Freitag, 6. Mai 2016

Schöner Scheitern


Ein gewisser Johannes Haushofer hat letztens ein wenig für Furore gesorgt, indem er einen Lebenslauf von sich veröffentlicht hat. In dem hob er nicht, wie üblich, seine Schokoladenseiten hervor, sondern listete all das auf, was so schief gegangen ist in seinem Leben. Sein Resümee: "Das meiste von dem, was ich angehe, scheitert." Sein Job: Professor in Princeton. Sein Ziel: Leuten Mut machen. Seht her, auch ich koche nur mit Wasser. Mir geht es letztlich auch nicht anders als euch. Keine uncharmante Idee auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist das eine ziemliche Frechheit.

Auf die Idee sei er, weiß er zu berichten, schon 2011 gekommen. Damals habe er seine Freundin trösten wollen, die gerade eine Professur nicht bekommen hatte. Nun ja, was in gewissen Kreisen eben so für Scheitern durchgeht. Ich kann mir nicht helfen, aber aus dem Munde von jemandem in seiner Position wirkt das auf mich, als ob er einen, der soeben seinen Job, seine Familie und seine Wohnung verloren hat, trösten wollte mit dem Hinweis, auch er sei nicht auf Rosen gebettet. Eigentlich habe er ja einen Ferrari gewollt, aber es habe auch bei ihm leider nur zu einem Porsche gereicht. Und letztens, als er mal kein Brot im Hause hatte, da habe er tatsächlich Kuchen essen müssen, obwohl er doch solche Lust auf Brot gehabt habe. Koketterie auf sehr hohem Niveau. Mit voller Hose hat sich's von jeher am besten gestunken.

Entschuldigung, vielleicht sind meine Maßstäbe ja irgendwie verrutscht mit der Zeit, aber jemanden, der mit gerade 36 Lenzen Prof an einem Dickehoseladen wie Princeton ist, den würde ich, abgesehen von der Frage, was man im einzelnen als scheitern definiert, zumindest in beruflicher Hinsicht nicht unbedingt zu den Gescheiterten dieser Welt zählen, auch wenn bestimmt nicht immer alles glatt gegangen ist. Klar, vielleicht ist er schlecht im Bett, kriegt keinen hoch, hat womöglich übelriechenden, nässenden Ausschlag an peinlichen Körperstellen oder verlustiert sich gar heimlich an Videos, in denen süße Miezekätzchen zu Tode gefoltert werden, aber das ist ja nicht das Thema, sondern es geht um Berufliches.

Natürlich ist es sinnvoll, wenn man das, was man beruflich so gemacht hat, einigermaßen übersichtlich  präsentiert. Die Idee aber, bei einem Lebenslauf müsse es sich um eine möglichst lückenlose, stringente Geschichte handeln, ist bei Lichte betrachtet in höchstem Maße gaga. Ein weitgehend sinn- und hirnloses Ritual, das mit dem wahren Leben nur wenig zu tun hat, weil es vieles ausklammert und die öde Fiktion perpetuiert, alles beruhe grundsätzlich auf eigener Leistung bzw. Nichtleistung. Hat sich halt irgendwann so eingebürgert, weil Personaler damit beeindruckt zu werden begehren und Bewerber sich vorsehen sollten einzuräumen, da und dort wohl einfach Glück gehabt zu haben. Glaubt man diversen Bewerbungsratgebern, dann kann, wer so was im Vorstellungsgespräch sagt, sich statt dessen auch entblößen und in den Papierkorb entleeren.

Das, was man gemeinhin Karriere nennt, ist normalerweise eine individuell verschiedene Mischung aus eigener Leistung, Protektion und Zufall bzw. Glück. (Wobei zu letzterem schon die Frage gehört, in was für Strukturen man ohne eigenes Zutun so hineingeboren wurde oder eben nicht.) Alles andere ist Selbstbetrug. Bei Haushofer aber ist davon keine Rede, auch er verharrt brav im Narrativ von Leistung und Versagen. Auch im scheinbaren Scheitern heißt es immer nur ich, ich, ich. Konventionen werden da mal gar nicht verletzt, im Gegenteil. Und Tabus gebrochen erst recht nicht.

Mithin: Was riskiert der Mann schon groß? Er gilt jetzt als coole Sau, als ein bisschen unangepasst und bekommt seine 15 Minuten Publicity dafür. Was ihm eher nützen denn schaden dürfte. Scheitern kann so sexy sein. Der Effekt könnte durchaus ein gegenteiliger sein. Mag der bisherige Imperativ, sich in möglichst günstigem Lichte zu präsentieren, noch reichlich dämlich gewesen sein, so war er doch wenigstens von erfrischender Schlichtheit. Käme es in Mode, immer auch einen zweiten Lebenslauf einzureichen, der Auskunft gibt über Misserfolge, dann würde das dem ohnehin schon ridikülen Bewerbungszinnober eine weitere Komplexitätsstufe hinzufügen. Mehr wäre nicht gewonnen.




Kommentare :

  1. Wäre ich Kaiserin von Deutschland, würde ich als allererstes den ganzen Bewerbungshöllenkram abschaffen. Das ist meiner Meinung nach inzwischen nur eine weitere Psychofolter und viel grotesker und absurder kann es auch nicht mehr werden.

