einsetzen und daran arbeiten, dass diese Welt, ja auch innerhalb des vermaledeiten bestehenden Systems, ein wenig besser wird oder die, die solche Bemühungen in Bausch und Bogen als lachhaft und irrelevant abkanzeln, weil nicht reine Lehre, und sich statt dessen von ihrem bequemen Sessel aus ihren Schwarzweißmalereien und ihren wilden Umsturzvisionen hingeben? So wichtig positive Utopien sein mögen, im Hier und Jetzt wird niemand satt von ihnen. Das scheinen einige zuweilen aus dem Blick zu verlieren. Und werden damit so irrelevant wie der Oppa auf der Parkbank.

Was ich mit all dem sagen will: Ich habe auch keine vernünftigen Lösungen für das Elend der Welt parat und kann Wolfgang Lieb sehr gut verstehen. Trotzdem finde ich es schade, dass er gegangen ist. Sektierertum fordert seine Opfer. War auch schon immer so.


Kommentare :

  1. Kann ich allem zustimmen, was du schreibst. Sinnigerweise sind wir, denke ich, einer Ansicht, dass hier gerade auch (hihi) Volkes Wille und Eitelkeiten genauso auch alles andere als unschuldig am Geschehen ist, wie des linken Freude an elitärer Drübersteherei das jetzt irgendwie besser machen könnte. Aber genau diesbezüglich, kann ich gerade zur Zeit nichts entdecken, was des Müllers Albrecht hier nicht gerade diesbezüglich konstruktiv dagegen aufbaut. Auch ich finde den Abgang von Lieb schwer schade, verstehe ihn aber gerade im Moment nun überhaupt nicht, denn gerade viele z.B. der Künstlerseelen hinter Wecker und anderen, die auch auf eindeutigem Bestreben von Müller sich entschlossen haben sich zu beteiligen, sind geradezu das Gegenteil dieser Freund-Feind-Polemik.

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  2. "Mir sind durchaus Menschen begegnet..."

    Naja , seltsame Leute gibts in allen Schichten , nur ist das eine Banalität. Wers dennoch so betont , macht genau das , was im Artikel so scharf kritisiert wird, er betreibt eine Rhetorik . die auch von Kreisen betrieben wird , mit denen man sich vielleicht nicht ins Boot setzen sollte.

    "Denen , die ... bei Pegida mitlatschen...werfen wir ja im Kern nichts Anderes vor"

    Vorsicht Vorsicht , damit gehst du Pegida voll auf den Leim.
    Die geben nur vor , "vom System gefickt" zu werden , weil die sich nicht offen hinstellen und ein Recht auf Diskriminierung einfordern können.
    Der Pegida - Protest ist überwiegend mittelständisch geprägt , die protestieren nicht gegen , sondern für das System und stören sich vor allem daran , daß ihnen das System nicht mehr die Illusion erhält , selber Teil der "Eliten" zu sein , was sie versuchen , zu ersetzen , indem sie auf vermeintlich Schwächere losgehen.

    Das mit Hartz 4 gleichzusetzen , ist einigermaßen fragwürdig.

    Außerdem zeigt es auf , daß materielle Gründe nicht der einzige Grund sind , warum sich Leute vom System benachteiligt fühlen , vielleicht sind sie nicht mal mehrheitlich der Grund , ich habe oft den Eindruck , daß die frustriertesten Leute materiell recht gut dastehen , woher also dann die Unzufriedenheit?

    Da müssen psychische und emotionale Gründe eine wesentliche Rolle spielen , und das ist etwas , was mich persönlich sehr stark stört an den sozialdemokratisch geprägten Teilen der Linken , diese einseitige materielle Fixierung , die letztlich im neoliberalen Fahrwasser fährt , denn der Umkehrschluß lautet ja dann , daß alles super ist , wenns Geld stimmt.

    Pegida ist ekelhaft , nicht ganz so einfach aber ist es , was die - ebenfalls vielschichtige - Rechte angeht. Anstatt mal zu überlegen , wo denn Gründe für die Wut sein könnten und darauf eigene Antworten zu finden , stellt man sich hin und gibt von oben herab alle möglichen Klischee-Antworten , dabei gibt es immer nur zwei Spielarten :
    Entweder sind Rechte irgendwas-phob , oder man schlägt sich urplötzlich auf die Seite der Neoliberalen, im Namen von Migrantenfreundlichkeit ist es dann plötzlich in Ordnung , marktradikale und sogar rechtskonservative Sprüche zu klopfen (diese Aussage bezieht sich nicht auf den Artikel).

