Mittwoch, 17. August 2016

Inspektor Schnarch


Oder: Sie können auch anders

Eigentlich bin ich ein Freund britischer Fernsehproduktionen. Meistens sind sie innovativer, cooler, temporeicher, gnadenloser, ironischer, näher am Puls der Zeit als das, was bei uns so heruntergekurbelt wird. Vergleicht man etwa die BBC-Serie 'Sherlock' mit einem durchschnittlichen 'Tatort', dann stinkt letzterer schon arg ab. Von Ausnahmen wie denen aus Dortmund einmal abgesehen, nimmt sich der in Teilen der Bevölkerung als avantgardistisch und gewagt geltende ARD-Dauerbrenner im direkten Duell meist als das reinste Schlafmittel aus. Allerdings ist, wie ich jetzt feststellen musste, auch auf der Insel nicht alles Gold, was glänzt. Im Gegenteil, die können auch ganz anders. Studieren lässt sich das sehr schön am Beispiel der in Oxford spielenden Serie 'Lewis - Der Oxford-Krimi'.

Man verstehe mich nicht falsch: Oxford ist eine wunderschöne Stadt. Allerdings versteht man sich dort auch hervorragend darauf, seinen Ruf als idyllisches Arkadien Britanniens touristisch zu vermarkten. Daher sind Besucher meist überrascht, nicht etwa in einem beschaulichen Paradies im Grünen gelandet zu sein, sondern in einer abseits der pittoresken mittelalterlichen Universitätsbauten durchaus quirligen, teils hektischen, insgesamt ziemlich normalen Stadt mit gut 100.000 Einwohnern. Da ich mich dank Besuchen bei der Verwandtschaft dort ein wenig auskenne, mag es verwundern, dass ich bislang noch keine einzige Folge von 'Lewis' gesehen hatte. Höchste Zeit also, das mal nachzuholen. Hey, ich mag Krimis, ich mag Oxford - was kann also schiefgehen? DI John Lewis (Kevin Whately) ist ehemaliger Assistent und Nachfolger von Detective Inspector Morse, der mit seinem Darsteller John Thaw im Jahr 2000 verstorben ist. 'Lewis' ist daher das, was die jungen Leute heute ein Spin-Off nennen. 

"Haben wir Sie geweckt?" Hathaway, Lewis (via annuseries.com)
Lewis ermittelt, unterstützt von seinem Assistenten Hathaway (Laurence Fox) und der Pathologin Dr. Laura Hobson (Clare Holman) unter der Leitung seiner Chefin Jean Innocent (Rebecca Front) in Mordsachen, die unter die Zuständigkeit der Oxford County Police fallen. Lewis einen Normalo zu nennen, wäre derbe untertrieben. Er guckt gern Fußball im Pub, trinkt auch gern mal ein Bier, hat Angst vor dem Zahnarzt, zwei erwachsene Kinder, ist verwitwet, hat aber kein Glück mit Frauen, weil er über seine verstorbene Frau nicht hinwegkommt. Man missverstehe mich auch hier nicht. Ein Ermittler muss meinetwegen nicht zwangsläufig ein verhaltensauffälliger Soziopath mit Suchtproblem oder Zwangsstörung sein. Aber bei 'Lewis' ertappte ich mich bei dem Gedanken: Meine Güte, kann der Typ nicht wenigstens einen kleinen Schlag schräg haben? Gegen John Lewis ist sein Assistent Hathaway, ein verhinderter Intellektueller, der zuweilen zu viel Kaffee trinkt und - shocking! - auch mal eine qualmt, purer Rock 'n Roll.

Ist wirklich hübsch da. Ich habe Beweise.
Das Erzähltempo ist, höflich ausgedrückt, gemütlich. Immer wieder werden ausgedehnte Schwenks über die diversen Sehenswürdigkeiten des beschaulichen Oxford sowie über die sattgrüne idyllische Landschaft eingeschoben. Die Fälle spielen meist in besseren Kreisen oder im Umfeld der Universität. Professoren, Studenten, Stipendiaten, Exzentrikerklischees. Schöne Menschen in schönen Häusern, die einflussreichen Tätigkeiten nachgehen, "Schlamassel" sagen statt "Scheiße" und immer den richtigen Konjunktiv verwenden, haben Probleme, Leichen im Keller und tun schlimme Dinge. Abgründe tun sich auf! Lässt mich nur völlig kalt. Gegen 'Lewis' waren die Fälle des glupschäugigen Oberinspektors Derrick knallharte proletarische Milieustudien. Bisher bin ich fast immer eingeschlafen und wurde nie so recht den Eindruck los, dass es sich auch bei 'Lewis' vor allem um Stadtmarketing handelt. Erstaunlich nur, dass ausgerechnet Tim Fywell, der in den Neunzigern mit 'Cracker' (doofdeutscher Titel: 'Für alle Fälle Fitz') eine der großartigsten, stilbildendsten und verstörendsten Krimiserien aller Zeiten geschaffen hat, für diesen betulichen Quark mitverantwortlich zeichnet.

