Sonntag, 14. August 2016

Fliegende Scheiben, moralische Entrüstung


Das Fiese an Leuten, die sich andauernd moralisch im Innersten entrüstet geben, ist ja nicht nur, dass sie zu faul oder zu blöd zum Argumentieren sind, sondern auch, dass sie sich berechtigt sehen, aller Welt ihre verschissene, höchstpersönliche Moral hereinzudrücken.

Nehmen wir nationales Kasperletheater wie das, ein mehr oder minder willkürlich zur 'Nationalhymne' dekretiertes Musikstück und ein bunt bedrucktes Tuch mit irgendwelcher Bedeutung aufzuladen und kultisch zu verehren. Zu meiner Zeit war es im Vorfeld von Fußball-Länderspielen allgemein akzeptiertes Verhalten, Kaugummi zu kauen und auf keinen Fall auch nur eine Note der Hymne mitzusingen. Inzwischen werde ich beim gemeinschaftlichen Fußballgucken hier und da schief angesehen, wenn ich bei der Nummer sitzenbleibe und mein Bier austrinke, anstatt, wie die ganzen anderen beseelt grinsenden Schwarzrotgoldhamster, aufzustehen und allen Ernstes die Hand aufs Herz zu legen.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe kein Problem, wenn Leute sich mit so einem Verhalten unbedingt zum Obst machen wollen, bestehe aber darauf, gefälligst davon verschont zu bleiben. Wir haben schließlich Meinungsfreiheit, oder endet die bei Staatssymbolen? Daher finde ich es auch so lachhaft, von Sportlern zu verlangen, sich da wie auch immer gearteten Verhaltenskodizes zu unterwerfen. Etwa während des Abspielens der erwähnten Nationalhymne vom Band stramm zu stehen wie ein Zinnsoldat und dabei möglichst ergriffen aus der Wäsche zu glotzen, am besten noch ein paar Tränen der Rührung zu vergießen dazu.

Und das führt uns sehr schön zu Christoph Harting. Für die, die die Olympischen Spiele nicht so mitverfolgen: Der Mann hat, für viele überraschend, eine Art fliegende Untertasse im Miniformat weiter geworfen als der Rest der Blase und dafür eine vergoldete Plakette umgehängt bekommen. Bei der Siegerehrung erwies er sich als perfekter Sportsmann, indem er dem Zweit- und dem Drittplatzierten gratulierte, danach dann als sympathischer Typ, weil ihm der oben genannte alberne Nationalzinnober ungefähr so am Arsche vorbeigeht wie mir. So machte er bei auf dem Siegerpodest ein paar Faxen und versuchte, zum Takt des aus Österreich geklauten Musikstücks mitzuwippen, anstatt stramm zu stehen wie ein Zinnsoldat und dabei ergriffen aus der Wäsche zu glotzen. Tränen der Rührung konnte er sich auch gut verkneifen.

Nun sollte man meinen, dass so was im 21. Jahrhundert kein Problem mehr sein sollte. Auch der britische Bahnradfahrer Bradley Wiggins und seine Teamkameraden haben bei der Zeremonie herumgekaspert und sich schlapp gelacht, ohne dass das groß jemanden gestört hätte. Nicht so in Deutschland, dem Land der Unentspannten und ganz Kleinkarierten, in dem es sofort prinzipiell wird und immer mindestens morgen die Welt untergeht (und in dem Facebook das Lieblingsmedium der Dödel ist).

Dass Funktionäre branchentypisch blöde aus so was reagieren, ist noch irgendwie verständlich, tragen diese Leute doch an einem permanenten Aufmerksamkeitsdefizit und nutzen reflexhaft jede sich bietende Chance, sich als auchganzwichtig in Szene zu setzen. Auch dass mehrere ehemalige Sportkollegen sich sofort zu Hartings Benehmen äußerten, mag ähnliche Ursachen haben.

