Mittwoch, 29. Juni 2016

Sommerlektüre


Wolfgang Herrndorfs Roman 'Tschick' von 2010 taugt bereits jetzt zum Klassiker.

'Tschick' ist mir damals vor allem wegen des Titels aufgefallen. Ich habe das Buch aber nicht allein deswegen gekauft - das tue ich eigentlich nie - ('Tschick' ist die österreichische bzw. wienerische Bezeichnung für Zigarette - geraucht wird in dem Buch auch, aber eher nebenher), sondern auch, weil es eines dieser Bücher ist, das auch außerhalb des dauerheißlaufenden Bestsellerbetriebes und auch von anderen als den üblichen Verdächtigen allgemein gelobt wurde, was mir grundsätzlich immer sympathisch ist. Jetzt hatte ich reichlich Gelegenheit dazu, es auch mal zu lesen - so ein Gipsarm hat schließlich nicht nur Nachteile - und ich war schnell durch damit, weil es wirklich was taugt. Eine Entdeckung. Man lese das, ehe es zur Schullektüre und zum Gegenstand dröger Interpretationen werden wird. Wird es werden, unweigerlich.

Herrndorf war zunächst lange als Maler und Illustrator tätig und fand erst Anfang des Jahrtausends zur Schriftstellerei. 2002 erschien sein Debüt 'In Plüschgewittern', was ihm das so irreführende wie doofe Etikett des 'Pop-Literaten' einbrachte, 2010 dann 'Tschick'. Leider wird es kein weiteres Buch dieses Ausnahmeautoren geben. 2010 wurde bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert, der sich als inoperabl erweisen sollt. 2013 ging er selbstbestimmt aus dem Leben. Diese Zeit verarbeitete er in seinem postum erschienenen Tagebuch 'Arbeit und Struktur'.

Zurück zu 'Tschick'. Worum geht es? Nun, 'Tschick' ist das, was man eine Coming Of Age-Geschichte nennt, ein klassischer Bildungsroman. Verpeilter Pubertierender (sind das nicht irgendwie alle Pubertierenden?) macht durch eine unerwartete Begegnung einen großen Schritt im Leben. Wir schreiben die frühen Neunziger: Der 14jährige, aus gut situierter Familie stammende Maik Klingenberg besucht ein Gymnasium in Berlin und ist ein durchschnittliches Wohlstandskind mit durchschnittlichem Leben und durchschnittlichen Hobbys. PC, Playstation, rumhängen, fernsehen. Ein Nobody, der als Langweiler gilt. Freunde hat er kaum, die Ehe der Eltern ist am Ende. Sein oft abwesender Vater ist ein hohes Tier bei irgendeiner Firma, weswegen es daheim an nichts fehlt (großzügiges Eigenheim, Pool, Playstation, PC etc.) und seine Mutter hat ein Alkoholproblem.

Nach Ostern kommt ein neuer Schüler in Maiks Klasse. Andrej Tschichatschow, ein russischer Spätaussiedler, der wegen seines komplizierten Namens bald nur 'Tschick' genannt wird. Tschick ist ein komischer Kauz, den meisten ein Rätsel, nicht zuletzt wegen seines „mongolischen“ Aussehens, kleidet sich seltsam und gilt daher bald als Asi. Einer, vor dem besorgte Eltern ihre Kinder warnen. Die eine Mathearbeit schreibt er glänzend, die nächste verhaut er komplett. Als er daraufhin in der Klasse zusammenbricht, halten ihn alle für übersensibel und verpeilt, in Wahrheit ist er an manchen Tagen einfach nur gewaltig verkatert. Maik und Tschick, die beiden Außenseiter, freunden sich dennoch an.

