Mittwoch, 6. Januar 2016

Schönes bleibt


Schönes bleibt - mit diesem Claim bewarb der WDR mal seinen Radiosender Nummer 4, der seit den Achtzigern Nordrhein-Westfalen mit Musik für Zielgruppen in fortgeschrittenem Alter beschallt. Lange Zeit war das Volkstümliches und Schlager, gnadenlos, rund um die Uhr. Inzwischen ist der Sender mit seinem Publikum gealtert. Also ist jetzt immer öfter Amtliches auf Englisch aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren zu hören. Veränderung, Abschied und Neuanfang sind reizvoll und vermögen dem Leben eine gewisse Würze zu verleihen, keine Frage. Ebenso schön kann es sein, dass bestimmte Dinge im Leben sich nicht ändern. Ich muss zugeben, vor allem in zunehmendem Alter wächst der Sinn für so was.

Etwa, dass der nuschelnde, sich selbst abfeiernde und sich ewig missverstanden fühlende Schauspielerdarsteller Til Schweiger mit schöner Regelmäßigkeit ein Mordsaffentheater veranstaltet, sobald einer es wagt, eine seiner Arbeiten auch nur leise in  Zweifel zu ziehen. Er, der gern so cool wäre wie Bruce Willis alias John McClane, sich aber standhaft weigert zu kapieren, dass Coolness eher bedeutet, Kritik an sich abperlen zu lassen, anstatt andauernd allen auf die Nase zu binden, wie irre man es nötig hat. Und so schweigt er leider nicht. Und tschillen tut er auch nicht. Schade.

Apropos chillen. Dann wären da noch die alljährlichen, mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks zum Jahresbeginn erscheinenden Artikel in den Karriereteilen der Zeitungen darüber, wie man seinen Jahresurlaub am pfiffigsten nutzt. Ja, danke. Erstens bin ich des Lesens mächtig und weiß, wie man einen Kalender bedient. Zweitens dürften sich die jährlichen freien Tage über mehrere Jahre im Schnitt in etwa ausgleichen. Und drittens beschleicht mich da die Frage, welche sich ausbeutende Karrierebratze bzw. welcher ausgebeutete Prekäre überhaupt noch seinen vollen Jahresurlaub nimmt bzw. nehmen kann im sich krank arbeitenden Exportweltmeisterland Deutschland.

Ich weiß nicht genau, warum, aber irgendwie erinnert mich das an andere ähnlich fromme Märchen. Etwa das vom Fachkräftemangel, der dem Märchen von der Generation Y bald paradiesische Arbeitsbedingungen bescheren wird. Aber das bin natürlich wieder einmal nur ich Miesmacher, der sich bockig weigert, das Jobwunder endlich zur Kenntnis zur nehmen.

Ach so, was kommt eigentlich nach der Generation Z, die ja unweigerlich auf die Generation Y folgen wird? Fangen wir dann wieder bei 'A' an oder müssen Society-Schreiber dann mal wirklich kreativ werden?

Okay, das ist jetzt ein wenig ein Bruch, aber es muss sein. Denn noch etwas bleibt, offenbar: Die Neigung dieser Gesellschaft und der sie bewohnenden Lautsprecher, sich zuverlässig von den Rändern her zu radikalisieren und mit ihrem Dünnpfiff das Klima zu vergiften. Man haut sich bloß noch in Echokammern gegorenen Interpretationen um die Ohren. Haben Fakten überhaupt noch eine Bedeutung im öffentlichen Diskurs? Wäre blöd, wenn nicht, denn ich gehöre zu einer der Generationen, die mit dem Gedanken sozialisiert wurden, dass sie eine haben.

Was Silvester in Köln passiert ist, geht selbstverständlich nicht in Ordnung und sollte nicht verharmlost werden.
Es ist unlauter, Straftaten mit anderen Straftaten relativieren zu wollen.
Natürlich kommt es auch auf dem Oktoberfest zu sexuellen Übergriffen, vom Kölner Karneval ganz zu schweigen.
Aber macht das irgendetwas besser?
Sexuelle Gewalt ist sexuelle Gewalt, egal, vom wem sie ausgeht.
Es ist weiterhin unlauter, jeden, der diese Straftaten, die wahrscheinlich von Migranten begangen wurden, als solche benennt, aufzufordern, erst einmal seine eigenen Privilegien zu checken.
Es ist falsch, Menschen qua Herkunft unter Generalverdacht zu stellen.
(Von 'anderen Kulturen' quargeln da mimikryhaft Identitäre und andere Kryptofaschisten, die zu feige sind, von Rasse zu reden.)
Es ist nur genauso falsch und gaga, Menschen qua Herkunft pauschal zu armen Opfern machen und sie von jeglicher Verantwortung für ihr Tun und die Folgen freisprechen zu wollen.

