Donnerstag, 13. Juli 2017

Ein Letztes


(hoffentlich)

"In der Psychoanalyse heißt es, dass Verdrängtes als Störung zurückkommt. Wenn der Staat der Verdränger der Gewalt ist, die er in sein Monopol überführt hat, dann ist sie beim G20-Gipfel in Hamburg als Kollektivneurose zurückgekehrt; inklusive Hysterie im Nachgang." (Leander F. Badura)

Es ist eine Binse, dass man Menschen am besten an dem erkennt, was ihnen versehentlich so herausrutscht. Dazu gehört definitiv nicht das, was Springers Vierbuchstabenblatt, dessen Namen ich mich konsequent weigere, hier zu nennen, weil schon tote Fische gesehen worden sein sollen, die protestiert haben, darin eingewickelt zu werden, am Montag gebracht hat. Nein, der fröhliche Aufruf zu Denunziation und Selbstjustiz war kalt kalkulierte, lange geübte Praxis und zeigt, wie wenig man sich bei dieser Postille, allen netten Imagekampagnen zum Trotze, geändert hat. Leider ein Anlass, wieder einmal Max Goldts Diktum in Erinnerung zu rufen, auch wenn es weh tun mag:

"Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."


Auch das andere verbliebene tägliche Druckerzeugnis des Springer-Verlages, das sich vornehmlich an besorgte Kleinbürger richtet, die sich aus diversen Gründen für gebildet halten, dreht mächtig frei in diesen Tagen. Links ist immer auch linksradikal, Hamburg liegt in Schutt und Asche wie weiland 43, Polizisten sind unwidersprochen als Helden zu verehren, und wer es wagt, ihr Vorgehen in Frage zu stellen, ist vermutlich auch 'so einer'. Kein Zweifel, rechts haben sie Blut gerochen und wittern die Chance, endlich so richtig aufzuräumen mit dem linken Pack. Dabei ist es sehr einfach: Rechte wie Linke müssen sich damit befassen, dass an den äußeren Enden ihres jeweiligen Lagers Gewalttätige sich tummeln. Und wer linksautonome Krawallos zur größten Gefahr für das Abendland stilisiert, derweil aber jedes Gespräch darüber, dass die Zahl der rechten Straftaten einen neuen Spitzenwert erreicht hat, empört verweigert, dem vermag ich beim besten Willen keine lauteren Absichten zu unterstellen.

Nun ist es ja eine durchaus ehrenwerte Haltung, Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung grundsätzlich und rundheraus abzulehnen. Doch, wirklich, unterschreibe ich sofort. Nur sollte man das dann auch halbwegs konsequent durchziehen.

Deswegen war ich ein klein wenig irritiert, als ich dank der hervorragenden Frau Thorwarth erfuhr, dass dieselbe Kleinbürgergazette noch im Mai einen Beitrag brachte mit einem am Rande einer Demonstration gegen die Regierung Maduro in Venezuela aufgenommenem Foto. Es zeigt, wie eine teilweise vermummte Frau gerade im Begriff ist, einen Pflasterstein zu werfen, also etwas zutiefst und in jedem Fall Verachtenswertes zu tun. Wenn da halt nicht das Geschriebene drumherum wäre. Unter der Überschrift "Sie ist Venezuelas schönste Demonstrantin", ölt der Verfasser Tobias Käufer:

"Es ist ein Foto wie ein Gemälde: Das Bild der durchtrainierten Frau mit einem bunt bemalten Helm, Tränengasmaske und einem Stein in der Hand. Die Szene, aufgenommen auf den Straßen Venezuelas, sorgt in den sozialen Netzwerken für Aufsehen. Es zeigt die 44-jährige Venezolanerin Caterina Ciarcelluti. Die bildhübsche Frau ist dem Vernehmen nach Model und Sportlerin."


Merke: Schmeißt du Steine von links, dann darfst du nicht auf Gnade hoffen und stehst auf einer Stufe mit Islamisten, Nazis und anderen Schlagetots. Schmeißt du dagegen Steine nach links und siehst dabei auch noch recht knackig aus für dein Alter, dann bist du in Springers Abiturientenblatt eine schöne "Demonstrantin", der man ein spermatös säftelndes Altherrengeschwurbel widmet. Und vermutlich den Stein zum Wurfe noch anreichen würde. Weil Steine gegen links ja grundsätzlich Notwehr sind.

Nach meinem Dafürhalten hält die deutsche Sprache für so etwas mehrere Fachausdrücke bereit. Doppelmoral wäre einer. Bigotterie ein anderer. Oder schlicht: Verlogenheit.

Man könnte ob dieser Impertinenz darauf hinweisen, dass nicht wenige derjenigen, die in Hamburg Randale gemacht haben, aus Spanien, Italien und Griechenland angereist gekommen sein sollen. Das wiederum sind nun zufällig genau die Länder, in denen dank des Schäuble-Dijsselbloemschen  Austeritätsdiktats immer noch zwischen 33 und 46 Prozent der Menschen unter 25 Jahren auf der Straße stehen. Dehnt man die Alterskohorte bis 35 Jahre aus, sähe es wahrscheinlich noch schlimmer aus. Und weil eben nicht alle dieser jungen Menschen demütig hermigriert kommen, um dankbar irgendeinen unterbezahlten Mistjob zu machen, könnte man ferner sagen, verglichen mit dem, was die Spardiktate der letzten Jahre angerichtet haben, sind wir mit Hamburg noch verdammt glimpflich davongekommen.



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