Samstag, 31. Dezember 2016

2016 - fast geschafft


So denn, das wäre es fast mit 2016, diesem Kack-/Arschloch-/Stinkstiefel-/Driss-/Drecksjahr. Darf man so was überhaupt schreiben, ohne sich des distinktionsschwachen Mitläufertums schuldig zu machen? Oho, spitzen da coole, Aufmerksamkeit witternde Redaktionspraktikanten die Laptops: 2016 ein Mistjahr zu finden, ist voll spießig, das machen doch alle. Ich hingegen bin dagegen. Den Strom. Den Mainstream. Das Establishment. Bitte beachtet mich und findet mich originell! Anders! Oder wenigstens unkonventionell, ein Stück weit. Oder es wird altväterlich geonkelt: Nein, nicht wirklich, wahrnehmungsgestörtes Dummerchen. Lass mich erklären... Establishment aber, bzw. gegen selbiges zu sein, ist ein gutes Stichwort. Daran lässt sich nämlich die These festtackern, dass das beinahe vergangene zumindest in zweierlei Hinsicht vielleicht doch eines der eher weniger gelungenen Jahre war. Man muss ja nicht immer zwanghaft originell sein.

Samstag, 24. Dezember 2016

In diesem Sinne!


So, der 24. des Dezembers ist einmal mehr erreicht und es ist hier zur Tradition erwachsen, das musikalisch zu begehen. Und da ist die Auswahl groß, denn zahlreiche, vielleicht zu zahlreiche musikalische Stimmen sind heuer für immer verstummt. Die schönste Stimme davon war ziemlich sicher diejenige von Greg Lake. Welch ein Tenor! Sein zum Klassiker gewordener Song 'I Believe In Father Christmas' teilt hier und da möglicherweise das Schicksal von Bruce Springsteens 'Born In The U.S.A.', weil man sich von der Hülle täuschen lässt. Auch hinter der beinahe schon zu schönen Fassade dieses kleinen Meisterwerks verbirgt sich dezent konsumkritischer Inhalt.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Der dünne Firnis


"Heuchelmord" (Friedrich Küppersbusch)

Am liebsten wäre mir, hier guten Gewissens schreiben zu können: Zu dem, was vorgestern in Berlin geschehen ist, fällt mir nichts ein. In der Tat, es gibt ja nichts, das nicht schon zu Paris/Nizza/München etc. geschrieben wurde, ob von mir oder von anderen, das nicht 1:1 auch für Berlin gelten kann. Und wenn schon, dann gibt es angenehmeres, über das man sich so kurz vor Weihnachten zu schreiben genötigt sieht. Ist man atheistisch oder agnostisch unterwegs, kann man sagen: Hey, Weihnachten sind zwei ganz normale Tage wie alle anderen, die halt gnadenlos mit Bedeutung überfrachtet werden, who cares? Das hilft aber denen nicht, für die das Weihnachtsfest etwas bedeutet und für die das daher besonders belastend ist. Man kann das belächeln, aber dann würde man sich geistig auf eine Stufe mit jenen begeben, mit denen man bestimmt nicht auf einer Stufe stehen will, und von denen am Ende noch die Rede sein wird.

Montag, 19. Dezember 2016

Wutbürger's Paradise


In was für Zeiten wir so leben, erschließt sich manchmal schon an Kleinigkeiten. So hat Esther Kogelbloom im Tagesspiegel einen so genannten 'Rant' verfasst, in dem sie dafür plädiert, Kinder zu Weihnachten nicht mit Geschenken zuzuschütten, denn das führe auf Dauer nicht zu mehr Freude sondern bloß zu Abstumpfung. Kann man mit konform gehen oder nicht. Ein Blick auf die Kommentarspalte: Unerhört! Will die Tante uns vorschreiben, wie wir Weihnachten zu feiern haben. Wir! Feiern! Wie! Wir! WollenE!nS!1 Es gibt Tage, da ist man urlaubsreif, da ist man auf, da kann man nicht immer alles ignorieren, da möchte man solche Wutbürgerdämlacke am Schlafittchen packen und ihnen sagen: Nein, das will sie nicht, du Vollhonk! Das kann sie auch gar nicht. Das weiß sie im Gegensatz zu dir wahrscheinlich auch. Sie macht lediglich einen Vorschlag, mit dem du einverstanden sein kannst oder nicht. Kein Grund, hier sofort den Breiten zu machen.

Samstag, 17. Dezember 2016

Ronny des Monats - Dezember 2016


Zu früh gefreut! Oder vergebens gebangt, je nach dem. Allen, die gehofft oder befürchtet haben, diesen Monat werde der allmonatliche Ronny nicht verliehen, sei gesagt: Auch Weihnachtszeit ist Ronny-Zeit. Ich bin halt nur eine Woche ins Hintertreffen geraten wegen viel um die Ohren. Groß zum Recherchieren gekommen bin ich auch nicht. Brauchts aber gar nicht. Drei der fünf Preisträger waren nach zehn Minuten Suche gefunden. Wir haben eben 2016.

Ladies and Gentlemen, die Top 5 des Monats Dezember:

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Praktisches Weihnachtslexikon, A-Z


2., durchgesehene und erweiterte Auflage

Wiederholungen wegen des großen Erfolges hat es hier eigentlich noch nie gegeben. Während der ersten Jahre der hiesigen Bloggerei war Weihnachtszeit immer Servicezeit. Weil das mittlerweile schon mehrere Jahre her ist, dachte ich mir, wieso das den alt eingesessenen Lesern nicht in Erinnerung rufen und die neu hinzugekommenen damit bekannt machen?

Damals hieß es:

Einigen wird das seltsame Treiben aufgefallen sein, das die Umwelt in diesen Breiten seit einigen Wochen deutlich sichtbar praktiziert. Auch die seltsamen Wörter, die zu jedem Jahresende kursieren, mögen viele vor das eine oder andere Rätsel stellen. Als stets um Aufklärung bemühter Zeitgenosse habe ich mich, zum Teil im Selbstversuch, daran gemacht, eine praktische, alphabetisch geordnete Liste zusammenzustellen, die die in diesem Zusammenhang wichtigsten Fragen für alle in verständlicher Form beantworten sollte.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (12a)


Der Spaß geht weiter

Nach meiner vortäglichen, unerfreulichen Begegnung mit der Nacherhebungsstelle eines großen Transportunternehmens, dessen Namen ich mir nicht zu nennen vorgenommen habe, und einer überschlafenen Nacht, dachte ich, ich kontaktiere den Laden mal an zuständiger Stelle. In meiner Naivität, deren Ausmaß zu umreißen allenfalls Lichtjahre ausreichen, dachte ich nämlich, ein moderner Dienstleister nähme Kritik seiner Kunden - ich wiederhole mich: seiner zahlenden Kunden - ernst und veranlasste am Ende gar Nachforschungen und gegebenenfalls Verbesserungen, so sich bestimmte Vorfälle häufen. Anders gesagt: Narr, der ich war, hatte ich gedacht, man begriffe bei einem modernen Dienstleister Kritik auch als Anregung. Ist inzwischen eigentlich sogar üblich.

Samstag, 10. Dezember 2016

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (12)


Hin und wieder passiert es mir, leider. Gestern habe ich es wieder getan und ich bin nicht stolz darauf. Ich, der ich die Langmut in Person sein kann, bin ausgeflippt und habe am Telefon einen Menschen übel angeranzt, der nix dafür kann, aber irgendetwas bei mir getriggert hat. Es war wohl einfach jenes eine, entscheidende Gran zu viel. Mein Tonfall tut mir im Nachhinein natürlich leid und war auch nicht persönlich gemeint, aber ich hasse dieses Gefühl, wenn ein Laden, der sich nach außen hin Dienstleistung und Kundenorientierung auf die Fahnen schreibt, bei erster Gelegenheit auf jegliche Dienstleistung und Kundenorientierung pfeift, sobald er in entsprechender Position ist, statt dessen das Gebaren eines Königlich Preußischen Steuereintreibers annimmt und einem signalisiert: Wir haben dich an den Eiern, Freundchen, und du kannst absolut nichts machen. Du entkommst uns nicht. Zahl einfach.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Nice try


Das gestrige Spiel Real Madrids gegen Borussia Dortmund war eines, für das man als Fußballaffiner zwanzig öde Grottenkicks in Kauf nimmt. Obwohl beide Teams bereits fix im Achtelfinale waren und es 'nur' um den Gruppensieg ging, gab es 93 Minuten Tempo, Taktik und einen Schuss Wahnsinn. Am Ende hieß es im Bernabeu 2:2. Reus' Ausgleichstor kurz vor Schluss nach brillanter Vorarbeit von Aubameyang war schiere Wucht, Energie, Filigrantechnik und Eleganz. Ambivalenz des modernen Profifußballs: Nach so einem Spiel und erst recht den Gemeinschaftserlebnissen, die es zu stiften vermag, ist einem egal, dass da 22 Jungmillionäre auf dem Platz standen, von denen die meisten in Autos zum Training gefahren kommen, deren Anschaffung für die allermeisten Fans so weit entfernt ist wie eine Weltreise erster Klasse auf der 'Queen Mary'.

Montag, 5. Dezember 2016

Hofburg, zweiter Versuch


Dass gestern bei der österreichischen Präsidenten(stich)wahl der von der FPÖ aufgestellte Norbert Hofer nicht gewonnen hat, ist eine gute Nachricht, das lasse ich mir um keinen Preis wegdiskutieren. Wäre es nämlich anders ausgegangen, dann hätte diese Wahl, einem verbreiteten Bonmot zum Trotze, sehr wohl so einiges verändern können. Keine Frage, nicht nur im südöstlichen Nachbarland muss Leben in die muffige Bude des einseitig neoliberal verfilzten Politbetriebs, doch gibt es andere, muss es andere Wege geben, den etablierten Parteien Feuer zu machen, als einem Rechtsaußen mit Faible für Austrofaschismus in eine Position zu hieven, in der er zwar nicht viele Befugnisse hat, aber im Gegensatz zum deutschen Bundespräsidenten doch welche, mit denen er so einiges anrichten kann.

Samstag, 3. Dezember 2016

Damals


Meine erste bewusste Begegnung mit dem 'Bösen Russen' hatte ich damals in den Siebzigern im Werbefernsehen. Zwei cowboymäßig dahergaloppierende, dabei ungewohnt uncowboymäßig gekleidete Schnauzbärte ritten zu wildrasanter Musik im Affenzahn durch irgendeine Pampa. Dazu hieß es mit seltsamem Akzent: "Komm, Briederchen, trink! Kosakenkaffäh." Weder wusste ich, was Kosaken sind, noch ahnte ich, dass es sich dabei um ein alkoholisches Getränk handelte. Hieß schließlich Kaffee, das Zeug. Da roch ich zwar gern an der offenen Packung, aber trinken mochte ich ihn ums Verrecken nicht. Heiß, bitter, eklig, wie fast alles, was Erwachsene sich genüsslich einpfiffen.

Dienstag, 29. November 2016

Herr S. wirft mit Dreck


Über den möglichen nächsten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz kann man sicher einiges Kritische sagen. Auf der untersten Ebene politischer Auseinandersetzung kann man ihn und seinen manchmal schwerzüngigen rheinischen Akzent schlicht unsympathisch finden oder sich meinetwegen auch ein wenig lustig machen darüber bzw. über seine provinzielle Herkunft, obwohl er dafür nichts kann. Wäre aber noch im Rahmen für mich. Ferner kann man ihn selbstverständlich für jede seiner Positionen angreifen, man kann ihn einen pupsgrauen Karrieristen nennen, einen abgehobenen Eurokraten, der die Knechtung Griechenlands und anderer angeblicher Pleitestaaten unter die Austeritätsknute mit entsprechend brachialer Rhetorik maßgeblich mitbetrieben hat. Kann man alles tun. Sollte man sogar. That's demoracy.

Samstag, 26. November 2016

Leistungsträger - im Cockpit und anderswo


Der legendäre Ewald Lienen meinte kürzlich in einem Interview, der Sektor des Profifußballs sei vor allem deshalb so üppig finanziert, die gezahlten Summen für Gehälter, Werbung und Übertragungsrechte so astronomisch, weil er - Panem et Circenses, der alte Klassiker - die Funktion habe, das Volk zu unterhalten, auf dass es nicht auf die Idee komme, an den herrschenden Verhältnissen etwas ändern zu wollen. Anders: Der Zirkus trage maßgeblich dazu bei, dass es noch ein wenig dauert mit der Revolution. Der kluge Mann weiß übrigens, wovon er redet, denn er hat 2012/13 bei AEK Athen gearbeitet. Einsichten wie die erstere jedenfalls hat er etlichen Redakteuren großer überregionaler Tageszeitungen definitiv voraus.

Freitag, 25. November 2016

Stolperstein


Termin in einer Schule in der Nähe. Es war mir vorher nicht bewusst, dass es sich um diese Schule handelt. So kam die Begegnung mit der an einer nicht zu übersehenden Stelle des Schulhofs angebrachten Gedenkstätte überraschend. Glupp. Einer dieser Momente im Alltagstrott, in denen einem unversehens klar wird, mit welch unwichtigem Kram man sich normalerweise so zu befassen pflegt.

