Donnerstag, 5. Januar 2017

Über 'Lügenpresse'


Auch 2016  hat das Diktum von der 'Lügenpresse' sich im öffentlichen Diskurs recht zählebig gehalten. Obgleich ich mit dem Wort selbst nach wie vor meine Probleme habe, da es, wiewohl keine genuin Goebbelssche Erfindung, einschlägig belastet ist, trifft es natürlich ein gewisses Gefühl, scheint es an Wahrnehmungen vieler zu rühren. Vielleicht ist nicht das Problem, dass wir eine Presse haben, die vorsätzlich bzw. wissentlich lügt oder vorsätzlich Propaganda macht, sondern dass wir eine weitestgehend bürgerliche Presse haben, die nicht kapiert oder nicht wahrhaben will, dass das bürgerliche Zeitalter unwiederbringlich auf sein Ende zusteuert. Und weil diese Presse (wozu natürlich immer auch andere Medien wie Fernsehen und Hörfunk gezählt werden müssen) immer verzweifelter ein totes Pferd reitet, entsteht halt bei denen, die nicht dazugehören, sich mit dem Establishment über Kreuz sehen, der Eindruck von Lüge und Propaganda.

Dazu mag passen, dass das Personal der hiesigen überregionalen Journaille, entsprechenden Studien zufolge, überwiegend aus ganz bestimmten gesellschaftlichen Milieus sich rekrutiert, auf einer Handvoll Journalistenschulen (Nannen, Springer, Bertelsmann) sorgfältig handverlesen wird und seine Wertvorstellungen dann selbstverständlich ins Veröffentlichte trägt. Natürlich leistet man sich das eine oder andere andere, vornehmlich im Föjetong, aber die 'harten' Ressorts Politik und Wirtschaft sind und bleiben im Großen und Ganzen fest in neoliberaler bzw. transatlantischer Hand. Ich schrub's schon anderswo: Wenn sie bei FAZ, Welt etc. wieder einmal die Leier drehen von den faulen, teuren Arbeitslosen und dem bösen Russen, dann nicht, weil das Kanzleramt entsprechende Weisung erteilte, sondern weil die selbst so ticken, das mithin gar nicht nötig ist.

Entsprechender Selbstdarstellung zum Trotze, liegt ein Hang zur Denunziation von Privatem der bürgerlichen Presse von jeher im Blut. Und was einer Institution einmal in die Wiege gelegt wurde, das pflegt sich zu halten. Wenn man die Französische Revolution als Geburtsstunde modernen Pressewesens bezeichnen mag, dann war eine seiner ersten Aktionen eine so absurde wie unappetitliche Hetzkampagne gegen Marie Antoinette, in der sie als unersättliches, inzestuös veranlagtes Sexmonster hingestellt wurde. Privates und Schlafzimmernes ist also nicht, wie gern behauptet, 'Sache des Boulevards', sondern von jeher systemimmanent. Privatsachen auszuplaudern oder damit zu drohen bzw. die latente Drohung im Hintergrund schweben zu lassen, war immer schon Teil des journalistischen Repertoires und ist auch bei als 'seriöse' Qualiätspresse sich bezeichnenden Blättern zumindest jederzeit abrufbar. Wer's nicht glaubt, rufe sich den Fall Christian Wulff in Erinnerung.

So begann letztens das große Nachrichtenmagazin, das gerade 70 geworden ist, seine Auseinandersetzung mit dem neurechten Dickdenker Götz Kubitschek, indem es darauf hinwies, der Mann sei so konservativ, dass er sogar seine eigene Ehefrau sieze. Uiuiui, der Ungut! Kann man aufmachen mit so was. Ist auch nichts Intimes, klar. Vielleicht ist der Artikel ja wirklich top, was sich wegen Bezahlschranke nur nicht überprüfen lässt. Das Dumme ist nun, dass munter auszuplaudern und hihi zu machen darüber, wie Herr Kubitschek und Gattin ihr Privates regeln, der Sache gegen sie in keiner Weise dienlich ist. Das bewegt rein gar nichts außer den belustigt gerunzelten Stirnen und Augenbrauen amüsierter bourgeoiser Schmunzeletten, die sich fälschlicherweise in irgendwelchen Sicherheiten wiegen.

Es war schon damals, und es waren weiß Gott andere Zeiten, kein Problem, dass Joseph Goebbels halb Berlin flachlegte oder dass Ernst Röhm schwul war. Letzteres wurde erst zu einem, als er lästig und für den Chef zum Problem zu werden begann. Hat entsprechendes, wohl mit Recht nie verstummendes Gerede, einem Jörg Haider je geschadet? Nö, hat es nicht. Ist es ein Problem, dass das sehr wohl zeitgemäße Patchwork-Familienmodell, wie die frisch vergatteten Frauke Petry und Markus Pretzell es praktizieren, durchaus im Kontrast zu dem steht, das Teile ihrer eigenen Partei als verbindlich herbeiphantasieren? Nicht die Bohne. Noch nicht einmal die NPD ist letztlich daran gescheitert, dass sie welche in ihren Reihen hatte, gegen die wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornographie ermittelt wurde, während man geschickterweise Todesstrafe für Kinderschänder forderte. Nein, die NPD ist im Nirwana verschwunden, weil sie im Gegensatz zur AfD eine Ansammlung halbdunkler Blitzbirnen ist, denen teils kein gerader Satzüber die Lippen quillt, die auch sonst mit vielem überfordert sind und beim Intelligenztest deutlich schlechter abschneiden würden als ein handelsübliches Toastbrot.