Und dass Maik ein Außenseiter ist, das bekommt er auf brutale Weise vorgeführt. Er hat sich in die Klassenschöne Tatjana Cosic verknallt, und zwar so elementar und verzehrend wie man es wohl nur beim ersten Mal in der Pubertät erlebt. Er steigert sich völlig rein, versucht ihr unter anderem nahe zu sein, indem er dieselbe Musik hört wie sie (Beyoncé) und fertigt als Geschenk für sie in wochenlanger Kleinarbeit eine postergroße Portraitzeichung von Beyoncé an. Denn kurz vor den Sommerferien soll Tatjanas große Geburtstagsfeier steigen, zu der die halbe Schule und noch etliche andere eingeladen sind. Die Klasse redet seit Wochen von nichts anderem mehr. Zunächst wundert sich Maik noch, warum er keine Einladung bekommt und vermutet ein Versehen. Als der große Tag dann da ist, werden seine schlimmsten Befürchtungen zur Gewissheit: Er und Tschick sind als einzige nicht eingeladen.

Zu allem Überfluss begibt Maiks Mutter sich zu Beginn der Sommerferien zur Kur, sein Vater verschwindet mit seiner attraktiven Sekretärin für zwei Wochen zu einem Geschäftstermin, wie er es nennt, und legt seinem Sohn noch 200 Euro hin. Es dräuen einsame, leere, ereignisarme Wochen, die zudem von Liebeskummer völlig überschattet zu werden drohen. Da steht plötzlich Tschick vor der Tür mit einem geklauten (er nennt es "geliehenen") Lada Niva und einer Idee. Was folgt, ist eine ziellose Odyssee durch die sommerliche ostdeutsche Provinz. Und hiermit endet die Inhaltsangabe. Alles weitere übernehme jeder, so sich bis hierhin genügend Neugierde eingestellt hat, tunlichst selbst. Es lohnt sich, denn es ist fast alles drin. Es geht ja auch um alles. Am Ende steht die Entscheidung. 'Erwachsen werden' im Sinne der Erwachsenen oder dem Ruf des eigenen Herzens folgen?

Geschrieben ist das fabelhaft. Alles haargenau beobachtet und höchst glaubwürdig. Die zynischen, latent sadistischen Lehrer, die längst Perfideres entwickelt haben als Prügel. Die Ökospießer, die Supereltern und die schrägen Typen, die Freaks, die so nur in der Provinz gedeihen und eben nicht in der Stadt. Frappierend, wie Maiks Erfahrungen mit der Schule und dem Heranwachsen den eigenen zu ähneln scheinen, wie vertraut einem das alles vorkommt, wie nah einem sich das anfühlt und wie wenig sich im Kern doch ändert. Was im übrigen dem Gehabe Hohn spricht, alle paar Jahre eine komplett neue Generation sowieso zu proklamieren, um sich wohlfeil von selbiger distanzieren zu können. Herrndorf sagt uns: Medien und Musik mögen sich ändern, Menschen tun das weit weniger. Fun fact: Die 'Jugend von heute' ist der eigenen im Zweifel weit näher als einem lieb ist. In your face, Kulturpessimisten!

Es ist, nota bene, ein Jungenroman. Keine Ahnung, inwieweit Begeisterung für dieses Buch wegen des Sujets daher vornehmlich ein Männerding ist. Ich wäre durchaus neugierig zu erfahren, wie 'Tschick' auf Frauen gewirkt hat, die es gelesen haben.

Herrndorf war Jahrgang 1965, wer mag, kann also öderweise diskutieren, inwieweit Autobiographisches verhandelt wird. (Wäre ich erfolgreicher Autor, der ich nicht bin, ich fürchte, ich würde spätestens nach dem dritten Mal, wenn auf einer Lesung jemand nach dem autobiographischen Gehalt des Gehörten fragt, Ohrfeigen verteilen. Wegen beklagenswerden Mangels an Horizont und an Phantasie.) Es gibt so viel Interessanteres zu entdecken. Bezüge, auch sprachliche, zu 'Tom Sawyer' oder 'Catcher In The Rye' und anderen etwa. Da kennt einer seine alten Meister, ohne sie aufdringlich zu zitieren. Oder die ganzen sprachlichen und stilistischen Finessen, die sich aber nie eitel in den Vordergrund drängeln. Die flüssigen, nie hölzernen Dialoge (eine Kunst!).