Dienstag, 22. November 2016

Untote


Christian Krachts anstrengend ennervierender Roman 'Die Toten'

Jochen Malmsheimer, jener Großmeister des sprachlichen Floretts, merkte einmal schwer widerlegbar an, es gäbe Eigennamen, die in sich bereits ganze Sätze seien. Marion Kracht etwa. Oder Steffen Seibert. Den nicht mit Marion verwandten Christian Kracht hingegen erwähnte er nicht. Warum, will mir ein Rätsel bleiben. Was das mit dem Thema zu tun hat? Eigentlich nichts. Ich möchte halt ein Buch des Letztgenannten rezensieren und habe irgendwie nach einem Einstieg gesucht. Und weil es sein kann, dass es bei jenem Christian gewaltig kracht im Hirn. Sein 1995 erschienener Erstlingsroman 'Faserland' wirbelte damals einiges an Staub auf. Ein Jahrhundertbuch!, jubelte ditt noch janz frisch jesamtverdeutschte Föjetong. Der Retter und Erlöser der schwer an notorischer Walser-Grass-Sklerose leidenden deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schien in dem schmalen blonden Jüngling endlich gefunden.

Sonntag, 20. November 2016

Über die Bleierne


"Ich glaube wirklich, dass Angela Merkels Technik darin besteht, Betäubungszonen auszudehnen. Also, ich habe in anderem Zusammenhang gesagt, "sie chloroformiert das Land", und zwar dadurch, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr der Befragbarkeit übergibt. Dazu gehört, wenn Sie die Neujahrsansprache schon angesprochen haben: Es kommt NSU, NSA nicht vor. Es kommt nicht Lampedusa vor, Afghanistankrieg nicht vor, die neue Große Koalition kommt nicht vor, sondern sie hat begriffen, dass größtmögliche Reibungslosigkeit und damit auch kontinuierliche Unterforderungen unserer zerebralen Tätigkeit dazu führt, dass man sie mag, während Steinbrück mit einem einzigen Satz bereits etwas macht, was irgendwie Kontur hat.

Samstag, 19. November 2016

Die Neuerscheinungen


Und? Den Meilenstein mitbekommen? Gestern haben Metallica ihr neuestes Werk veröffentlicht. Angesichts der medialen Rezeption muss man feststellen, dass die vier älteren Herren einigen ihrer Rezipienten eine Erkenntnis offenbar voraus haben: Die, dass die Zeit sich nicht zurückdrehen lässt. Nicht falsch verstehen, ich finde es völlig okay, wenn Menschen sich halbwegs treu bleiben, alte Verbundenheit respektieren etc. Die Frage ist halt nur, ob man es nicht auch übertreiben kann. So frage ich mich mitunter, ob es Musikschreibern nicht irgendwann selbst zu blöd ist, jedes neue Album der kalifornischen Krachkünstler an den ganz alten Glanztaten zu messen. Jedes Mal aufs Neue: Sind sie noch so gut wie früher, bevor sie sich nach dem Schwarzen Album endgültig dem Kommerz an den Hals geworfen haben? Oder den Hardcore-Fans, die artig jedes neue Album kaufen in der Hoffnung, dieses mal endlich, endlich die neue 'Master Of Puppets' in Händen zu halten, die dort anknüpft, wo 'And Justice For All' einst aufgehört hat?

Dienstag, 15. November 2016

Über Wettbewerb


Seien wir doch offen: Wettbewerb wird schon ganz schön überschätzt. Damals in der Schule haben sie versucht, uns zu imprägnieren gegen die Rote Gefahr. Drüben im Kommunismus, hieß es also, blühten Korruption und Vetternwirtschaft, weswegen dort bloß inkompetente, senile Witzfiguren an die Macht gelangten. Bei uns in der Di-Da-Demokratie dagegen, auf der richtigen Seite der Eisernen Vorhangs, da sei das freilich ganz anders. Bei uns sorge der freie Wettstreit der Ideen und Argumente, der Wettbewerb um des Wählers Gunst, automatisch dafür, dass am Ende die Fähigsten und Fittesten regierten. So wie ja in der Marktwirtschaft auch die berühmte Unsichtbare Hand dafür sorge, dass das jeweils beste Produkt sich letztlich durchsetze. Schon damals in den Achtzigern fragten wir uns, ob daran nicht etwas faul sein könnte, wenn exakt dieser Wettbewerb Geistesgrößen wie Ronald Reagan und Totalausfälle wie Dan Quayle, Vizepräsident unter George Bush sen., in höchste Ämter bringt.

Sonntag, 13. November 2016

Ronny des Monats - November 2016


Kinder, wie die Zeit vergeht! Vor einem Jahr wurden zum ersten Mal die Ronnys des Monats vergeben, auf dass schöne Einzel- und Gruppenleistungen auf dem Gebiet des Rechtsradikalismus und Faschismus nicht der Vergessenheit anheim fallen. Und es sieht nicht danach aus, dass die Kandidaten mir ausgehen. Inzwischen mischt auch die CSU fast immer mit beim fröhlichen Niveau-Limbo. So etwa der dritte Bürgermeister von Altdorf bei Nürnberg, der sich angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland zu einer Veranstaltung anlässlich des Reformationstages eingeladen wurde, zu der Vokabel "Islamschweinerei" hinreißen ließ. Das erinnert nicht nur an längst vergangen geglaubte Zeiten, in denen man politischerseits ähnliches Vokabular benutzte, sondern hätte ihn auch gleich von Null in die Charts gebracht, wenn, ja wenn nicht wieder im letzten Moment die AfD ums Eck gekommen wäre.

Freitag, 11. November 2016

Ein Dammbruch?


So, nun, ja, Trump. Rückblickend wird natürlich einiges klarer und hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Trotzdem kam das überraschend. Und es bedeutet eine ganze Menge, bin immer noch am sortieren. Hat daher etwas gedauert. Ich lege mich mal fest: Die kommende Präsidentschaft Donald Trumps ist entweder eine politische Wetterscheide oder bleibt pure Episode, dazwischen scheint es nur wenig zu geben. Drunter mache ich es nicht. Vieles, leider allzu vieles, spricht dafür, dass die des öfteren anzutreffende Einschätzung, der 9.11.2016 sei der 11.9. für das liberale Zeitalter, wohl zutrifft. Die per se ja gar nicht üble Idee des Liberalismus wurde leider auf Jahrzehnte an die Wand gefahren durch die unter Ronald Reagan, einem von Trumps Vorgängern im Amte, begonnene neoliberale Verarmungspolitik der letzten 35 Jahre. Bei uns von den gegelten Klassensprecher-Schnullis von der FDP. Kein Wunder, dass niemand traurig ist. Vielleicht sollten wir aber.

Montag, 7. November 2016

Doppeltmoralinsaurer Demokratierest


"Die oberen Zehntausend dieser Gesellschaft sind ein Sumpf. Sollen sie fälschen, betrügen, sich schmieren lassen, koksen, wie es ihnen beliebt. Wenn sie uns nur verschonten mit ihrer Moral." (Hermann L. Gremliza)

Es kann hilfreich sein, sich klarzumachen, dass das, was wir bürgerliche Werte nennen, ursprünglich der Abgrenzung und Selbsterhöhung des etwa ab dem 18. Jahrhundert aufstrebenden Bürgertums gegenüber dem Adel diente. Blaublütige bildeten sich traditionell etwas darauf ein, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen, weil das das gottgegebene Los von Bauern und Plebejern war ("Im Schweiße deines Angesichts..."). Sonderlich sparsam war man in diesen Kreisen meist auch nicht. Die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes wäre ohne das entspannte Verhältnis zum Geld, das diverse Fürsten pflegten, um etliche repräsentative, kunsthistorisch bedeutende Bauten ärmer. Die Bürgerlichen setzten solcher Verschwendungssucht das Ideal des fleißigen, sparsamen, korrekten Frühaufstehers und Schaffers entgegen, der seine Finanzen im Griff hat. So kam auch das Denken in die Welt, (Erwerbs-) Arbeit sei ein Wert an sich und wer nicht arbeite, demnach nichts wert.

Samstag, 5. November 2016

The longer read: Literatur in Zeiten des Mega-Ich


Über dicke Bücher im Allgemeinen und den irrtierenden Erfolg des Norwegers Karl Ove Knausgård im Speziellen

Einen Hang zur Kürze pflege ich von jeher. Als Schüler hatte ich kein Verständnis dafür, wie man bei einer Oberstufenklausur Seite um Seite mit Geschwafel vollschmieren konnte, nur um der Quantität willen. Meine Klausuren waren in der Regel kurz und bündig und deswegen unterm Strich weder besser noch schlechter benotet als die der notorischen Vielschreiber. Seitdem ist es nicht besser geworden. Mit zunehmendem Alter reagiere ich unleidlicher, wenn ich das Gefühl habe, ein Redner, ein Regisseur oder eben ein Schreiber will mir mit endlos langem hohlem Geklapper die kostbarer werdende Zeit klauen. Wie an anderer Stelle erwähnt, sind mir Menschen höchst suspekt, die das Leistungsprinzip auf den Umfang ihrer Lektüre ausdehnen, will heißen: für die Bücher unter 500 Seiten bloß Prospekte sind. Bei mir verhält es sich umgekehrt. Ein Buch über 500 Seiten muss richtig gut sein, der Verfasser verdammt was draufhaben, damit ich nicht die Geduld verliere und es wieder beiseite lege.

Mittwoch, 2. November 2016

Sündenstolze Sippenhaft


Sicher ist der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit so einiges, bestimmt aber nicht immer unproblematisch. Schlussstriche zu fordern ("Ja, das waren gewiss ganz schlimme Dinge, die diese Verbrecherclique, die aus dem Nichts über Deutschland gekommen war, angerichtet hat, aber irgendwann muss es auch endlich auch mal gut sein mit den alten Kamellen."), ist ungefähr so alt wie die Unterschriften der Wehrmachtsgeneräle auf den Kapitulationsurkunden. Etwas jüngeren Datums ist die seinerzeit von Hermann Lübbe geprägte Invektive vom 'Sündenstolz'. Was ungefähr bedeutet, die Deutschen seien in toto insgeheim ein bisschen stolz auf die Überverbrechen der NS-Zeit ("Den Holocaust macht uns so schnell keiner nach."), zumal das die Möglichkeit verschaffe, sich mittels besonders penetrant zelebrierter Vergangenheitsbewältigung als moralisch höher stehende Menschen zu gerieren. Logisch, dass entsprechend Interessierte Kreise das dankbar aufgriffen.

Montag, 31. Oktober 2016

R2G-Socken


Es sind diese kleinen Dinge, die einem deutlich machen, in welch verrückten Zeiten wir leben. Nehmen wir die x-te Exhumierung der Rote-Socken-Panikmache durch die CSU. Als Westkind bin ich damit groß geworden, dass Konservative immer mit apokalyptischem Unterton in der Stimme davor warnten, dass 'die Roten' an die Macht kommen. Fragte man, wieso, dann bekamen ihre Mienen einen Ausdruck namenlosen Entsetzens. "Wie kann man bloß so dumm fragen? Weil das unser aller Untergang wäre.", brachten sie hyperventilierend und mit letzter Kraft über die zitternden Lippen. "Willst du etwa leben wie drüben?". Das musste als Argument normalerweise reichen. Auch wollten sie einem immer verbieten, YPS* zu lesen und später den SPIEGEL. Alles von Moskau finanzierte kommunistische Kampfblätter, das, die der Roten Gefahr den Weg ebnen sollten, indem sie die Hirne unschuldiger Kinder und Heranwachsender wuschen.

Samstag, 29. Oktober 2016

Warum nicht mal ein Arschloch?


Könnte, so habe ich mich während dieses Jahres schon des öfteren gefragt, Freund Hein zur Abwechslung auch mal ein richtiges Arschloch zu sich holen, wenn er heuer schon so einen Bodycount hinlegt? Viele Gute hat es dieses Jahr erwischt. Jetzt Manfred Krug. Mit 79. Geht in Ordnung, kann man nicht meckern. Er selbst war's auch zufrieden, hatte sich ja schon seit längerem aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Krug kam aus der DDR, hat sich nie verbiegen oder vereinnahmen lassen und war in vielem das, was der eitle Wolf Biermann immer so verzweifelt zu sein begehrte: Ein Künstler, ohne klischeehaft zu sein, ein Übersiedler ohne Gewese drum zu machen, ein Dissident ohne zu nerven, ein Kerl ohne ein Macho zu sein. Darüber hinaus uneitel und verdammt cool, vor allem aber: anständig. Als er einsehen musste, dass er durch seine unseligen Werbeaktivitäten für Telekom-Aktien dazu beigetragen hatte, dass viele Kleinanleger ihr Erspartes verloren, entschuldigte er sich öffentlich. Für so was brauchst du Rückgrat. Dafür liebten ihn die Menschen. Gäbe es mehr von seiner Sorte, die Welt wäre vermutlich eine bessere.

Freitag, 28. Oktober 2016

Gallisches Dorf vs. Konzernokratie


"Dumme kann man gescheit machen, aber wenn einer ein Interesse hat, dann können Sie sich tot reden, der weiß genau, was sein Interesse ist." (Kurt W. Rothschild)

Zu erwarten war es ja irgendwie. Haben sie die widerständigen Wallonen doch noch rumgekriegt, jenes kleine Gallische Dorf der EU, das ein paar Tage lang öffentlich wagte, gegen das Freihandelsabkommen CETA zu sein und so die Hoffnung nährte, jenes Gebilde namens Europa sei doch noch irgendwie demokratisch. Ich bin schon ein wenig neugierig, wie diese Einigung am Ende zustande gekommen ist. Waren die Wallonen jetzt einfach zufrieden mit den paar Extrawürsten, die sie herausverhandeln konnten, oder musste man ihnen erst mit dem Beispiel Griechenlands drohen, um ihnen Vernunft beizubringen?