Das vielleicht zur Erinnerung.

Eine Episode am Rande, die ein deutlich kleineres Rad dreht, aber eventuell passen mag: Vorgestern stand der alljährliche Besuch bei Schulfreund G. an, der im beschaulichen westmünsterländischen Vreden haust und wirkt. Als wir, das Weltgeschehen verhandelnd und auf der nicht eben einfachen Suche nach einem Restaurant, in dem sich Mittagstisch einnehmen ließ, durch die fast ausgestorbene Innenstadt flanierten, wurden wir von einem ungleichen Paar angehalten. Es war der mit einer wuchtigen Spiegelreflexkamera ausgerüstete Redakteur des örtlichen Lokalblattes und sein jugendlicher Adlatus, vulgo: Praktikant.

Lass es, Junge, und lauf!, wollte ich ihm erst zurufen. Du heuerst auf der Fregatte des Bösen an. Die Branche ist vollumfänglich am Arsche, du bist mit der Wahrscheinlichkeit, bei der Tombola eine Niete zu ziehen, zu Prekariat und Lebenskünstlertum verdammt. Lern' lieber einen anständigen Beruf. Ehrlich, ich meine es gut und konkurriere gewiss nicht mit dir. Doch ich ward milde gestimmt und dachte als Pädagoge: Halt, kein missionarischer Eifer! Man muss Menschen, junge zumal, ihre Erfahrungen selbst machen und ihre Schlüsse daraus ziehen lassen.

Die beiden unternahmen eine Straßenumfrage zum Thema gute Vorsätze zu Neujahr. Nun ja, muss halt voll werden, so ein Blatt. Eine prima Gelegenheit für mich, meine alte These anzubringen, dass die Nummer mit den guten Vorsätzen längst degeneriert ist zu einem blöden puritanischen Selbstbestrafungsritual mit eingebautem Scheitern, das fast immer mit schlechtem Gewissen endet, und dass es viel erfüllender und sinnreicher sei, sich etwas vorzunehmen, das das Leben wirklich schöner macht. Freund G. sekundierte, wir beide lebten gerade solch einen guten Vorsatz, indem wir uns immer um Neujahr herum träfen und uns einen netten Halbtag machten. Wir plauderten bestimmt fünf Minuten und lieferten den beiden eine Menge Material.

Keine 24 Stunden später erschien das, G. schickte per Mail einen Screenshot, und, was soll ich sagen? Das hatten wir definitiv nicht so gesagt. Aber so was von nicht. Es entstand der Eindruck, sie hatten entweder nicht gekonnt oder gar nicht erst gewollt. Für das, was da geschrieben stand, hätte es weiß Gott kein Gespräch mit uns gebraucht. Wäre ich der Bürgermeister und die wären mit einem Statement von mir so umgegangen, ich sähe mich gezwungen, für eine Gegendarstellung zu sorgen.

Sicher, wir waren in einer westfälischen Kleinstadt im Niemandsland zu den Niederlanden. Ferner sind solche Umfragen zu Blabla-Tratschthemen absolut nichts gar Weltbewegendes, sondern bestenfalls nette Oberflächlichkeiten, Seitenfüller, Aufmerksamkeitsgeneratoren. Ich will das also weiß Gott nicht wichtiger machen als es ist, aber auch so was kann man, wie alles, gut oder schlecht machen. Schlimmstenfalls ist das symptomatisch. Außerdem hatte der Herr Redakteur schließlich auch einen Bildungsauftrag, ein Stück weit.


Kommentare :

  1. Wie gewohnt ein sehr schöner Beitrag!
    Wo meiner Meinung aber des Pudels Kern liegt:
    Worauf genau denn die (ich nenn' es mal) Gleichschaltung der sog. 'Qualitätspresse' (mittlerweile auch eine Art Kampfbegriff aus dem oppositionellen Milieu) beruht. Dies ist m.M.n. nicht nur mit der Herkunft der Journaille zu begründen. Das mag einerseits mit transatlantischen Verquickungen (die 'Anstalt' hat darüber eine schöne Sendung gemacht) zu tun haben, andererseits aber auch pragmatisch/ökonomischen Gründen geschuldet sein (Medienkonzerne, Anzeigekunden, Kontakte zu politischen Zirkeln, usw.). Und die verschiedensten Gründe münden dann halt in den neoliberalen 'weiter so!-Einheitsbrei und sind wohl langfristig das Ende etablierter Medien.
    Denn nicht nur deren potentielle Leserschaft ist weniger bürgerlich, sondern die Medien sind auch weniger bis überhaupt nicht mehr so investigativ-systemkritisch wie es früher mehr gewesen ist. Der Spiegel kann da just zu seinem 70jährigen Jubiläum durchaus (wenn auch eingeschränkt) als Beispiel dienen.

    Liebe Grüße
    Duderich

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    1. Dass ökonomische Zwänge, etwa durch Einbrechen der Werbeeinnahmen und die kapitalismusimmanente Konzentrationsprozesse wichtige Faktoren sind, ist keine Frage, habe icbh aber hier nicht genannt, weils eigentlich immer genannt wird. Danke aber für die Ergänzung.

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