Dienstag, 7. Februar 2017

Schwarzgelbes Urvieh


Fans des Fußballclubs Borussia Dortmund sind am Wochenende negativ aufgefallen. Das geht mich an. Man sollte daran erinnern, dass man beim BVB, wie’s der der Relativierung, diverser Schandtaten, erst recht deren rechter, vollständig unverdächtige Klaus Bittermann schon sagte, zwar versuchen kann, Rechte aus dem Stadion zu halten, aber eben nichts dafür kann, dass selbige sich Dortmund als Hochburg ausgesucht haben. Zu 28 Anzeigen wegen Körperverletzung ist es rund um das Spiel gegen RB Leipzig gekommen, vier Polizeibeamte wurden verletzt. Das ist sicher nicht schön, es ist ohne Wenn und Aber abzulehnen und ich will gewiss auch nichts verharmlosen, aber ein wahres Massaker, wie es von einigen ganz besonders eilfertigen Opfern kolportiert wurde, scheint mir immer noch etwas anderes.

Nein, früher war nicht alles besser und was daran so toll sein soll, ein Fußballspiel als Anlass zu nehmen, sich gegenseitig die Fressen matschig zu hauen, erschließt sich mir immer noch nicht. Es gibt tausend sinnvollere Wege, überschüssigen Aggressionen, meinetwegen den Neandertaler in sich rauszulassen, bei denen keine Unbeteiligten gefährdet werden. Dennoch meine ich als alter Ruhrpöttler mich zu erinnern, dass es in den Siebzigern und Achtzigern bei Heimspielen von Schalke und Dortmund gegen nicht befreundete Gegner, am meisten natürlich beim Derby, noch ganz anders zuging. Da waren die Innenstädte und die Wege der Fans echte No-Go-Areas, herrschte jeden zweiten Samstag Randale. Zwar sehne ich mich keineswegs dahin zurück, erwähne das aber einfach mal, um dem hysterischen Katastrophengehechel der letzten Tage ein wenig etwas entgegenzusetzen.

Dass es ausgerechnet die Fans RB Leipzigs getroffen hat, ist kein Zufall. Der von Aufputschlimonadenmulti Dietrich Mateschitz massiv hochgepushte Klub steht für das genau Gegenteil dessen, wofür Dortmund gern stehen will. So hat Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in letzter Zeit immer wieder gegen den Leipzig gestichelt. Was die eifrigen Dortmunder Ultras innerhalb und außerhalb des Stadions nicht kapieren oder vielleicht auch nicht wahrhaben wollen: Es handelt sich um pures Marketing. Da wird der Traditionsverein in Stellung gebracht gegen den künstlichen Retortenverein, eine Firma ohne Seele, die der den Aufstieg der letzten Jahre und seinen momentanen Tabellenplatz allein den Red-Bull-Millionen zu verdanken hat. Hier der gewachsene, traditionsreiche, in der Stadt verwurzelte BVB, dem seine Fans 'echte Liebe' entgegenbringen und der diese angeblich zurückliebt dafür, dort das Riesenspielzeug eines profilierungssüchtigen Superreichen, so geht das zugrundeliegende Narrativ.

Sicher sitzt auch bei nicht wenigen Borussen der Frust darüber tief, dass die Leipziger dem BVB die Rolle als erster Bayernverfolger vorerst abspenstig gemacht haben. Doch offenbarten viele der imbezilen Transparente, die beim Spiel gegen Leipzig gehisst wurden, in ihrer Dümmlichkeit das größte Problem der Dortmunder Ultra-Szene: Zumindest Teile scheinen das erwähnte Vereinsmarketing in ihrem heiligen Ernst für bare Münze zu nehmen und stilisierten das Spiel vom Samstag zur Entscheidungsschlacht zwischen Tradition und Kommerz hoch. Und das ist ziemlicher Blödsinn, weil es zeigt, was für eine kuschelige Traumwelt sich welche da offenbar zusammenklabustern.