    Als ob es nur diese zwei Wahlmöglichkeiten gäbe , gerade das Ergründen einer tiefsitzenden Wut in Teilen der Bevölkerung wäre eine klassisch linke Herangehensweise , was nicht bedeutet , alles gutzuheißen , was da kommt , insbesondere , was die Handlungen angeht .

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  3. @Stefan Rose
    "Wer weiß, vielleicht wird auch er etwas starrer in seinen Denkweisen." Ist es nicht genau umgekehrt? Ist es nicht gerade Müller, der auf die seit 2 Jahren veränderte Medienlandschaft, die ja z.B. kampagenenartig eine Feindschaft mit Russland herbeischreibt, reagiert und "aufrüstet"? Ist es nicht Lieb, der starr ist und Müllers Weg, den ich unterstütze, nicht mitgehen will?

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  4. Schade, dass Wolfgang Lieb gegangen ist, keine Frage. Dennoch stimme ich seiner Begründung, wie auch Deiner Analyse in vielen Punkten nicht zu ;-)

    Für mich liest sich Lieb´s Argumentation eindeutig danach, dass die Nachdenkseiten zu antimamerikanisch und zu verschwörungstheoretisch geworden seien. Kampfbegriffe von Neoliberalen, die leider auch immer mehr Linke übernehmen. Und dann gibt es noch den Hinweis mit der "Querfront". Damit ist sicher die Zusammenarbeit mit Ken Jebsen gemeint, die für viele Linke natürlich gar nicht geht. Weil er für viele Linke als Persona Non Grata gilt. Wenn man sich aber beispielsweise sein letztes Interview mit Markus Fiedler und seinem Film "die dunkle Seite von Wikipedia" oder sein Interview mit Jean Ziegler anschaut, bekommt man gute investigative Journalistenarbeit abgeliefert. Aber das interessiert ja keinen mehr, sobald man als VT´ler, Antisemit und "Neurechter" gilt. Einfach mal Ken Jebsen zuhören, statt nur den verunglimpfungen zuzuhören, Leute!

    Lieb sagt mehrmals in seinem Abschiedstext, dass er sich mehr Diskussionen und Diskurse wünsche. Dabei haben Edward Snowden, Julian Assange, die gezielten Drohnenmorde der USA, Atlantikbrücke-Journalisten, der NSA-Skandal sowie die einseitige Berichterstattung beim GdL-Streik, der Ukraine, Russland/Putin, dem Syrien-Krieg und Griechenland für jeden eindeutig offen gelegt, dass die Herrschenden schon lange nicht mehr an einem demokratischen, kritischen Diskurs interessiert sind. Dieser Zug ist leider schon längst abgefahren! Wir befinden uns mitten in einem Medienkrieg.

    Und ja, seit 1990 hat sich einiges geändert. Die Methoden der USA/CIA/NSA sind deutlich aggressiver geworden, die PR, die Manipulation, die Propaganda - nie war das alles so extrem wie heute. Man kann das verharmlosen, davor die Augen verschließen und von den goldenen SPD-Zeiten der 70/80er Jahre träumen. Aber auch der Zug ist abgefahren und wird nie wieder kommen.

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    1. Volle Zustimmung!
      W.Lieb widerspricht sich in seiner Abschiedsrede auf den NDS. Verurteilt die Zuspitzung und schlägt selber recht großzügig um sich.
      S.Rose wiederum zieht sich den Schuh an und verweist auf die "Graustufen"!
      Welche das sein sollen bleibt aber sein Geheimnis. Ein Florida-Rolf oder ein korrupter Polizist, ein Abgeordneter der ahnungslos für TTIP oder VDS stimmt? Bitte die Kirche im Dorf lassen!
      Wer will TTIP, wer hat den Maidan zusammengeschossen, wer bombardiert den Donbass? Dort bei den Verursachern, den Drahtziehern liegt der Hund begraben. Alles andere ist verwirrende Ablenkung, Arbeiter gehegen HartzIV,
      Rentner gegen Jugend etc.
      Die NDS-Zugriffe sind enorm angewachsen. Dies ist zweifellos eher A.Müller zu verdanken, als W.Lieb. Die MSM-Flüchtlinge scheinen sich in der "neuen Heimat" doch recht gut aufgehoben zu fühlen.
      Und was die SPD seit 1998 so treibt und wo sie aktuell angekommen ist, müßte jedem Sozialdemokraten als Aufforderung dienen, ihr Parteibuch öffentlich (und gemeinsam) zu verbrennen!
      MIFF 26.10.2015

