Freitag, 30. September 2016

Of Mice and Women


Es ist ja nicht so, dass ich es nicht ärgerlich fände, mich teils auch fremdschämte, wenn Männer sich unangemessen aufführen, aber einen Skandal vermag ich darin meist nicht zu sehen. Ich komme da nicht ganz mit: Vergleichsweise junge Frau und allein erziehende Mutter tritt in eine Partei ein, in der in großen Teilen noch die Alten Säcke das Sagen haben, die vielleicht die Partei mit der größten Dichte an Alten Säcken ist. Was im übrigen kein Staatsgeheimnis ist. Alte Säcke unter anderem, die ohne rot zu werden beklagen, ihre Partei sei sozialdemokratisiert. Die Frau macht in dieser Partei ziemlich schnell eine ziemlich steile Karriere und wundert sich dann, dass die Alten Säcke sich exakt so benehmen wie Alte Säcke sich halt so benehmen. Was hat sie erwartet? Geht sie auf der Kirmes auch immer in die Geisterbahn und beschwert sich hinterher, das sei ja gar kein Streichelzoo? Haben Manuela Schwesig und Heiko Maas schon das #teamjennabehrends ins Leben gerufen bzw. sich einem angeschlossen?

Vermutlich geht die Bezeichnung "Große süße Maus", die ihr von einem Alten Sack zuteil wurde, im Rekurs auf ihre Tochter, die ihrerseits die Verbalinjurie "Kleine süße Maus" abbekam, nicht konform mit allen Richtlinien des Gendersprechs. Bin da kein Experte. Wie auch im Attribut "putzig" sicher eine gehörige Prise Herablassung mitschwingt. Insgesamt dürfte es aber Schlimmeres geben, das Menschen sich so anhören müssen. "Fickst du sie?", soll ein Alter Sack namens Henkel einen anderen Alten Sack gefragt haben. Nun ja, schon eher. Nicht schön, das. Unappetitlich direkt. Beginnen wir vielleicht bei der Wortwahl. Kann man grob finden, vulgär, gewiss. Es ist halt nur so, dass Frauen zu so was nicht auch durchaus in der Lage wären. Wer einmal im Café mitbekommen hat, wie Frauen sich am Nebentisch über die 'Fuckability' dieses oder jenes gutaussehenden Jungmannes auslassen, der weiß, wo der Frosch die Locken hat.

Es ist halt dieses uncoole, streberhaft wirkende Petzen, das so nervt. Frau könnte so einem Alten Sack einen entsprechenden Spruch aus der Hüfte um die Ohren ballern ("Ohhh, verteilt der große böse Kater heute wieder Komplimente? Ist schon wieder Sonntag?"), am besten in entsprechender Gesellschaft, wodurch der Alte Sack auf eigenem Terrain ohne Hose dastünde. Für so was braucht's Rückgrat, Coolness und Haltung, im Gegenzug gäbe es Respekt, auch von Alten Säcken. Statt dessen wird unter großem Getöse die Öffentlichkeit in Beschlag genommen und moralisch erpresst. Blöd nur, dass sich das auf Dauer abnutzt, die Kicks und Reize immer stärker werden müssen, damit das noch Gehör findet. Und das nützt am Ende keinem.

So ein Verhalten Alter Säcke gibt es unter anderem deswegen - Achtung, Mansplaining -, weil es immer noch eine Menge Frauen gibt, die, so leid’s mir tut, deren Spiel mitmachen, will heißen: Die es als durchaus anstrebenswerte Karriere betrachten, sich gegen Sexuelles von einem reicheren, meist älteren Herrn aushalten zu lassen, oder sich sonstwie für etwas herzugeben, wenn's denn dem eigenen Fortkommen dient. So ein Verhalten gibt es, weil es immer noch so ist, dass außer denen, die in gewisse Kreise hineingeboren wurden, vornehmlich die lauten, meist heillos inkompetenten Alpha-Männchen die dicken Karrieren machen. Fast immer zum Schaden ihrer Firmen und sonstigen Läden übrigens, weil sie in ihrem Leben außer Reviermarkieren und Wegbeißen wenig gelernt haben, erst recht nix anständiges. Darunter leiden, nebenbei bemerkt, auch Männer, und zwar auch jene, die deutlich kompetenter wären, leider aber weniger alphatierhaft sind. Die anständige, sensible Menschen sind, aber immer wieder mitgeteilt kriegen, auch von Frauen, sie seien halt nicht Arschloch genug. Buhu, Male Tears...

Sicher, man kann sagen, verbale Ausfälle wie die oben genannten, mögen für sich betrachtet vielleicht nicht gar sooo schlimm sein, seien aber das allgemein sichtbare Symptom für tiefer Liegendes, weit Schlimmeres. Und das ist nicht ganz falsch.

Richtig ist, es gibt strukturellen Sexismus. Der führt zu Verhältnissen wie den oben genannten und den gibt es deswegen, weil wir halt Kapitalismus haben, der wiederum auf Ausbeutungsverhältnissen basiert. Solange sich daran nichts ändert, bleiben alle gut gemeinten Gesetze und Förderprogramme und was sonst so unter den herrschenden Verhältnissen gemacht wird, letztlich weiße Salbe. Es müsste daher, um der Glaubwürdigkeit willen, endlich geredet werden darüber, inwieweit dieser #aufschrei!-Feminismus der dritten Welle ein Klassenphänomen ist, eine Minderheitenveranstaltung privilegierter Bürgerstöchter, denen das Schicksal der prekarisierten, marginalisierten Geschlechtsgenossin am anderen Ende der Nahrungskette im Zweifel am Arsch vorbeigeht und die finden, dass "Arbeiterklasse und das Prekariat [sich] dafür einsetzen [müssten], daß (auch) reaktionäre Parteien den Weg frei machen für die einschränkungslose Betätigung von Frauen an der vordersten Front des Klassenkampfs von oben". (Richard Zietz)