Oder man gibt sich dem Zauber dieses Sommermärchens einfach so, ganz ohne Hintergedanken hin. Was vermutlich das beste ist.


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Wolfgang Herrndorf: Tschick. Rowohlt Berlin 2010, ca. 270 S., 16,99 € (Hardcover), 8,99 € (TB/E-book).
Bibliophilen sei aber die wunderschöne, von Laura Olschok kongenial illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg
empfohlen.



Kommentare :

  1. Hallo Herr Rose,

    Man lese das, ehe es zur Schullektüre und zum Gegenstand dröger Interpretationen werden wird. Wird es werden, unweigerlich. Wenn das nicht stilistisch von Ihnen gewollt ist um zu zeigen wie sehr Sie das Buch mögen, dann liegen Sie da falsch. Der Roman ist bereits seit einigen Jahren Schullektüre, war er sogar schon, laut "Arbeit und Struktur" zu Herrndorfs Lebzeiten. Er schreibt dort immer wieder mal, dass er Schülerreaktionen bekommen hat, auch von Schülern kontaktiert wurde, und dass der unvollendete Nachfolger "Bilder deiner großen Liebe" (über das Mädchen, das die beiden auf der Müllkippe treffen und das die Jungen dann ein Stück des Weges begleitet) von Schülerbriefen inspiriert wurde.

    Es war also möglicherweise schon tausendfach Gegenstand (dröger) Interpretationen. In "Arbeit und Struktur" wird auch der Entstehungsprozess ein Stück weit dokumentiert.

    Sie machen Herrn Herrndorf 10 Jahre jünger als er war. Wenn Sie noch was von ihm lesen mögen, was möglicherweise auch einen Teil Autobiographisches enthält, dann mögen Sie vielleicht den Roman "In Plüschgewittern".

    Weiterhin gute Besserung!

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    1. Danke für die Ergänzug, ich habe das aufgenommen.
      "Es war also möglicherweise schon tausendfach Gegenstand (dröger) Interpretationen." - ich hatte es befürchtet!

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    2. Nichts zu danken. Sie wollten ja wissen, wie das Buch auf es gelesen habende Frauen wirkt, ich hatte erst gezögert das mitzuteilen, weil ich sicher nicht repräsentativ bin. Das Sujet fand ich gut, ob das bei anderen Frauen auch so ist, keine Ahnung. Trotzdem hat mich das Buch nicht so umgehauen, wie ich dachte nachdem es mir von jemandem, dessen Lieblingsbuch es ist empfohlen wurde. Ich fand's beim ersten Lesen gut und beim zweiten Lesen nette Lektüre. Mag vielleicht auch gar nicht mit dem Buch selbst zu tun haben, sondern damit, dass ich sonst eher in eine andere Richtung lese.

      Vielleicht ist es aber auch eine Frage des Alters. Ein Bekannter Mitte 30 fand es seine Aussage nach scheiße, mein Stiefvater (57) war hellauf begeistert. Der Mann, der es mir empfahl ist etwa Ihre Generation. Falls da irgend was von repräsentativ sein sollte - das kann ich nicht beurteilen -, könnte es möglicherweise auch ein Generationen-Ding sein. Ich selber kam aber in den Nachfolger aus der Mädchen-Perspektive überhaupt nicht rein und der Roman "Sand", der dazwischen liegt soll sehr anders geartet sein, den las ich aus thematischem Desinteresse nicht.

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  2. Die zynischen, latent sadistischen Lehrer, die längst Perfideres entwickelt haben als Prügel. Die Ökospießer, die Supereltern und die schrägen Typen, die Freaks, […]
    … das entspannende Wissen, dies seit Jahrzehnten hinter sich gelassen zu haben und nie, nie, nie wieder daran erinnert werden zu wollen.

    Danke für die Warnung vor dem Buche. Die beschriebenen Verhältnisse haben mich zu tief geprägt, als dass ich all das Elend mich nochmal deprimieren lassen wollte.

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    1. Freut mich immer, wenn ich helfen kann.
      @faedenrisse: Danke für die Antwort - das Alter scheint in der Tat auch ein Faktor zu sein.

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