Montag, 22. Februar 2016

Noch ein Jubiläum


Gestern vor 100 Jahren, am 21. Februar 1916, eröffnete die deutsche Artillerie um 7:15 Uhr morgens das Feuer auf die französischen Befestigungen bei Verdun. 'Operation Gericht' war die Offensive, die wegen schlechten Wetters hatte verschoben werden müssen, vom deutschen Oberkommando genannt worden. Sie ahnten wohl nicht, wie recht sie haben sollten. Was folgte, ging in die Geschichte ein als eines der schlimmsten Gemetzel aller Zeiten. Eine nie da gewesene Barbarei, angerichtet von zwei Völkern, die sich gern damit schmückten, Inbegriff von Kultur und Zivilisation zu sein. Mochte das, was in den Jahren 1914 und 1915 bereits geschehen war, noch so furchtbar gewesen sein, was ab dem Februar 1916 kam, war schlimmer. 

War das überhaupt noch eine Schlacht? Eine Schlacht, das war seit Anbeginn der Zeiten ein kurzes aber heftiges Aufeinandertreffen, normalerweise nach einem Tag vorbei, manchmal gar nach wenigen Stunden. In Ausnahmefällen vielleicht nach zwei, drei Tagen. Man sollte das nicht verharmlosen, auch da wurde getötet, gestorben, verstümmelt und gelitten. Aber kann man das wirklich vergleichen mit diesem monatelangen, blutigen Gewürge um ein paar Quadratkilometer, das am Ende keiner Seite irgendeinen Gewinn brachte? Trifft das Wort Schlacht es überhaupt? Sogar den Schweizer Chronisten Hermann Stegemann, keineswegs neutral, sondern ein glühender Bewunderer des Deutschen Reiches und Eisenfresser, überkam so etwas wie Mitleid mit den Soldaten, die diese, wie er es ausdrückte, "vom Fluche getroffene Belagerungsschlacht" zu erdulden hatten.

Neu waren auch die Folgen, nicht nur für die unmittelbar Beteiligten. Noch heute, 100 Jahre später, darf die Rote Zone von Verdun, immer noch wie pockennarbig von Millionen Granateinschlägen, nicht betreten werden. Zu groß die Gefahr, die von Blindgängern ausgeht. Landwirtschaftlich genutzt werden darf die ganze Gegend auch nicht. Zu verseucht ist der Boden von Giftgas, Sprengstoff, Leichen, Kadavern. Oder die 'Villages détruits'. Neun Dörfer mitten im Kampfgebiet, von denen nicht einmal Brösel übrig geblieben sind und die nicht wieder aufgebaut wurden. Man erhielt ihren Status als französische Gemeinden. Sie haben zwar keine Bewohner, dafür aber einen Bürgermeister und eine Postleitzahl.

Am Ende, nach über 300 Tagen, waren mehr als 300.000 tot, Deutsche und Franzosen etwa zu gleichen Teilen. Zirka 800.000 Menschen wurden 1995 binnen 100 Tagen in Ruanda massakriert und man nannte es Völkermord. Wo fängt das an?

"Soziale Revolutionen bei Friedensschluss vorauszusehen." (Romain Rolland, Dezember 1916)

Der deutsche Generalissimus Falkenhayn wollte Verdun nach eigenem Bekunden gar nicht erobern. Viel wichtiger war ihm, das französische Heer in einer "Blutpumpe" "weißzubluten", wie es es 1915 in einer Denkschrift ausgedrückt haben will. Als habe schon damals ein 'Wörterbuch des Unmenschen' existiert und er hätte es bloß zur Hand genommen. Als seien Soldaten keine Menschen, sondern Schlachtvieh, das wie in den Chicagoer Schlachthöfen am Fließband zu Blutwurst verarbeitet wird. Passierte ja auch, in gewisser Weise. Zum ersten Mal verkamen Menschen zu bloßem Material, das mittels modernster Technik in industriellem Maßstab eliminiert wurde.

Die Blutpumpe jedenfalls, sie funktionierte vortrefflich. Dummerweise auch auf deutscher Seite, diese Möglichkeit hatte Falkenhayn, der große Stratege, nicht auf dem Schirm gehabt. Und gelogen war's wohl auch. So wie historische Forschung die allgemeine Kriegsbegeisterung vom August 1914 weitgehend als Märchen entlarvt hat, das rückwirkend der Legitimation dienen sollte und ein knappes Jahrhundert lang immer wieder kritiklos nachgebetet wurde, gibt es inzwischen auch erhebliche Zweifel, ob Falkenhayns berühmt-berüchtigte Denkschrift wirklich existierte. Vermutlich hat er es im Nachhinein so hingestellt, um dem komplett sinnlosen Massaker doch noch einen Sinn zu verleihen. Und um es bloß nicht gewesen zu sein. Gesehen hat die Denkschrift jedenfalls noch niemand. Nicht einmal ein Titel ist bekannt.

Auch an anderen Stellen legte der erste Weltkrieg die Borniertheit und tumbe Rückständigkeit der deutschen Eliten in brutaler Weise offen, ihre Mittelmäßigkeit und Dünkelhaftigkeit. Mochte das Kaiserreich beeindruckende Errungenschaften im naturwissenschaftlich-technischen Bereich vorzuweisen haben, der Rest war längst noch nicht in der Moderne angekommen. Der Krieg war es.