Vielleicht hülfe es ja, wenn man versuchte, diesen atavistischen Stammeskriegern zu erklären, dass es erst mal überhaupt nichts bedeutet, dass ihr Verein über hundert Jahre alt ist und ihn das definitiv nicht besser macht als andere. Dann vielleicht noch, dass gerade sie sich ihr Traditions- und Antikommerzgeklimper tunlichst dorthin schieben können, wo es sehr dunkel ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Fußballabteilung des Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund seit 2000 eine börsennotierte Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA), die seit 2014 massiv von einem auf 10 Jahre angelegten, 350 Millionen schweren Investitionsprogramm eines Sponsorenkonsortiums profitiert und mittlerweile im SDAX der Frankfurter Börse geführt wird. Wie irre romantisch und urwüchsig! Kapitalistenschweine sind immer die anderen.

Mindestens aber wäre es hilfreich, wenn diese Ultra-Kasperklatschen mal kapierten, dass die von ihnen erzeugte Stimmung schon lange nichts weiter als ein Asset ist, das die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA in ihre Verwertungskette eingepreist hat, und mit dem sie in diversen Verhandlungen um Sponsoren- und Rechtedeals punktet. So sind die sich allwöchentlich auf der Südtribüne, der berühmten 'Gelben Wand' sich versammelnden Ultras für den BVB schwer verzichtbar. Sie sorgen für die legendäre Stimmung im Stadion und investieren viel an Zeit, Arbeit und Geld, um für ihren Verein, für den sie leben, die nötige Stimmung zu machen. Die Vereinsführung tut gut daran, sich es mit ihnen nicht allzusehr zu verscherzen.

Denn das ist das Problem im modernen Profifußballzirkus. Vieles ist in den letzten Jahrzehnten unternommen worden, ihn zu domestizieren und besser verkäuflich zu machen. Weg von der bierdunstigen Männersache, bei man immer damit rechnen musste, aufs Maul zu kriegen, hin zum sicheren, sauberen und familientauglichen Event. Auf das beste aus der alten Zeit, die von den Fans erzeugte Atmosphäre nämlich, den Lärm, den Wahnsinn, denn Tick Anarchie, will man freilich auch nicht verzichten. In Deutschland versucht man das, indem man Stehplätze erhält und die Eintrittspreise halbwegs sozialverträglich hält. Eine Gratwanderung. Meistens klappts, manchmal nicht. Dann erhebt das alte, sintkende haarige, laute Urvieh sein hässliches Haupt. Das ist am Samstag in Dortmund geschehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Kommentare :

  1. Stimmt.
    Alles.

    Es läuft eben immer auf "GLAUBEN WOLLEN" und "nicht unbedingt Wissen können" hinaus.

    Ob in Politik, Gesellschaft oder Fussball.

    Der BVB überlebte durch einen Kredit des FC Bayern München.
    Hoeneß gab damals, der bewährten Überlegung eines F.-J. Strauß folgend, das "Gutes erhalten werden müsse" Hilfe, weil er und der FCB es sich leisten konnten und wollten.

    Und durch einen Überzeugungsmarathon von H.-J. Watzke, der die Gläubiger weiter machen ließ. Weil Watzke ihnen etwas für ihr Stillhalten bot, was nach reiflicher Überlegung zum Weitermachen führte.

    Den Hardcore-Anhängern wurde das als Traditionsbewußtsein verkauft, weil es in diesen Kreisen das einzige Argument war, das zog.

    Der BVB und seine Anhänger sind Teil eines gigantischen profitablen Zirkus, mit Illusionisten, Clowns und einem , nach Unterhaltung und Abwechslung gierendem Publikum.

    Mit gepflegten Feindbildern. Ein Spiel, das eben auch manchmal abläuft, wie im alten Circus Maximus.

    Alles wie immer. Menschlich, aber nicht human.

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  2. Sehr guter Text. Schon in den frühen 80ern waren unter den BVB-Fans wie bei den Hertha-Fröschen viele Nazis. Tradition ist im turbokapitalistischen Fußball mit seinen millionenschweren Söldnern nur ein Asset - mehr ist es leider nicht mehr.

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    1. Danke. Ja, die 'Borussenfront' - wirklich weg war sie nie, fürchte ich. Tradition ist im Fußball so viel wert wie überall im Kapitalismus. So lange sie halt nützt...
      Und danke fürs Verlinken!

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    2. Ich brauchte aus Quotengründen für die Blogroll entweder einen transsexuellen Ostfriesen oder einen Fußballfan aus Recklinghausen - das ist der Hintergrund gewesen ;o)))

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