Nun sind soziale Netzwerke nicht unbedingt repräsentativ, aber angesichts der Schnurre um Christoph Harting keimt schon die Frage, ob man eigentlich nur noch von Spießern umgeben ist, wenn man sieht, wie viele, die vermutlich absolut nichts mit irgendeiner Art von Sport zu tun haben, sich ereiferten und sich fremdschämten, und herumpöbelten von wegen, der Mann repräsentiere Deutschland und habe mit seinem unentschuldbaren Verhalten die Ehre der Nation besudelt. Werte und Ehre zählten wohl gar nichts mehr, jallern sie. (Falsch, s.o.) Geht's noch oder tut es sehr weh? Schön auch: Der Mann werde schließlich von Unseren SteuergeldernTM alimentiert und habe sich entsprechend zu benehmen. Meine Güte, eine Freundin von mir ist Beamtin und lebt auch von Meinen SteuergeldernTM. Zu was genau verpflichtet sie das mir gegenüber?

Wie viel Frust darüber, nie nach seiner Meinung gefragt zu werden, muss sich bei diesen Leuten angestaut haben? Sind vermutlich dieselben, die immer rumnölen, es gäbe keine echten Typen mit Ecken und Kanten mehr. Kommt mal einer daher, dann ist es auch wieder nicht recht, dann sind sie empört, und zwar moralisch. Und das mögen sie sich bitte sonstwohin schieben. Herrlich unsouverän übrigens auch die Reaktion professioneller Journalisten, denen Harting sich erfrechte, ihnen das gewohnt tiefschürfende Interview ("Wie fühlt man sich jetzt als Goldmedaillengewinner?", "Können Sie das schon so richtig fassen?") zu verweigern. Wie denn? Kein Interview? Wie ist der denn drauf? Wir Preßbengels sind nicht King of the Ring? Die Welt geht unter, Hiiilfeee!

Man könnte ja sagen, ein Gutes hätte die ganze Sache trotz allem, ist sie doch ein Zeichen dafür, dass offenbar immer noch sehr viele absolut keine wirklichen Probleme haben. Kann man aber nicht. Dazu hat nationalistisches Gesummse einfach schon zu viel Schaden angerichtet. Das ist das Dumme.



Kommentare :

  1. Gleiches Thema wie meines, gleiche Intension.
    Aber mal wieder viel besser transportiert.

    Schöner Text!

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  2. Komisch, dass ich bei den fliegenden Scheiben an die Reichsflugscheiben denken musste (also diese Ausgeburten überlegener Nazi-Technologie, die jetzt angeblich
    undercover in Neuschwabenland bzw. im Hohlweltinneren stationiert sein sollen, um dereinst übermenschengesteuert
    die Weltverhältnisse ins RECHTE Lot zu bringen – was ja irgendwie zum Text passt). Also ich kriege einen mittleren
    Magenentleerungsimpuls, wenn ich nur einen Schlandlappen sehe.
    Und dieser Goldjunge scheint ja im Gegensatz zu anderen Sportlern echt über Hirnschmalz zu verfügen.

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    1. Ja, die Reichsflugscheiben - übrigens wusste schon Beetlebum vorletztes Jahr, dass Browserhistorien in so einem Fall Leben retten können...
      @Dude: Thanks. :-)

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  3. Kann man dem Mann die Medaille nicht wieder aberkennen, wegen undeutschem Verhaltens? Ach ja, früher, da hätt's sowas nicht gegeben!!

    Was mich zum Rechtsausleger von Berlin, Frank Henkel führt. Dessen Burkhahatz ist unerträglich, wird aber von nicht wenigen DEUTSCHEN unreflektiert mit Zustimmung bedacht.

    Was ist das für ein Irrenhaus geworden?

    Im Kanzleramt treffen sich die Chefausbeuter um Mutti`s "Wir schaffen das" jetzt mal endlich (für sich) in Zählbares umzusetzen. Wird auch Zeit. Zinsen und Dividenden müssen schließlich weiter wachsen.

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  4. A propos Reichsflugscheiben – vor ewigen Zeiten (1991) war ich mal drauf und dran, mir eine Ausgabe von Deutschlands schmierigster Quasi-Zeitung zuzulegen, und zwar wegen der Schlagzeile, dass Adolf Hitler die Reichsflugscheiben heimlich entwicklen ließ.

    HEIMLICH! Also wirklich!

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    1. Der Vorteil an solchen Schlagzeilen ist aber: Man weiß, dass gerade nichts schlimmes auf der Welt passiert ist.

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