Montag, 24. Oktober 2016

Die Jungsantwort - was fehlt


"Es hilft alles nichts, die zweite Lebenshälfte beginnt inzwischen, und da geht es eigentlich nur noch darum, dem Verfall irgendwie würdig zu begegnen." (Don Alphonso)

Zu den unpolitischen Belanglosigkeiten im hiesigen Medienschaffen, bei der ich zuweilen hängen bleibe oder auch nicht, gehört, hiermit sei's offen und ehrlich ventiliert, die Rubrik 'Mädchenfrage/Jungsfrage' bei 'jetzt', jenem irre coolen, hippen Talentelaufstall der ehrwürdigen 'Süddeutschen'. Junge oder auf jung machende Frauen (hier: 'Mädchen') fragen junge oder auf jung machende Männer (hier: 'Jungs') Dinge, über die sie sich bei den jeweils anderen schon immer gewundert haben bzw. vice versa, und bekommen dann eine Antwort. Das ist meiner kursorischen Kenntnis nach meist recht oberflächlich, manchmal auch amüsant. Was völlig okay für mich ist, begehrt man schließlich gar nichts anderes zu sein.

Freitag, 21. Oktober 2016

Alles nur Satire?


Nachdem Kollege Hartmut die Frage aufgeworfen hat, wie lange wohl Frauke Petrys Twitter-Account stillgestanden hätte, wenn die Blitzbirne, die einen Polizeibeamten tödlich verletzt hat, kein so genannter 'Reichsbürger' gewesen wäre, sondern Mehmet geheißen hätte, sind auch mir ein paar Fragen durch den Kopf gegangen. Ich hatte ja schon letztens vorgeschlagen, all diesen Komikern sämtliche ihnen staatlicherseits zustehenden Zahlungen (Sozialleistungen, Kindergeld, Steuerrückzahlungen etc.) in Reichsmark bzw. dem letzten inflationsbereinigten Kurs in Euro auszuzahlen. Fände ich nur fair, schließlich meinen etliche von denen ja auch, es genüge, Briefe mit 4 Cent zu frankieren, weil das dem letzten Briefporto des Deutschen Reiches entsprechen soll.

Dienstag, 18. Oktober 2016

Eitle Tränentiere


Letzte Woche ist bekanntlich Tamme Hanken, der gewichtige Gäuleeinrenker aus Ostfriesland, überraschend und in relativ jungen Jahren verstorben. Der Mann war als 'Knochenbrecher' aktiv und hatte durch diverse Fernsehsendungen im Nordfunk eine gewisse Prominenz erlangt. Habe ich schon mal gesehen, so kurz vor dem Einschlafen. Schien ein korrekter, wenn auch äußerst geschäftstüchtiger Typ gewesen zu sein. Ob das, was er mit den Zossen da veranstaltet hat, seriös war oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander und ich habe keine Ahnung davon. Da ich weder Pferde noch andere Haustiere habe, ist das aber auch nicht schlimm. Selbstverständlich tut es mir leid um alle, die im nahe standen und ihn schmerzlich vermissen. Um die geht es auch nicht. Es geht darum, dass der Verblichene ein so genannter Promi war und wie das, was inzwischen 'Netzgemeinde' genannt wird, mit so was umgeht.

Samstag, 15. Oktober 2016

Ronny des Monats - Oktober 2016


Meine Güte, war es der nationale Gedenktag, der die Ronnys der Nation sich im letzten Monat so hat ins Zeug legen lassen? Eine Menge an üblichem Kram gilt es zu vermelden. So verging auch dieses Mal der Monat nicht, ohne dass sich  irgendein AfD-Komiker zum Obst gemacht und sehr schön demonstriert hätte, wie wenig Platz in dieser Partei wirklich ist für Kryptonazis und Ewiggestrige. Dieses mal war es der saarländische Spitzenkandidat Rudolf Müller, der sich als nebenberuflicher Devotionalienhändler entpuppte. Apropos Müller: Natürlich gab es auch wieder eine Menge Verbaldiarrhoetiker wie Klaus Müller, die auf Facebook, gern auch unter Klarnamen, aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten.

Überhaupt, Dresden. Da wären die Bombenleger, die bewiesen haben, dass man in der Welthauptstadt der Bombenopfer nach wie von ein Händchen hat für so was, und schließlich die Grölemänner vom dritten Oktober. Quasseln was von Diktatur, beschimpfen die Staats- und Regierungsspitze lautstark in einer Weise, für die man sie in jeder Diktatur, die diesen Namen verdient, sofort ins Loch werfen und den Schlüssel wegschmeißen würde, kommen hier aber ungeschoren damit durch und bemerken den Fehler auf dem Bild nicht.

Menge Holz, das. Schwer, da eine Auswahl zu treffen. Ich habe es trotzdem versucht. Die Top 5 des Monats:

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Schmähkritik des Tages (4)


Heute: Denis Scheck über Margot Käßmann

"Gibt es Jämmerlicheres, als wenn Erwachsene beim Besuch im Kindergarten oder in der Grundschule so tun, als wären sie selbst Kindergartenkinder oder Grundschüler? Dieses literarische Leben auf Kredit, diese geborgte Naivität, dieses Sich-blöd-stellen mit großen Stauneaugen ist der basso continuo von Margot Kässmanns publizistischem Oevre. 'Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsauschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze', schreibt sie. Ein unnötiges Buch, von der Konzeption her Kraut und Rüben, in der Ausführung lieblos hingerotzt, ein Buch, dessen Leser sich wie zu Unrecht ans Kreuz geschlagen fühlen müssen." (Über 'Mehr als Ja und Amen')

"Zwölf Aufsätzlein der Ex-EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. "Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen", schreibt Margot Käßmann darin. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel, für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid." (Über 'Sehnsucht nach Leben')

Und, weil's so schön ist und alles nun einmal zwei Seiten hat:

Dienstag, 11. Oktober 2016

Huch! Bio doch nicht besser


Irgendwie war das zu ahnen. Seit Jahrzehnten wird dem deutschen Konsumenten nunmehr gepredigt, er solle sich, ungeachtet finanzieller Möglichkeiten, gefälligst bio ernähren, der bösen Agrarindustrie und der noch verwerflicheren Massentierhaltung durch sein Konsumverhalten dadurch den Stinkefinger zeigen. Nebenbei wurde dem Volke erzählt, Bio-Lebensmittel seien grundsätzlich immer gesünder, ihre Produktion stets ressourcenschonender. Nun scheint sich herauszustellen, dass bei solchen Heilsversprechen eher Zurückhaltung und Skepsis geboten sind. War aber schon länger klar. Wer es wissen wollte, wusste z.B. schon längst, dass im Bio-Landbau kein Kunstdünger erlaubt ist und daher mit Naturdünger gearbeitet werden muss. Das ist entweder Kompost oder, weil der sehr teuer ist, Gülle bzw. Stalldung. Bio-Landwirtschaft ohne Tierhaltung ist also schwierig. Außerdem sind die Erträge niedriger, sodass der Flächenverbrauch höher ist.

Samstag, 8. Oktober 2016

Über hiesige Satire


"Während [Satire] in der Rezeption und Kritik andernorts längst als eine etablierte Kunstform unter anderen gilt, muß es hierzulande stets ans Eingemachte gehen: Hinter jedem miefigen »Was darf Satire?« ist schon der Wunsch eines Verbots erkennbar, es tönt nach Begrenzung und Maßregelung, jeder Witz muß sich dem Kollektiv, der Nation, wahlweise dem Unternehmen Aufklärung oder dem, was sich dafür hält, als dienlich erweisen. Noch die kleinste Ambivalenz, die kleinste Uneindeutigkeit - Elemente, ohne die Humor schlicht nicht denkbar ist - müssen mittels Projektion oder moralischer Vereinnahmung getilgt werden." (TITANIC 10/2016)

Dienstag, 4. Oktober 2016

Singende Tofuletten


Woher rührt eigentlich dieser Irrglaube einiger Hobbymusiker, jenseits privater Anlässe ostentativ vorgetragener Dilettantismus spiele keine Rolle, sei, im Gegenteil, völlig okay oder wirke gar besonders authentisch, solange man bloß für eine edle Sache eintritt? Hach, wir können das ja eigentlich gar nicht richtig, aber unser Anliegen ist uns halt sooo wichtig, dass ihr das bestimmt aushalten werdet, lautet dann meist die Ausrede. Wir sind halt keine Profis, aber bemühen uns doch so dolle. Honoriert das doch auch mal. Nein! So was ist schlicht respektlos. Wieso soll ich gezwungen sein, mich mit Ohrenfolter molestieren zu lassen, bloß weil deren Urheber glauben, die Wahrheit mit besonders großen Löffeln eingepfiffen zu haben? Wer schon einmal vollkornbrotenes Kirchentags-Geklampfe und -Gequerflöte auszuhalten hatte, weiß: Schon ein bisschen davon kann deutlich zu viel sein.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Gretchenfragen zum Dritten


Wie anderswo bereits ausgeführt, entspricht mein Verhältnis zum morgigen dritten Oktober, vulgo: Annexionsgedenktag, in etwa dem eines Atheisten zum Weihnachtsfest. Nett, den Tag frei zu haben, ansonsten schnurz. Selbst wenn die Festivitäten gegenüber meiner Haustür stattfänden, meine Lieblingsbands Gratiskonzerte gäben und Mitglieder der Bundesregierung eigens dafür abgestellt würden, sich in Lakaienlivreen um mein Wohl zu sorgen, mir Luft zuzufächeln, mir bis zum Verlust der Muttersprache alle halbe Stunde einen Humpen frisch gezapften Festtagsbieres oder einen Schoppen guten Rheinweines ans Sofa zu bringen hätten, wozu "Kanzlerwanstminister Altmaier" mir die passenden Leckereien kredenzen dürfte (der Mann versteht definitiv was von gutem Essen und das Treppensteigen bekäme ihm sicher hervorragend) - ich nähme dankend an, geriete aber trotzdem nicht in Feierstimmung. Nationalismus ist Sippenhaft und macht doof, und wer behauptet, die Dinge hätten sich seit 1990 für alle zum Besseren entwickelt, hat entweder den Knall nicht gehört oder noch nie was von Neoliberalismus.

Freitag, 30. September 2016

Of Mice and Women


Es ist ja nicht so, dass ich es nicht ärgerlich fände, mich teils auch fremdschämte, wenn Männer sich unangemessen aufführen, aber einen Skandal vermag ich darin meist nicht zu sehen. Ich komme da nicht ganz mit: Vergleichsweise junge Frau und allein erziehende Mutter tritt in eine Partei ein, in der in großen Teilen noch die Alten Säcke das Sagen haben, die vielleicht die Partei mit der größten Dichte an Alten Säcken ist. Was im übrigen kein Staatsgeheimnis ist. Alte Säcke unter anderem, die ohne rot zu werden beklagen, ihre Partei sei sozialdemokratisiert. Die Frau macht in dieser Partei ziemlich schnell eine ziemlich steile Karriere und wundert sich dann, dass die Alten Säcke sich exakt so benehmen wie Alte Säcke sich halt so benehmen. Was hat sie erwartet? Geht sie auf der Kirmes auch immer in die Geisterbahn und beschwert sich hinterher, das sei ja gar kein Streichelzoo? Haben Manuela Schwesig und Heiko Maas schon das #teamjennabehrends ins Leben gerufen bzw. sich einem angeschlossen?

Dienstag, 27. September 2016

Debatten abwürgen leicht gemacht


"Ist schon Kommunismus oder darf ich mich wieder hinlegen?" (Doris Akrap)

Keine Frage, über Erbschaftssteuer zu reden ist notwendig und überfällig angesichts der Besitzverhältnisse im Lande. Das lässt Don 'Im Gegensatz zu euch Mieter-Losern besitze ich Wohneigentum, historische Ölbilder, silberne Teekannen und Rennräder und habe auch sonst alles richtig gemacht im Leben - erwähnte ich übrigens schon, dass eure Armut mich ankotzt?' Alphonso deswegen gleich über Enteignung der von Vorfahren und ihm gestapelten Assets herumbarmen und quasi schon die Weltrevolution vor der Tür stehen sehen. Kann man machen, muss man sich andererseits aber die Frage gefallen lassen, wieso dann Erwerbsarbeit, die ja immer noch die Basis dafür ist, sich, so man über keines verfügt, ein vererbbares Vermögen aufzubauen, im Verhältnis zum Erben so viel stärker besteuert wird.

Sonntag, 25. September 2016

O'zapft war!


"Für Wirtschaftstheoretiker der neoliberalen Schule ist das Oktoberfest ein einziger Horror. Hans-Werner Sinn, der frühere Leiter des ifo-Instituts, dürfte hyperventilieren vor Schreck, wenn er an die Wiesn denkt. Schließlich ist dort so gut wie alles anders, als es sich die neoliberale Ideologie so vorstellt: Die ganze Unternehmung ist extrem erfolgreich, obwohl sie von der öffentlichen Hand - der Stadt München - veranstaltet wird. Es gibt keinen freien Marktzugang, denn es kann keineswegs jeder, der Lust drauf hat, Geschäfte auf der Theresienwiese machen." (Franz Kotteder)

So denn, sie haben es geschafft. Haben mich breitgeschlagen. Und ich habe mich lassen. Letztes Jahr um diese Zeit noch gespöttelt über den hiesigen Ableger des größten Massenbesäufnisses des Planeten, dieses Jahr saß ich selbst im Zelt, habe gegessen, gezecht, gefeiert. So kann's gehen. Zu meiner Entlastung kann ich immerhin anführen, dass ich das im Gegensatz zu schätzungsweise 90 Prozent der übrigen Anwesenden nicht in irgendeinem Trachtenfummel getan habe, sondern in gewöhnlicher Kleidung. Erstens, weil ich nicht über so etwas verfüge, zweitens, weil ein bisschen gegen den Strom halt sein muss. Auch Lenin war im Hofbräuhaus und durchaus angetan. Außerdem ist, siehe die oben zitierten Ausführungen Kotteders, nicht alles schlecht an der Wiesn.