(titanic-magazin.de)
Es ist aber ebenso unlauter, diese Straftaten zur Apokalypse aufzublasen, um daraus ein rassistisches Apardheits-Süppchen zu brauen.
Und sich auf Kosten anderer zum Paradies der Gleichbereichtigung, der Gewaltfreiheit und der Emanzipation aufzuplustern. 
Es ist niederträchtig, Anzeigen bei der Polizei als Nachweis von Schuld zu instrumentalisieren und so zu tun, als handele es sich bei Angezeigten bereits um überführte Täter. Ob jemand schuldig ist oder nicht, darüber entscheiden Gerichte.
Das gilt sogar für Kinderschänder. Dass man sich andauernd bemüßigt fühlt, daran zu erinnern, nervt.

Es zeugt nicht davon, an einer ernsthaften Diskussion interessiert zu sein, seine persönlichen Ängste zur Maxime allgemeinen Handels machen zu wollen und der anderen Seite pauschal Realitätsverweigerung vorzuwerfen.
Oder der anderen Seite Haltungen zu unterstellen, die sie gar nicht vertritt.
Von ein paar durchgebratenen Ausnahmen abgesehen, hat niemand, der einer multikulturellen Gesellschaft gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt ist, jemals behauptet, diese sei ein immerwährendes fröhliches Straßenfest.
So wie niemand mit allen Latten am Zaun Ausländer prinzipiell für bessere Menschen, Deutsche prinzipiell für böse hält und Deutschland abschaffen will.

Natürlich war der Vorschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, junge Frauen sollten an potenziell gefährlichen Orten aufpassen, wie sie auftreten, alles andere als geschickt. Vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß.
So wie die Ansicht einer gefeuerten Kolumnistin, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit könne katholisch erzogene Kinder nachhaltig traumatisieren.
Eine Armlänge Abstand kann mitunter sicher hilfreich sein, in Situationen, wie sie sich an Silvester wahrscheinlich abgespielt haben, ist so ein Vorhaben zum Scheitern verurteilt.
Ist es so überraschend, dass Frau Bürgermeisterin ein wenig überfordert scheint im Moment?
Aber sie hat auch keine allgemeine Burkapflicht gefordert, Herrschaftszeiten!

Ist es etwa auch eine nicht tolerierbare Einschränkung der Freiheit zur Entfaltung der Persönlichkeit, wenn Betreiber von Diskotheken und Clubs ihre weiblichen Gäste anweisen, auf ihre Drinks aufzupassen?
Eine halbwegs freie Gesellschaft ist leider nicht immer ein Kindergarten. Es gibt sichere Orte und es gibt weniger sichere Orte, an denen man besser vorsichtig ist, das war noch nie anders.
Ein Bedürfnis nach Sicherheit ist legitim, eines nach völliger Sicherheit, immer und überall, hingegen maßlos und von keiner Polizei der Welt zu gewährleisten, erst recht nicht in Großstädten.
Shit happens, leider. Wer das komplett abschaffen will, vielleicht mit dem Hinweis, früher sei alles besser gewesen, will's totalitär und macht sich verdächtig.

Überhaupt gibt es noch einige weitere Fragen, die mit der nach der Herkunft der Täter nur sehr am Rande zu tun haben.
Ist die Überforderung der Polizei darauf zurückzuführen, dass ihre Personaldecke wegen der Einsätze an der Grenze überdehnt ist oder eher darauf, dass die Situation gezielt an die Wand gefahren werden soll? Weil es da an gewissen Stellen gewisse Interessen gibt? Weil die Täter polizeilich bekannt gewesen sein sollen?

Was auch immer, Schönes bleibt. Das Jahr geht gut los. Es spricht wenig dafür, dass dieser Trend sich umdreht.



