Montag, 21. Dezember 2015

König Porno


Spulen wir eimal kurz um zirka 25 Jahre zurück. Es war die Zeit, in dem Rosa von Praunheim den Schwiegermutterliebling Hape Kerkeling als homophil outete und dafür Tags darauf vom Springerblatt den schwiegermütterlichen Anschiss "Pfui, Rosa!" kassierte. Es war eine Zeit, in der es vorkommen konnte, dass man sich dumme Sprüche anhören musste, wenn man erzählte, sich am Wochenende die weiß Gott harmlose, ja höchst spießige Sönke-Wortmann-Verfilmung von 'Der bewegte Mann' angesehen zu haben. Seitdem ist einiges passiert. Schwule Spitzenpolitiker, Entertainer, Schauspieler und andere öffentliche Personen locken heute kaum jemanden jenseits extremistischer und fundamentalistischer Milieus mehr hinter dem Ofen hervor, und das ist auch gut so. Man muss nur durch alte Zeitschriften stöbern, sich das verklemmte Geschwiemel zu Gemüte führen, das oft anhub, sobald es um Gleichgeschlechtliches ging, um zu ermessen, was sich seitdem getan hat

Die Verdienste des Comiczeichners Ralf König um diese begrüßenswerte Entwicklung sollte man entsprechend würdigen. Parallel etwa zur 'Lindenstraße' konfrontierten Königs Comics, die als erste ihrer Art ein Massenpublikum erreichten und, siehe oben, teils auch fürs Mainstream-Kino verfilmt wurden, ab Ende der Achtziger eine Generation Deutscher mit revolutionären Gedanken. Zum Beispiel mit dem, dass Schwule nicht zwangsläufig krankhafte Freaks und Perverse sind, die sich ausschließlich in geheimen, zwielichtigen Etablissements herumtreiben und ansonsten nicht existieren, sondern eigentlich ganz normale Leute und Nachbarn mit ganz normalen Problemen, mit denen man als Hetero sogar ganz normal befreundet sein kann, ohne sich was wegzuholen dabei.

Seine Moral von der Geschicht lautete: Wenn alle sich mal ein wenig entspannten und ihre Sexualität so lustvoll und unkompliziert lebten wie die schwule Community, dann wäre die Welt ein besserer Ort. Allein, die Welt weigert sich seit auch ein Vierteljahrhundert nach 'Der bewegte Mann' immer noch, sich diesbezüglich locker zu machen. Verantwortlich dafür sind in Königs Mikrokosmos meist religiöse Fanatiker und verbiesterte, frigide Frauen, die Sexualität als Machtinstrument missbrauchen. Ob es sich dabei um mehr oder minder latente Misogynie handelt oder bloß um den unbequemen, schonungslosen Blick eines Unbeteiligten auf Heterobeziehungen, quasi von außen, mag ich nicht entscheiden. Man könnte aber die Hypothese wagen, dass man einem heterosexuellen Comiczeicher solch ein Frauenbild wohl nicht ohne weiteres durchgehen ließe.

Seit den Zeiten des 'bewegten Mannes' habe ich Königs Schaffen nicht weiter verfolgt. Zwischendurch kam mir immer mal wieder etwas von ihm in die Finger. 'Wie die Karnickel' etwa, das in Teilen durchaus amüsante Hohelied einer Männerfreundschaft über sexuelle Orientierungen hinweg. Am Ende begehrt der Hetero, im nächsten Leben nicht mehr hetero zu sein, weil homo in sexueller Hinsicht unkomplizierter ist. Moral von der Geschicht: Heteros, entspannt euch mal, steht zu eurem Pornokonsum und Frauen sind doof. Oder seine Bibel-Trilogie. In der begräbt er unter ärgerlich großen Textmassen die Erkenntnis, dass der liebe Gott selbst kein Problem mit Sex habe, sondern verkniffene Menschen, die sich zu seinen Sprachrohren aufschwängen und allen ihre eigenen Verklemmungen aufnötigten.

