Montag, 31. Oktober 2016

R2G-Socken


Es sind diese kleinen Dinge, die einem deutlich machen, in welch verrückten Zeiten wir leben. Nehmen wir die x-te Exhumierung der Rote-Socken-Panikmache durch die CSU. Als Westkind bin ich damit groß geworden, dass Konservative immer mit apokalyptischem Unterton in der Stimme davor warnten, dass 'die Roten' an die Macht kommen. Fragte man, wieso, dann bekamen ihre Mienen einen Ausdruck namenlosen Entsetzens. "Wie kann man bloß so dumm fragen? Weil das unser aller Untergang wäre.", brachten sie hyperventilierend und mit letzter Kraft über die zitternden Lippen. "Willst du etwa leben wie drüben?". Das musste als Argument normalerweise reichen. Auch wollten sie einem immer verbieten, YPS* zu lesen und später den SPIEGEL. Alles von Moskau finanzierte kommunistische Kampfblätter, das, die der Roten Gefahr den Weg ebnen sollten, indem sie die Hirne unschuldiger Kinder und Heranwachsender wuschen.

Apropos Hirn: Dass ich CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer nicht ausstehen kann, das wusste ich schon, bevor ich ihn zum ersten Mal etwas sagen bzw. über ministrierende senegalesische Fußballer schwargeln hörte. Man soll sich ja nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten, das ist dumm und oberflächlich, aber mir ist einfach noch nie im Leben ein Mann mit Wetgel im Haar begegnet, der es nicht auf irgendeine Weise ganz gewaltig nötig gehabt hätte. So wie mir noch nie eine allein lebende Katzenhalterin über den Weg gelaufen ist, die nicht zumindest leicht einen am wandern gehabt hätte. Dass aus einem wetgegelten Glitschkopf normalerweise nur wenig Substanzielles quillt, kam also nicht weiter überraschend. Überrascht hat mich etwas ganz anderes, nämlich, dass ich Scheuer im Stillen Recht geben musste. Wobei die SPD spätestens seit dem Godesberger Programm nicht mehr rot, geschweige denn links ist, sondern allenfalls das, was Rechte und Konservative nach Bedarf dafür ausgeben, aber wir wollen großzügig sein.

Nehmen wir einmal an, dass in einer rot-rot-grünen Regierungskoalition, oder 'R2G', wie wir Politexperten das ja nennen, die SPD stärkste Fraktion und die Linke allenfalls in einer Position wäre, bittebitte zu sagen. Und die Grünen waren eh noch nie wirklich links. Dass eine R2G-Koalition also bei irgendwelchen 'harten' Kernthemen eine auch nur ansatzweise linke Politik machen würde, ist höchst unwahrscheinlich.

(via tammox2)
Gehen wir weiterhin von der steilen Arbeitshypothese aus, dass die SPD, wie andere sozialdemokratisch sich schimpfende Kaspereien auch, ursprünglich angetreten ist, das Leben der so genannten 'kleinen Leute' zu verbessern, ihre Position gegenüber dem Kapital zu stärken. Wenn das so sein sollte, dann darf man nüchtern und mit vollem Recht bilanzieren, dass die SPD exakt diese Zielgruppe von 1998 bis 2005 genüsslich und mit Anlauf dort sodomisiert hat, wo es sich auf Mexiko reimt und in nicht unbeträchtlichen Teilen bis heute nicht kapiert, was daran eigentlich so ein Riesenproblem sein soll. Paradoxerweise ist es also so, dass bei so genannten sozial Schwachen, aber längst nicht nur bei denen, alle Alarmglocken auf einmal klingeln sollten, wenn eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung ihre Arbeit aufzunehmen droht. Vor diesem Hintergrund erscheint die Warnung vor einer rotrotgrünen Gefahr ab 2017 nicht mehr gar so absurd wie in den Jahren vor 1998.

(ebd.)
Daher ist es durchaus berechtigt, zu fragen, welche schmerzlichen, aber leider notwendigen Maßnahmen sich eine von Gabriel et al. geführte Regierung sich so alles einfallen lassen wird, um Den Wirtschaftsstandort DeutschlandTM nicht zu gefährden und sich die Streicheleinheiten Der Deutschen WirtschaftTM sowie Der MärkteTM abzuholen.

Die nächste Agenda zwanzigirgendwas? Hartz V? Langzeitarbeitslose in Lagern kasernieren (Gemeinschaftsverpflegung, Frühsport, 22 Uhr Licht aus, tagsüber entweder Arbeitsdienst oder Bewerbungen schreiben unter Aufsicht)? 5.000 Euro Sanktion, zahlbar in Raten, bei Antragstellung für jeden, der Sozialleistungen will (um keine falschen Anreize zu setzen)? Sozialminister Sarrazin? Der als erstes das Niveau der gesetzlichen Rente auf 20 Prozent des letzten Bruttoeinkommens senkt und Sparschweine für alle ausgibt zur Stärkung der privaten Vorsorge? Den irrsten, craziesten Niedriglohnsektor des Universums, in dem man Geld bezahlen muss für das Privileg, einen entwürdigenden Drecksjob machen zu dürfen und von sich sagen zu können: Wenigstens habe ich Arbeit? Spitzensteuersatz auf 20 Prozent senken, Vermögens-, Körperschafts- und Unternehmenssteuern komplett abschaffen? Den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie? Atomwaffen und Flugzeugträger für die Bundeswehr?