Donnerstag, 22. September 2016

Zeigt her eure Befunde!


"If you need a role model you are a dick." (Charlie Brooker)

In den USA und in Österreich scheint man uns in einem Punkt definitiv voraus zu sein. Dort hat man neuerdings die Gesundheit amtierender bzw. ein Amt anstrebender Politiker als politische Größe entdeckt. Hillary Clintons Schwächeanfall und die Nachricht von ihrer Lungenentzündung nutzte ihr Rivale Donald Trump in gewohnter Weise dazu, zu beweisen, dass er nicht nur der Präsidentschaftskandidat mit dem monströsesten ökonomischen Sachverstand, den schlichtesten Lösungen und dem Längsten aller Zeiten ist, sondern auch der allergesündeste von allen. Auf die naheliegende Idee, dass eine Ochsentour wie ein Wahlkampf inklusive Vorwahlkämpfe einem Menschen von Ende sechzig schon mal an die Kraft gehen kann und so jemand sich dann halt mal was wegholt, kommt freilich keiner mehr. Nein, wer die mächtigste Militärmacht der Welt regieren will, hat gefälligst in jeder Hinsicht perfekt zu sein. Man muss weiß Gott kein Anhänger Hillary Clintons sein, um diese Entwicklung bedenklich zu finden.

Dienstag, 20. September 2016

Schmähkritik des Tages (3)


Heute: Ralf Sotscheck und Malte Kreutzfeldt über Hinkley Point C

Letzte Woche hat die britische Premierministerin Theresa May endgültig grünes Licht gegeben für den Bau des Kernkraftwerks Hinkley Point C, des ersten neuen Reaktors in Großbritannien seit 20 Jahren. Obwohl Atomenergie, im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien, die nur linksgrüne sozialistische Spinner gut finden, bekanntlich eine saubere, beherrschbare und vor allem irre wirtschaftliche Art der Stromerzeugung ist, muss auch im Mutterland des Kapitalismus und der Privatisierungsfans seltsamerweise der Staat mit ein paar Pfund einspringen:

Samstag, 17. September 2016

Wenn ich ein Rechter wär'...


… dann wäre meine kleine Welt immer ganz einfach, denn ich wüsste immer, wer schuld ist. In der Nacht zu Samstag ist das Auto der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry (4 Kinder) ausgebrannt. Man geht von Brandstiftung aus, der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. Darauf hinzuweisen, dass derlei Sachbeschädigung nicht nur als Mittel der politischen Auseinandersetzung komplett inakzeptabel ist, sollte sich von selbst verstehen. Auch dass bei dem Brand kein Mensch zu Schaden gekommen ist, darf man sehr wohl als gute Nachricht an der Sache verbuchen.

Donnerstag, 15. September 2016

Gastronomie 4.0


Nix zu machen, Foodbloggen, also schreiben über Restaurants, ist nicht so meins. Klar, ich esse gern gut und würde dann und wann gern ein wenig Werbung machen für Läden, in denen gute Leute ordentliches, faires,  gutes Essen bereiten und servieren. Habe ich auch 2-3 Mal versucht, reizt mich aber irgendwie nicht. Keine Ahnung, wieso. Vielleicht wegen meiner immer noch tiefsitzenden Abneigung gegen Leute, die Leben für so rasend interessant halten, dass sie ihr Essen mit dem Handy knipsen und sich hernach wichtigtuerisch umsehen. Möglicherweise auch, weil ich, total Old School, essen als Privatsache betrachte und sich irgendwas bei mir dagegen sträubt, das mit der ganzen Welt zu teilen, wie das ja gerade von den ganzen hippen Start Ups propagiert wird, die ihrerseits nicht daran denken, irgendwas zu teilen. Was soll’s, mögen das Geschreibsel übers Essen halt die erledigen, die‘s lieber machen und besser können als ich. Das Themenspektrum hier deucht mir eh schon breit genug.

Montag, 12. September 2016

Ronny des Monats - September 2016


Aaah, ich mag es, wenn man auf mich hört. Mir gehorcht. Gibt mir so ein Gefühl von Macht und Einfluss. Letzten Monat habe ich ja die AfD ermuntert, sich doch mal ein bisschen mehr ins Zeug zu legen, damit es bei der allmonatlichen Ronny-Verleihung endlich für einen Spitzenplatz reicht. Was soll ich sagen? Ich wurde erhört. Prompt hat die Chefin persönlich einen rausgehauen, der sie diesen Monat - Spoileralarm! - souverän und unangefochten auf den ersten Platz katapultiert. Glückwunsch, geht doch! Aber auch die restlichen Preisträger sind einmal mehr nicht ohne. Ladies and Gentlemen, die Ronnys dieses Monats:

Samstag, 10. September 2016

Facebook und die Moral


Es gibt diese Momente, in denen die Neunziger wieder ganz nahe zu sein scheinen. In denen einen als Europäer Anwandlungen überkommen, den Amis ihre beschissene, klebrige, verklemmte Heileweltmoral genüsslich und mit Anlauf dorthin schieben zu wollen wo es sehr dunkel ist und immer dunkler wird. Bevor es irgendwann dann wieder hell wird. Dieses oberflächlich grinsende, friedhofsöde, zum Kotzen harmonische Vorstadt-Reinheitsideal, das alles Lebendige, Widersprüchliche unter einer dicken Schicht Zuckerguss begräbt. Wie sie der Welt in einer Tour unterjubeln, dass Minderjährige vom zehntelsekundenkurzen Anblick einer unbedeckten weiblichen Brust irreparablen Schaden nähmen, es aber offenbar völlig unproblematisch finden, dieselben Minderjährigen dem Anblick von Rambos auszusetzen, die ganze feindliche Armeen wegmetzeln.

Freitag, 9. September 2016

Ich bin ein Bayernversteher


- na ja, meistens jedenfalls

Dass die Unterscheidung in links und rechts als politische Klassifizierung weitgehend untauglich geworden sei, wird vornehmlich gern von Rechten und Kryptofaschisten behauptet. Um damit die Grenzen zu verwischen. Ach komm, auch wir sind doch irgendwie ein Stück weit links, lautet der fiese Subtext, ist eh alles ein Brei. Wir sind doch nicht wirklich rechts. Das ist nicht nur schlicht falsch, weil link etwas anderes ist als links, sondern auch ein alter Hut. So war ja auch die SPD in ihren Hochburgen zu ihren Hochzeiten, etwa dem Ruhrgebiet der Siebziger, niemals sonderlich progressiv, geschweige denn links. Zumindest nie so, wie sie von rechtskonservativen Linkenfressern, die hinter jeder Straßenlaterne die Weltrevolution dräuen sahen, stilisiert wurde.

Montag, 5. September 2016

Phantasiereichsbürger


Das muss der Neid ihm lassen, diese Erfahrung hat Kollege gnaddrig mir voraus. Er ist tatsächlich zwei 'Reichsbürgern' live in echt und in Farbe begegnet. Also jenen Gestalten, die die Bundesrepublik  Deutschland für eine privatwirtschaftliche GmbH halten und sich als Bürger des Deutschen Reiches wähnen. Weil es bekanntlich nie einen völkerrechtlich bindenden Friedensvertrag gegeben hat. Könnte man schließlich auch daran erkennen, dass es hierzulande nur 'Personalausweise' gäbe, wo doch Staaten gar kein 'Personal' hätten. Denken Sie mal drüber nach. Päng, päng! Na, dämmert's? Sie können daher bei einer der inzwischen zahlreichen Parallelregierungen, gegen Gebühr versteht sich, voll echte Reichsdokumente erstehen, die einen übrigens ordentlich zu privilegieren versprechen.

Samstag, 3. September 2016

Sonntag des Zorns


So denn, morgen ist der große Tag endlich da. Ab morgen werden wir uns alle noch umgucken. Dieser Sonntag wird in die Geschichte eingehen. Da wird nämlich die AfD von Meckpomm aus endgültig ihren großen Marsch durch die Institutionen antreten. (So viel übrigens zum Thema, Wahlen veränderten nichts.) Bitte da ein wenig um Verständnis, aber mir beginnt schlicht nichts mehr einzufallen zu dem Verein. Was soll man noch sagen? Es heißt ja oft, man müsse die Sorgen und Nöte dieser Leute ernst nehmen. Ja, schön, versuche ich. Und? Was, wenn die Sorgen und Nöte dieser Leute auf einer teils wahnhaft verzerrten Wahrnehmung der Welt beruhen? Welche dann von politischen Karrieristen und Abenteurern instrumentalisiert wird? Da hilft argumentieren eben nicht mehr, daran prallt so ziemlich alles ab.

Dienstag, 30. August 2016

Rein in die Klamotten, raus aus den Klamotten


Das nennt man wohl einen echten Treppenwitz. Noch in den 1960ern wurde eine abendfüllende Komödie gedreht darüber, wie Louis de Funès als Gendarm von St. Tropez an der Côte d'Azur Jagd auf Nudisten machte, auf dass diese sich gefälligst was überzögen im katholischen Frankreich. Vor kurzem forderte die dortige Bullerei die Trägerin eines so genannten 'Burkini' (pardon: eine Leggings, eine Tunika und ein Kopftuch - danke, Wolfgang) unter Androhung von Gewalt auf, sich gefälligst etwas auszuziehen, da dies ein Verstoß gegen das an einigen französischen Stränden geltende, inzwischen aber wieder kassiert Burkini-Verbot sei. Da hieß es dann: Zieh dir gefälligst weniger über, du Luder! Einigen kann man es, scheint's, so gar nicht recht machen. Gemischt sollen die Reaktionen des übrigen Publikums bei dem peinlichen Schauspiel ausgefallen sein.

Samstag, 27. August 2016

Statt Karten


Kinder, wie die Zeit vergeht. Ist die BRAVO auch schon 60 und damit endgültig eine alte Schachtel! Jene Jugendpostille, die einem schon als geschmacklich in jeder Hinsicht unausgereifter Pubertierender peinlich war ("Lieber Dr. Sommer, ich bin 16 und immer noch Jungfrau. Was kann ich dagegen tun?" - "Ähhh, vögeln?"). Ich habe mir sogar tatsächlich einmal eine Ausgabe gekauft - im Gegensatz zu Springers Vierbuchstabenblatt übrigens, bei dem ich meinen Boykott ein Leben lang aufrecht erhalten habe. Natürlich nur wegen der Geschichte über eine längst ehemalige Lieblingsband, die scharfe Nackte auf der Aufklärungsseite interessierte mich selbstredend nicht die Bohne. (Hey, warum wird da so albern gekichert? Da gibt es nichts zu lachen!)

Donnerstag, 25. August 2016

Horror im Verborgenen


Ein seltsames Volk, dies. Teile lassen sich noch von jeder Bullshit-Bedrohung, die man ihnen hinwirft, wie Islamisierung, Überfremdung, Flüchtlinge etc. ins Bockshorn jagen, halten aber echte, dringende Probleme wie den Klimawandel für bloße Propagandalügen. Das Fiese ist ja: Während es diesem, unserem Planeten ziemlich egal sein dürfte, ob die Deutschen irgendwann tatsächlich in einem Kalifat aufgehen oder mangels Vermehrung aussterben, ist es die Klimaerwärmung definitiv nicht. Und die Empfehlung der geliebten Regierung, einen Essens- und Wasservorrat für 14 Tage anzulegen, lässt in den Köpfen einiger offenbar gleich Bilder von Steckrübenwintern und vor der Tür stehenden Russen erblühen. Verstehe das einer.

Montag, 22. August 2016

Schmähkritik des Tages (2)


Heute: Ewgeny Morozov über Mark Zuckerberg und Konsorten

"Mark Zuckerberg von Facebook wünscht, dass wir Offenheit und radikale Transparenz leben, er selbst kauft seine Nachbarhäuser, um so viel Privatheit zu haben wie möglich. […] Die Mächtigen des Silicon Valley hassen jede Einmischung in ihr Privatleben. Würden sie für irgendeine andere Branche arbeiten, wären ihre Sorgen verständlich. Aber sie arbeiten für eine, die uns davon überzeugen will, dass Privatheit nichts zählt. Warum sollte ihre Heuchelei nicht publik gemacht werden? […] Eine Welt, in der die Tech-Elite alle Privatheit genießt, die sie sich wünscht, während der Rest der Menschheit deren Verlust zu akzeptieren hat, beruht auf einer Verlogenheit, die so extrem und absurd ist, dass sie zum Thema gemacht werden muss, egal wie aggressiv." (SZ, 03.06.2016)

Samstag, 20. August 2016

Verschleierter Autoritarismus


Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mich einer freundlichen, perfekt integrierten jungen Frau aus dem Libanon über das von einigen muslimischen Frauen getragene Kopftuch, vulgo: Hijab. Sie selbst trug keines, meinte aber, wenn sie dereinst heirate, dann würde sie selbstverständlich sofort das Kopftuch anlegen, sollte ihr Mann das von ihr verlangen. Keine Ahnung, inwieweit so eine Aussage repräsentativ ist, aber wenn das der Fall sein sollte, dann illustriert sie sehr schön, dass es bei Fragen um Hijab/Niqab/Tschador/Burka etc. vielleicht weniger um Religionspraxis geht, sondern eher um religiös verbrämte Kontrolle weiblicher Sexualität. Patriarchat in hart.

