Dienstag, 10. November 2015

Offizier, Demokrat, Kultfigur


Man sagt, bei einer Gala in einem New Yorker Hotel habe sich während der Neunziger folgendes ereignet: Der unter den geladenen Gästen befindliche Helmut Schmidt saß am Tisch, rauchte eine und aschte in eine Untertasse. Auftritt Kellner: "Entschuldigung, Sir, aber Sie dürfen hier nicht rauchen." Schmidt: "Das ist ja interessant!"

Ich mag mich hier nicht groß mit Leben und Wirken Helmut Schmidts befassen. Das werden genügend andere, Kompetentere zu Hauf und in epischer Breite tun in den nächsten Tagen. Für mich ist die Rezeption Schmidts schon zu Lebzeiten eh interessanter. Denn es war nicht allein seine ostentative Unangepasstheit, für die er, je älter er wurde, von den Deutschen so geliebt wurde. Auch den Offizier hat er, obwohl zweifellos Demokrat durch und durch, nie wirklich ablegen können, seine Lust am Führen und Anordnen nie verloren. Das ist die andere, die unangenehmere Seite.

Über die letzten Jahrzehnte hatte die allseitige Verehrung für ihn fast schon religiöse Züge angenommen. Nicht wenige schienen tatsächlich so etwas wie einen Erlöser in ihm zu sehen ("Einen wie ihn bräuchten wir jetzt!"). Ich bekam davon immer kalte Füße, weil das meiner Ansicht nach auf eine gewisse Autoritätsfixierung und eine Sehnsucht nach Orientierung, nach Führung und einem 'starken Mann' in größeren Teilen der Bevölkerung schließen ließ. Der Kult um den sich durchaus geschickt sich in Szene setzenden Elder Statesman (Rücksichten musste er ja nicht mehr groß nehmen) legte jenes deutsche Demokratiedefizit offen, das wohl auch dem greisen Adenauer aufgefallen war. Der soll bei einem seiner letzten Parteitage kopfschüttelnd gemeint haben, als er vom Podium kam: "Diese gläubigen Augen..."

Sicher, Schmidt bediente bei vielen schlicht das, was sie bei anderen Politikern vermissen. Bedenken sollte man bei all dem, dass er in einer Zeit regierte, in der die Finanzmärkte noch nicht die Bedeutung für die Politik hatten wie heute, woraus sich vielleicht größerer Handlungsspielraum ergab. Klar lässt sich auch Kritisches sagen. So kann man ihn für den politischen Wegbereiter Schröders und der Agenda 2010 halten, weil er schon Ende der Siebziger die soziale Überversorgung beklagte.

Zugute halten muss man ihm aber unbedingt, dass er weder Blender noch Protzer war, äußerlich ein bescheidenes, geradezu kleinbürgerliches Leben führte (das Gerücht, seine heimische Hausbar, in die durchaus auch dienstliche Gäste eingeladen wurden, sei mit Aldi-Spirituosen bestückt gewesen, hält sich hartnäckig), ein Leben jenseits der Politik kannte (Bach- und Mozartplatten aufgenommen), nicht käuflich war und sich nicht hat verbiegen lassen. Alles keine Kleinigkeiten, wenn man sich ansieht, was für eine Performance unsere Eliten seitdem so hinlegen.

"Sich vorzustellen, dass Deutschland in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen habe, finde ich ziemlich abwegig." (Schmidt zum Bestreben nach einem ständigen Sitz für Deutschland im UNO-Sicherheitsrat, 2004)

Vielleicht rang zum Schluss auch seine unsentimentale, hanseatisch-trockene Art vielen Respekt ab, mit der er die Zumutungen des Alters (Tod der Ehefrau, Rollstuhl) wegsteckte, als wollte er sagen: "Kommt, Kinners, nu' macht nicht son Tüdelkram hier wegen mir! Hat mal jemand Feuer?", und die er nie groß zum Thema machte, wer weiß. Und, vergessen wir auch das vielleicht nicht, bevor wir urteilen: Aufgrund seines Standings war Schmidt wohl einer der letzten, der eine Chance hatte, in den Medien allein wegen dem Gehör zu finden, was er inhaltlich zu sagen hatte und diesen Raum auch bekam, wenn er das wollte.

