Donnerstag, 19. Januar 2017

Björn again


Die das als 'Holocaust-Mahnmal' bekannte Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin entworfen und gebaut haben, sind insofern durchaus klug vorgegangen, indem sie keinem Vorschriften machen. Jedem, der das Stelenfeld besucht, ist es selbst überlassen, damit für sich irgendetwas zu machen oder eben nicht. Die einen fasst diese Erfahrung irgendwie an, andere lässt sie völlig kalt, wieder andere nutzen die Stelen zum Sonnenbaden oder zum Posieren für Selfies. Nur Grafittis verbittet man sich, weswegen die Betonklötze mit einem farbabweisenden Präparat behandelt sind. Das wurde übrigens ausgerechnet von einem Laden geliefert, der einmal an jenem Unternehmen beteiligt war, das den Mördern gut 50 Jahre zuvor Zyklon B geliefert hatte. (Was seinerzeit für kurze Unruhe im Blätterwald sorgte.)

Jenseits von Geschmacksfragen gefällt mir jedenfalls der Ansatz, niemandem Trauer oder Betroffenheit aufzwingen bzw. abnötigen zu wollen, ferner, nicht der Versuchung erlegen zu sein, ein weiteres Dokumentationszentrum zu bauen. Daher gibt es nirgends Bilder, Erklärungen oder gar Multimediakram. Wer sich informieren will, kann dies in einer knapp gehaltenen unterirdisch gelegenen Ausstellung tun. Und selbstverständlich darf man es auch 'Denkmal der Schande' nennen, wie es Björn Höcke getan hat. Die Aussage ist nämlich längst nicht so eindeutig und kann vieles bedeuten. Ob er das Denkmal schändlich findet oder das, woran es erinnern soll, ist nicht klar. Man hört Nachtigallen trappsen, sicher, alles grenzwertig, aber justiziabel ist daran erstmal wohl nichts.

Einem hiesigen, in bürgerlichen Kreisen verbreiteten Stereotyp zufolge, waren bislang bei rechts von der Union stehenden politischen Kräften vornehmlich Hirndimpfel aktiv, die intellektuell nicht weiter satisfaktionsfähig sind. Rechte alten Schlages waren ja durchaus dafür bekannt, verkniffen und humorlos zu sein bzw. über einen Humor zu verfügen, der lediglich innerhalb der eigenen Peergroup funktionierte. Linke hingegen hielten nicht selten gern etwas auf ihre Coolness, ihr Sophisticatedsein und ihre Ironiefähigkeit. Das ließ das gestrige Geturne von Alt- und Neonazis in der Tat oft reichlich armselig aussehen. Zweifellos gab und gibt es welche, die tatsächlich so doof sind, wie ihnen oft und gern unterstellt wird. Diese Karikaturen sind in den letzten Jahren vornehmlich bei der NPD hängen geblieben. So ärgerlich man es finden kann, dass der Laden nicht verboten wurde, ist das daher keine Katastrophe. Die Vifen sitzen längst woanders, das ist die schlechte Nachricht. Eine weitere schlechte Nachricht ist, dass Witz und Satire, Sinn für Metaebenen, Ironie und Mehrdeutigkeiten nicht mehr exklusiv bei den Guten daheim sind.

Dem beurlaubten Geschichtslehrer Höcke kann man sicher so einiges vorwerfen und nachsagen, Dummheit aber gehört definitiv nicht dazu. Der Mann weiß haargenau, wie er beim braven Bürger Empörung triggert, bei der Anhängerschaft schief ins Fäustchen sich grienendes Einverständnis erzeugt und damit die Geschmackgrenzen schrittweise nach rechts verschiebt. Dummerweise scheint er auch immer genau zu wissen, was er sagen und weit er gehen kann. Dass Höckes jüngstes öffentliches Gelaber eine Menge Unsägliches und höchst Diskussionswürdiges enthält, sollte unstrittig sein. Natürlich kann, ja muss man Sascha Lobo zustimmen, wenn er sagt, nach dieser Rede könne wirklich niemand mehr sagen, man habe das alles nicht ahnen könne, wenn es dermaleinst wieder so weit sein sollte. Dass, von Ausnahmen abgesehen, die Reaktion der politischen Gegner und der bürgerlichen Presse aber bisher weitgehend arg dämlich, zumindest jedoch wenig hilfreich war, ist leider auch nicht zu leugnen.