Mittwoch, 17. August 2016

Inspektor Schnarch


Oder: Sie können auch anders

Eigentlich bin ich ein Freund britischer Fernsehproduktionen. Meistens sind sie innovativer, cooler, temporeicher, gnadenloser, ironischer, näher am Puls der Zeit als das, was bei uns so heruntergekurbelt wird. Vergleicht man etwa die BBC-Serie 'Sherlock' mit einem durchschnittlichen 'Tatort', dann stinkt letzterer schon arg ab. Von Ausnahmen wie denen aus Dortmund einmal abgesehen, nimmt sich der in Teilen der Bevölkerung als avantgardistisch und gewagt geltende ARD-Dauerbrenner im direkten Duell meist als das reinste Schlafmittel aus. Allerdings ist, wie ich jetzt feststellen musste, auch auf der Insel nicht alles Gold, was glänzt. Im Gegenteil, die können auch ganz anders. Studieren lässt sich das sehr schön am Beispiel der in Oxford spielenden Serie 'Lewis - Der Oxford-Krimi'.

Sonntag, 14. August 2016

Fliegende Scheiben, moralische Entrüstung


Das Fiese an Leuten, die sich andauernd moralisch im Innersten entrüstet geben, ist ja nicht nur, dass sie zu faul oder zu blöd zum Argumentieren sind, sondern auch, dass sie sich berechtigt sehen, aller Welt ihre verschissene, höchstpersönliche Moral hereinzudrücken.

Nehmen wir nationales Kasperletheater wie das, ein mehr oder minder willkürlich zur 'Nationalhymne' dekretiertes Musikstück und ein bunt bedrucktes Tuch mit irgendwelcher Bedeutung aufzuladen und kultisch zu verehren. Zu meiner Zeit war es im Vorfeld von Fußball-Länderspielen allgemein akzeptiertes Verhalten, Kaugummi zu kauen und auf keinen Fall auch nur eine Note der Hymne mitzusingen. Inzwischen werde ich beim gemeinschaftlichen Fußballgucken hier und da schief angesehen, wenn ich bei der Nummer sitzenbleibe und mein Bier austrinke, anstatt, wie die ganzen anderen beseelt grinsenden Schwarzrotgoldhamster, aufzustehen und allen Ernstes die Hand aufs Herz zu legen.

Freitag, 12. August 2016

Ronny des Monats - August 2016


So denn, es ist wieder einmal um den Zehnten des Monats – Ronny-Time. Auch diesen Monat haben zahlreiche Kandidaten sich wieder mächtig ins Zeug gelegt und geliefert. Und das, obwohl ich eine Woche nicht im Lande war. Super! Auch dieses Mal ist daher wieder einiges unter den Tisch gefallen. Etwa dieser Einblick in das, was inzwischen an einigen Gymnasien so abzugehen scheint. Tut mir übrigens leid, liebe AfD, dass es auch dieses Mal nur für Platz 5 gereicht hat. Aber um auf den vorderen Plätzen zu landen, müsst ihr schon härter zupacken, nicht nur immer theoretisieren. Richtig was losmachen, bis die Polizei kommt. Kommt, ihr schafft das! Ich glaub an euch!

Also, die Ronnys des Monats (mit * versehene Links führen wie immer in die Untiefen des Fratzenbuchs):

Donnerstag, 11. August 2016

Durchgehende Gäule, Grenzen des Langmuts


Von den internationalen Pharmazeutischen Festspielen, als Olympische Sommerspiele gehandelt, gibt es ja auch durchaus Gutes zu vermelden. Zwar tut es mir um die einzelnen Sportler, deren Medaillenträume da platzen, sehr wohl leid, aber die mehr als magere Ausbeute der deutschen Mannschaft lässt auch ein wenig Genugtuung in mir keimen. Ich kann mir halt ein Grinsen nicht verkneifen, wenn nationale Selbstgerechtigkeit und mit Großmäuligkeit sich tarnende Unprofessionalität von Funktionären eins aufs Dach bekommen. Überhaupt bewahrheitet sich einmal mehr, dass Olympische Spiele as we know it nur noch in Diktaturen so richtig funktionieren. Woanders haben die Leute schlicht kein Geld oder keine Zeit, in die Stadien zu gehen und viele Plätze bleiben leer. Was wiederum die Hoffnung nährt, dass diese komplett korrumpierten, heillos aufgeblähten milliardenschweren IOC-, FIFA- und UEFA-Apparate irgendwann an ihrer eigenen Größe ersticken werden.

Mittwoch, 10. August 2016

Besser als ihr Ruf


Ketzerisches zur Küche auf den Britischen Inseln

Es hilft nichts, wenn man über Großbritannien redet, kommt man früher oder später fast zwangsläufig auf das Thema Essen. Weil mir die breitärschige, von keinen Skrupeln getrübte Selbstgerechtigkeit, mit der hierzulande zuweilen über das dortige Essen hergezogen wird, von jeher gewaltig auf den Senkel geht (die einzigen, für die ich diesbezüglich noch ein gewisses Verständnis habe, sind ehemalige, durch Schulverpflegung nachhaltig traumatisierte Austauschschüler), sehe ich mich aus aktuellem Anlass herausgefordert, eine Lanze für selbiges zu brechen. Die britische Küche ist nämlich längst deutlich besser als ihr Ruf.

Montag, 8. August 2016

Reiseimpressionen (6)


Eine Busfahrt, die ist lustig

"Erleben... Erfahren... Genießen", so steht es auf der Seite des doppelstöckigen Trucks, der uns herüberkarren soll. Lustig. Niemand bucht eine Busreise, weil's so viel Spaß macht, sondern einzig und allein, weil sie meist die günstigste Alternative überhaupt ist. Gegen meine Gewohnheiten habe ich dieses mal also eine Busreise auf die Insel gebucht. Normalerweise nehme ich ja den Billigflieger, weil ich mir dank der dortigen Verwandtschaft keinen Kopf um eine Unterkunft machen muss. Nur ist die gerade verhindert. eine Unterkunft aber ist das Problem. Dort hin- und rumzukommen ist einigermaßen günstig machbar. Ein Dach über dem Kopf schon weniger, sofern man nicht mit 20 besoffenen Australiern einen Schlafsaal im Hostel teilen will. Also Busfahren. Nun gut, mal wieder mit dem Schiff und mit Blick auf die Klippen von Dover anzureisen, hat auch was. Lockert zudem die ewige Sitzerei ein wenig auf.

Sonntag, 31. Juli 2016

Kurze Sommerpause


So, liebe Leserinnen und Leser, bitte nicht wundern, wenn hier die nächsten Tage über nichts neues erscheint - auch ich verabschiede mich in eine kurze Sommerpause. Keine Sorge, ich bin nicht der Typ für wochenlange Reisen, wünsche aber gute Erholung von mir. Man liest sich beizeiten in alter Frische.

Freitag, 29. Juli 2016

Belastete Wörter


Es kommt mit zunehmendem Alter seltener vor, doch manchmal passiert's immer noch. Dass irgendwo ein humortechnisch belastetes Wort fällt, das Gehirn auf pubertären Autopilot schaltet und der Rest des Tages in Gekicher und Gepruste untergeht. Früher zum Beispiel, Anfang der Neunziger, wir waren nicht mehr in der Pubertät, aber immer noch pubertär genug, da konnte es passieren, dass jemand sich ein Buch griff, es mit bedeutungsschwangerer Miene aufschlug und dann mit gravitätisch-schwermütigem Timbre und entsprechenden Blickes sagte: "Melusine." Das genügte, um die damals noch frische Erinnerung an Loriots maximal geniale Parodie auf eine Dichterlesung zu evozieren und es war vorbei. Hiiicks! Pruuust!

Mittwoch, 27. Juli 2016

Sturmreife Bürgerrechte


Komisch, mit jeder weiteren Schreckensmeldung einer neuerlichen Bluttat bin ich nicht etwa ängstlicher, sondern bloß immer müder und trauriger geworden. Ich mag keine Köpfe rollen und auch keine Gesetze verschärft sehen. Die Verschärfungen sind längst ausgearbeitet, die entsprechend Interessierten warten nur auf einen Anlass, sie aus der Schublade zu ziehen. Das panische Scharfmachergerede kotzt mich an, der hektische Aktionismus, angeblich dazu angetan, dass ich mich sicherer fühle, geht mir komplett am Arsch vorbei. Etwas ganz anderes tut Not. Ein Anfang wäre, den Zeigefinger in der Tasche zu lassen und es sich vorerst zu verkneifen, ganz genau zu wissen, wer oder was schuld ist. Wer immer das zu wissen vorgibt, lügt.

Sonntag, 24. Juli 2016

Die Einzeltäterin


"Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein." (Funny van Dannen)

Zu den zählebigsten Missverständnissen gehört der Glaube, es ginge, wenn erst einmal diskriminierte, marginalisierte oder sonstwie -ierte Minderheiten das Sagen hätten, besser, friedlicher, herzlicher oder mitmenschlicher zu auf der Welt. Weil Minderheiten per se Opfer und Opfer ja wertvollere, edlere Menschen sind als die Mehrheitsverbrecher. Schön und gut, stimmt nur leider nicht. Stimmt nie, tut mir leid. Weil Nettsein nicht davon abhängt, männlich, weiblich, LGBT zu sein, keine Frage von Religion, Hautfarbe oder Migrationshintergrund ist, sondern einzig und allein davon, ein Arschloch zu sein oder nicht. Arschlöcher aber gibt es bekanntlich überall. Und die Opfernummer (Ich werde verfolgt und unterdrückt, schluchzbuhu!) beherrscht inzwischen noch der dämlichste Dorfnazi souverän.

Freitag, 22. Juli 2016

Bye bye, VHS!


Hach ja, wieder geht ein Stück Kindheit und Jugend. Das VHS-Video ist seit vorgestern offiziell Geschichte, dead and gone. Der letzte Hersteller hat die Produktion von Recordern eingestellt. Im Gegensatz zu anderen Dingen, ruft aber deren Verschwinden keinerlei irgendwie gearteten Gefühle bei mir hervor. Dafür waren die Dinger einfach zu inferior. Ich trauere schließlich auch nicht ums Testbild. Welche Gründe sollte es auch geben, den ollen Gurken hinterherzuweinen, angesichts der momentanen technischen Möglichkeiten?

Dienstag, 19. Juli 2016

Wir Vergleichgültigten


Besonders kindische Gemüter pflegen ja zu glauben, jemand, der mal die eine oder andere Sentenz getan hat, die ihnen irgendwie voll nicht in den Kram passt, disqualifiziere sich völlig für jedweden weiteren Diskurs. Im akademischen Umfeld scheint, was mich als gelernten Philologen schmerzt, diese Unsitte zur Zeit besonders in Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften modern zu sein. Traurige Berühmtheit erlangte die Komödie vom vorletzten Jahr, als an der Berliner Humboldt-Uni eine paar sich weigerten, sich in einer Einführungsveranstaltung im Fach Erziehungswissenschaften mit Texten von Kant, Rousseau und Voltaire zu befassen. Die jungen Gehirnakrobaten in spe waren der Ansicht, derlei Texte seien nichts weiter als von toten weißen Männern verzapfte, rassistische und eurozentrische Kackscheiße und somit komplett irrelevant. Wow, Meilensteine der Hermeneutik!

Samstag, 16. Juli 2016

Frankreich, wieder einmal


Erst Charlie Hebdo und der jüdische Supermarkt, dann der blutige Novembersamstag, jetzt Nizza. Zum dritten Mal binnen eineinhalb Jahren haben sich, heißt es, Islamisten Frankreich als Ziel von Terroranschlägen ausgeguckt. Das Ergebnis ist bekannt, die Vorgehensweise kennt man aus dem Irak und aus Israel. Der Täter raste mit einem gemieteten Lastwagen die Strandpromenade entlang, tötete mindestens 84 und verletzte 202 Menschen teils schwer, so die vorläufige Bilanz der Staatsanwaltschaft. Wenn es denn ein Islamist war. Vieles spricht dafür, dass es sich um einen psychisch kranken Einzeltäter handelte, dessen Tat vom IS nun zur Strafaktion stilisiert wird für Präsident Hollandes Ankündigung, die Angriffe gegen den IS zu verstärken. Auch sollte man nicht vergessen, dass der IS bzw. Täter, die sich auf den IS berufen, auch anderswo tödliche Anschläge verübt haben, dennoch fragt man sich: Warum immer Frankreich?

Donnerstag, 14. Juli 2016

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (11)


Weil ich im Getränkemarkt meines Vertrauens Stammkunde bin, passiert es von Zeit zu Zeit, dass ich zu meinem Einkauf irgendein Werbegeschenk als Dreingabe angeboten bekomme. Freundlicherweise hat man heuer davon abgesehen, mir zur Europameisterschaft irgendeinen schwarzrotgoldenen Tinnef aufnötigen zu wollen. Ob ich vielleicht ein Grillkochbuch möchte, lautete dieses Mal die Frage. Na, da sage ich doch nicht nein und bekomme ein schmales Bändchen überreicht. 50 Seiten sind's gerade mal, wie das heimische Auspacken später ergab. Aber man soll nicht meckern, geschenkter Gaul und so. Ich dankte artig.