Ferner müsste, damit sich überhaupt was ändern kann, endlich dieser zumeist weibliche Selbstbetrug aufhören, dass Unterdrückung und Ausbeutung von Männern, so das überhaupt vorkäme, zu vernachlässigen und dass Sexismus allein ein Männerding sei. Ist es etwa nicht sexistisch, wenn der ehemaligen Gespielin von Herrn Kachelmann, die zu 7.000 Euro Schadensersatz verurteilt wurde und nicht weiß, wann sie verloren hat, nichts Schlaueres einfällt als die Feststellung, dieses Urteil sei allein dadurch zu erklären, dass die deutsche Justiz eine durchweg frauenfeindliche Veranstaltung sei? Bin ich der einzige, der es zwar hasst, wenn Frauen benachteiligt, diskriminiert werden oder ihnen noch Schlimmeres angetan wird, von so was inzwischen aber nur noch das große Gähnen kiregt? Können wir uns endlich darauf einigen, dass Sexismus nichts mit Geschlecht oder meinetwegen Gender zu tun hat, sondern allein damit, ob einem, Männlein, Weiblein, Trans, dunkel-/hellhäutig, Migrant, LGBT oder wem oder was auch immer, sexistischer Müll durch die Runkel schwabbelt? Danke.

Mich strengt dieses Thema an. Einige Male hatte ich angesetzt, etwas zur Causa Gina Lisa Lohfink zu schreiben, weil es mir auf den Nägeln brannte. Irgendwie überforderte mich aber die Ambivalenz des Ganzen. Dann der drohende Beifall aus der falschen Ecke. Man sitzt einfach zu schnell auf der Couch mit Leuten, um die man normalerweise einen Riesenbogen macht. Mit den Birgit Kelles, den Kristina Schröders dieser Welt. Mit prötterigen Maskulisten, die den von ihnen Bekämpften in puncto Verbalaggression in nichts nachstehen. Brrr. Will ich nicht. Die Alternative aber, im Geiste nämlich beim #teamginalisa oder den Alice Schwarzers dieser Welt zu landen, ist erst recht keine. Und das alles, weil einem dieser in jeder Hinsicht entgrenzte Empörungsjargon, der bloßes Vergreifen im Ton mit Vergewaltigungen gleichsetzt, dessen inflationäre Verwendung aber ein wenig zu sichtbar weniger dem Wohl aller Frauen, sondern vor allem dem eigenen dient, gewaltig auf den Docht geht. Ups Sexismus. Unheilbar.



Kommentare :

  1. Die Fassade der einseitigen Zuweisung des Bösen an alles Männliche bröckelt , umso größer werden die Anstrengungen , diesen Mythos aufrecht zu erhalten.
    Exakt dasselbe Verhalten , wie es untergehende (Denk-)Systeme immer an den Tag legen.

    Um den Beifall aus der falschen Ecke würde ich mich nicht scheren , der Artikel ist ein Paradebeispiel für gute progressive Feminismuskritik , die mit rechtem Denken nicht die Bohne zu tun hat. Wer das nicht erkennt , ist selber schuld.

    Wenn etwas in diesem Zusammenhang rechts ist , dann der Feminismus selber.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Deklaration des Männlichen zu Bösem ist nicht Irrtum, sondern gehört zum Selbstbild einer sozialen Gruppe. Die Behauptung dient nicht der Wahrheit, sondern dem Gruppenzusammenhalt.

      Also: kein kognitives, sondern aktiv praktisches Defizit.

      Löschen
    2. Was zeigt , daß auch der Feminismus ins Konformistische abgerutscht ist.

      Löschen
  2. Zunächst, die Tante ist als Quereinsteigerin ohne die Ochsentour aufgerutscht in diesem Verein. Das ist außergewöhnlich.

    Dass sie das qua Geschlecht geschafft hat, bezweifel ich nicht. Sie muss sich nicht konkret „hochgeschlafen“ haben – auch wenn ihre eidesstattliche Erklärung, den freundlichen Herrn Sowieso nicht gefickt zu haben, etwas überspezifisch wirkt – sondern die Herren fühlten sich gebauchpinselt durch die bloße Gegenwart eines normschönen Mädels. Kann ich verstehen, wäre für mich aber kein Kriterium, weil auch Arbeit weggeschafft werden muss, und ob die Tante das hinkriegt, müsste sie mir erst noch beweisen. Aber das wäre die obengenannte Ochsentour.

    Dazu passt das von dir geannte „uncoole, streberhaft wirkende Petzen“. Dein – meiner Meinung nach recht harmloser – Spruch würde passen zu einem Weib, das es bringt; bei dem die Herren, wenn es ausfällt, ins Grübeln kommen. Das passt nicht in das Repertoire einer Normschönheit, dann dann ginge diese ganz fix in die Ballistik.

    Also. Das, was dich stört, ist für mich die schlüssige Abrundung des Bildes.

    Im Übrigen Danke für den Artikel; ich hätte mich nicht überwunden, dieser Tante einen Text zu widmen. Zu viel Arbeit für den geringen Gegenwert.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gern. Dein Aspekt mit der Normschönheit gefällt mir. Thanks.

      Löschen
  3. Als Mann wirst Du früher oder später Alimentenzahler.Alleinerziehende Mutter heisst für mich ,entweder Betrug am GV- Partner oder keine Ahnung von Verhütung.Geborene Familienpolitikerin.Männer nur so als Typ; Zauberwort heisst Vasektomie.

    AntwortenLöschen