Jetzt geriet ich in meiner analogen Lieblingsbuchhandlung an 'Pornstory', Königs jüngstes Werk (Leseprobe), und blätterte es kurz durch. Es geht um die Entwicklung des Pornokonsums eines gewissen Eberhard Schlüter. Angefangen bei Papis heimlich geschauten Super 8-Filmen, über vom pornomanen Kumpel kopierte VHS-Kassetten mit Dolly-Buster-Filmen bis hin zu DVDs und Streamingportalen. Als junger Mann lässt er sich einmal widerwillig auf eine Gangbang-Party mitschleifen, wo er wider Erwarten gewaltig seinen Mann steht, was auch filmisch festgehalten wird. Jahre später, als Familienvater mit Eigenheim, entdeckt seine Frau den Film, macht ihm die geschlechtsspezifische Riesenszene und wirft den schweinischen Gatten aus dem Haus. Der vom Ehejoch befreite Eberhard kauft sich einen extragroßen Fernseher mit Netzzugang und kann nunmehr Pornos gucken bis zum Abwinken bzw. bis zum Tennisarm, derweil dank Youporn et al. eine neue, unverkrampftere Generation heranreift.

So charmant die Geschichte angelegt ist und so souverän König nach wie vor Situationskomik beherrscht, ist sein mit missionarischer Penetranz vorgetragenes, vulgärfreudianisches Mantra von der weltverbessernden Wirkung der freien Liebe und dem krampflösenden Effekt der Pornographie bestenfalls mäßig originell und wirkt inzwischen wie aus der Zeit gefallen. Bedaure, aber die simple Gleichung, dass allein mehr Sex und weniger Klemmerei zwangsläufig in eine bessere Welt führen, geht einfach nicht auf und wird dies auch in Zukunft wohl nicht tun. Und die diskutable These von der sexuell gehemmten Frau aus Wurzel allen Übels wird, bei aller berechtigten Kritik am Feminismus und seinen Auswüchsen, auch durch die xte Wiederholung nicht weniger fragwürdig.

Abgesehen von schrägen Sonderfällen wie Adolf Hitler, der diesbezüglich wohl wirklich einen gewaltigen Schlag schräg hatte, waren die ärgsten Unterdrücker der Menschheit, bis hin zu Religionsstiftern und Päpsten, in der Regel eben alles andere als verklemmt und führten ein fröhliches, weitgehend zügelloses Liebesleben mit zahlreichen Mätressen und Nebenfrauen. Paradoxerweise gilt der Buddhismus, dessen Begründer im Gegensatz zu anderen dezidiert jeglicher Sexualität entsagte, als friedlichste Weltreligion, wenn auch nicht immer zu recht. Sogar beim finsteren IS weiß man, was junge Kämpfer brauchen und führt ihnen par le ordre de Mufti Frauen zwecks verlustieren zu bzw. stellt ihnen das in Aussicht.

Wir haben, wie gesagt, seit zehn Jahren eine kinderlose, geschiedene Bundeskanzlerin, wir haben eine lesbische Umweltministerin, hatten einen offen schwulen Außenminister und nach Belieben mehrfach verheiratetes bzw. liiertes Führungspersonal ist eh ein alter Hut. Es ist schön, dass kaum jemand noch ein Problem damit hat oder Anstoß nimmt, wenn ein Mann sagt, er lebe mit einem Mann zusammen bzw. eine Frau mit einer Frau. Aber so wenig die Welt deswegen untergegangen ist, so wenig ist sie allein durch diese bloßen Tatsachen besser geworden. Die größte Gefahr unserer Zeit ist eine ganz andere, nämlich die, dass zu viele diese mühsam errungenen Freiheiten zu selbstverständlich nehmen, mit ihnen nicht umgehen können und damit jene groß machen, die sie wieder abschaffen wollen.


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Ralf König: Pornstory. Hamburg: Rowohlt 2015, 19,99 €



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