Montag, 11. Juli 2016

Fordern und fördern


David Folkerts-Landau ist Chefökonom der Deutschen Bank und sieht eine neue Bankenkrise dräuen. Die Lösung sieht er darin, die europäischen Banken nach amerikanischem Vorbild mit Staatskohle auszustatten (er nennt es vornehmer "rekapitalisieren"). Gut 450 Milliarden Dollar sind damals in den USA geflossen. Den Kapitalbedarf der europäischen Banken bezifferte Folkerts-Landau auf 150 Milliarden Euro. Nur etwa ein Drittel dessen also, was amerikanische Banken bekommen haben. Na, wenn das kein Schnäppchen ist!

Freitag, 8. Juli 2016

Ronny des Monats - EM-Special


"Nationalismus bedeutet Krieg." (François Mitterrand)

In Zeiten von Fußball-Welt- und Europameisterschaften haben Gevatter Ronny und seine Kumpels bekanntlich Hochkonjunktur. Grund genug, in diesem Monat ein EM-Special zu veranstalten. Wobei das Aus im Halbfinale dem nichtnationalistisch tickenden Fußballfan, der sich einfach an einem guten Spiel erfreuen möchte, ohne deswegen Fähnchen schwenken oder sich mit Horden weitgehend ahnungsloser Brüllaffen gemein machen zu wollen, natürlich sehr zupass kommt. Das Ausscheiden der zu 'Jungs' verniedlichten Millionärstruppe sorgt wegen der nunmehr ausbleibenden nächtlichen Lärmbelästigung für ungestörte Nachtruhe und wegen des allgemeinen Abflaggens des ganzen scheißrotgoldenen Tinnefs für ein deutlich weniger getrübtes Blickfeld. Natürlich sollte bei aller Fokussierung auf das Wettgekicke nicht vergessen werden, dass auch abseits der Stadien wieder ordentlich hingelangt wurde. Freut euch nicht zu früh. Wir sehen alles.

Anyway, die Top 3 aus dem Umfeld der Fußball-EM:

Donnerstag, 7. Juli 2016

Streifzüge (3). Ex-Eisenbahnromantik


So, der Gips ist ab, der Röntgenbefund war, wie man mir sagte, gut, aber der Griffel ist natürlich immer noch arg lädiert und schmerzt bei falschen Bewegungen. Und so ist auch die ärztliche Verbotsliste nach wie vor unangenehm lang: Neben schwer heben (was heißt: alles, was schwerer ist als ein Glas Wasser), sind Auto fahren, Fahrrad fahren und schwimmen fürs erste tabu. Also bleibt nach wie vor nur die Fortbewegung zu Fuß im unmittelbaren Nahraum zur Ertüchtigung. Der Vorteil ist natürlich, dass man - Platitüdenalarm! - vieles um einen herum anders erlebt, Dinge sieht, an denen man immer nur vorbeigerauscht ist.

Montag, 4. Juli 2016

Europa, ein Kindergarten


Jene, die immer und überall auf buchstabengetreuer Umsetzung noch der absurdesten Vorschriften pochen, wenn es ihnen nützt, aber dreist Nachsicht und Großzügigkeit für sich in Anspruch nehmen, wenn nicht, gehören nicht eben zum Angenehmsten, was die Evolution bislang so hervorgebracht hat. Nehmen wir etwa das Gebaren der österreichischen FPÖ im Nachgang der Präsidentenwahl. Die hat die Wahl vom 22. Mai bekanntlich angefochten und vom Verfassungsgerichtshof insofern Recht bekommen, als dass die Wahl annulliert wurde und wiederholt werden muss. Nun bin ich kein Experte für die österreichischen Wahlgesetze, geschweige denn für das dortige Verfassungsrecht. Ich bin überhaupt kein Rechtsexperte. Aber durchaus ein Anhänger von Rechtsstaatlichkeit. Trotzdem, ob dieses Urteil ein Gewinn für den Rechtsstaat, nicht nur in Österreich, ist, wage ich zu bezweifeln.

Freitag, 1. Juli 2016

Ein weiteres Jubiläum


Heute vor 100 Jahren, am 1. Juli 1916, begann die Schlacht an der Somme.

Unter englischsprachigen Historikern ist es verbreitet, das Jahr 1916 als Jahr des 'Great Slaughter' zu bezeichnen, also als Jahr des großen Abschlachtens. Vor allem die so genannte Schlacht an der Somme (wie schon im Falle Verduns habe ich meine Probleme, so ein monatelanges, blutiges Andikehlegehen noch als Schlacht zu bezeichnen) hat sich vor allem im kollektiven Gedächtnis Großbritanniens tief eingegraben.

"Wir hocken hier seit Weihnachten 1914, und in dieser Zeit sind Millionen von Männern gestorben, während wir nicht mehr Fortschritt gemacht haben als eine asthmakranke Ameise mit schweren Einkaufstüten." (Blackadder)

Mittwoch, 29. Juni 2016

Sommerlektüre


Wolfgang Herrndorfs Roman 'Tschick' von 2010 taugt bereits jetzt zum Klassiker.

'Tschick' ist mir damals vor allem wegen des Titels aufgefallen. Ich habe das Buch aber nicht allein deswegen gekauft - das tue ich eigentlich nie - ('Tschick' ist die österreichische bzw. wienerische Bezeichnung für Zigarette - geraucht wird in dem Buch auch, aber eher nebenher), sondern auch, weil es eines dieser Bücher ist, das auch außerhalb des dauerheißlaufenden Bestsellerbetriebes und auch von anderen als den üblichen Verdächtigen allgemein gelobt wurde, was mir grundsätzlich immer sympathisch ist. Jetzt hatte ich reichlich Gelegenheit dazu, es auch mal zu lesen - so ein Gipsarm hat schließlich nicht nur Nachteile - und ich war schnell durch damit, weil es wirklich was taugt. Eine Entdeckung. Man lese das, ehe es zur Schullektüre und zum Gegenstand dröger Interpretationen werden wird. Wird es werden, unweigerlich.

Montag, 27. Juni 2016

So long, Horst!


Ohne Frage war Götz George viel mehr als Schimanski und hatte auch weitaus mehr drauf. Trotzdem, so was hat uns damals nachhaltig geprägt als Jugendliche im Ruhrpott der Achtziger (und uns tatsächlich - ich scheue mich nicht, es zu sagen - auch ein wenig stolz gemacht auf unsere damals schon im Abstieg begriffene, eher wenig attraktive Heimatregion):

Freitag, 24. Juni 2016

See EU later - zehn Thesen zum 'Brexit'


Mist! Die britischen Inseln waren immer meine Exit-Strategie. Für den Fall, dass hier irgendwann einmal zu meinen Lebzeiten die AfD oder noch schlimmere Gesellen das Ruder übernehmen sollten, erschien Auswandern zur Verwandtschaft ins Vereinigte Königreich immer als echte Perspektive. Das könnte seit gestern vielleicht schwieriger werden. Spaß beiseite, ich mag mich nicht einreihen bei denen, die jetzt die ganz großen Worte auspacken ("Die EU ist gescheitert!", "Das Ende der EU!") und ganz genau wissen, was kommen wird. Dafür ist das, was wir da gerade erleben, zu vielschichtig. Der weitere Verlauf der Dinge ist, trotz des eindeutigen Votums, alles andere als ausgemacht. Daher, wie schon im Fall der österreichischen Präsidentenwahl, zehn mehr oder weniger ausgearbeitete Thesen. Nehmt dies:

Dienstag, 21. Juni 2016

Willkommen zurück im Neandertal


Die momentan so heftig sich ereignende Fußball-EM wirft schon die eine oder andere Frage auf. Nicht selten handelt es sich um die, was in einigen Menschen eigentlich vorgeht. Da hat es das ZDF doch tatsächlich gewagt, zwei Vorrundenspiele von einer Frau kommentieren zu lassen, und schon geht mit nicht wenigen offenbar der behaarte Neandertaler durch. Es geht in Ordnung, Frau Neumanns Art des Kommentierens nicht zu mögen, man mag ihr gern mangelnde Sachkenntnis nachweisen, so man das schafft, was aber geht in Menschen vor, die ihr allen Ernstes Vergewaltigungen androhen? Mit welchem Recht begehren solche Menschen noch Ernst genommen zu werden? Wer es für den Untergang der Fußballwelt as we know it hält, wenn eine Frau zwei Spiele kommentiert, muss sich fragen lassen, in welchem Erdloch er die Jahrzehnte zugebracht hat, in denen Sabine Töpperwien Samstag für Samstag 'Sport und Musik' im Radio kommentiert hat.

Samstag, 18. Juni 2016

Ronny des Monats - Juni 2016


Ursprünglich sollte eine Ronny-Sonderausgabe zur momentan herrschenden Fußball-EM erscheinen, die nun wahrlich genügend Material bietet. Das erschien mir aber aus zwei Gründen unangebracht: Erstens blieben dann viele andere schöne, auszeichungswürdige Einzelleistungen unerwähnt und zweitens erscheint mir das, was wir zur Zeit am Rande des Wettkickens beobachten müssen, einer eigenen, etwas tiefer gehenden Analyse wert. Daher hier nur die Preisträger ohne EM-Special:

Mittwoch, 15. Juni 2016

Streifzüge (2). Wortspielhölle, Brechstange


Neu ins Westfälische Zugezogene sind normalerweise leicht daran zu erkennen, dass ihnen das hiesige Dehnungs-E nicht vertraut ist. Wer Städte wie Oer-Erkenschwick und Soest 'Öhr-Erkenschwick' und 'Söhst' ausspricht, outet sich ebenso schnell und zuverlässig als Auswärtiger wie jemand, der 'Bochum-Lähr' sagt. Gleiches gilt für Buer, jene stolze, einstmals autonome Stadt, die irgendwann schnöde an die Verbotene Stadt annektiert wurde (und mitnichten 'Bühr' heißt). Dabei ist das mit der Aussprache so schräg eigentlich gar nicht - den Keks- und Gebäckindustriellen De Beukelaer sprechen dank Werbefernsehen schließlich auch alle richtig aus, ohne etwas dabei zu finden. Wobei der Name allerdings belgischen Ursprungs ist.

Montag, 13. Juni 2016

Drama im Schwimmbad - wieder mal


Irgendwie scheint die Anzahl derer, die glauben, ihr höchstpersönlicher Empfindungshorizont hätte gefälligst maßgeblich zu sein für alle, eher zu- als abzunehmen. Erkennbar dünkt mir das daran, dass offenbar der nötigenfalls mit Verboten durchzusetzende Anspruch, der öffentliche Raum habe eine Art Hochsicherheitszone zu sein, in der niemals auch nur eine Empfindlichkeit verletzt wird, immer mehr um sich greift. Ein Konzept wie das, dass man, wenn einen ein bestimmter Anblick stört, halt nicht hinsehen und seiner Wege gehen soll, erscheint inzwischen rührend antiquiert.

Freitag, 10. Juni 2016

Streifzüge (1). Man viewt wieder public


Ist man es wie ich gewohnt, mehrmals in der Woche zu schwimmen und alle kürzeren Wege mit dem Rad zu erledigen und haben die Ärzte einem genau das untersagt, dann tut man gut daran, sich möglichst jeden Tag zu einem längeren Fußmarsch aufzuraffen. Anderfalls drohen schnelles und komplettes Einrosten sowie ein Platz in den Top Ten beim Jabba The Hutt-Ähnlichkeitswettbewerb. Ein paar Kilometer per pedes fördern zudem den Heilungsprozess (wegen Kreislauf) und tun insgesamt der Stimmung gut. Gestern etwa waren sie vor dem Rathaus in den letzten Zügen des Aufbaus der Public Viewing-Arena für das ab heute dräuende Wettkicken.

Dienstag, 7. Juni 2016

The Gypsum King


Einmal ist halt immer das erste Mal. So konnte mein Gerippe trotz etlicher, teils heftiger Stürze auf fast 50 bruchlose Jahre zurückblicken. Bis gestern. Stolperkante erwischt und den Landeanflug verpatzt. Erst gedacht: Nur ein Kratzer, wird schon wieder. Wurde aber nicht. Heute früh daher das volle Programm. Röntgen, CT, Diagnose, Gips. Nun ja, das Gerüst ist wohl nicht mehr so elastisch wie einst. Und so ein Handgelenk gehört zu den eher komplexeren Baugruppen im Stützapparat, wenn ich die heilkundige Frau von der Chirurgie, wo man mich verstrahlt und verputzt hat, richtig verstanden habe. Glück im Unglück: Es war ein Arbeitsunfall.

Sonntag, 5. Juni 2016

Kontinuitäten


Sieh an, dachte ich, als ich jüngst über die Kunstfigur des BWL-Studenten Justus stolperte, es gibt sie also offenbar immer noch, diese Typen, die einen reflexhaft zur Marx-Engels-Gesamtausgabe greifen lassen, und die sich kein bisschen verändert zu haben scheinen seit damals. Hauptberufliche Söhne und Töchter, deren von jeglichen materiellen Sorgen freies Leben eine einzige Party zu sein schien. Am 18. kamen sie mit geschenktem Auto zur Schule (auf dem Wagen pappte bereits vor der Zulassung ein Sylt-Aufkleber), trugen schon in den Achtzigern Kaschmirpullover locker um die Schultern geschlungen und interessierten sich ausschließlich für Dinge, die man kaufen kann, und zwar möglichst teuer.