Kommentare :

  1. Hallo Herr Rose, erstmal wünsche ich Ihnen ein Frohes Neues Jahr. Zum Thema Köln und zum Thema kriminelle Handlungen allgemein möchte ich hinzufügen, dass man meines Erachtens zu wenig Fokus auf die Opfer legt. Ich denke, dass ist ein massives Problem in Deutschland. Vor ein paar Jahren habe ich eine interessante Doku über Jugendkriminalität in Berlin gesehen. Dort haben sie einen jungen Mann gezeigt, der Opfer massiver Körperverletzung wurde. Man muss hier erwähnen, dass der junge Mann sehr großgewachsen und stark war, sich aber nach der Tat nicht mehr alleine in bestimmte Ecken der Stadt wagte. Er litt später an Depressionen und Angstzuständen und musste seinen Job als Koch aufgeben. Der Täter wurde zwar gefasst, man hat ihn aber wieder laufen lassen, obwohl er schon polizeibekannt war. Der interviewte Richter sprach sich in der Doku aus, dass die jetzige Strafordnung gegen die jugendliche Kriminalität nichts wirklich bewirken kann und als Abschreckung auch nicht funktioniert, weil sie einfach zu lasch ist. Der Richter muss die meisten wieder laufen lassen. Er kann eigentlich gegen die Gewalt nichts unternehmen. Ich denke, dass hier ein großes Problem vor sich hinwächst. Und wenn ich das schreibe, dann will ich bestimmt keinen Polizeistaat o. ä. und will auch irgendwelchen Rechten nichts in die Hände spielen. Sie schreiben: "Shit happens." Ja, aber es ist ein sehr großer Shit, dass täglich in Deutschland passiert und die Vorfälle in Köln waren jetzt auch nicht harmlos. Im Grunde kann man es oft so zusammenfassen: den Tätern passiert nicht wirklich was und die Opfer leiden oft das ganze Leben lang.

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    1. Vielen Dank. Ich denke, der Fall, den Sie da beschreiben, verweist in der Tat auf ein ernstes Problem, das sehr tief geht. Ein wichtiger Aspekt dürfte der sein, dass es sich bei den Betroffenen um jemanden aus dem unteren Drittel der Gesellschaft gehandelt hat. Ich empfehle hierzu das Interview, das Thomas Fischer, Richter am BGH, im Oktober dem Wiener 'Standard' zum Thema Strafrecht und Strafjustiz gegeben hat.
      Zu dem konkreten Fall in Köln: Wiewohl ich meine, meine Haltung zu den Opfern bzw. dem, was sie (höchstwahrscheinlich) erleiden mussten, deutlich gemacht zu haben, denke ich, dass der Eindruck vor allem deswegen entstanden ist, weil so viele andere Aspekte mitspielen und gerade eben jenes Leiden der Betroffenen massiv politisch instrumentalisiert wird.

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  2. Vielleicht sollte man auch mal etwas klarstellen.Sobald Alk und Gruppenbildung im Spiel ist,wirds meist hässlich,und das durch alle Gesellschaftsschichten.Ich arbeite ja im gehobenen Gastgewerbe.Eine kurze Zeit auch als Barkeeperin.Irgendwann empfand ich nur noch Ekel vor einigen "Spezis",als da wären die coolen Hotelschlüsselgeber..mit dem rauchig gesagten Satz:Kannst ja nach Dienstschluss vorbeischauen.Oder den Pograpschern,Busengrapschern oder Bützchengebern.Läßt man so was nicht zu,ist man gerne eine frigide Kuh,im netttesten Fall nur unfreundlich und man soll sich nicht so haben.Aber wie war das vor ein paar Jahren mit der Journalistin und unseren Brüderle^^
    Was unser Frauenbild in Deutschland(Europa) angeht,so wäre ich vorsichtig,es mit in unseren Augen "primitiven""patriacharischen"Ländern,speziell muslimischen zu vergleichen.Immerhin gibt es bis heute sexuelle Ungleichheit(nicht umsonst gibt es Frauenquoten)Es ist keine 20 jahre her,da wurde erst Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt.Das es überhaupt zu diesen Gesetz gekommen ist,war auch nur einer Fraktionsübergreifenen Frauengruppe geschuldet.Erst 1977 konnte eine Frau ohne Erlaubnis des Mannes eine Arbeit annehmen.Ich weiß noch,dass meine Mutter keine Ausbildung anfangen durfte,weil mein Vater sich geweigert hat.Nach der Scheidung konnte meine Mutter mit 42 Jahren noch alles nachholen.Erst 1969 wurde die Geschäftsfähigkeit einer Frau gesetzlich verankert.Davor war sie einfach vom Ehemann komplett abhängig.So was wird gerne vergessen.
    Genauso wird gerne vergessen,dass auch heute noch in ländlichen Gegenden eine alleinstehende Frau(vor allem mit Kind) als schlampert angesehen wird.
    Was zu Sylvester passiert ist,passiert in kleineren Ausmaß auf jedem Schützenfest,Kirmes,Karneval.Kurz bei jeder Großveranstaltung,wo Alk die Hemmungen fallen läßt.Etwas gegenseitig aufeinander aufpasssen ja,vielleicht auch weniger trinken,aber sollen Frauen sich verstecken?Niemals

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