Donnerstag, 3. Dezember 2015

Bavaria Blue


Mit der Polizei ist es ja ein wenig wie mit Hausmeistern. Leicht ist man genervt von ihnen, doch kann man in Situationen geraten, in denen man durchaus froh und dankbar ist, dass es sie gibt. Obwohl ich sie nicht ablehne oder gar hasse, bin ich normalerweise froh, mit der Truppe nicht allzuviel zu tun zu haben. Die machen ihres, ich mach meines. Daher sind mir auch Polizeiuniformen ziemlich egal. Bis vor zirka zehn Jahren war das diesem Staat auch ziemlich egal. Uniformierte Polizeibeamte liefen in einem Sammelsurium in grün, beige, schwarz, weiß und irgendwie erdfarben herum. Wäre die 'POLIZEI'-Aufschrift nicht gewesen, sie wären nicht nur von Menschen aus anderen Ländern mit der Forstaufsicht verwechselt worden.

1971 waren diese Uniformen zuerst eingeführt worden, in jener Zeit, als ein prominenter Spitzenfunktionär ankündigte, mehr Demokratie wagen zu wollen. Die Uniformen passten dazu. Sie sollten möglichst wenig autortär und obrigkeitsstaatlich wirken. Sicher, eine leicht schluffige Uniform in sand- und Erdtönen schützt im Zweifel vor gar nichts, erst recht nicht vor Willkür und Polizeigewalt, aber ich fand es okay, in einem Land zu leben, das augenscheinlich wenig Wert darauf legte, dass seine Polizeibeamten äußerlich als ehrfurchtgebietende Respektspersonen wahrgenommen wurden und möglichst unmilitärisch daherkamen.

Vor gut zehn Jahren dann machte sich Ronald Barnabas Schill, seines Zeichens ehemals härtester Richter von janz Deutschland, ehemals Hamburgischer Innensenator, spätestens in dieser Funktion Liebling autoritärer Zwangscharaktere, ansonsten emigrierter, dem Koks nicht völlig abgeneigter Schwulenerpresser, selbsternannter Megafrauenflachleger und nicht nur als Buchautor ein arger Peinsack, der es auch sonst gewaltig nötig hat, sich für dunkelblaue Uniformen stark. Wie früher. Wegen Respekt. Wer's braucht. Hamburg begann, die anderen zogen bald nach. Die Umstellung der deutschen Polizei auf blau dürfte somit das einzige Projekt von Richter Gnadenlos mit der kurzen Amtszeit sein, das einen halbwegs nachhaltigen Effekt hatte.

[An dieser Stelle ließen sich übrigens interessante Reflexionen darüber anstellen, ob es so ein Zufall ist, dass die Umkleideaktion der Polizei in Richtung mehr Respekt - vulgo: mehr Obrigkeit - wagen ausgerechnet in die Zeit des großen neoliberalen Turnaround fällt, in der auch die Agenda 2010 durchgedrückt und der Sozialstaat gravierend angeknackst wurde. Bin ich nur gerade zu faul für, der Denkanstoß muss daher reichen.]

Nur in Bayern fand man das nicht nötig und die dortigen Ordnungshüter gingen bis jetzt weiterhin in grün und beige auf Streife. Gut, ich kenne Teile Bayerns ein wenig und habe gelernt, dass was nach außen aussieht wie Rückständigkeit, in Wahrheit Bedachtsamkeit ist. Neumodischem G'lump begegnet man jenseits der in Ingolstadt und München ansässigen Automobilindustrie erst einmal reserviert, lässt sich Zeit, andere die Fehler machen und die Kinderkrankheiten ausbaden. Wenn man dann aber etwas durchzieht, dann mit ziemlicher Konsequenz. So dürfte Bayern inzwischen das Bundesland mit der höchsten Dichte an Solaralagen sein.

Diesmal aber haben sie's echt übertrieben im Freistaat. Als Innenminister Herrmann, ein Mann mit ausgewiesener Humorkompetenz, den neuen, jetzt auch in blau gehaltenen, bajuwarischen Bollitseiputz vorstellte, mutete es an wie die Premiere des neuen Star-Wars-Films, bei denen Darth-Vader-Doubles anwesend waren. Oder war's doch Spaceballs? So viel Popkultur hätte ich dem dortigen Innenministerium gar nicht zugetraut. Und Gevatter Terrorist schmeißt gar gleich frustriert die AK-47 in die Ecke ob dieser Schutzausrüstung.




Kommentare :

  1. Mir scheint die blaue Uniform nicht unbedingt eine ausschließliche Schill-Idee zu sein. Denn schon ca. ein Jahr bevor die ersten blauen Autos und Uniformen auftauchten wusste mein Radio, dass die Grundfarbe der Polizei europaweit ins Blaue geändert werden sollte. Grund: blau sei eine eher beruhigende, deeskalierende Farbe.

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    1. Hm, das ist interessant. Jetzt da ichs lese, erinnere ich mich auch, dass da mal so ne EU-Harmonisierungsgeschichte war. Ob aber nun wegen deeskalieren oder nicht, keine Ahnung. Sicher erinnere ich mich allerdings, dass Schill einer der eifrigsten Trommler war und die blauen Uniformen aus Gründen des Respekts gefordert hat. Anyway, danke für die Ergänzung.

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  2. Ich wäre auf jeden Fall ein wenig mit meiner Wahlheimat versöhnt, wenn es weniger mit diesem Geisteskranken und mehr mit langweiliger, leidenschaftsloser Bürokratie zu tun hätte.

    Allerdings: wenn Blau so schön deeskalierend wirken soll, wieso dann ausgerechnet ein Ton, der praktisch Schwarz ist ? Cyan ! Babyblau ! Und private Wachdienste müssen nachziehen und verlieren 50% ihrer Belegschaft, weil sie nicht mehr so geil paramilitärisch rumlaufen dürfen :(

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