Und das Positive? Nun, es kann vorkommen, dass Lewis einmal pro Folge einen wirklich witzigen Spruch raushaut. Etwa als er dem ratlosen Assi ein Kleinkind in die Hand drückt und zur Mutter meint: "Mr. Hathaway wird sich um den Kleinen kümmern. Keine Sorge, er kann gut mit Kindern, er war früher selbst eines."

Wenn, dann werden neue Folgen von 'Lewis' bei uns übrigens am Sonntagabend um 22 Uhr ausgestrahlt. Vermutlich, um das durch 90 Minuten Rosamunde Pilcher heillos aufgewühlte Publikum emotional wieder etwas herunterzubringen.




Kommentare :

  1. Uii, da sind aber zwei Universen aufeinandergetroffen, bzw. gerade nicht aufeinandergetroffen, sondern ohne wesentlichen Kontakt durch einander durch geflogen!
    Ich weiß, man kann durchaus Äpfel mit Birnen vergleichen, aber nur, um abschließend festzustellen, dass es sich um verschiedene Früchte handelt. Sherlock und Lewis in Bezug zueinander zu setzen, ist deshalb wenig hilfreich.
    Wer gefühlte tausend Folgen vom eher noch betulicheren Barnaby gesehen hat, weiß langsam, was den Reiz dieser Art von Unterhaltung ausmacht, oder eben nicht.

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    1. Nun, 'Lewis' und 'Sherlock' zu vergleichen, ist tatsächlich wie Äpfel mit Birnen. Ich habe auch mit ruhigem Erzählfluss normalerweise keine Probleme (auch wenn das vielleicht anders herübergekommen ist). Es ist nur so, dass mir 'Lewis' im Prinzip nichts anders zu sein scheint, als eine Möglichkeit, das Franchise um Inspector Morse, weiter am kochen zu erhalten (Morse ist in Oxford wichtiger Teil des Stadtmarketings). Dazu muss man das eben so verpacken, dass man um Himmels Willen nirgendwo aneckt. Verfilmte Tourismusbroschüre eben. Und das finde ich dann schade. Verschafft andererseits einer Riege weniger bekannter aber begabter Schauspieler Lohn und Brot. Auch nicht schlecht.

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  2. Finde Lewis eigentlich nicht schlecht , während Sherlock aus meiner Sicht ein ziemlich aufgesetzter Quark ist , irgendwie komm ich damit nicht klar.

    Vollste Zustimmung aber zur Einschätzung von "Für alle Fälle Fitz".
    Das ist , nicht nur krimitechnisch , das vielleicht Genialste , was je fürs Fernsehen gedreht wurde .
    Ewig schade , daß sich Robbie Coltrane "nicht auf die Figur Fitz festlegen wollte" , und deshalb aufgehört hatte - mit dem Ergebnis , daß man heute nichts mehr von ihm hört. Der hätte sowas wie ein englischer Columbo werden können.

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  3. Fluchtwagenfahrer19. August 2016 um 10:48

    Moin Stefan,
    dann schau doch mal zu den Ladies aus Manchester,
    "No Offence" bei XDF NEO. Story geht so, aber ansonsten recht derbe, alla shameless in soft.

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    1. Danke für den Tipp, werd mal reinschauen (du meinst ZDF neo, oder?).
      @Art: Schön, dass man sich immer auf was einigen kann - bei 'Sherlock' bin ich mir, ehrlich gesagt, auch nicht mehr ganz so sicher. In der letzten Folge ist mit den Autoren definitiv der Doctor Who durchgegangen und ich fand sie arg bemüht. Ich hoffe, die für 2017 angekündigte vierte Staffel, die z.Zt. gedreht wird, knüpft an alte Stärken an.

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  4. Jo, ich dachte auch immer, dass die Engländer keine wirklich schlechten Filme machen können. Bis ich auf den hier gestossen bin:

    https://www.amazon.de/Downing-Street-Blu-ray-Benedict-Knight/dp/B00NFPTPBC/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1471689629&sr=1-1&keywords=downing+street+down

    Sogar Golan/Globus-Produktionen aus den Achtzigern wirken dagegen wie Meisterwerke von Fellini.

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