Freitag, 3. Juni 2016

Schmähkritik des Tages


Heute: Maxim Biller über Thomas Mann

"[...] Es geht ja auch gar nicht um Thomas Mann, sondern darum, warum dieser schlechte Schriftsteller, der besser ein Parfumeur geworden wäre, heute in Deutschland so populär ist. Die Leute machen nur den zu ihrem Gott, in diesem Fall zu ihrem literarischen Gott, in dem sie sich wiedererkennen können. Und in wem erkennen sie sich da wieder? In einem karrieristischen Bürger, der vollkommen unehrlich mit seiner sexuellen Orientierung umgeht und heimlich die Juden hasst, sich aber natürlich irgendwann nicht mehr traut, das offen zu schreiben, außer in seinen Tagebüchern, und der eines Tages auch noch beschließt, nicht mehr Monarchist und Extrem-Nationalist zu sein, sondern für die Republik zu sein, der also über Nacht bei seiner politischen Orientierung völlig umschaltet und plötzlich ein Verfassungsdemokrat wird. Das ist ganz einfach die Geschichte von 90 Prozent der Deutschen nach dem Krieg. Deshalb ist er für sie ein Gott." (taz, 31.5.2016)

Dienstag, 31. Mai 2016

Antirassismus im Sonderangebot


Es ist mittlerweile Routine, und sie geht ungefähr so: AfD-Grande lässt einen grenzwertigen Spruch fahren, worauf reflexhaft allgemeine Empörung von Medien und Netzöffentlichkeit einsetzt, plus der obligatorische Shitstorm. Es folgt das große dementier- und relativier-Limbo des übrigen Parteipersonals u.a. mithilfe z.T. hanebüchener bis peinlicher Erklärungen (Missverständnis! Unterstellung! Hatter nie gesagt! Mit der Maus ausgerutscht! Boateng ist voll super!). Das ist aber egal, weil es darum, und nur darum geht, Aufmerksamkeit oben zu halten und der mehr oder minder latent rassistischen Kernklientel zu signalisieren: Bei uns seid ihr richtig. Zwinker, zwinker, wir verstehen uns.

Sonntag, 29. Mai 2016

Pussies und Mullahs


Wir sind, wie Tom W. Wolf sehr richtig bemerkte, schon arge Pussies. Während französische Gewerkschafter der Welt gerade zeigen, wie man sich gegen ein als Reform getarntes Verarmungsprogramm wehrt, heulen bei uns nicht eben wenige schon herum, wenn mal ein paar Züge ausfallen. Ei, des gehd doch ned! Mer müsse doch schaffe. Weddbewebbsfähisch bleibe. Des gehörd doch verbohde, so was! Pussies sind die Deutschen, zumindest die deutschen Männer, ja angeblich auch, weil sie kollektiv zu Weicheiern geworden sind, die jetzt, da nordafrikanische Grapscher und Antänzer in Kohortenstärke ihr Unwesen treiben bei uns, nicht mehr in der Lage sind, ihre Frauen angemessen zu verteidigen. Also rumheulen, anstatt auch mal nen Satz heiße Ohren zu verteilen. Ey, machsu meine Ische an oder was? Isch mach disch Krankenhaus!

Donnerstag, 26. Mai 2016

Zwölf Thesen zur Wahl vom Sonntag (2)


(Fortsetzung von Teil 1

7. Die bürgerliche Selbsttäuschung, so schlimm werde es schon nicht kommen, ist hochgradig gefährlich.

Man kann Georg Diez gar nicht genug zustimmen. Die bürgerliche Indifferenz, die Trägheit, die fehlende Entschlossenheit, die liberale Demokratie zu verteidigen, der vermessene Irrglaube, man könne eh nichts machen und so schlimm werde es schon nicht kommen, war im 20. Jahrhundert schon einmal fatal und droht es gerade wieder zu sein. Anders gesagt: Faschisten brauchen für ihren Aufstieg neben einer zerstrittenen, uneinigen Linken vor allem ein feiges, versagendes Bürgertum.

Dienstag, 24. Mai 2016

Zwölf Thesen zur Wahl vom Sonntag (1)


Natürlich gibt es gute Gründe, erleichtert zu sein (und ich bin es auch), dass der parteilose, aber von den Grünen unterstützte Alexander van der Bellen um Sackhaaresbreite noch österreichischer Bundespräsident geworden ist und nicht Norbert Hofer von der FPÖ. Allerdings ist die Angelegenheit zu knapp ausgegangen, als dass wirklich Grund zur Freude bestünde. Das ist eine Ansage, ein Ausrufezeichen, das allen übrigen Kräften in Europa als allerletzte Warnung dienen sollte. Wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn Ex-Kanzler Faymann nicht noch vor der Stichwahl zurückgetreten wäre.

Eine ganze Menge geht einem da durch den Kopf. Klar, die Sache ist ja auch ungeheuer vielschichtig. Einfache Erklärungen verbieten sich. Bruch- und Konfliktlinien, Unterschiede und Gemeinsamkeiten allerorten. Nicht weniger als zwölf mehr oder weniger zusammenhängende Thesen sind die letzten Tage so zusammengekommen bei mir. Vieles vielleicht vorläufig, ungeordnet und nicht ins Letzte ausgefeilt, teilweise vielleicht gar nicht mal sonderlich originell und überwiegend auf Österreich und Deutschland beschränkt. Work in progress eben. Man verstehe es also mehr als Selbstbedienungsladen, als gedanklichen Steinbruch. Viel zu lesen ist es allemal. Damit es keine Bleiwüste wird und nicht ganz so eitel rüberkommt, in zwei Teilen.

Freitag, 20. Mai 2016

Gewollt, nicht gekonnt (3)


Seit einiger Zeit lässt ein Saunaclub aus dem Rheinländischen aggressiv die Plakatwände dieser Gegend vollplakatieren ("Mama, was ist ein Saunaclub?" - "Da geht man hin, um zu schwitzen." - "Hä? Schwitzen ist doch voll doof. Warum geht man da extra hin?" - "Weil das gesund ist." -  „Wieso?“ - "Frag Papa."). Klar, auch dem minimalst aufgeklärten Passanten erschließt sich sofort, dass bei einem Besuch dieses Etablissements die Benutzung eines finnischen Schwitzbades zwar eine Option, aber eher zweitrangig sein dürfte. Dafür sind die Goldlettern einen Tick zu fett und zu glöööklerhaft, die beiden im Portrait abgelichteten Models (Angestellte?) einen Tick zu nuttig zurechtgemacht. Das ganze Teil atmet neureiches Ludengeprotze. Wie eine getunte Corvette C4. Oder ein Benz-Coupé mit güldnen Speichenfelgen.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Die Quotenmänner sollen's richten


Es ist gut dokumentiert und schwer zu bestreiten, dass es in Spitzen- und Führungspositionen einen deutlichen Männerüberhang gibt. Daraus aber nun zu schließen, Männer verdienten immer und überall mehr Geld als Frauen und seien auch sonst privilegiert wie nur was, ist hanebüchener Kokolores, der auch durch jahrzehntelanges, stoisches Wiederholen nicht richtiger wird. Gereon Asmuth fällt anscheinend immer noch darauf herein, wenn er behauptet, das treffe besonders auf Berufe zu, die :

Montag, 16. Mai 2016

Vermischtes. Mit Bilders.


Veranstaltungshinweis

Letzten Samstag gastierte die niederrheinische Pink-Floyd-Tribute-Band 'Meddle' im örtlichen, dicht gepackten (und gut geheizten) soziokulturellen Zentrum. Schon im letzten Jahr hatten sie mich mit ihrem Auftritt entzückt, bei dem unter anderem 'Dark Side Of The Moon' komplett gegeben wurde. Dieses Jahr wieder waren sie wie versprochen wieder da und spielten neben anderem 'Wish You Were Here' vollständig. Die Musiker beherrschen ihr Handwerk derart gut, dass man, die Augen geschlossen, zwischendurch fragen möchte: "Sind Sie das, Mr. Gilmour?" Nach knapp drei Stunden wundervoller Musik für gerade man einen Zehner verlässt man schweißnass und beseelt den Ort des Geschehens und guckt ringsumher in ausnahmslos glückliche Gesichter. Herzwärmend. So muss das.

Freitag, 13. Mai 2016

Car Crash TV mit Frau S.


Mist, jetzt hatte ich gedacht, die Ronnys des aktuellen Monats so weit abgefrühstückt zu haben und sogar geglaubt, es kehrte ein wenig Ruhe ein, da grätschen mir die Kollegen von GWUP schnöde dazwischen und machen mich auf Stephanie Schulz aufmerksam. Eigentlich könnte ich mich entspannt zurücklehnen im Bewusstsein, die sichere Trägerin des nächsten ersten Preises schon mal im Sack zu haben, aber ich kann nicht. Ich will diesen Fund der Welt nicht so lange vorenthalten, denn die ist einfach zu gut. Man geht wohl nicht zu weit, die sauerkrautblonde Lady den Mensch gewordenen feuchten Traum eines jeden Reichsbürgers und national Gesinnten zu nennen. Für alle übrigen dürfte sie eine schwer zu beschreibende Mischung aus gebleichter Prinzessin Leia, BDM-Führerin mit Tourettesyndrom und Blondinenwitz sein.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Ronny des Monats - Mai 2016


Geübte Leser wissen es. Die zweite Woche eines jeden Monats ist Ronny-Zeit. Wobei ich dieses mal sagen muss, doch ein wenig enttäuscht gewesen zu sein. So richtig üble Kracher waren gar nicht dabei. Klar, es wird mal ein Demonstrant am Rande einer Demo aufgemischt und ich will das gewiss nicht verharmlosen, aber ich habe den Eindruck, da ging schon mal mehr. Was ist los? Lasst ihr nach oder verheimlicht die Pinocchiopresse uns am Ende was? Ja, es gab sogar echte Lichtblicke zu verzeichenen, wie die Verurteilung von Pegida-Mastermind Lutz Bachmann wegen Volksverhetzung. Der sächsischen Justiz wäre auch anderes durchaus zuzutrauen gewesen ("Wio lössen üns vom lings fo-siwwden Wesden nich vorschreiben, wie...").

Trotz allem hat es auch diesen Monat natürlich wieder für fünf Preisträger und einen Sonderpreis gereicht (wie gehabt, verweisen mit * versehene Links in die Untiefen von Facebook):

Sonntag, 8. Mai 2016

Großes Margot-H.-Nachruf-Bullshit-Bingo


"unbelehrbar"
"bis zuletzt"
"Unrechtsstaat"
"Unrechtsregime"
"eisern"
"mit eiserner Hand"
"Ideologin"
"Hardlinerin"
"starrsinnig"
"starrköpfig"
"verblendet"
"verbohrt"
"Realitätsverlust"
"realitätsfern"
"betonköpfig"
"bis zum Schluss"

Hab ich was vergessen?

Freitag, 6. Mai 2016

Schöner Scheitern


Ein gewisser Johannes Haushofer hat letztens ein wenig für Furore gesorgt, indem er einen Lebenslauf von sich veröffentlicht hat. In dem hob er nicht, wie üblich, seine Schokoladenseiten hervor, sondern listete all das auf, was so schief gegangen ist in seinem Leben. Sein Resümee: "Das meiste von dem, was ich angehe, scheitert." Sein Job: Professor in Princeton. Sein Ziel: Leuten Mut machen. Seht her, auch ich koche nur mit Wasser. Mir geht es letztlich auch nicht anders als euch. Keine uncharmante Idee auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist das eine ziemliche Frechheit.

Dienstag, 3. Mai 2016

Fast wie beim Schweden


Wenn ich Zeit habe und mich die Sehnsucht nach handfestem Essen und Hausmannskost überkommt, dann schaue ich gern mal bei Krümmel in Bochum vorbei. Kennt fast jeder in der Gegend. Ein Metzgerei-Werksverkauf, der direkt an der A 40, im alten Schlachthof untergebracht ist. Kommt man nicht mitten in der Nacht (geöffnet ist ab fünf in der Früh), dann sollte man Geduld mitbringen, erst recht an einem Tag wie heute. Donnerstag ist Feiertag, da wollen viele nach dem Sauwetter der letzten Wochen endlich die Grillsaison einläuten. Sich mit Grillgut für mehrere hundert Gäste zu bevorraten, ist kein Problem hier. Genau das scheinen nicht wenige vorzuhaben. Mir schwant schon Böses, als ich kaum auf den Parkplatz komme. Nichts geht mehr. Parken ist nur, wenn einer rausfährt. Das dauert. Schon Herbert Knebel wusste, dass die allerschlimmste unter den Schlangen die Wurstthekenschlange ist.

Samstag, 30. April 2016

Strudel der Mitte


"In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod." (Friedrich von Logau)

Tempi passati

Möglicherweise bin ich ja familiär vorbelastet. Vor zwanzig Jahren wanderte meine Tante von Sri Lanka kommend, mit ihrer jüngeren Tochter nach Großbritannien ein. Nachdem sie Anfang der Siebziger eine Zeit in London, wo sie ihren Mann kennen gelernt hatte und in Oxford gelebt hatte, war sie mit ihm in seine Heimat Sri Lanka gezogen. 15 Jahre später war die Ehe am Ende. Sie nutzte die Chance, dass ihre Tochter in London studieren wollte und machte sich vom Acker, zurück nach Oxford. Beide hatten neben der ceylonesischen die deutsche Staatsbürgerschaft behalten und daher als EU-Bürgerinnen Anspruch auf Sozialleistungen. Es war übrigens das von John Major verwaltete post-Thatcher-Großbritannien, nur zur Information.

