Mittwoch, 3. Mai 2017

Miefendes Wortfossil


Es fällt einigermaßen schwer, sich das Wortspiel mit der Leidkultur zu verkneifen, denn es gibt da diese Frage, die mich schon länger ernsthaft beschäftigt: Was würden eigentlich diverse Politiker, vornehmlich von der Union, tun, wenn sie das Wort 'Leitkultur' nicht hätten? Explodieren? Zu Staub zerfallen? Quillte der Schaum ihnen aus dem Munde? Oder verwandelten sie sich in grünhäutige, randalierende Ungetüme, die mit der Parole "Leit-kult-uuuur! Leeeit-kuuult-uuuuuuuur! Uuuaaahhh!" auf den Lippen ganze Städte verwüsten? Man weiß es natürlich nicht, aber wenn ich die leichte Zwanghaftigkeit betrachte, mit der dieser so nichtssagende wie miefige Wortzombie alle paar Jahre wieder exhumiert wird, sorry, dann kann ich kaum anders, als auf solche Gedanken zu kommen.

Zumal das Leitkulturgefasel sich leicht als die Gespensterdebatte entlarven lässt, die sie tatsächlich ist. Da wir in einem Rechtsstaat leben, wie ja gerade Unionsgranden bei jeder sich bietenden Gelegenheit selten versäumen zu betonen, ist hierzulande das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern sowie das unter selbigen allein durch das Recht geregelt. Daraus folgt, dass so ein Rechtsstaat von denen, die in ihm leben, exakt eines verlangen kann, nämlich sich an die geltenden Gesetze zu halten. Mehr geht nicht, alles andere ist totalitär (was einem studierten Juristen wie Thomas de Maizière hoffentlich bewusst ist bzw. eigentlich sein sollte).

Daraus folgt nun, dass jeder Versuch, von jemandem verlangen zu wollen, irgendeine ominös-schwammige Leitkultur anzunehmen, vulgo: ein guter Deutscher zu sein (was immer das sein soll), von jedem Gericht sofort kassiert werden dürfte. Weil der Grundsatz der Gleichbehandlung gilt, darf dem einen qua Herkunft nicht verboten werden, was dem anderen erlaubt ist und umgekehrt. Das wiederum heißt, so lange ein jeder das für sich praktiziert und gegen keine geltenden Gesetze verstößt, hat es absolut niemanden zu interessieren, ob jemand als Jude, Christ, Muslim, Hindu, Buddhist, neopagan, Atheist, Pastafari, Agnostiker unterwegs ist, asiatisch, orientalisch, nord- oder südafrikanisch sozialisiert wurde, ob wer homo-, hetero-, bi- oder sonstwie -sexuell, eine Cis- oder Transperson ist etc. Dass entsprechende Begleiterscheinungen einige zuweilen nerven, mag sein, ist aber irrelevant.

Natürlich bleibt auch die Entscheidung, anderen Pfötchen zu geben oder nicht, jedem selbst überlassen. Es nicht zu tun, gilt zwar gemeinhin als unhöflich, ist aber von Staats wegen definitiv nicht sanktionierbar. Wie es auch nichts Verbotenes darstellt, mit hiesig-heimatlicher Bierzelt- und Erbsensuppengemütlichkeit nichts am Hut zu haben und lieber in der eigenen Community zu feiern. Und erst recht muss niemand sich befehlen lassen, dieses Land zu lieben, so wenig wie irgendwer sich einen Zwang zu gelebter Monogamie und Galanterie auferlegen lassen muss. Dass solche banalen Selbstverständlichkeiten trotzdem allen Ernstes diskutiert werden, hat weniger zu tun mit deutsch oder nicht, sondern eher damit, dass die zentrale Konfliktlinie unserer Zeit nicht verläuft zwischen In- und Ausländern, Alt und Jung, Frau und Mann, Mehrheit und Minderheit, sondern zwischen autoritär und liberal. Sicher hat es auch damit zu tun, wie wir unser Wirtschaftliches regeln.

"Dank der Segnungen des Turbokapitalismus erodieren hierzulande soziale Bindungen in einem atemberaubenden Tempo. Im Alltag feiern Missgunst, Mobbing und Rücksichtslosigkeit Triumphe. Nicht nur auf deutschen Autobahnen herrscht ein Krieg »jeder gegen jeden«. An der Supermarktkasse muss man befürchten, dass einem die Zähne eingeschlagen werden, wenn man jemanden schief anguckt." (Kristian Stemmler)

Wo wir gerade dabei sind: Was ist es denn nun genau, dieses Deutschsein? Sollte man schon wissen, wenn man das von anderen verlangt. An der Frage hat sich schon Ernst Moritz Arndt 1813 in seinem berühmten Gedicht unter großem verbalem Tschingderassabumm verhoben. Nachdem er sich lang um eine Antwort herumdrückt und erst mal alle Landsmannschaften runterbetet, landet er schließlich dabei, dass deutsch zu sein bedeutet, deutsch zu sprechen, in Vertragsdingen treudoof zu sein, romantisch zu glotzen, und ein liebend Herz im Busen sowie einen gewaltigen Brass auf alles Welsche zu haben. Bisschen mager, will mir scheinen, nicht mehr gar so zeitgemäß. Und von Fleiß und Pünktlichkeit ist auch nicht die Rede. Von Hand geben auch nicht. So wenig wie vom christlichen Abendland. Von wegen: Deine Frau hier nix Burka, Muselmane! Ein Glück, dass de Maizière dieses Vakuum füllen konnte!