Schon 1914 zeigten sich militärische und politische Führung vom ersten Tag an völlig überfordert von der zynisch-schlauen, noch heute erschreckend vertraut wirkenden Propaganda der Alliierten. Die dachten mitnichten daran, den selbst verliehenen Status der Deutschen als Kulturvolk irgendwie zu respektieren, sondern warfen mit Dreck. Der völkerrechtswidrige Einmarsch in Belgien diente ihnen als Aufhänger für Schauergeschichten von Hunnenhorden, die belgischen Mädchen und Frauen die Hände abhackten. Natürlich war das Unsinn, aber die Deutschen stiegen drauf ein. Sie verfielen in Empörung, Beleidigtsein und Rechtfertigungen. Vergeblich, den Makel von 1914 wurden sie nie wieder los.

Und bei Verdun?  Die französische Armee führte auf Initiative General Pétains ein Rotationssystem ein, die Noria. Am Ende war fast jeder Soldat einmal kurz bei Verdun eingesetzt worden. Zum einen sollte die kurze Verweildauer die psychische Belastung der Soldaten möglichst gering halten, zum anderen die Verteidigung von Verdun als nationale Aufgabe erscheinen lassen, an der alle sich beteiligen müssen. Auch Pétain war letztlich Militär, seine Überlegungen vielleicht nicht reiner Menschenfreundlichkeit geschuldet gewesen sein, doch waren sie pragmatisch. Er hatte immerhin begriffen, dass starres Denken in alten Mustern hier nicht weiterführte, erst recht kein stumpfes Verheizen von Menschenmassen. Und wohl auch, dass die psychischen Spuren, die diese neue Art der Kriegführung hinterließ, nichts mit Feigheit zu tun hatten.

Die Deutschen? Einheiten, die bei Verdun standen, wurden nicht abgelöst, sondern  bloß mit Reserven aufgefüllt. Die zunehmend unerfahrenen Soldaten senkten die Kampfkraft, die erfahrenen sahen oft keine Perspektive, davonzukommen und waren vom vielfachen Horror des Schlachtfeldes, das sie umgab, traumatisiert. Tausende Geschütze feuerten Tag für Tag in dieses geschundene, x-fach umgepflügte Terrain. Überall zerfetzte, zermanschte, verwesende Leichen, Durst, vergiftetes Wasser, das allgegenwärtige Sterben, der Gestank, das Gas, die Ratten. Man überließ die Soldaten, die in den Augen ihrer Befehlshaber allenfalls 'Kerls' waren, sich selbst und nahm in Kauf, dass die Divisionen von Verdun "zur Schlacke ausbrannten", wie man es in blumiger Heeresbericht-Sprache zu nennen pflegte. Gerade einmal 14 Tage betrug im Schnitt die Lebenserwartung eines deutschen Soldaten, der in dieses Inferno gejagt wurde.

"Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine große Armee, die Selbstmord an sich übt!" (Henri Barbusse)

Und, was meinten die Befehlshaber dazu? Falkenhayn, der nach dieser Katastrophe seines Postens enthoben wurde, aber mitnichten ins Gefängnis wanderte, sondern Kommandeur der 9. Armee wurde, behauptete, alles so geplant zu haben, aber sein geniales Konzept letztlich nicht habe durchsetzen können. Kronprinz Wilhelm, der den Oberbefehl innehatte, soll gemeint haben, die Schlächterei sei ihm wohl nahe gegangen und er habe sich bemüht, den Kampf abzubrechen, habe sich aber nicht durchsetzen können. Was für Kriegshelden!

Einiges spricht dafür, dass Verdun der entscheidende Knacks war, der die Bevölkerung des Deutschen Reiches der Obrigkeit entfremdete, immer mehr Soldaten die Sinnfrage stellen ließ. Ein Gefühl griff um sich, nicht mehr herrlichen Zeiten entgegengeführt, sondern bloß autoritär herumkommandiert zu werden von einer kleinen Clique inkompetenter Operettenoffiziere, Bürohengste, Kriegsgewinnler. Und den sie umgebenden publizistischen Büchsenspannern, die komplett sinnlose Aktionen wie das Erobern eines Forts, das ein paar Monate und ein paar tausend Tote später wieder zurückerobert wurde, als grandiose Waffentaten feierten.

Fast zwangsläufig erscheint es rückblickend, dass einem solchen Totalversagen der alten Eliten Sozialdemokraten und Kommunisten nach oben gespült wurden. Was die daraus gemacht haben, ist ein anderes trauriges Kapitel.



1 Kommentar :

  1. Müsses wir erst ein "neues Verdun", nicht als kriegerisches, militärisches Dauerfeuer konzipiert, sondern ein "neolberales Verdun" erleben, erdulden, ertragen, bis es endlich dämmert, wem und für was man sein Leben, seine Zukunft, aktuell opfert?

    HA(r)TZ IV ist so ein Verdun, asozial, inhuman, statt Granaten werden "Briefe" der Aufseher (Heeresleitung) als "Dauerfeuer" verschickt. Es währt bereits 10 Jahre, nicht 300 Tage.

    Und wird als "alternativlos", als "richtig" angesehen, bestenfalls von den, noch nicht betroffenen Bürgern nicht zur Kenntnis genommen, ausgeblendet.

    Wie alle anderen Resultate neoliberaler Politik in Dt., Europa und der Welt.

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