Samstag, 3. Dezember 2016

Damals


Meine erste bewusste Begegnung mit dem 'Bösen Russen' hatte ich damals in den Siebzigern im Werbefernsehen. Zwei cowboymäßig dahergaloppierende, dabei ungewohnt uncowboymäßig gekleidete Schnauzbärte ritten zu wildrasanter Musik im Affenzahn durch irgendeine Pampa. Dazu hieß es mit seltsamem Akzent: "Komm, Briederchen, trink! Kosakenkaffäh." Weder wusste ich, was Kosaken sind, noch ahnte ich, dass es sich dabei um ein alkoholisches Getränk handelte. Hieß schließlich Kaffee, das Zeug. Da roch ich zwar gern an der offenen Packung, aber trinken mochte ich ihn ums Verrecken nicht. Heiß, bitter, eklig, wie fast alles, was Erwachsene sich genüsslich einpfiffen.

Eines aber war mir klar: Mochten diese Kosaken vielleicht recht wilde Gesellen sein, konnten sie doch unmöglich schlechte Menschen sein, waren sie doch so freundlich, einem unbekannterweise gleich was zum trinken anzubieten und in die Familie aufzunehmen. Mochte Gerhard Löwenthal monatlich im Zweiten seine Gardinenpredigten halten, mochten die Vertriebenen, die damals immer mit am Tisch saßen, moppern, klagen und schreckgeweiteten Auges vom Krieg erzählen wie sie wollten, alle weiteren Versuche, mir 'Den Russen' als abgrundtief böse, ja, als den Feind schlechthin zu verkaufen, scheiterten wegen dieses einen Werbespots. Da sage noch einer, Fernsehen bilde nicht. Auch so geht Indoktrination.

"„Hmmm“, machte Stiefvater mit vollem Mund. „Kartoffeln, Fleisch und Sohse. Die Deutsche Küche ist doch die beste der Welt!“" (Ulli Hannemann)

Kulinarisch gibt es angesichts dessen, was in vielen westdeutschen Küchen so abging, wenig Grund zur Nostalgie. Außer einer winzigen Schicht als überkandidelt geltender Gourmets, befand man sich noch weitgehend in der Lehre. Genussfeindlicher Kulturprotestantismus in Kombination mit den Nachwirkungen der Nachkriegszeit ('Hauptsache pappsatt'), dem Einfluss der Großeltern ('Das haben wir schon immer so gekocht, wir wären damals froh gewesen') und dem der Industrie ('Hauptsache billig und einfach') hatte weitgehend die Lufthoheit und für Teile des Sortiments einer heutigen Discounterfiliale hätte unsereins mindestens nach Düsseldorf in einen sündteuren Delikatessenladen an der Kö gemusst.

Meine Elterngeneration dagegen hatte bereits eine ordentliche Prise Clemens Wilmenrod bzw. dessen Faible für teils rührend absurde Exotik inhaliert. So tastete man im durchschnittlichen Kleinbürgerhaushalt halt herum, war im Prinzip für alles offen, was entfernt nach weiter Welt aussah und ließ sich so ziemlich alles andrehen. Und weil meist nicht ganz dicht ist, wer für alles offen ist, mampfte man munter 'Miracoli', weil man das für echt italienisch hielt, süffelte picksüßen Wein dazu - die freundlichen Kosaken hatten schließlich Kumpels, pardon, Genossen in Rumänien - und es war keineswegs verpönt, Gäste mit Dosenfutter zu bewirten.

Nicht nur daher ist ungefiltertes Schwelgen in Nostalgie der Marke 'Damals war alles besser' mir grundsätzlich suspekt. Weil wir als Gesellschaft in Teilen durchaus ein wenig weiter gekommen sind, und zwar nicht nur beim essen. Damals war keineswegs alles besser, sondern eben auch enger, kleiner, provinzieller, schmutziger, doofer. Und im Nachhinein manchmal auch witzig bis peinlich.

El Kiezo hat letztens ja gemeckert, dass Kleinbloggersdorf drohe, im eigenen Saft zu verschmoren, weil niemand mehr verlinke. Hat er schon recht, ein Stück weit. Einer, der den oben genannten Balanceakt sehr gut hinbekommt, ist Thomas Häusermann, Betreiber des schönen Blogs vongestern.com. Der sammelt und scannt alte Zeitschriften. Was er ins Netz stellt, ist meist saukomisch, manchmal befremdlich und gelegentlich zum Fremdschämen. Ein paar Kostproben, die es mir besonders angetan haben:

Was tun, wenn der Sohn ein Sozialist ist? Freuen Sie sich, Sie haben offensichtlich einen anständigen Menschen in die Welt gesetzt.
Zutaten für ne fetzige Party. Werber verheben sich an Jugendsprache - ein Dauerbrenner.
Keine Party ohne Stiefeltrinken. Es war nicht alles schlecht.
Können Lesben so grausam sein? Jupp. Können se.
Mädchen laden zum Essen ein. Yuck. Maggificks.

Eine wahre Fundgrube für alle, die zwischen den Fünfzigern und Neunzigern ihre prägendsten Jahre erlebt haben und vornehmlich westdeutscher Werbung ausgesetzt waren. (Und heimlich BRAVO-Fotoromane gelesen haben.)


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