Dienstag, 15. November 2016

Über Wettbewerb


Seien wir doch offen: Wettbewerb wird schon ganz schön überschätzt. Damals in der Schule haben sie versucht, uns zu imprägnieren gegen die Rote Gefahr. Drüben im Kommunismus, hieß es also, blühten Korruption und Vetternwirtschaft, weswegen dort bloß inkompetente, senile Witzfiguren an die Macht gelangten. Bei uns in der Di-Da-Demokratie dagegen, auf der richtigen Seite der Eisernen Vorhangs, da sei das freilich ganz anders. Bei uns sorge der freie Wettstreit der Ideen und Argumente, der Wettbewerb um des Wählers Gunst, automatisch dafür, dass am Ende die Fähigsten und Fittesten regierten. So wie ja in der Marktwirtschaft auch die berühmte Unsichtbare Hand dafür sorge, dass das jeweils beste Produkt sich letztlich durchsetze. Schon damals in den Achtzigern fragten wir uns, ob daran nicht etwas faul sein könnte, wenn exakt dieser Wettbewerb Geistesgrößen wie Ronald Reagan und Totalausfälle wie Dan Quayle, Vizepräsident unter George Bush sen., in höchste Ämter bringt.

(Sie kennen Dan Quayle nicht? Eine Legende des Politainment! Ungeschlagener Meister in der Disziplin, sich mit abstrusen Thesen, wilden Forderungen und im Brustton des Informiertseins herausgehauenen Wissenslücken öffentlich zum Schnitzel zu machen, ohne es zu merken.)

Jetzt mal ehrlich: Kann irgendjemand noch ohne losprusten zu müssen an das Märchen von der segensreich selektiven Wirkung des demokratischen Wettbewerbs glauben, wenn am Ende Donald Trump dabei herauskommt? Oder intellektuelle Großkaliber wie George W. Bush und Sarah Palin? Die dann das Kommando über das weltweit größte Arsenal an Atomwaffen innehaben bzw. haben könnten? Die Entscheidungsgewalt darüber, ob der Weltuntergang stattfindet oder nicht? Beliebt unter alternden Bildungsbürgern ist es zur Zeit, sich über die so genannte Generation der 'Millenials' als aktuelle Generation Doof zu erheitern. Weil sie unpolitisch sei, uns den 'Brexit' eingebrockt habe und Donald Trump. Weil sie immer bloß was bei Facebook like und wirkungslose Online-Petitonen klicke, anstatt den faulen Arsch ins Wahllokal zu wuchten. Und selbst wenn, könnte das nicht einfach Überlebensstrategie sein? Es lebt sich doch unzweifelhaft besser und unbeschwerter, wenn die Lampe unter der Frisur allenfalls mit halber Kraft funzelt und man sich nicht allzu viele Gedanken macht.

Und, nein, wir wollen hier selbstverständlich nicht in stumpfen Antiamerikanismus verfallen, denn auch bei uns ist die politische Deppengalerie gut bevölkert. Nur haben wir Europäer da etwas, was die Amis nicht haben: Die EU. Wenn gar nichts mehr hilft, dann schiebt man jene, die man auf nationaler Ebene nicht einmal mehr zum Milchholen schicken würde, weil das mit schweren diplomatischen Verwicklungen enden könnte, die aber andererseits eine Fallhöhe erreicht haben, die schnödes Schassen unmöglich macht, halt auf ein Eurokratenpöstchen ab. Wie sonst wäre eine Karriere wie die der sprachunbegabten schwäbischen Vollverspannung namens Günther Oettinger zu erklären? Ich bin mir ziemlich sicher, ein Heinrich Lübke wäre nicht Bundespräsident, sondern EU-Kommissar für irgendwas Unwichtiges geworden, hätte es damals schon die EU in ihrer heutigen Form gegeben. Dieser Brüsseler Leviathan hat schließlich nicht nur Nachteile.

Weiterhin zählt zu den erleseneren Dämlichkeiten kurrenten politischen Denkens die Auffassung, dass Volkswirtschaft im Prinzip genauso funktioniere wie Betriebswirtschaft. Also dass Städte, Regionen, Bundesländer miteinander im Wettbewerb stünden als seien sie Firmen, und dass es daher jenen Bundesländern, den Kommunen, die 'gut gewirtschaft' hätten, auch gestattet sein müsse, allen Lohn dafür selbst einzuheimsen, während die, die dies versäumt hätten, nicht auf Hilfe und Solidarität hoffen dürften, weil sie ja selbst schuld seien. Eine Logik, so bestechend simpel, dass sogar studierte Betriebswirte sie verstehen. Das wäre an sich kein Problem, würde die Welt nicht inzwischen von Betriebswirten regiert.

