Donnerstag, 11. Februar 2016

Gewollt, nicht gekonnt (2)


"Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über 'Persönlichkeit' redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge 'Entscheidung' mitteilt, und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre."

Keine Frage, der viel zu früh und völlig zu Unrecht verstorbene Roger Willemsen, der unter anderem die obigen, nach wie vor gültigen Worte für das Fernsehformat 'Germany's Next Top Model' fand, wird fehlen. Ganz anders verhält es sich mit jenen, mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks im Kielwasser einer solchen Todesnachricht auftauchenden Aasgeier. Für die so eine überraschende Neuigkeit nicht etwa ein Anlass ist, ihrer Betroffenheit, ihrem Schrecken, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, sondern sich dicke zu tun, sich zu produzieren, die zu Recht an ihnen nicht weiter interessierte Öffentlichkeit penetrant daran zu erinnern, dass sie auch noch da sind und unbedingt für irgendwas geliked werden wollen.

Oliver Pocher war einmal der Großmeister dieser Disziplin. Hans Sarpei scheint ihm nacheifern zu wollen. Sarpei ist ehemaliger Fußballprofi und seit einiger Zeit lebender Beweis dafür, dass Schreibenkönnen nicht zu den Voraussetzungen gehört, um eine Kolumne beim Ex-Tittenblatt 'stern' zu bekommen. Für alles weitere hilft der coole, junge, ranschmeißerische SZ-Ableger 'jetzt' gern weiter:

"Hans Sarpei, richtig, das ist der deutsche Ex-Fußballprofi, der jetzt der deutsche Chuck Norris ist. Hans Sarpei kann seine eigenen Elfmeter halten. Hans Sarpei bringt Zwiebeln zum Weinen. Hans Sarpei schneidet das Messer mit dem Brot. Und Hans Sarpei ist jetzt Social-Media-Star."

Nebenbei: Ich hatte ja immer gedacht, es erfülle den Tatbestand der Üblen Nachrede, eine Frau einfach so als 'Schmuckdesignerin' oder 'Spielerfrau' zu bezeichnen. Aber welcher auch nur mit einem Rest an Selbstachtung ausgestattete Mensch lässt sich unwidersprochen "Social-Media-Star" nennen und sich mit diesen abgestandenen Chuck-Norris-Witzen in Verbindung bringen, ohne auf der Stelle seine Anwälte in Marsch zu setzen? Ist die Not so groß? Egal.

Okay, ich kann ihn ja verstehen. Ein bisschen. Auch auf meiner persönlichen Liste der schönen Dinge im Leben rangiert die AfD ziemlich weit unten. Irgendwo in der Nähe von Wurzelbehandlung und kein Bier im Haus haben. Einen gewissen Frust darüber, dass der Laden immer noch fröhlich existiert, während  in letzter Zeit etliche schwer korrekte Menschen vom Platz gestellt wurden, kann ich also durchaus nachvollziehen.Sarpei machte seinem - wie gesagt: verständlichen - Frust Luft, indem er folgendes verlauten ließ (fb!):

"Lieber ̶k̶̶r̶̶e̶̶b̶̶s̶ Gott, du hast uns in den letzten Wochen Roger Willemsen, David Bowie und Lemmy Kilmister genommen. Lass mich dir sagen, dass meine Lieblingspartei die AFD ist.Hans"

Na, da klingelt's doch im Zwischenhirn! Das Scherzchen, auf das Sie, lieber Herr Sarpei, da höchstwahrscheinlich rekurrieren, ist meines Wissens nach gegen Ende 2009 aufgekommen ("viral gegangen", wie wir Internet-Profis das zu nennen pflegen) und lautet in etwa folgendermaßen:

Lieber Gott, nachdem du in diesem Jahr bereits meinen Lieblingssänger Michael Jackson, meine Lieblingsschauspielerin Farrah Fawcett und meinen Lieblingsschauspieler Patrick Swayze zu dir geholt hast, möchte ich dir mitteilen, dass N.N. mein/e Lieblingspolitiker/in ist.

Bemerken Sie, lieber Herr Sarpei, den kleinen aber feinen Unterschied? Es ist nicht völlig unwichtig, zu Beginn darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Verblichenen um irgendwelche Lieblingspersonen handelt, sonst ist die Pointe mit der Lieblingspartei nicht nur schiefer als eh schon (Sie verstehen: Individuen vs. Körperschaft?), sondern gar gleich ganz in den Fritten.

Merke: Auch Krebs an den Hals wünschen will zumindest ansatzweise gekonnt sein. Da nich‘ für.



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