Freitag, 14. April 2017

Stille Provinzposse


"Anfang voriges Jahr ging durch die Weltmedien, dass Schach in Saudi-Arabien verboten werde. Islamischen Fanatikern traut man ja alles zu. Wirklich dran an der Geschichte war nur, dass ein einzelner, wenn auch sehr einflussreicher Kleriker Schach für unislamisch erklärt hatte. In Saudi-Arabien durften seitdem alle Schachveranstaltungen weiterhin wie geplant stattfinden." (Stefan Löffler)

Da ist man in Saudi-Arabien offenbar weiter als in Herne. Das Nordrhein-Westfälische Feiertagsgesetz untersagt an 'stillen Feiertagen' wie dem Karfreitag "sportliche und ähnliche Veranstaltungen". Und weil Schach offiziell ein Sport ist, muss seit letztem Jahr auch das traditionell am Karfreitag stattfindende Blitzschachturnier des Herner Schachvereins 'Unser Fritz'  ausfallen (bevor jemand fragt: der Name stammt von einer längst stillgelegten Zeche). Interessant ist nun, wie die ganze Sache abgelaufen ist. Man muss nämlich wissen, dass das 'Ostereierblitzen' genannte Turnier keineswegs eine neumodische Protestaktion ist, sondern seit 1955 immer völlig problem- und, typisch für Schach, fast geräuschlos vonstatten geht. Vom Abend des Karfreitag bis Karsamstag um sechs in der Früh.

2016 waren dann zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes beim Turnier zugegen. Schilderungen von Anwesenden zufolge, warteten die erst einmal in aller Ruhe ab, bis das gottlose Treiben seinen Lauf nahm - vermutlich, um wirklich sicherzugehen, dass ein Frevel wie ein Schachturnier stattfindet und nicht etwa ein rein privates Rudelbumsen - und schritten dann erst zur Tat, womit sie in letzter Sekunde das Schlimmste verhinderten. Aus informierten Kreisen wurde die Vermutung laut, irgendwer müsse den städtischen Sherriffs einen Tip gegeben haben. In der Tat stellte sich bald darauf ausgerechnet Erich Leichner (SPD), seines Zeichens Bürgermeister der Stadt Herne und, honi soit qui mal y pense, Mitglied des konkurrierenden Schachvereins 'Zeppelin', als Denunziant heraus. Wie buchstabiert man noch gleich 'Provinzposse'?

Beim so genannten Tanzverbot am Karfreitag bin ich übrigens durchaus zwiegespalten. Einerseits ist so eine gesetzliche Regelung mit der Idee eines säkulären Staates unvereinbar und wird daher über kurz oder lang wahrscheinlich eh fallen. Ich würde sie nicht vermissen, weil mir so was als Agnostiker in jeder Hinsicht wumpe ist. Andererseits vermisse ich als leidenschaftlicher Nichttänzer Tanzvergnügen aller Art in keiner Weise, notorische Lärmbolzen kann ich nicht ab und daher geht meine kleine Welt gewiss nicht unter, wenn an einem Tag mal kein Remmidemmi ist. Die Vorzüge christlicher Traditionen, etwa arbeitsfreie Feiertage, nehme ich ja auch gern mit. Außerdem sind die Kirchen immerhin so konsequent, an solchen Tagen ihrerseits aufs Bimmeln zu verzichten.

Weil breitärschige fanatische Atheisten mir mindestens genauso auf den Sack gehen wie religiöse Fanatiker und es für mich außer lieben und fliegen nur wenig Schöneres gibt im Leben als wenn Selbstgerechtigkeit eins aufs Dach kriegt, tue ich mich in dieser Sache ein wenig schwer mit einer klaren Position. Eines aber will mir so gar nicht in den Kopf: Wenn ein Schachturnier eine gesetzeswidrige und möglicherweise strafbare Störung der Karfreitagsruhe darstellt (bei Verstoß droht Bußgeld), wieso laufen dann in derselben Stadt am selben Tag nicht weniger als fünf Vorstellungen eines Filmes wie 'Fast & Furious 8' im Kino?



Kommentare :

  1. Der Postillion meldet soeben "Kompromiss: An Karfreitag darf getanzt werden, wenn man dabei traurig aussieht"
    http://www.der-postillon.com/2017/04/tanzverbot.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+blogspot%2FrkEL+%28Der+Postillon%29

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine im Hinblick auf ihre Ausgewogenheit geradezu vorbildliche Regelung - perfekt!

      (Link zum Klicken)

      Löschen
  2. Mit traurigem gesicht zu tanzen ist natürlich auch ein guter kompromiß. In Berlin gilt das tanzverbot am Karfreitag ohnehin bloß von 4 uhr morgens bis 21 uhr abends, was vermutlich die meisten tanzmäuse eher nicht stören dürfte. Ich bin zwar im grunde gegen das tanzverbot, aber ein bißchen kompromißbereitschaft auf beiten seiten kann nicht schaden.

    Ich bin übrigens ein anhänger der sogenannten »sonntagsruhe«. Der sonntag ist kein werk- oder arbeitstag. Ich find es halt gut, wenn es in regelmäßigen abständen tage gibt, an denen man normalerweise frei hat.

    Sogar das katholische fastengebot für den karfreitag halte ich meist durchaus gern ein. Einfach so, weil es spaß macht, andere atheisten damit zu foppen. Schon mancher wollte nach so einem essen zum katholizismus konvertieren, was ich zum glück noch verhindern konnte.

    AntwortenLöschen