Samstag, 12. März 2016

Wunderbare Welt der Dienstleistung


Dass Menschen, die dafür bezahlt werden, Dienstleistungen zu erbringen, selbstverständlich höflich zu behandeln sind, sollte nicht weiter der Rede wert sein. Dass einen das auch nicht davon entbindet, sie, wie alle Mitmenschen, mit 'bitte' und 'danke' freundlichst zu traktieren, ebenfalls nicht. Wer etwa in der Gastronomie meint, das Personal rüde und lautstark herumscheuchen zu müssen, offenbart damit nicht etwa ein ganz toller Hecht zu sein, sondern lediglich ein in der Regel neoliberal verbogener Peinsack mit ausgeprägter Sklavenhaltermentalität. Es gilt Drostes Diktum: Wer im Restaurant oder im Café bölkt: "Ich kriege eine Cola!", der soll sie auch bekommen, und zwar mitten ins Gesicht.

Trotzdem hat es sich immer meinem Verständnis entzogen, wieso man Menschen, die einfach nur ihren Job machen, dafür extra applaudieren sollte. Was soll das? Wer im Flugzeug dem Piloten für eine gelungene Landung Beifall zollt, müsste das, dieser Logik konsequent folgend, erst recht bei jedem Taxifahrer machen, der ihn unfallfrei von A nach B chauffiert. Ist die Gefahr, im Straßenverkehr Schaden zu nehmen, statistisch doch deutlich höher als beim Fliegen.

Als ich vor Jahren mal in der Sauna war, kam ein Bademeister hereingeplatzt und teilte dem Publikum ungelenk mit: "Wir, äh, präsentieren ihnen jetzt einen, öhm, finnischen Fichtennadel-Kaltschaum-Aufguss mit einem Hauch Knoblauch und einer, ahem, Note Erdbeer im Abgang." Woraufhin er schwungvoll eine Kelle davon auf die heißen Steine leerte und zum guten Schluss mit seinem gefalteten Handtuch herumwedelte. Als die anwesende Horde hoffentlich nur körperlich erhitzter Saunierer darob in Applaus ausbrach, war ich dann doch etwas baff. Was konnte er, was ich nicht auch gekonnt hätte?

"Der Klausjürgen", keuchte einer der anwesenden Rentner zu einem anderen, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, "macht dat immer noch am allerbesten von allen. Die Annika, die hat dat mit dem Wedeln nich so drauf." Aha, wieder was gelernt, dachte ich. Hatte ich offenbar das unverschämte Glück gehabt, an einen Virtuosen, einen wahren Paganini des Saunahandtuchs geraten zu sein und nicht etwa an diese Annika-Nille. Inzwischen ist man in der wunderbaren Welt des Saunierens aber schon wieder etliche Schritte weiter. Tanja Ennemoser, ehemalige Italienmeisterin der Saunameister, und Helmut Haller (nicht verwechseln!), ehemaliger Saunaweltmeister, erklären im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, wie sie in 'Eventsaunen' so genannte 'Showaufgüsse' zelebrieren:

"[SZ:] Wie ist die Event-Sauna ausgestattet? 
[Haller:] Musikanlage, Lichtanlage, es gibt eine Videoleinwand, Bodennebel, Rauchsäulen am Ofen, Lasershow, Blitze, Schwarzlicht. Ich kann das alles von innen per iPad steuern, das ist schon faszinierend und macht was her.
[SZ:] Sie tragen meistens Kostüme bei den Showaufgüssen. Wie hält man das aus? 
Ennemoser: Ich habe etwa zehn verschiedene Kostüme vom Ganzkörperanzug über die Lederhosen bis zum Tiger-Kilt für die Afrika-Show."

Klar, irgendwie logisch, das ganze. Wenn man dem Erlebnis- und Eventvolk schon den Tort zumutet, Smartphones, Tablets und sonstigen geräuschvollen Ablenkungskram zumindest während des Saunierens mal für ein Stündchen im Schrank zu lassen, muss man halt anders für Zerstreuung sorgen. Zum Beispiel indem man Saunen, eigentlich Orte ruhiger, kontemplativer Geselligkeit, in discomäßige Partyhöhlen mit Lasershow, Nebel, Videos, Lacklederpeitschmich und Stumpfa!-Stumpfa!-Stumpfa! verwandelt. Herr Haller stellt im gleichen Interview übrigens klar, dass es selbstverständlich immer noch Saunen ohne Showprogramm gäbe, die, in denen er seinen multimedialen Mummenschanz veranstalte aber immer am allervollsten seien.

Na dann besteht ja noch ein Rest Hoffnung. Zurück ins Funkhaus.

"Ich kann", so ließ einst der legendäre, viel zu früh verstorbene Conny Plank verlauten, "mit diesem Sänger nicht arbeiten!", als Brian Eno ihm eine Band aus Dublin ins Studio schicken wollte. Dabei eilte Plank in der Musikszene der Ruf voraus, noch die dämlichsten Marotten der ärgsten Wichtigmacher unter den Musikern mit Engelsgeduld und Bärenruhe zu ertragen, solange er nur einen winzigen Funken kreatives Potenzial in ihnen sah. Bei dem sendungsbewussten Iren hingegen war offenbar auch bei ihm eine Grenze überschritten.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Truppe ausschließlich Schlechtes verbrochen hätte. Ich scheue mich nicht zu gestehen, dass zumindest die A-Seite des alles andere als pathos- und kitschfreien Albums The Joshua Tree damals, in unseren Abiturtagen, durchaus eine Saite zum klingen brachte in mir und nicht wenigen anderen. Doch das jesusmäßige Gehabe, die Kreuzigungsposen, dieses "Seht, wie ich stellvertretend für euch alle leide am Elend der Welt! Sehet, wie ich meine Popularität als demokratisch nicht legitimiertes Ticket nutze, mich an Politiker ranzuwanzen, um sie moralisch zu erpressen (auf dass ein Abglanz auch auf mich falle)!" - das nervte schon damals gewaltig. Exakt für Leute wie ihn wurde einmal der Begriff  'Gutmensch' erfunden. Ehe er degenerierte, der Begriff, zur x-beliebigen, spottbilligen Universalinvektive von Rechten, die damit bloß alle Anflüge von Mitmenschlichkeit der Lächerlichkeit preiszugeben trachten.

Lang ist's her. Jetzt sitzt man, nichts Böses ahnend, in der Filiale eines auf italienisch machenden Systemgastronomen, lässt sich das trotzdem akzeptable Frühstück munden und erlebt plötzlich einen dieser Momente, in denen man sich irgendwie verfolgt fühlt:




Kommentare :

  1. Ich frage mich gerade, was (und vor allem, wie flüssig) Du so frühstückst … ;-)

    AntwortenLöschen
  2. kevin_sondermueller13. März 2016 um 20:26

    Soll er denn sein Frühstück trocken runterwürgen?
    Bist wohl beim Blauen Kreuz …

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was haben die Abstinenzler denn neuerdings gegen Essig und Olivenöl einzuwenden?

      Löschen
    2. kevin_sondermueller15. März 2016 um 10:27

      Glaube, nix. Aber die Flasche schaut halt aus
      wie eine Amarettobuddel :D

      Löschen