Denke schon, dass das alte Räuchermännchen fehlen wird, so alles in allem. In diesem Sinne: Farewell! Letzte Zigarette ist ja leider nicht mehr.



Kommentare :

  1. Ein schöner und ehrlicher Nachruf! Danke dafür!

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  2. Schmidts Buch "Handeln für Deutschland" -Berlin 1993 -gibt politische Richtlinien für die SPD der 90er Jahre, die unmittelbar an die Tradition der "Kriegssozialismus"-Politik anknüpfen. Es ist ein politischer Entwurf im Rahmen des heutigen, Neoliberalismus, der dennoch vor allem durch die Offenheit der Formierungspläne und durch die Skrupellosigkeit der beabsichtigten Ausplünderung großer Bevölkerungsteile erschreckt. Das Buch gibt einen Vorgeschmack auf die Wirklichkeit kommender SPD-Regierungspolitik. Hier finden sich alle Elemente des Neokonservatismus wieder: "Hedonismus"-Kritik, Dienstverpflichtung, preußische Tugenden, heroischer Realismus der sich aufopfernden Eliten, nationale Einheit und Identität, Ablehnung eines einheitlichen Rechtssystems im wiedervereinigten Deutschland, Ethnopluralismus des Bildungswesens, Gleichheit nur in der angeblich gemeinsamen Armut aller nach dem 8. Mai 1945, Sozialabbau, Deregulierung bis zum Ausnahmezustand, Elitenherrschaft, die Übereignung der ehemaligen DDR an die Hochtechnologie-Konzerne, Kerneuropa unter Ausgrenzung kleinerer Nationen, selbst offener Rassismus. Das Zentrum des Buches stellt das alte wirtschaftspolitische Ziel des Faschismus aller Fraktionen dar: Mehrarbeit möglich machen, obwohl weniger dafür bezahlt wird.

    Weiter in seinem Buch:
    "Jugend braucht beides: Herausforderung und Geleit. Sie braucht die Erlebnisse von Erfolg und Gemeinschaft." "Demokrat wird man nicht am besten durch das Studium der Geschichte oder der Staatslehre, sondern sehr viel eher durch Erziehung und Einübung." Die geschehe bestens bei der "Lehrlingsausbildung im Betrieb, verkörpert durch den Meister", was "zwangsläufig auch Erziehung zu Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit mit sich bringt", schrieb er unter der Überschrift "Reform des Bildungswesens". Es müsse wieder mehr Wert gelegt werden auf die "Erweckung des Bewußtseins, daß wir moralische Pflichten haben. ... Junge Menschen müssen praktisch erfahren: Jedermann ist sittlich verpflichtet, zum Wohle des Ganzen beizutragen."

    Den "Scheinasylanten" müßte das Handwerk gelegt werden, auch darauf bestand er. "An den Verwaltungsgerichten häuften sich die Prozesse; am Verwaltungsgericht in Hamburg waren 1991 und 1992 über die Hälfte aller neu anhängig werdenden Prozesse sogenannte Asylfälle, wegen Mittellosigkeit der Asylbewerber zahlt der Staat die Kosten. Die Kriminialitätsrate unter diesen Ausländern ist nicht gering, zumal unter den aus Rumänien kommenden Sinti und Roma." "Die Wiederherstellung eines befriedigenden Maßes an öffentlicher Sicherheit" müsse durch mehr Polizei und durch Bürgerwehren erreicht werden.

    Ein "Staatsziel der Vollbeschäftigung", ein "einklagbares Grundrecht auf Arbeit" gar, könne es ebenwo wenig geben wie "ein einklagbares Grundrecht auf Wohnung", denn dies bedeute "Zwangseinweisung". "Ein nur auf das Grundgesetz sich beziehender 'Verfassungspatriotismus', wie ihn Dolf Sernberger und Jürgen Habermas vertreten haben, greift zu kurz.