Christlich? Natürlich ist das, was wir heute so Deutschland nennen, unter anderem das Ergebnis über längere Zeit praktizierten Christentums. Wobei auch das natürlich nicht unproblematisch ist. War man in linksrheinischen, von den Römern besetzten Gebieten schon ab der Spätantike christlich unterwegs, frönte man im rechtsrheinischen Raum, der den größten Teil des heutigen Deutschland ausmachte, fröhlich dem Heidentum und opferte gefangene Feinde, um aus deren Hirnschalen eitel Met zu zechen. Bis Leute wie Karl der Große und Sankt Liudger dem Treiben humorlos ein Ende setzten und mehr oder minder gewaltsam für katholische Verhältnisse sorgten.

Es hilft nichts, das ganze, periodisch wiederkehrende Leitkultur- und Integrationsgeschwalle ist größtenteils sinnfrei, weil es auf falschen Annahmen beruht, als autoritäres Konzept praktiziert wird und zudem mit der herrschenden Rechtsordnung nicht zu vereinbaren ist. Ist es überdies nicht auch ein klein wenig verlogen, Unangepasstheit für sich selbst als wünschenswerte bis heldenhafte Tugend zu reklamieren, von Migranten hingegen andauernd Kuschen und Anpassung zu verlangen? Kaum weniger verlogen, scheint mir, als ein Schmähgedicht gegen ein türkisches Staatsoberhaupt als Höhepunkt abendländischer Aufklärung zu feiern, den der Türk' halt aushalten müsse, ferner die Abschaffung der 'Political Correctness', will heißen, von Höflichkeit und Sensibilität im Miteinander zu fordern und dann, wenn man selbst zur Zielscheibe davon wird, verschnupft nach der Justiz zu rufen. Man hat’s halt nicht leicht als ewig unterdrückter deutscher Edelmensch.

"Wir müssen zu der Erkenntnis gelangen, dass Integration schlicht und einfach Quatsch ist. Sich integrieren heißt sich anpassen, und Anpasser sind das Letzte, was wir in Deutschland brauchen. Integration kann bestenfalls auf einen Konsens reduziert werden, der überall gilt, wo Menschen miteinander leben: den Mitmenschen helfen, ihnen nicht weh tun und ihnen ihre größtmögliche Freiheit lassen. Auf diese drei Punkte ließen sich alle Grundgesetze dieser Welt herunterbrechen, meinetwegen auch die Zehn Gebote." (Michael Herl)

So fragt sich abschließend: Was soll der Zinnober dann? Integrations- bzw. Leitkulturdebatten laufen bei uns beschämenderweise meist darauf hinaus, dass von Gevatter Migrant nicht nur Anpassung, sondern oft auch Dankbarkeit gefordert wird für das irre Privileg, im angeblich tollsten Land der Welt zu Gast sein zu dürfen (falsch, er lebt hier, mit allem, was dazugehört, aber dieses Missverständnis stirbt wohl nie aus). Weil es welche gibt, die das Gefühl brauchen, Herr im Hause zu sein (wieder falsch, ein Land gehört wenn, dann allen) und es wohl auch irgendwie genießen, wen spuren lassen zu können, wenn sie sich sonst schon als ewig Gearschte fühlen. Weil‘s halt bequemer ist, den Frust darüber an Schwächeren auszulassen als herrschende Verhältnisse infrage zu stellen. Und solche Klientel wählt in letzter Zeit halt gern die immer weiter rechtsruckende AfD. Was nicht selten auf Kosten der Union geht.

Die Erklärung ist daher so einfach wie naheliegend. Der Wahlkampf beginnt langsam, und weil die CDU die Partei ist, die diesbezüglich am meisten zu verlieren hat, will man halt potenzielle AfD-Wähler davon abhalten, exakt das auch tatsächlich zu tun. Tada! Eine allerletzte Frage beantwortet das aber immer noch nicht. Nämlich die, wieso jemand, der aus solchen Motiven heraus AfD zu wählen gedenkt, sich für einen müden Abklatsch entscheiden sollte, wenn er genauso gut das Original haben kann?




Kommentare :

  1. Diese "Debatte" ist die größtmögliche Annäherung Mitteleuropas an das Perpetuum mobile, oder? Das kriegt man nicht los wie die Quecke im Garten...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, scheint so. Lässt sich vielleicht besser mit den Gesetzen der Physik erklären. Da wäre ich dann raus.

      Löschen