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  5. Wie gesagt, es liegt mir fern, Müller hier abzuwatschen oder schlecht zu machen. Dafür sind seine Verdienste einfach zu groß. Ich finde diesen Trend zu plakativen Vereinfachungen nicht wirklich hilfreich. Die mögen vielleicht erhellend wirken, sind auf Dauer aber einfach keine Lösung. Das Problem ist doch, dass man sich mit Aufklärungsarbeit, die nach außen aussieht wie Verschwörungstheorie, ziemlich zuverlässig zum Dämlack macht. Und hier fand ich Wolfgang Lieb immer sehr hilfreich, denn er bildete quasi ein Gegengewicht dazu und hat sich um Differenzierung bemüht. Was Ken Jebsen, Daniele Ganser et al. angeht - sagen wir, der Feind meines Feindes ist nicht automatisch mein Freund.

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  6. @Stefan
    Niemand wirft dir was vor, - ganz im Gegenteil.Ich kann nicht mal ansatzweise sehen, dass du irgendjemanden abwatschst. Aber das ist der Punkt. Da sind alle gerade so extrem sensibel mehr mit dem richtigen Linkssein und der korrekten Vorgehensweise beschäftigt, dass sie glatt die Menschen übersehen, die das alles betreffen könnte und irgendwie auch angesprochen werden müssen. Wobei gerade die auf Hero und Personalien fixierten, die Verhältnismäßigkeiten zwischen dem realen Dämlack der Pegidäsen und dem hypersensiblen Dämlack der vollkommen auf sich selbst Zentrierten, niemals mehr auf die Reihe bringen können. Auf der einen Seite hast du Leute die Vereinfachungen geradezu fordern, auf der anderen Seite die, die jede Vereinfachung ablehnen. Jeder sagt; "mögen" und "ist" gleichzeitig, jeder sagt; "könnte" und "muss" genauso gleichzeitig wie "glauben" und "wissen" und bei Verschwörungstheorie weiß niemand mehr, wie er das Ding überhaupt definieren soll. Natürlich war dieses Wechselspiel zwischen Lieb und Müller genauso extrem sinnvoll, wie beide auch durchaus die andere Seite konnte/kann. Hatte sogar was sehr demokratisches an sich. Deshalb macht das Statement von Lieb genauso wenig Sinn wie eine eventuelle Gegendarstellung machen würde. Es ist einfach nur ein weiterer und vollkommen unsinniger Abgang mit Zündstoff für die komplett in sich gekehrten Verfechter irgendeines Perfektionismus. Genauso gut, könnte ich mich mit Epikur zerstreiten, weil wir verschiedene sensible Betrachtungen von ein und der gleichen Person haben. Ich würde da nicht mal im Traum daran denken, denn das Ziel ist einfach das gleiche.

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  7. @ Stefan:

    So leid mir das auch tut, aber leider kann auch ich Deinen Ausführungen zum größten Teil nicht folgen. Ich kann - manch eine/r mag erleichtert aufatmen ;-) - aus Zeitgründen keinen epischen Text dazu schreiben, zumal einige Vorredner auch schon viele wichtige Aspekte angesprochen haben, und beschränke mich daher auf einige weitere Beispiele, die aber leicht auf andere Passagen Deines durchaus engagierten Textes übertragbar sind.

