Sonntag, 10. April 2016

Vor Verehrern wird gewarnt


Als Harald Schmidt seine besten Zeiten hatte, war ich zwischen 20 und 30 und fand ihn genial. Ältere Generationen schüttelten nur verständnislos den Kopf. Wie man einen solchen Zyniker nur gut finden könnte, hieß es ein ums andere Mal. Für mich damals klarer Fall von Vergreisung, nix verstanden. 20 Jahre später geht es mir jetzt ähnlich mit Jan Böhmermann. Vor allem Zwanzig- bis Dreißigjährige finden ihn großartig. Ich habe ein, zwei mal versucht, seine Sendung bis zum Ende anzuschauen und fand es vor allem anstrengend. Klarer Fall von Vergreisung. Man tut aber gut daran, das nicht für den Untergang der Zivilisation as we know it zu halten, sondern für ziemlich normal. Das Alter.

Im Moment sind wir ja alle Böhmermann. Böhmermann über alles. Sogar der Duderich kommt seinetwegen aus dem Exil zurück. Ob Böhmermann demnächst auch Schwerkranke heilt und übers Wasser geht? Nein, stopp, ich will ja gar nicht rummeckern, denn der Coup mit dem Erdogan-Schmähgedicht war schon ziemlich genial. (Man kann ihn sich übrigens hier und hier anschauen, oder im Wortprotokoll nachlesen). Und durchaus mutig, denn Böhmermann riskiert wirklich Strafverfolgung. Ganz im Gegensatz zu all jenen, die sich für ihr ödes, furzbequemes, ganz und gar ungefährliches Ausländer-/Frauen-/Schwule-/Gender- und anderes Minderheitenscheißefinden feierlich das Pallium des verfolgten Widerstandskämpfers umlegen wollen.

Schmähkritik, anno dunnemals (Foto: olegivvit/Wikimedia Commons)
Wenngleich die Aktion vielleicht nicht unbedingt den "latenten Wilhelminismus" unserer Zeit offenlegt, wie der ansonsten recht treffsichere Georg Diez zu ventilieren beliebte. § 103 StGB, der die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter extra unter Strafe stellt, ist nämlich durch und durch ein Kind der Nachkriegszeit. So aber doch genügend anderes. Eigentlich wird da ausnahmslos allen eine lange Nase gedreht. Ist das noch Satire oder schon Aktionskunst?

"Che bel colpo! Che bel caso! / È cresciuto a tutti il naso" (Lorenzo da Ponte, Nozze di Figaro)

Fies ist wie immer die Doofheit der Bigotten. Der Lauwarmen, der Ja-aber-Sager. Letztens wahrscheinlich alle noch Charlie und Bruxelles gewesen, jetzt auch nur maximal die Hälfte verstanden und nun, wenn wirklich jemand ernst macht, meinen, Satire sei ja gut und schön, aber...

Oder der Applaus aus den falschen Ecken, der sich wohl nie ganz vermeiden lässt. Zum Beispiel der aufdringlich laute Jubel von Matthias Döpfner. Ich will da niemanden in eine Nähe zu irgendwas rücken und selbstverständlich habe ich dem Herrn Döpfner nicht hineinzureden, was er gefälligst gut zu finden hat und was nicht, aber bin ich der einzige, dem's ein wenig mulmig wird, wenn dem Chef des Springer-Verlages schier einer abgeht, ja, der ganz euphorisiert jedes Wort unterschreiben will, wenn ein türkischer Präsident mit Vokabular belegt wird, das unter anderem in Pegida-Kreisen gern benutzt wird?

Oder Hilmar Klute von der Süddeutschen Zeitung. Der nimmt, worauf Stefan Gärtner freundlicherweise hinweist, seine kostenpflichtige Böhmermann-Jubelarie als Aufhänger her, andere Satireformate, darunter auch die 'Anstalt' als rührend vorgestrigen, moralinsauren Predigtdienst voller abgestandener Witzchen zu denunzieren. Seht ihr, liebe Anstalts-Hofnarren, SO und nicht anders geht Satire! Euer ewiges, ödes Infragestellen der Besitzverhältnisse und euer Dozieren über Verstrickungen von Journalisten könnt ihr euch sonstwohin einhelfen. Man ahnt die Absicht und ist verstimmt. Manchmal sind Fans eben schlimmer als Feinde. Und nicht minder verräterisch.



Kommentare :

  1. "Sogar der Duderich..." ... da musste ich schmunzeln. ;-)

    Nein, ernsthaft: B. hat es geschafft mit Scheiße um sich zu werfen, die an den richtigen Leuten kleben bleibt.