    In meinen Augen wäre ein etwas anderer Nachruf auf H.S. fällig.

    Zitate entnommen aus "Rechte Genossen" von Peter Kratz, Berlin 1995

    http://www.bifff-berlin.de/buch3.htm

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  3. Moin Stefan, du schreibst
    "Auch den Offizier hat er, obwohl zweifellos Demokrat durch und durch, nie wirklich ablegen können, seine Lust am Führen und Anordnen nie verloren. Das ist die andere, die unangenehmere Seite"

    Versteh ich nicht. Offizier=Undemokrat=Lust am, was?...=unangenehm
    Ich befürchte du hast ein etwas verzerrtes Bild der Offiziere. Unterhalte dich doch mal mit ein paar von denen und versuch sie kennen zu lernen.
    LG

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    1. Das mag missverständlich formuliert sein. Sicher ist es falsch, das heutigen Offizieren zu unterstellen. Du wirst aber sicher nicht bestreiten, dass das Offizierskorps der Wehrmacht hingegen durchaus die eine oder andere undemokratische Tradition mit sich herumschleppte. Gemeint war, dass Schmidt, geprägt durch die Erfahrung der Diktatur, Demokrat war, ansonsten aber durchaus einen Hang zu Befehl und Gehorsam hatte. Ich empfehle Heinricht Breloers 'Todesspiel' über den so genannten Deutschen Herbst 1977 - der Krisenstab im Kanzleramt bestand überwiegend aus Kriegsveteranen, die da Generalstab spielten.

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  4. Hallo Stefan, dann ist ja alles gut. Diese "Altoffze" gibt es zum Glück nicht mehr.
    Wobei auch hier das Gedankengut, gespiegelt an der Gesellschaft, durchaus noch in Teilen vorhanden ist. Kommt aber sehr selten vor. Befehl und Gehorsam ist für die militärische Fachkraft für Frieden und Freiheit per Statut (Gesetz) Voraussetzung um diesen "Konzern", sagen wir mal, am laufen zu halten.
    s.a. http://www.gesetze-im-internet.de/sg/__11.html hier der § 11

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  5. Ich muss mich dem Altauto anschließen: Schmidt war lediglich ein weiterer Sargnagel auf dem Weg der SPD zum devoten Steigbügelhalter des Kapitals und gleichzeitig ein Wegbereiter der glühenden Abschaffer der grotesken Restfassaden der Demokratie.

    Jetzt muss ich nicht nur bei Focus, Welt & Co. lächerliche Nachrufe auf eine Figur lesen, die maßgeblich mitverantwortlich für den fortschreitenden Wahnsinn der kapitalistischen Bande ist, nur weil er ein hohes Alter erreicht hat? Der Mann hat - unter vielem anderen - die "Agenda 2010" ideologisch vorbereitet und die imperialen Kriege des Westens zu einem "legitimen Mittel der Politik" erklärt - und ausgerechnet dem wird nun auch im linken Bloggerkreis ein Kranz geflochten?

    Ich halte es da eher wie ein nicht unerheblicher Teil der Briten, die anlässlich des Todes von Frau Thatcher dem Streisand-Song "Ding dong - The Witch is dead" zu neuer Popularität verholfen haben. Ein solcher Humor ist in Deutschland freilich undenkbar.

    Liebe Grüße!

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  6. Ausgerechnet ein ausgewiesener Linkenhasser wird hier "neutral" und vermeintlich objektiv beschrieben. Die Junge Welt bringt es im letzten Absatz heute auf den Punkt:
    "Als er am 10. November 2015 starb, hatte ihm schon seit Jahrzehnten niemand mehr widersprochen. Eine Generation von autoritätshörigen Männern hat ihn verehrt, und diese werden das weiterhin tun, solange sie ihn überleben."

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