Dienstag, 3. Mai 2016

Fast wie beim Schweden


Wenn ich Zeit habe und mich die Sehnsucht nach handfestem Essen und Hausmannskost überkommt, dann schaue ich gern mal bei Krümmel in Bochum vorbei. Kennt fast jeder in der Gegend. Ein Metzgerei-Werksverkauf, der direkt an der A 40, im alten Schlachthof untergebracht ist. Kommt man nicht mitten in der Nacht (geöffnet ist ab fünf in der Früh), dann sollte man Geduld mitbringen, erst recht an einem Tag wie heute. Donnerstag ist Feiertag, da wollen viele nach dem Sauwetter der letzten Wochen endlich die Grillsaison einläuten. Sich mit Grillgut für mehrere hundert Gäste zu bevorraten, ist kein Problem hier. Genau das scheinen nicht wenige vorzuhaben. Mir schwant schon Böses, als ich kaum auf den Parkplatz komme. Nichts geht mehr. Parken ist nur, wenn einer rausfährt. Das dauert. Schon Herbert Knebel wusste, dass die allerschlimmste unter den Schlangen die Wurstthekenschlange ist.


Verschärfend kommt hinzu, dass Monatsanfang ist. Hier kaufen vor allem die ein, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Arbeitslose, Rentner, Hartzer, Alleinerziehende, Mindestlöhner, Aufstocker. Man bekommt Quantität und Qualität für seine paar Kröten. Besser und billiger als beim Discounter. Die Masse macht's hier. 400 Gramm Erbsen-, Linsen-, Bohnensuppe und andere Eintöpfe im Kunststoffschlauch gerade mal für einen Euro. Eine Wiener Wurst dazu, davon wird man schon satt. Wiener haben hier nämlich nix gemein mit trauriger Dosenware, sondern sind kapitale 30-Zentimeter-Prügel, die sie für unschlagbare 70 Cent pro Stück direkt vom Räucherwagen raushauen. Oder richtig gute Currywurst für gerade 1,50. Paar Fritten dazu, fertig ist der Lack. Die Fertiggerichte sind übrigens alle so kräftig gewürzt, dass man daheim nicht mehr nachwürzen muss. Der Laden ist also nicht nur der siebte Kreis der Hölle für Vegetarier, sondern auch für all jene Gesundheitsbewussten, die meinen, von Salz kriege man Bluthochdruck und die deswegen nur noch freudlos laffes Zeug futtern.

Rien ne va plus...
Viele, die hierher kommen, haben Tagesfreizeit und es nicht eilig. Sind vielleicht froh, mal rauszukommen unter Leute. Entsprechend ist die Stimmung. Keine Wichtigmänner und Leistungsträger. Keine Schlipsmichel und Kostümuschis, die sich, die Verachtung ob des sie aufhaltenden, minderwertig sich ernährenden Pöbels im Blick, mit ihren fettarmen Joghurts und ihren Salatgurken an einem vorbeidrängeln wollen. Hier sind alle gleich wichtig. Alle nehmen den Massenandrang mit Humor, und wenn Oppa Erwin nicht mehr gut zu Fuß ist, dann wird er selbstverständlich und ohne Federlesens vorgelassen. "Könnse nich' im ganzen Satz bestellen?", bölkt die Bedienung hinter der Frischetheke mütterlich resolut. "Watt denn, im früheren Leben Deutschlehrerin gewesen?", kommt es aus der Schlange zurück. Ruhrpott old school, rau aber herzlich. Findet man auch immer seltener zwischen Dühsburch und Doatmund.

Hinten anstellen, jeder nur ein Kreuz...
Mir gefällt's hier, nicht nur deswegen. Es wird kein Chichi gemacht, die Bude ist maximal schmucklos, nicht mal Kartenzahlung ist möglich. Bares ist Wahres. Service ist, wenn die Kunden an der Kasse gefälligst nicht trödeln und auch sonst den Betrieb nicht aufhalten. Hier werden No-Gos zelebriert, passiert das exakte Gegenteil von dem, was gerade als richtig und erwünscht propagiert wird ("Hach, also wir essen ja kaum noch Fleisch, und wenn, dann nur noch ganz wenig und immer bio."). Man fühlt sich an Zeiten erinnert, in denen über 90 Prozent der Bevölkerung die Frage, ob zum Essen unbedingt Fleisch und Wurst gehöre, noch unumwunden bejaht haben. Als Fleisch als ein Stück Lebenskraft angepriesen wurde und niemand protestierte deswegen. Apropos protestieren: Quengenlde Kinder trifft man auch nicht. Sobald ein Kind unleidlich wird, bekommt es eine Wurst in die Hand und ist glücklich. 

Als ich endlich wieder draußen bin, habe ich mal wieder deutlich mehr gekauft als ich wollte. Ich habe zehn Minuten gebracht, um einen Parkplatz zu kriegen und eine halbe Stunde bis zu Kasse. Geduzt wird man auch von allen. Eigentlich auch nicht anders als bei IKEA also. Nur dass ich mich nicht abgezockt und belästigt fühle. Und nach veganen Fleischklößchen sollte man auch lieber nicht fragen.



Kommentare :

  1. Klingt gut. Schade, daß Bochum nicht so meine Ecke ist! :(

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  2. Abgesehen von der Ruhrgebietsromantik, die ich aus eigener Erfahrung so gar nicht teilen kann, ein wunderschöner Text.

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    1. Danke, freut mich.
      @Thomas. Das ist auch gut. Eine der wenigen Attraktionen. Leider haben die keinen Online-Shop. Wenn der Jieper zu groß wird, dann kann ich ja was schicken. Würde nur ein paar Euro extra kosten wegen der Styroporverpackung,

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    2. @Stefan:
      Danke für das nette Angebot, aber lass' mal lieber. So lange wie die Post unterwegs ist - da hilft auch keine Styroporkiste. Da bestelle ich eine Wurst, und wenn die endlich hier ist und ich sie anschneide... :)

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  3. Wow, da wünscht man sich doch gleich kurz nach Deutschland :)
    Hier in der Schweiz ist Nicht-Hipster-Food ja nahezu Mangelware geworden. Nach so richtig unfreundlichen Würsten sucht man hier lange vergebens.

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  4. Klasse Text. Nur ein Änderungswunsch: »Kostümuschis«
    bitte mit Doppel-m. Sorry, aufrechte Mädels, aber DIE
    sind nicht wie Ihr!

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    1. Dann müsste ich ja, um im Bild zu bleiben, die Schlipsmichel zu Schlipspimmeln machen - zu unsublim. ;-)
      @Laura: Hey, das kenne ich nur umgekehrt, normalerweise pflegen Deutsche sich in die Schweiz zu wünschen. Die Weltordnung steht Kopf...

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