    Gerade bezüglich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks irrst Du dich, denn dessen Aufgabe ist es ja gerade nicht, ein "Abbild" der gesellschaftlichen "Realitäten abzubilden", sondern das genaue Gegenteil, nämlich die möglichst umfassende und ausgewogene (!) Bildung und Information der Bevölkerung (den Quatsch mit dem "Unterhaltungsauftrag" lasse ich jetzt mal außen vor). Wenn nun ausgerechnet diese eigentlich nicht profitorientiert arbeitenden Medien von den Privaten Gelddruckmaschinen kaum mehr zu unterscheiden sind, wirft das eine Menge Fragen auf, die man keinesfalls so lapidar beantworten kann, wie Du das versucht hast.

    Auch die "Polarisierung" zwischen Wolfgang Lieb und Albrecht Müller finde ich albern und nichtssagend - beides sind schließlich Sozialdemokraten "der alten Schule", die mit dem kapitalistischen System grundsätzlich kein Problem haben, sondern lediglich (wenn auch zunehmend verschiedene) Symptome bemängeln. Lieb benennt das in seinem "Abschiedstext" ja sogar ganz genau, wenn er schreibt:

    "Meine Begeisterung für die Internetplattform NachDenkSeiten speiste sich dagegen aus der Hoffnung und der biografischen Erfahrung, dass man durch persönliches Engagement für Meinungsvielfalt und Vernunft ein Stück weit auf die Meinungs- und politische Willensbildung Einfluss nehmen und einen Beitrag zur Verbesserung der bestehenden Verhältnisse und der Lebensbedingungen der großen Mehrheit der Menschen leisten kann."

    Damit wären wir dann wieder bei der Frage nach dem "kleinsten gemeinsamen Nenner" - und den kann doch nun niemand, der die kapitalistischen Ursachen für das bittere Elend dieses Planeten ausgemacht hat, weder bei Müller, noch bei Lieb entdecken. Das hat nun, wie schon so oft gesagt, nichts mit "Spalten", "Wegsehen" oder gar "Vereinfachen" zu tun, sondern mit der schnöden Erkenntnis, dass der ewige sozialdemokratische Versuch der "Bändigung" des Kapitalismus systemimmanent (!) zum Scheitern verdammt ist, da das System bei andauernder "Bändigung" unweigerlich innerhalb wesentlich kürzerer Zeit kollabieren muss als es das ohnehin tut. Das ist alles beileibe nichts Neues.

    (weiter mit Teil 2)

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  8. Auch Deine Kritik bezüglich der Medienpropaganda kann ich nicht nachvollziehen. Es versteht sich doch von selbst, dass ein Blogger sich selbstredend auf solche Reklame-Texte stürzt und sie zu entlarven versucht - oder erwartest Du allen Ernstes in jedem linken Blog, in dem so etwas - völlig zu Recht! - geschieht, auch eine "Gegensparte", in der immer mal wieder lobend auf gute Texte oder Dokus hingewiesen wird? ;-)

    Ich kann in den linken Blogs, die ich lese, keine derartige Verallgemeinerung á la Pegida ("Lügenpresse") finden - ganz im Gegenteil wird dort doch immer wieder auch aus Medienberichten wohlwollend zitiert - freilich ohne dass jedesmal auch eine entsprechende lobende Bemerkung angeführt wird. Es wäre schlicht absurd, das zu tun.

    Es bleibt nach meiner bescheidenen Meinung ein wichtiger Bestandteil eines politischen Blogs, Propaganda in den Medien bloßzustellen - und zwar gerade auch dann, wenn sich das Prozedere zum hundertsten Male wiederholt: Die Propaganda bedient sich ja gerade dieses perfiden Mittels der stetigen Wiederholung, und man kann ihr nur dadurch angemessen begegnen, ebenso oft kritisch auf den Irrsinn hinzuweisen. Schweigen bringt nur den Propagandisten etwas.