Dienstag, 26. April 2016

Ja, ist es denn...?


Da hört sich doch nun wirklich alles auf! Dieser verfluchte Dirk Roßmann! Der ist bekanntlich einer der Großdrogisten der Nation und liefert sich den üblichen Kosten- und Preisdumping-Wettbewerb gegen die buckligen Wettbewerber, vor allem dm und Müller. Jetzt haben investigative Reporter des 'stern' herausgefunden, dass dieser Haderlump es doch tatsächlich wagt, über eine Fremdfirma Undercover-Leute einzusetzen, um die Preise der Konkurrenz auszukundschaften. Schockschwerenot, was für ein Scoop! Spiegel-Affäre? Anfänger! Watergate? Ein Schiss dagegen!

Samstag, 23. April 2016

Also schön: 'In eigener Sache'


Normalerweise schätze ich diese Grundsatzartikel Marke 'In eigener Sache' ("Warum ich blogge", "Wie ich die Welt und das Schreiben begreife" etc.) nicht sonderlich und bin da eher sparsam. Erstens läuft so was für meinen Geschmack allzuoft bloß auf eitle Selbstbespiegelung hinaus und ist meist auch grottenlangweilig zu lesen. Zweitens denke ich, dass man sich als Schreiberling ein Armutszeugnis ausstellt, wenn man meint, sich andauernd großartig erklären und immer wieder nachlegen zu müssen. Wenn man es jenseits von Fiktionalem und Philosophischem nicht hinbekommt, sich den geneigten Lesern in seinen Beiträgen einigermaßen klar zu machen, dann sollte man halt sehen, wie man das verbessern kann, eventuell schauen, wie andere das machen oder es vielleicht sogar lieber ganz bleiben lassen.

Freitag, 22. April 2016

Putting things into perspective


Re: "Hilfe, wir werden islamisiert!"

"Erstmals hat die Schulbehörde alle 338 staatlichen Hamburger Schulen nach Schulpflichtverletzungen mit religiösem Hintergrund gefragt. […] Obwohl die Hälfte der 180.000 Hamburger Schüler Migrationshintergrund hat, gibt es nur sehr wenige Konfliktfälle. [...]
Seit 2013 haben von über 150.000 Schülern auf Klassenfahrt nur 85 Eltern die Teilnahme verweigert. In 40 dieser Fälle hat die Schulbehörde die Teilnahme durchsetzen können. Unter den verbliebenen hartnäckigen Verweigerern machten weniger als zwei pro Jahr religiöse Motive geltend. Das sind 0,004 Prozent. […]
Muslimische Mädchen dürfen beim Schwimmunterricht einen Ganzkörper-Anzug ('Burkini') tragen. Aus dem gemeinsamen Sportunterricht von Jungen und Mädchen wurden keine Probleme gemeldet. […]
In den letzten drei Schuljahren haben nur drei Schülerinnen darauf bestanden, ihr Gesicht zu verschleiern. Die Schulbehörde hat in allen Fällen das Verschleierungsverbot durchgesetzt."

(MoPo, 17.04.2016, Dank an tammox)

Mittwoch, 20. April 2016

Rücksicht ja, Ehrfurcht je nach dem


Vor alten Menschen, heißt es, müsse man besonderen Respekt haben. Gut, ich finde es wichtig, unter anderem auf Menschen, denen das Alter bereits sichtlich zusetzt, besondere Rücksicht zu nehmen. Ihnen nach Möglichkeit einen Sitzplatz anbieten, sich im Supermarkt in der Schlange mit einer gewissen Langmut wappnen. Das hat etwas mit Zivilisiertheit zu tun und allgemein damit, dass durch solche kleinen Gesten das Leben einfach erträglicher wird. Außerdem weiß niemand, man selbst eingeschlossen, wann und wie es einen dereinst selbst erwischen wird und man selbst auf Freundlichkeit und Rücksicht der Mitmenschen angewiesen ist. Kann im Zweifel schneller gehen als man denkt. Vanitas. Memento mori and that jazz.

Sonntag, 17. April 2016

Verkloppt


Zum Sport: Als Fan von Borussia Dortmund tut man nach dem letzten Donnerstag gut daran, sich auf ein paar weniger spektakuläre Jahre einzustellen. Titel wird es bis auf weiteres keine geben, weil die Mannschaft wohl komplett neu aufgebaut werden muss.

Gegen Liverpool wollte Tuchel auf Nummer sicher gehen und ließ im Derby gegen Schalke etliche Leistungsträger auf der Bank. So kam der BVB über ein Remis nicht hinaus und verspielte damit die letzte theoretische Chance auf die Meisterschaft. Und dann kam die Nacht von Anfield, in der Jürgen Klopp demonstrierte, was ihn immer noch zu einem herausragenden Trainer macht: Seine Gabe, in einer Mannschaft und bei den Zuschauern nie geglaubte Energien freizusetzen, einem in allen Belangen überlegenen Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen und magische Nächte zu schaffen, über die man noch in 50 Jahren spricht. Genau dafür ist man Fußballfan und dafür lieben sie ihn in Dortmund noch immer. Als Kloppo vorletzte Woche seine alte Wirkungsstätte zum Auswärtsspiel besuchte, reagierte die Vereinsführung ungewohnt humorlos und verschnupft auf die Liebesbekundungen der Fans. Ob man ahnte, was passieren könnte?

Freitag, 15. April 2016

Richtige Entscheidung


(Auch wenn das bedeutet, Frau Merkel und die CDU zu verteidigen.)

Die jetzt angesichts der Entscheidung der Bundesregierung, ein Strafverfahren gegen Jan Böhmermann wegen Verunglimpfung eines ausländischen Staatsoberhauptes zuzulassen, Schaum vor dem Mund haben, sollten in ihrem Furor ("unerträglicher Kotau!", meinte Frau Wagenknecht), vielleicht die Möglichkeit ins Auge fassen, es mit Rechtsstaat und Demokratie nicht allzu genau zu nehmen. Als juristischer Laie erlaube ich mir die Behauptung: Die Regierung hatte kaum eine andere Wahl. Weil es bei uns eben genau nicht zugeht wie bei Erdogan oder bei Berlusconi. Richtig gelesen, ich nehme Frau Merkel gegen Frau Wagenknecht in Schutz; den heutigen Tag also bitte rot im Kalender markieren und sämtliche diplomatischen Beziehungen abbrechen.

Dienstag, 12. April 2016

Ronny des Monats - April 2016


So, Herr Erdogan, Herr Böhmermann, jetzt gehen Sie mal kurz zur Seite! Es ist nämlich Zeit für die allmonatliche Ronny-Verleihung. Wenngleich der ganz große Kracher seit der letzten Verleihung ausgeblieben ist, war die Bewerberszene wieder einmal so fleißig, dass ich mich schweren Herzens durchringen musste, einige nicht in die engere Wahl zu nehmen. Cathleen Martin etwa. Die ist sächsische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft und hat die Faxen dicke. Weder kann sie verstehen, wieso alle immer so voll gemein auf der sächsischen Polizei herumhacken, noch wieso es ein Problem sein soll, dass sie das in einem Interview mit der 'Jungen Freiheit' äußerte. Die Frau ist in ihrem ganzen echten oder gespielten Nichtwissen inzwischen einfach zum kotzen durchschnittlich.

Sonntag, 10. April 2016

Vor Verehrern wird gewarnt


Als Harald Schmidt seine besten Zeiten hatte, war ich zwischen 20 und 30 und fand ihn genial. Ältere Generationen schüttelten nur verständnislos den Kopf. Wie man einen solchen Zyniker nur gut finden könnte, hieß es ein ums andere Mal. Für mich damals klarer Fall von Vergreisung, nix verstanden. 20 Jahre später geht es mir jetzt ähnlich mit Jan Böhmermann. Vor allem Zwanzig- bis Dreißigjährige finden ihn großartig. Ich habe ein, zwei mal versucht, seine Sendung bis zum Ende anzuschauen und fand es vor allem anstrengend. Klarer Fall von Vergreisung. Man tut aber gut daran, das nicht für den Untergang der Zivilisation as we know it zu halten, sondern für ziemlich normal. Das Alter.

Freitag, 8. April 2016

Großes Kino


Mo Asumang war mir vor Ewigkeiten einmal aufgefallen als Moderatorin der Sendung 'Liebe Sünde'. Eines dieser Formate aus der Frühzeit des Privatfernsehbooms über allerlei Sexuelles, das zumeist eine penetrante "Hach, was sind wir doch alle abgeklärt, urban und so erwaaachsen!"-Attitüde verströmte. Dann begegnete mir ihr Name letztens in einem Prospekt. Im örtlichen Multiplex wurde auf Einladung der Ortsgruppe der Linken ihr preisgekrönter Dokumentarfilm 'Die Arier' gezeigt, danach sollte es eine Diskussion mit ihr geben. Den Termin hatte ich mir - hihi! - rot im Kalender markiert, doch leider hatte mich kurz zuvor ein infamer Infekt auf die Couch gezwungen.

Dienstag, 5. April 2016

Peinliche Papiere


Den Journalisten, die jetzt die Panama Papers an die Öffentlichkeit gebracht haben, kann man handwerklich keinen Vorwurf machen. Sie haben offenbar einen Scoop im klassischsten Sinne des Wortes gelandet und scheinen dabei vielleicht nicht alles, aber doch wohl etliches richtig gemacht. Und machen gleich schon wieder alles falsch, indem sie diese Enthüllungen einseitig vor den Anti-Putin-Karren spannen. Es liegt mir fern, den Mann gegen irgendwas bzw. vor irgendwem in Schutz zu nehmen, aber die Vorstellung, dass Putin der finstere Mastermind der internationalen Finanzkriminalität sein soll, der bei weitem schlimmste Finger des 'guten' Westens hingegen der Fußballer Lionel Messi, ist schlicht grotesk.

Sonntag, 3. April 2016

Drama im Schwimmbad


Warum links zu sein manchmal wirklich nicht schön ist

Ähnlich öffentlichen Verkehrsmitteln, scheinen Schwimmbäder eine Art Mikrokosmos zu sein, in dem gesellschaftliche Entwicklungen sehr zugespitzt sichtbar werden. Schenkt man der taz Glauben, dann wird ein an sich simples Vorhaben wie das, schnöde eine Runde schwimmen zu gehen, mehr und mehr zur echten Herausforderung. So gab es Ende letzten Jahres kurzzeitig Unruhe, weil eine schwarze Trans* Person, äußerlich ein Mann, jedoch als Frau empfindend, von Angestellten aufgefordert wurde, die Damenumkleide zu verlassen. Das Personal, durchaus nicht völlig unsensibel oder unkooperativ, bot der Person an, ihre Garderobe in der Behindertenumkleide zu richten, dort sei Platz und niemand anders habe Zutritt. Woraufhin erst richtig Zoff war in der Bude, denn eine Trans* Person zu behandeln wie eine Behinderte, das geht nun wirklich gar nicht.

Mittwoch, 30. März 2016

Hüben und drüben


Für die britische Medienlandschaft gilt im Besonderen die alte Weisheit, dass wo viel Licht ist, auch viel Schatten ist. Die Tabloid- und Klatschpresse dort lässt nicht wenige der hiesigen Druckerzeugnisse aus diesem Sektor aussehen wie kritische Intellektuellenblätter. Dafür existiert dort andererseits eine Qualitätspresse, die diese Bezeichnung in Teilen durchaus verdient. Das liegt vor allem daran, dass es in Großbritannien ein Königshaus gibt. Das ist am ehesten das, was wir Obrigkeit nennen. Alle anderen, Abgeordnete, Minister, Polizisten, Bürgermeister etc., sind lediglich Angestellte der Bevölkerung, die vom Volk bezahlt werden, die auf Zeit gewisse Befugnisse verliehen bekommen und sich deswegen jederzeit und ohne zu murren kritischen Fragen zu stellen haben.

Sonntag, 27. März 2016

Ostereier


Ostern - Zeit für Fundstücke.

Kennen Sie dieses vage, aber doch irgendwie sichere Gefühl, wenn Dinge langsam ihren Zenit überschritten haben und es immer nur noch peinlicher wird? Zum Beispiel die Mode, Friseurgeschäften krampfhaft originelle Namen aus dem siebten Kreis der Wortspielhölle zu verpassen...

Donnerstag, 24. März 2016

Högschd intransparent


Eine Quizfrage, mit der man auch Fußballexperten in Verlegenheit bringen kann, lautet: Welche drei Nationalspieler wurden bislang von einer Fußball-WM wegen unangemessenen Verhaltens vorzeitig nach Hause geschickt? Zwei Namen sind zumindest den Älteren meist noch geläufig: Da war einmal Uli Stein, der 1986 wegen Benutzung des Wortes "Suppenkasper" die frühe Heimreise antreten musste. Dann war da noch Stefan Effenberg, der 1994 den Stinkefinger zeigte, und dem der Nachfolger des Suppenkaspers darob das gleiche Schicksal angedeihen ließ. Der dritte? Da herrscht meist Ratlosigkeit. Ist auch kein Wunder, denn man muss ganz weit zurückgehen. Bis zur Weltmeisterschaft 1934 in Italien, um genau zu sein.