    Man soll demnach irgendwelche abstrusen Codes auswendig lernen, sie dann aufsagen und so tun, als ob man das alles wahnsinnig toll findet. Macht man das nicht, ist man sowieso raus, egal wie gut man qualifiziert ist. Denn darum geht es gar nicht. Es geht darum herauszufinden, ob einer gut buckeln kann. Und wie weit man sich selber erniedrigen kann.

    Der Lebenslauf wird bei Makeln schön gelogen und von Scheitern will auch keiner was wissen. Ist natürlich eine super Grundlage, um eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung aufzubauen. Ich lüge, der Arbeitgeber lügt, alle tun so als ob und keiner stellt die richtigen Fragen.

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  2. Auf mich macht das ganze eher einen lächerlichen eindruck, es zeugt eher von einem kranken anspruchsdenken als vom scheitern. Was steht in dem »schlauen« CV denn drin? Vielleicht wie er achtkantig durchs abi geflogen ist oder wie er mal eine prüfung versemmelt hat? Nichts dergleichen, sondern nur, daß er nicht jede auszeichnung bekommen hat und sich ein paarmal umsonst auf stellen beworben hat.

    Wer das als »scheitern« bezeichnet, hat vermutlich nicht so ganz alle nadeln auf der tanne, normale menschen verbuchen das eher unter »pech gehabt«, während bei herrn Haushofer dann auch noch im unter punkt »meta-versagen« der wehleidige nachsatz kommt, daß sein »lebenslauf des scheiterns« mehr aufmerksamkeit erhalten habe als seine gesamte wissenschaftliche arbeit.

    Alles für die katz gewesen, schon 36 und noch keinen Nobelpreis erhalten. Also alles falsch gemacht.

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  3. "Die Idee aber, bei einem Lebenslauf müsse es sich um eine möglichst lückenlose, stringente Geschichte handeln, ist bei Lichte betrachtet in höchstem Maße gaga. Ein weitgehend sinn- und hirnloses Ritual, das mit dem wahren Leben nur wenig zu tun hat"

    Genau so ist es!

    Die Personaler suchen Mr. oder Ms. Perfect - aber nicht im Sinne der Qualifikation, sondern er/sie muss zum Team passen. Diese Kriterien entscheiden. Und die sind völlig subjektiv und willkürlich. Das kann kein toller Jobcoacher, Berater oder sonst ein Klugscheißer vorher sagen, welche das letztlich sind. Manchmal ist es ein Hobby, ein anderes mal die Nase oder das richtige Parfum (weil Frau Personaler das so toll fand. Und ja, zu 90 Prozent sind Personaler immer Frauen!) oder auch das Lächeln an der richtigen Stelle. Es ist ein Irrsinn. Dazu kommen die völlig hirnlosen Fragen, wie "Warum wollen Sie hier arbeiten?" oder "Was sind Ihre Schwächen?" oder "Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?". Ich habe schon etliche Vorstellungsgespräche hinter mir und bin absolut nicht mehr aufgeregt, weil es eben wirklich immer das völlig gleiche infantile Gaga-Ritual ist. Und weil am Ende IMMER völlig subjektive Kriterien entscheiden, wie mir auch mal ein Personaler-Insider verraten hat.

    Warum nicht mal ein kreatives (Rollen-)Spiel? Gleich eine Art Experiment? Oder eine Stunde sofort probearbeiten? Bilder malen? Ein Brettspiel spielen? Ne Runde Fussball auf dem Hof? Oder was weiß ich. Es gibt doch etliche Möglichkeiten. Ungezwungen, locker, entspannt. Nur so lernt man Menschen am besten kennen. Aber sicher nicht mit ritualisierten gegenseitigen Lügen und Heuchelei.

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  4. Auch wenn ich dem Text mehr als zustimme, versuch ich's mal, (wie heißt es so schön ), - positiv zu sehen. Keine Sorge, dass wird nicht zur Gewohnheit. Aber wenn man mal davon ausgeht, dass gerade bei den Elitären, auch die am meisten auf's übliche akzeptierte Klischee des Gewinners konditionierten Vögel des modernen Arbeitsmarktes herum flattern, und dies zudem noch recht fern vom durchschnittlichen Gros der Verwertung menschlicher Ressourcen, dann trägt dieser leichte Ansatz von Haushoferscher Selbstreflexion, doch immerhin noch die makabere Möglichkeit in sich, dass mittlerweile sogar bei den Besten der Besten angekommen ist, dass irgendwas nicht stimmen kann. Ich bitte das zu verstehen. Nach meinen eigenen und natürlich nur subjektiven Erfahrungen mit diesen High-End-akademisierten und ansonsten gerade deshalb zum Welterklären neigenden Weisen der Neuzeit, muss ich dies einfach als zarten Hoffnungsschimmer sehen. Noch'n bisschen arg hilflos, - zugegeben, aber vielleicht wird das ja noch.

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    1. Ein nicht uncharmanter Gedanke, wie ich zugeben muss. Dein Wort in G.s Gehörgang...

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  5. Aufgabe des Lebenslaufs: Aufmerksamkeit schaffen. Hat doch geklappt.

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