Wann immer mir jemand diesen Quark erzählt, pflege ich die Geschichte von der hiesigen, gut 80.000 Einwohner zählenden Nachbarstadt zum Besten zu geben. Dort gibt es ein großes Verbundwerk der chemischen Industrie, bei dem etwa 10.000 Menschen arbeiten. Zu überwiegend sehr guten Gehältern übrigens. Mitte der Neunziger geriet das Unternehmen in ernste Schwierigkeiten, Schließung drohte. Man setzte sich mit verschiedenen Akteuren aus Politik und Wirtschaft ins Benehmen und es gelang, den Standort zu retten. Dafür allerdings musste die Firma an ein in Frankfurt ansässiges Unternehmen verkauft werden, wodurch, logisch, auch der Firmensitz dorthin wechselte. Ergebnis: Schlagartig brachen Gewerbesteuereinnahmen im siebenstelligen Bereich weg, wovon man sich bis heute nicht erholt hat. Die öffentliche Infrastruktur rottet so ruhrpottmäßig vor sich hin. Haben die Verantwortlichen demnach schlecht gewirtschaftet?

Ganz wunderbar funktioniert Wettbewerb auch immer dann, wenn staatliche Dienstleistungen wie Post, Telefon, Energie, Bahn etc. privatisiert und dem Wettbewerb ausgesetzt werden. Zumindest für diejenigen, die in die Vorstände dieser neuen, von Behörden zu Unternehmen umgetopften Körperschaften aufrücken und für kein blödes Behördenleitersalar, sondern ein marktgerechtes Gehalt einstreichen. Von wegen Wettbewerb um die besten Köpfe und so. Alle übrigen, also vor allem die von Bürgern zu Kunden Degradierten, dürfen ab dann dank Wettbewerb in erster Linie mal zahlen und Verständnis haben.

Aber funktioniert denn Wettbewerb wenigstens dort, wo er hingehört, in der Privatwirtschaft also? Jein. Das Dumme ist doch, dass diejenigen, die aus Wettbewerben fürs Erste als Sieger hervorgehen, spätestens dann alles daran setzen, jeglichen weiteren Wettbewerb fürderhin auszuschalten, wenn's geht. Zum Beispiel, indem sie sich Politik und Verwaltung so gefügig machen, dass die nicht andauernd mit lästigen Gesetzten und Vorschriften angeschissen kommen. Nehmen wir die deutsche Autoindustrie. Teile derselben reiten gern mal ein totes Pferd wie den Verbrennungsmotor noch toter und haben daher, um ihn sauberer zu dastehen zu lassen als er ist und somit dessen Restleben noch ein wenig zu verlängern, hier und da ein wenig getrickst bei Abgas- und Verbrauchswerten. Aber keine Sorge, es gibt ja Kontrollinstanzen. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) etwa. "Das KBA, wir erinnern uns, ist das Kontrollorgan der Autoindustrie. Es veröffentlicht immer sehr schöne Statistiken zu den Zulassungszahlen." (Manfred Kriener)

Das wäre auch alles schön, wenn das KBA auch seinen Job machen würde. Jetzt ist blöderweise herausgekommen, dass zwischen KBA und Autoherstellern wohl ein Maß an Vertrautheit, ja gegenseitiger Freundlichkeit bestand, das der Kontrollfunktion der Behörde definitiv abträglich ist. Man hat wohl nicht allzugenau hingeschaut, man kennt sich, man hilft sich und liefert damit ein wunderbares Beispiel, in welchen Schlamassel es führt, wenn man politischerseits dem Mantra 'Arbeitsplätze über alles' alles weitere unterordnet und sich damit zum Büttel und Bettvorleger von Industrien macht, die finden, Wettbewerb sei im Zweifel nur was für die anderen.

Oberster Dienstherr des KBA ist der Bundesverkehrsminister. Ist es wirklich nur Zufall, dass das Amt des Bundesverkehrsministers traditionell mit einer bayerischen Dampfnudel besetzt wird? In Bayern rühmen sie sich gern damit, das beste, härteste und selektivste Schulsystem nach Singapur und Südkorea zu haben. Wenn das stimmt, wie kann es dann eigentlich passieren, dass Alexander Dobrindt Abitur hat? Ach so, Wettbewerb vermutlich, verstehe. Der funktioniert schließlich in beide Richtungen, also auch nach unten. Müssen sie damals in der Schule irgendwie vergessen haben, uns beizubringen.


Kommentare :

  1. G. W. Bush? Zur Ehrenrettung der Amis wäre anzuführen, dass er mitnichten gewählt, sondern ermogelt wurde. Familiäre Gründe – Jeb Bush (Florida) unterband korrekte Neuauszählung der Stimmen.

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  2. Mit diesem Beitrag haben sie den neoliberalen "Wettbewerb" richtig gut auseinander genommen, seziert und bloßgestellt.

    Schade nur, das es von so wenigen "mündigen" Bürgern verstanden werden will.

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  3. Für mich der beste US Politiker : Henry Kissinger mit NSSM 200 ,unterstützt von den Präsidenten Nixon& Ford.NSSM 200 leider nur bis 1984 durchgeführt.

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