Sonntag, 2. Oktober 2016

Gretchenfragen zum Dritten


Wie anderswo bereits ausgeführt, entspricht mein Verhältnis zum morgigen dritten Oktober, vulgo: Annexionsgedenktag, in etwa dem eines Atheisten zum Weihnachtsfest. Nett, den Tag frei zu haben, ansonsten schnurz. Selbst wenn die Festivitäten gegenüber meiner Haustür stattfänden, meine Lieblingsbands Gratiskonzerte gäben und Mitglieder der Bundesregierung eigens dafür abgestellt würden, sich in Lakaienlivreen um mein Wohl zu sorgen, mir Luft zuzufächeln, mir bis zum Verlust der Muttersprache alle halbe Stunde einen Humpen frisch gezapften Festtagsbieres oder einen Schoppen guten Rheinweines ans Sofa zu bringen hätten, wozu "Kanzlerwanstminister Altmaier" mir die passenden Leckereien kredenzen dürfte (der Mann versteht definitiv was von gutem Essen und das Treppensteigen bekäme ihm sicher hervorragend) - ich nähme dankend an, geriete aber trotzdem nicht in Feierstimmung. Nationalismus ist Sippenhaft und macht doof, und wer behauptet, die Dinge hätten sich seit 1990 für alle zum Besseren entwickelt, hat entweder den Knall nicht gehört oder noch nie was von Neoliberalismus.

Paradoxerweise tun ja diejenigen, die dank Soli und Aufbau Ost noch am ehesten Grund hätten, das zu behaupten, dies mitnichten, zumindest immer schwerer übersehbare Teile von ihnen, sondern nölen rum in ihren mit massig Westgeld schönsanierten Städten, gehen Flüchtlinge verbal wie körperlich an bzw. zünden deren Unterkünfte an und begehren dreisterweise, das Volk zu sein. Ja, ich weiß, es sind nicht alle und auch im Westen kommt es zu derartigen Ekligkeiten, bei Brandanschlägen hatte 2015 gar Bayern die Nase vorn. Der Unterschied ist aber, abgesehen von den reinen Zahlen, dass die Täter im Westen normalerweise nicht damit rechnen können, dass das halbe Kaff ihnen auch noch mehr oder weniger offen Beifall klatscht. Wenn's denn unbedingt klischeehaft landsmannschaftlich zugehen muss, dann nehme ich je eine Portion schwäbische Küche, bayerisch-barocken Hedonismus und rheinische Gelassenheit bitte. Oben drauf vielleicht noch einen Schlag ostfriesische Maulfaulheit, jene so erfrischend undeutsche Fähigkeit, die Sabbelluke sparsam einzusetzen. Aggressives ostelbisches Grundmisstrauen hingegen wird mir immer fremd sein und kann mir daher von Herzen gestohlen bleiben.

Wobei das diesjährige Spectaculum ja durchaus angetan ist, die eine oder andere interessante Frage aufzuwerfen. Denn es findet in Dresden statt, jener am unschuldigsten und allergemeinsten zerbombten Opferstadt der Welt. Erst jüngst zeigte sich ja wieder, dass man da immer noch ein besonderes Verhältnis zu Bomben hat. Gelernt ist gelernt. Gleichzeitig ist Dresden Regierungssitz des Bundeslandes mit dem zahlenmäßig größten Rassismusproblem (ebd.) und einer Polizei, die mitunter wirkt wie ein Feuerwehrmann, der dem Brandstifter die Sticken anreicht. Ferner ist die Stadt bekanntlich Heimat dieses glücklicherweise in Richtung Irrelevanz dümpelnden Pegida-Straßenkarnevals sowie dessen Großem Vorsitzenden, Deutschlands jüngstem Exportschlager. Wobei das nicht ganz stimmt. Pegida ist keineswegs irrelevant, sondern höchst erfolgreich. Es latschen halt nur weniger montags durchs Städel. Braucht's auch nicht mehr. Das Gedankengut ist längst ganz oben angekommen, auch CDU-Abgeordnete quackeln dort inzwischen ungeniert und ungestraft von 'Umvolkung'. Job done.

Wie auch immer, nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die AfD über 20 Prozent der Stimmen einfahren konnte, wurde diskutiert, ob man das Bundesland mit einem Reiseboykott belegen sollte, den das dünn besiedelte, stark vom Tourismus abhängige Küstenland durchaus unangenehm spüren würde. So stellt sich auch vielen Nichtpatrioten, die das, was da in Teilen abgeht in und um Dresden, unappetitlich finden, die Frage: Hinfahren und Präsenz zeigen oder nicht, Boykott oder jetzt erst recht? Hinfahren hieße, den nationalen Zinnober dadurch unnötig mit Aufmerksamkeit zu adeln, wegbleiben dagegen, den Rechten das Feld freiwillig zu überlassen und ihnen das Gefühl zu geben, gewonnen zu haben. Ob das eine typisch deutsche Diskussion ist, weiß ich nicht. Vermutlich aber ist es eine ziemlich linke.

"Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben."

-- So meinte 1949 bekanntlich der damalige KPD-Vorsitzende Max Reimann. Es kann vorkommen, dass man etwas, das man eigentlich ablehnt, gegen noch Schlimmeres schützen muss, auch wenn das bedeutet, sich dafür an die Seite derer stellen zu müssen, die man sonst immer bekämpft. Für Linke ist das oft ein Problem. Neben dem weitgehenden Verlust der organisierten Arbeiterklasse als Massenbasis gehört es zur Tragödie der Linken, dass man sich dort - die Volksfront von Judäa grüßt herzlich - im Zweifel eher indigniert abspaltet oder sich gleich ganz verpisst, wenn einem was nicht zu 100 Prozent in den Horizont passt, sich damit aber leider aus dem Spiel nimmt und den anderen kampflos den Sieg schenkt. Weil die Taube auf dem Dach besser ist als der Spatz in der Hand. Weil reine Lehre wichtiger ist als konkrete Politik. Was im übrigen auch intellektuell höchst bequem sein kann. Schützt zuverlässig davor, Ambivalenzen und Widersprüchliches auszuhalten zu müssen. 

Ein aktuelles Beispiel ist Frank Ullrichs pathetische, im hohen Tone der moralischen Empörung vorgetragene, pauschal an die "Politiker/innen" gerichtete Erklärung, dem Staat nunmehr gekündigt zu haben. Abgesehen davon, dass das nicht geht, ist das, was da steht, alles sehr wohl nachvollziehbar. Es kann einen ja die kalte Wut packen angesichts der angesprochenen Zustände. Und? Außer einer in ihrer Wirkung maßlos überschätzten symbolischen Geste (auch das eine Angewohnheit, die unter Linken oft anzutreffen ist) nix gewesen. Leider. Hilft allenfalls kurzfristig dem Autoren, der sich immerhin den Frust von der Seele geschrieben hat und verschafft denen ein wenig Nestwärme, die sich darin wiederfinden. Ansonsten freuen Kapitalisten sich über jeden weiteren Frustrierten, der sich, so verständlich das sein mag, aus dem System abmeldet. Zementiert ihre Macht noch mehr. Ich habe ja auch keine Lösung für die herrschenden Zustände anzubieten, bin mir aber auch nicht sicher, ob kneifen eine ist.

Doofer Antikapitalismus jedenfalls, wie ihn im Zweifel auch Chemtrail-Gläubige und Juda-verrecke!-Nazis Gassi führen, bringt mal gar nichts und Linkssein allein schützt auch nicht vor Bräsigkeit. Der in solchen Zusammenhängen gern zitierte Satz, dass Wahlen verboten seien, wenn sie etwas verändern würden, vermag in seiner nonchalanten Schlichtheit den Geist nicht minder einzulullen und der Denkfaulheit Vorschub zu leisten wie "Satire darf alles!", oder "Deutffland geht eff gut und daff ifft ein Grund ffur Freude." Lernaufgabe: Wikipediere, wie Evo Morales, Luiz Inácio Lula da Silva und, ganz aktuell, Jeremy Corbyn in ihre jeweiligen Ämter gekommen sind. (Ich verrate es schon mal für die ganz Ungeduldigen: durch Wahlen.)

Ups, Abschweifung mal wieder! Zurück zu Dresden. Also, würde ich hinfahren? Vor dem Hintergrund dessen, was ich soeben geschrieben habe, müsste meine Antwort eigentlich ja lauten. Ich fahre aber trotzdem nicht. Zu teuer, zu aufwändig. Alter Sack geworden, kein Feuer mehr im Arsche, Ruhebedürfnis. Vor allem aber als politisches Statement. Gilt es doch, Gasprom-Gerd Lügen zu strafen, diesen frisch geschiedenen Hartz-IV-Einführer. Es gibt sehr wohl ein Recht auf Faulheit. Von dem mache ich hiermit Gebrauch.




Kommentare :

  1. Die „Wieder“-Vereinigung war eine feindliche Übernahme und sonst gar nichts.

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    1. Vor allem mal ein Riesenfehler. Die Besorgten Bürger Saxens benehmen sich gerade wieder entsprechend...

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