Sonntag, 17. April 2016

Verkloppt


Zum Sport: Als Fan von Borussia Dortmund tut man nach dem letzten Donnerstag gut daran, sich auf ein paar weniger spektakuläre Jahre einzustellen. Titel wird es bis auf weiteres keine geben, weil die Mannschaft wohl komplett neu aufgebaut werden muss.

Gegen Liverpool wollte Tuchel auf Nummer sicher gehen und ließ im Derby gegen Schalke etliche Leistungsträger auf der Bank. So kam der BVB über ein Remis nicht hinaus und verspielte damit die letzte theoretische Chance auf die Meisterschaft. Und dann kam die Nacht von Anfield, in der Jürgen Klopp demonstrierte, was ihn immer noch zu einem herausragenden Trainer macht: Seine Gabe, in einer Mannschaft und bei den Zuschauern nie geglaubte Energien freizusetzen, einem in allen Belangen überlegenen Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen und magische Nächte zu schaffen, über die man noch in 50 Jahren spricht. Genau dafür ist man Fußballfan und dafür lieben sie ihn in Dortmund noch immer. Als Kloppo vorletzte Woche seine alte Wirkungsstätte zum Auswärtsspiel besuchte, reagierte die Vereinsführung ungewohnt humorlos und verschnupft auf die Liebesbekundungen der Fans. Ob man ahnte, was passieren könnte?

An der Anfield Road vergeigte die Borussia auch die zweite Titelchance, dieses Mal eine sicher geglaubte, fest eingeplante. Es war die letzte für dieses Jahr, eine weitere wird es nicht geben. Der FC Bayern steht, wenn kein Wunder geschieht, als Meister und Pokalsieger quasi fest. Obwohl sich in letzter Zeit leichte Haarrisse in Guardiolas akribisch choreographierten Rasenschach zeigen, spielen die Bayern immer noch in einer eigenen Liga. An einem normalen Tag schlagen sie auch mit einer B-Elf jede beliebige deutsche Mannschaft locker, den BVB eingeschlossen. Es sei denn, sie geraten an einen Jürgen Klopp, der ihnen mehr als einmal einen unnormalen Tag bereitete. Das lässt sich dieses Jahr mit einiger Sicherheit ausschließen.

Der Vereinsführung kann man kaum einen Vorwurf machen. Nach der glimpflich ausgegangenen Katastrophensaison 2014/15 war Klopp als Trainer nicht mehr zu halten. Er wirkte verbraucht, schien die Spieler nicht mehr zu erreichen, hatte der millionenschweren Transferoffensive der Bayern nichts entgegenzusetzen. Auch sein Händchen für Rohdiamanten, die auf dem Transfermarkt günstig waren und unter seiner Ägide aufblühten, schien er verloren zu haben. Tuchel war als Nachfolger sicher die richtige Wahl, ein geeigneterer Kandidat nicht zu haben. Nur ist er eben nicht der Typ, für den seine Jungs durchs Feuer und wieder zurück gehen würden. Kein Klopp 2.0, sondern die Antithese. Bedächtig, verkopft, immer verbindlich. Ein asketischer Klemmbrettmensch, der für alles eine Excel-Tabelle zu haben scheint.

Vor ein paar Jahren hat Klopp einmal in einem Interview gesagt, er würde niemals ein Arschloch  verpflichten, bloß weil es gut Fußball spielen könnte. Tuchels Reaktion auf die Niederlage in Liverpool war, dass er ratlos sei und keine rationale Erklärung für das habe, was geschehen sei. Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen, gewiss, Schlaglichter, sicher. Aber womöglich auch sehr aussagekräftig in Bezug darauf wie fundamental sich beide in ihrem Verständnis von Fußball unterscheiden. Hier das Rudeltier, der Stammeskrieger, der Instinktmensch, der auch mal sagt: Vergiss die Scheißtaktik - drauf und dran, hinten hilft schon irgendwie der Liebe Gott! Dort der Feingeist, Kontrollfreak und Taktikexperte, der Ballbesitz-Guru Guardiola bewundert, mit dem er schon angeregt über Aufstellungen und Spielzüge gefachsimpelt hat. Kann ein solcher Übergang ohne Brüche und knirschendes Gebälk gelingen?

Nach dieser höchstwahrscheinlich titellosen Saison werden wohl einige Schlüsselspieler den Verein im Sommer verlassen. Sogar Mats Hummels, bislang die Loyalität in Person, denkt inzwischen halblaut über einen Wechsel nach. Kann man es Spielern vom Kaliber und mit dem Potenzial eines Hummels oder eines Ilkay Gündogan wirklich verübeln, dass sie auch mal Titel holen wollen und irgendwann nach einen Verein suchen, bei dem sie bessere Chancen darauf sehen als bei einem ewigen Zweiten und Halbfinalisten? Echte Liebe und Treue sind zweifellos hohe Güter, aber im modernen Profifußball eben nicht alles. Ob die nächste Bundesligasaison so langweilig wird wie diese, wird allein davon anhängen, wie Carlo Ancelotti in München einschlägt. Geldprobleme wird er jedenfalls keine haben.

An der Strobelallee geht man wohl mageren Zeiten entgegen. Da muss man durch als Fußballfan, will man nicht sein Restdasein als erbärmlicher Glory Hunter fristen. Als Schwarzgelber bleibt einem immerhin der Trost, dass man in Dortmund fast ausschließlich Probleme hat, die die Blauweißen aus Herne-West mit ihrem sicheren Händchen für Griffe ins Klo auch gern mal hätten.



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