Und so kam es, dass ich mich bei dem Gedanken ertappte: Sieh an, dieser CSU-Mann hat trotz Wetgel eigentlich ganz vernünftige Ansichten. Na gut, zumindest eine. Sicher, über die Menschenfreundlichkeit der Christsozialen sollte man lieber den Mantel des Schweigens breiten, aber die Warnung vor Rotrotgün, die deucht mir halt nicht völlig abwegig unter den herrschenden Verhältnissen. Auch wenn es nur Zufall gewesen sein sollte. Wie mit dem blinden Huhn und dem Korn. Oder mit der stehen gebliebenen Uhr, die zwei mal täglich die richtige Zeit anzeigt.


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* Fun fact: Vorbild für YPS war in der Tat die von der Kommunistischen Partei Frankreichs herausgegebene Jugendzeitschrift Pif Gadget. Die Comics um den Hund Pif und den Kater Herkules, die anfangs stark sozialkritische Inhalte hatten, später hingegen überhaupt nicht mehr, erschienen auch in YPS.



Kommentare :

  1. Ich wünscht', ich könnt widersprechen ...


    ... weia.

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  2. Die Herrschaften brauchen doch nur einen blick nach Thüringen zu werfen.Dort haben wir RRG schon, aber herrscht dort Kommunismus?Hat Ramelow das Land auf Links gedreht?Nicht wirklich oder?Und in Berlin wird Lederer mit Sicherheit auch nicht vom Agenda-Weg der Tugend abweichen.Fazit:Die Steinbock-Wämser blasen mal wieder unnötig die Backen auf.
    Die Linke indes wäre angesichts grüner Kriegstreiberei und der TTIP-und CETA-Affinität der SPD gut beraten, auf R2G-Tagträume lieber zu verzichten.

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    1. Ohne jetzt Ramelow in Schutz nehmen zu wollen - aber dieser Vorwurf ("die werden uns eh alle verraten - klingt in meinen Ohren inzw. fast schon 1:1 so wie die von Stefan erwähnten paranoiden Warnungen vor der "roten Gefahr") kommt ja immer wieder:

      Du kannst mir sicherlich mal so einigermaßen halbwegs erklären, wie ein Ministerpräsident eines kleinen, unbedeutenden, dem Bund unterstehenden Land, ohne jegliche nennenswerte gesetzgeberische Kompetenzen, (insbesondere keine Ertrags- / Steuerrechtlichen) denn nun konkret "das Land auf Links" drehen oder den "Kommunismus" aufrufen soll? Nach der Pipi-Langstrumpf-Methode...!?

      Vielleicht sollte man sich erst einmal schlau machen, was grade der deutsche Föderalismus konkret überhaupt bedeutet; also was die "Länder" überhaupt dürfen. Im Grunde dürfen sie gar nichts (Art. 105 und 106 GG), weil der Bund (wenn nicht gar die EU, seit ESM und EFSF...) nun einmal die totale Kontrolle hat! Wo ziehen wir denn da dann die Grenze? Verlangen wir vom Linken Stadtrat in Castrop-Rauxel die weltweite Überwindung des Kapitalismus - und sind sauer, wenn er nicht geliefert wird...!?

      Ich verdamme Syriza und Tsipras für ihr Umkippen. Aber im Grunde hatten Sie ohne jede Solidarität innerhalb Europas nicht wirklich eine andere Wahl. Es fehlte höchstens der letzte Mumm, es final drauf ankommen zu lassen!

      In meinen Augen sind die (regelm. an hohe Bedinungen geknüpften) "Angebote" der Linken bzgl. "RRG" auf Bundesebene(!) einzig und allein eine strategische Positionierung, um grade Rot und Grün (als auch deren bescheuerte Wählerschaft) bei jeder Gelegenheit an ihre zahlreichen Lügen zu erinnern. Die Linke ist immer noch der Stachel in deren Fleisch!

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  3. Na immerhin wird es kein R2G geben. (das wage ich zu orakeln)

    Bereits heute geben die Umfrage Werte das nicht her. Und ich glaube diejenigen die heute noch SPD oder GRÜNE wählen haben mit Linkem Gedankengut so gar nichts am Hut. Daher würden diese beiden Parteien noch weiter in der Wählergunst fallen. Ganz zu schweigen von den LINKEN Wählern. Ich würde eine LINKE die in der Regierung am Katzentisch sitzt und es vermutlich als großen Erfolg feiern würde wenn der Mindestlohn um nen Euro erhöht würde jedenfalls nicht wählen....

    ....letztlich bleibt nur noch DIE PARTEI. Martin Sonneborn hilf uns!

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