"Ja, eine Partei darf verfassungsfeindlich sein. Sie muss deshalb nicht verboten werden. So steht es seit jeher geschrieben. Liest nur keiner, weil der Deutsche an sich vom Verbieten mehr hält als von der Mühe, sich mit Falschem oder Unerwünschtem politisch auseinanderzusetzen. So ist er, der Deutsche, links, rechts und in der Mitte: Melden, durchführen, verbieten." (Burks)

Muss so was bekämpft werden? Dumme Frage, natürlich. Nur vielleicht nicht mit Strafanzeigen. Abgesehen davon - die Hypothese gönne ich mir als juristischer Laie -, dass die Verfahren wohl ausgehen werden wie die letzten NPD-Verbotsverfahren, zeugt diese Neigung, sofort die Justiz in Marsch zu setzen, von einem beklagenswerten Maß an Diskussionsfaulheit. Ferner von Autoritätshörigkeit, Bestrafenwollen und der bequemen Angewohnheit, seinen großen Bruder zu holen. Kein Wunder, dass man nicht mehr ernstgenommen wird, wenn man sich aufführt, wie der nicht ausgelastete Rentner, der jeden Falschparker denunziert.

Noch weniger hilfreich ist übrigens dieses Betroffenheits- und Empörungsgehuber. Das mag ja menschlich verständlich sein, fatal ist aber, wenn auch professionellen Journalisten nichts besseres einfällt. Das Leben ist keine Lichterkette und politische Debatte besteht nicht nur aus Zeichen setzen und anderen Ersatzhandlungen. Bloß selbstgerecht die Backen aufzublasen, ist im Kampf gegen Rechts ungefähr so hilfreich, wie voll investigativ zu enthüllen, dass man sich im Hause Kubitschek familienintern siezt. Der harte Kern seiner Anhänger wird auch Höckes jüngste Äußerungen zu relativieren wissen. Notfalls mittels Whataboutism. Dem Hinweis auf Pädophile bei den Grünen, Altkommunisten bei Linken und Sozis, Altnazis bei der Union.

Es ist keineswegs so, dass dem journalistisch absolut nicht beizukommen wäre, nur scheint es mir an geeigneten Formaten und geeigneten Akteuren zu fehlen. Wieso Höcke nicht mal interviewen? Weil ihm das nur eine Bühne bieten würde, heißt es dann meist. Oh please! Warum nicht gleich: Mimimi, ich trau mich nicht? Man dürfte ihn halt nicht in eine dieser unzähligen, so öden wie fruchtlosen Demokratiesimulationen namens Talkshow einladen. Wie man solche Formate kapert, das haben die Petrys, Höckes, Gaulands et al. nämlich längst im Schlaf drauf. Weil Gruppen leicht manipulierbar sind.

Daher bräuchte es welche, die sich wirklich aufs Interviewen verstehen. Also, Herr Höcke, was haben Sie genau gemeint mit 'Denkmal der Schande'? Das ist so eine vieldeutige Aussage. Können Sie das präzisieren? Was exakt ist denn so dämlich an unserer Erinnerungskultur? Wie? Nö, das ist mir jetzt zu wischiwaschi. So in der Art. Woanders gibt es das sehr wohl. Man denke etwa an Tim Sebastian, der letztes Jahr Frauke Petry reichlich alt aussehen ließ. Wo sind solche 1:1-Formate jenseits von Hofberichterstattung a'la 'Das große Angela-Merkel-Sommerinterview' bei uns?

Vor allem aber dürfte es nicht bei Höcke bleiben. Es müsste eine Bereitschaft da sein, bei allen anzuecken, sich mit den Mächtigen und denen, die es sein wollen, anzulegen, Schwätzer bloßzustellen (und zwar nicht bloß bei den Linken und den Rest zu schonen). Es gab Zeiten, da stellten sich die, die wirklich Substantielles und Bedenkenswertes zu sagen hatten, einem SPIEGEL-Gespräch mit drei, vier gut vorbereiteten Redakteuren.  Wer etwas zu sagen hat, der hat auch nichts zu befürchten. Also, wieso geht das nicht hierzulande? Vielleicht, weil deutsche Medienkarrieren immer noch am besten durch Anpassung, Bravsein und buckeln funktionieren? Anders gesagt: Wer die liberale Demokratie verteidigen will, muss liberale Demokratie auch selbst praktizieren, sonst wird das nix.



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