    Wenn ich ein Steinmetz wäre und einen riesigen erigierten Pimmel aus Marmor hauen würde, dann wäre das plump, sexistisch und geschmacklos. In dem richtigen Kontext aber, könnte die Stein gewordene Männlichkeit ein politisches Statement sein.
    Ist vielleicht ein blödes Beispiel, aber Böhmermann hat genau im richtigen politischen Kontext seine gewusst schlecht gemachte Schmähkritik gerotzt.
    Er hat sämtliche rassistischen Klisches gegen Türken bemüht. Ihm das vorzuwerfen (ich meine nicht Dich) ist dann doch ein wenig kurzsichtig, und sieht nicht die satirische Überhöhung.
    Ist es denn nicht ein Ritterschlag, wenn unsere politische Elite darüber den Kopf zerbricht, was Satire darf?
    Gut, okay, B. wird momentan in gewissen Kreisen gefeiert, und auch bei mir greifen dann spontan normalerweise Abwehrreflexe. Man will sich ja nicht unbedingt in eine applaudierende Masse einreihen.

    Aber auch wenn ich in der Masse untergehen sollte:
    Ich bin Böhmermann!

    Hier noch ein Zitat von Günter Eich, welches, wie ich finde ganz gut passt:

    "Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
    Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
    euch erwerben zu müssen.
    Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
    der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
    Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
    Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"

    Liebe Grüße
    sogar vom Duderich :-)

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  2. Wenn man in Springers Chefetage Böhmermanns Aktion nicht frenetisch abgefeiert oder gar ignoriert hätte, als das hätte mich wirklich beunruhigt.

    Btw, herzlichen Dank für die Feststellung, dass ich, dessen ehemals roter Bart inzwischen deutlich ins Weisse schloht, noch nicht vergreist zu sein scheine.

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    1. "Wenn man in Springers Chefetage Böhmermanns Aktion nicht frenetisch abgefeiert oder gar ignoriert hätte, als das hätte mich wirklich beunruhigt."

      Frenetisch abfeiern und ignorieren sind doch Gegensätze und keine Steigerung?
      Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, worauf Du hinauswillst.

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    2. und ist schon eine Steigerung. Jetzt besser?

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    3. Nope.
      Begreife nicht mal, ob Du für oder gegen B. bist.
      Liegt wohl an mir.

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    4. Nö, das lag an meiner Unfähigkeit, HTML zu schreiben. Oder Abgelenktheit. Oder $BELIEBIGE_AUSREDE.

      Also nochmal:
      Von „nicht frenetisch abgefeiert“ zu „ignoriert“ sehe ich schon eine Steigerung; und gemeint war: hätte man bei Springer die Gelegenheit nicht genutzt, hätte mich das beunruhigt.

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    5. Beunruhigt Dich es überrascht zu werden?
      Natürlich hat die Causa Böhmermann mittlerweile eine gewisse Relevanz. Sie wird aber eben nicht bei Springer (z.B. Spiegel) ignoriert oder gänzlich abgefeiert.
      s.a.:
      http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft
      /jan-boehmermann-seinem-humor-fehlt-die-waerme-kolumne-a-1086144.html

      Du hast also guten Grund beunruhigt zu sein...
      ;-)

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  3. Hmm, ich weiß auch nicht. Bin zwar wahrscheinlich noch irgendwie die Zielgruppe von Böhmermann, aber seine "Mediencoups" gehen mir eher auf die Nerven. So wirklich "radikal" oder "aufklärerisch" finde ich sie jetzt alle nicht. Ich frage mich immer eher, was sie jetzt sollen. Aber vielleicht verstehe ich das alles nicht und der Böhmermann ist einfach zu genial für mich ;-).

    Wobei ich das Video über "die Deutschen" lustig fand. Aber viel mehr ist das für mich nicht. Ich sehe da weder einen genialen Satiriker, noch eine interessante Medienfigur. Dafür ist der Böhmermann mir einfach zu bemüht.

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    1. Es geht eigentlich nicht darum, dass das radikal sein soll, sondern darum, dass diese Nummer ziemlich genau den Finger auf so einiges legt - z.B. auf die Schwachstelle der Gewaltenteilung bei uns (Bundesregierung muss einer Strafverfolgung zustimmen).
      @Duderich/Moss: Habt ihr's, ja? Schön. ;-)

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    2. Der ganze 'Schah-Pragraph' gehört abgeschafft - ob mit oder ohne nötige Zustimmung durch die Bundesregierung.

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    3. "Es geht eigentlich nicht darum, dass das radikal sein soll, sondern darum, dass diese Nummer ziemlich genau den Finger auf so einiges legt - z.B. auf die Schwachstelle der Gewaltenteilung bei uns (Bundesregierung muss einer Strafverfolgung zustimmen)."

      Ja, das mag sein. Und dieser Paragraph gehört auch vielleicht abgeschafft. Ich bin keine Juristin.

      Dann spielt Böhmermann jetzt halt den Märtyrer. Ich glaube aber nicht, dass er wirklich aufklären will. Wenn er das wollte, gäbe es da wahrscheinlich andere Paragraphen, die er sich vornehmen könnte. Er ist mir zu glatt und zu berechnend. Er weiß, wie weit man gehen kann und was nicht mehr tolerierbar ist. Er wird es sich weder mit seinen Fans, noch mit dem ZDF auf Dauer verscherzen wollen. Er spielt den aufmüpfigen Klassenclown und muss natürlich auch ab und zu auf die Kacke hauen, um im Gespräch zu bleiben. Aus diesem Grund ist er nicht genial. Er wäre es aber vielleicht gerne.

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