    Außerdem wüsste ich gerne, wo Du auf linker Seite Menschenfeindlichkeit entdeckt hast. Kannst Du dazu vielleicht Beispiele nennen? Ich kenne derlei Anfeindungen jedenfalls nur aus dem "bürgerlichen" und dem rechten Lager, wo das ja zur Ideologie gehört. Oder ist für Dich vielleicht gar ein Stefan Gärtner menschenfeindlich, der zum Thema Pirinçci gestern so treffend geschrieben hat:

    "Ist es nicht, freundlich gesprochen, ein wenig kurios, wenn die Fa. Bertelsmann, Erfinderin von Hartz IV und Bologna-Uni, sich via Pirinçci als Hüterin von Demokratie und Menschenrecht in die Brust wirft? Und es nicht vielleicht auch hier so, daß den Sack zu schlagen heißen muß, den Esel zu meinen? / Ich stehe sicher nicht im Verdacht, mit dem Naziwichser P. zu sympathisieren (vgl. TITANIC 5/2014). Aber ich bin selten glücklich mit Meinungsverboten, und sei’s nur deshalb, weil sie noch das größte Arschloch ins Recht setzen."

    Liebe Grüße!

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  9. "Ich finde es ärgerlich, wenn nonchalant all jene mitabgekanzelt werden, die sich als Journalisten bemühen, eben genau keine Hofberichterstattung zu machen und unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dagegenzuhalten. Die Heribert Prantls, Harald Schumanns, Jakob Augsteins, Georg Diezens, Bettina Gaus', Stefan Hebels, Ulrike Herrmanns [...]

    Das haben die Nachdenkseiten noch nie getan. Sie betonen immer wieder, dass es durchaus diese anderen Autoren gibt. Ich glaube auch nicht, dass einer der von Ihnen genannten Autoren sich als "abgewatscht" empfindet - sondern sehr wahrscheinlich sehen diese die gleichen Probleme wie es die Nachdenkseiten tun.

    Dass Sie es lediglich als "ärgerlich" betrachten, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachkommen - dies dann sogar noch damit rechtfertigen, dass ja angeblich zwei Drittel der Bevölkerung Angela Merkel gut fänden (womit sie dann sagen, dass die sich gar keine objetive und umfassende Berichterstattung wünschen?) - das finde ich gelinde gesagt erschütternd.
    Vielleicht ist es ja umgekehrt: Angebliche zwei Drittel der Bevölkerung finden Angela Merkel gut, weil (laut Ihrer Ansicht nur) zwei Drittel "regierungstreue Verlautbarungen und Verteidigung der herrschenden Ordnung" gesendet werden?

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  10. "Ziemlich genau das aber wird von den Öffentlich-Rechtlichen abgebildet: Zwei Drittel regierungstreue Verlautbarungen und Verteidigung der herrschenden Ordnung, ein Drittel Innovatives, Investigatives und Anspruchsvolles im Nachtprogramm für den Rest. Kann es, streng genommen, anders sein?"

    Ja muss es sogar.

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    1. Dass das wünschenswert wäre, steht außer Frage, nur haben die Öffis de facto letztlich eben doch eine das herrschende System stabilisierende Rolle und am Ende des Tages nicht die, es infrage zu stellen. Zudem wurden sie ab den Achtzigern in eine Konkurrenz zu den Privaten gebracht, sodass sie eben auch die Quote im Blick haben müssen.
      @Charlie: Danke für deine ausführlichen Anmerkungen. Kurz gesagt, sehe ich immer dann Menschenverachtung auf der linken Seite drohen, wenn die Theorie über den Menschen gestellt wird (mir ist momentan keine bessere Formulierung eingefallen). Einen Beitrag, der das und vieles, was ich sonst so vertrete, sehr gut zusammenfasst, ist der von Bernhard Torsch anlässlich der so genannten 'Einigung' mit Griechenland. Mir ist natürlich bewusst, dass das deiner Position in zentralen Punkten zuwiderläuft, aber so what? Das linke Spektrum ist ziemlich bunt und sollte das gern auch bleiben, nur eben ohne sich in einer Tour selbst zu atomisieren und zu zerfleischen. Vor so was muss in der Tat keiner Angst haben.

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  11. "Dass das wünschenswert wäre, steht außer Frage, nur haben die Öffis de facto letztlich eben doch eine das herrschende System stabilisierende Rolle und am Ende des Tages nicht die, es infrage zu stellen."

    Wer teilt denen denn diese Rolle zu?
    Und wo steht, dass wir das zu akzeptieren haben?
    Was sind wir: Untertanen oder Bürger?


    "Vor so was muss in der Tat keiner Angst haben. "

    Vor Leuten, die solche Sätze wie den obigen schreiben, muss auch keiner Angst haben :-)

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