Mittwoch, 31. Oktober 2012

Rückkehr des Großen Kürbis


Es ist wieder so weit: Das Fest des großen Kürbis ist da. Von bizarr bis gruselig herausgeputzte Kinder erpressen von den Nachbarn Süßigkeiten und nicht minder zurecht gemachte Erwachsene strömen in Scharen zu Halloween-Partys, auf denen sie die Nacht zum Tage werden lassen, um den folgenden Morgen des stillen Allerheiligen-Tages in gebührender Wortkargheit zu begehen. Schließlich sind auch die Supermärkte seit einiger Zeit nicht nur voller Weihnachtsgebäck, sondern auch voller Horror-Zubehör. Das gefällt nicht allen. So bezieht zum Beispiel in Polen die katholische Kirche mutig Stellung gegen das satanische Fest, an dem Okkultismus und Zauberei gehuldigt werde. Auch hierzulande ist man auf der Hut: Weil gewisse, sehr deutsche Dödel sich nicht nur in jeder freien Minute auf Traditionen besinnen, sondern auch sonst voll kritisch durchblicken, ist man in diesen Kreisen schwer um die einheimische Kultur besorgt. Von amerikanischem Kulturimperialismus wird da gern gemoppert. Müssen wir denn wirklich immer alles mitmachen, was von dort kommt? Und überhaupt sei das doch alles eh nur Kommerz und jappjappjapp.

Aufmerksamen Lesern dieser kuscheligen kleinen Ecke im endlosen Netz dürfte nicht entgangen sein, dass ich es normalerweise reichlich armselig finde, wenn Menschen nur deswegen irgendwas tun, weil es gerade in Mode ist und weil sie Angst haben, sie könnten eventuell out sein, wenn sie sich nicht jedem Diktat der Freizeitindustrie unterwerfen. Bekannt sein dürfte auch, dass es mir erst recht auf die Nerven geht, wenn bei so was auch noch unbeteiligte Mitmenschen behelligt werden, auch wenn ich in der Regel gegen Verbote bin. Daher mag es vielleicht überraschen, dass mir das aktuelle Getue komplett egal ist. Es nervt nicht mal, es ist mir einfach nur so egal wie die Spargelsaison. Rheinischer Karneval dagegen ist für einen Nichtjecken auch medial so anstrengend, dass es schlicht kleinlich wäre, sich über das bisschen Halloween aufzuregen.

Das könnte unter anderem daran liegen, dass ich mir nichts aus Kürbis mache. Im Moment wird ja Kürbis gemacht, als gäbe es kein Morgen. Meine bislang drei Begegnungen mit den angeblich essbaren orangenen Medizinbällen dagegen verliefen allesamt wenig überzeugend. Als Kind bekam ich bei den Großeltern einmal süßsauer eingelegten Kürbis vorgesetzt. Weil das nach eingemachtem Pfirsich aussah, waren Schreck und Enttäuschung nach dem ersten Bissen so groß, dass ich in kindlichem Trotz schwor, das labbrige Kriegsgemüse nie wieder im Leben anzurühren. Dann gab es irgendwann einmal bei einer herbstlichen Einladung zum Essen Kürbissuppe mit Möhren, Ingwer und Chili. Zum Glück waren Möhren, Ingwer und Chili so großzügig bemessen, dass die mumpfig-gurkige Note des Kürbisses nicht mehr wahrnehmbar war. Das Süppchen hätte auf Basis von Kartoffeln und Gemüse vermutlich genau so geschmeckt, ging also in Ordnung. Vor ein paar Jahren dann fragte eine Arbeitskollegin, ob ich ein Stück Kürbis haben wollte, sie hätte zu Hause gerade geerntet. Mutig geworden, bejahte ich und brummelte was von mal wieder Kürbissuppe machen. Am nächsten Tag lag mit besten Grüßen ein Trumm von zirka fünf Kilo auf meinem Schreibtisch. Nachdem ich einen großen Topf Kürbissuppe fertig hatte, waren immer noch mehr als drei Viertel des Monsterteils übrig. Die wanderten dann in die Biotonne, auch wenn die Kinder in Afrika sich vielleicht darüber gefreut haben mögen. Die Suppe war nicht überzeugend. Nach einer Portion hatte ich den Geschmack über. Wer also wie ich, bei allem, was mit Kürbis zu tun hat, nicht in spontane Verzückung ausbricht, ist beim großen Kürbisfest daher möglicherweise leicht gehandicapt.

Sicher kann man Halloween lästig finden. Wer sich über die kommerzielle Seite des Treibens erregt, möge sich jedoch alle anderen ähnlichen Anlässe im Jahr ansehen. Auch die sind so durchkommerzialisiert, dass es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht ankommt. Man kann sich auch entrüsten über heidnisches Treiben, wie es die polnisch-katholische Kirche tut. Nur muss man dazu über die heidnischen Wurzeln gewisser Weihnachts- und Osterbräuche geflissentlich den Mantel des Schweigens breiten. Man kann sich auch so verspannen wie die ebenfalls eingangs erwähnten deutschnationalen Kulturpessimisten, die jedes Jahr aufs Neue wacker in Stellung gehen angesichts der existenziellen Bedrohung des christlichen, vor allem aber des deutschen Abendlandes und seiner Kultur. Nur muss man dazu großzügig übersehen, dass Halloween ursprünglich ein irischer Brauch war, der von Auswanderern in die USA exportiert wurde. Ferner sollte man kein Problem damit haben, dass umgekehrt im Ausland deutsches Brauchtum, wie etwa Weihnachtsmärkte gern adaptiert werden. Der Gedanke, dass so was ein Zeichen von Offenheit ist und man dort normalerweise nicht über die Verwässerung der heiligen nationalen Kultur durch teutonisches Tamtam jammert, scheint die patriotischen Glühweinglommsen regelmäßig zu überfordern. Ihrer eigenen Logik zufolge, müssten die so konsequent sein und gegen solche Globalisierung deutscher Besinnlichkeit auch auf die Barrikaden gehen. Aber zurück zum aktuellen Anlass.

Wenn man nicht in einem Viertel wohnt, in dem überwiegend Familien mit Kindern siedeln, braucht einem normalerweise nicht bange zu sein, durch "Süßes oder Saures!"-Attacken belästigt zu werden und man kann sich problemlos einen gruselfreien Abend machen. Und wer par tout keine Lust auf Horrorpartys hat, kann sich, wie bei anderen Einladungen auch, eine der üblichen Ausreden einfallen lassen und gut. Ich bin jedenfalls sicher, wäre Halloween zu meiner Kindheit bereits so angesagt gewesen wie heute, hätte ich sicher einen Riesenspaß daran gehabt, verkleidet mit Freunden durchs Viertel zu ziehen, massenhaft Süßigkeiten abzugreifen und makabre Gruselpartys zu veranstalten. Solange es nicht irgendwas mit Kürbis zum Essen gegeben hätte.

Eines ist dann aber doch beunruhigend an dem ganzen Treiben: In Politik und Medien scheint das Halloween-Gefeiere inzwischen fest etabliert zu sein. Zumindest ist es höchst besorgniserregend, welch kultische Verehrung dort Zombies und anderes untotes Gelichter in letzter Zeit vermehrt zu genießen scheint: So saß die Tage Dickie Niebel auf n-tv 'Bei Brender' auf dem Stühlchen und meine, als er mit der Frage konfrontiert war, wie er denn die Chancen der der in den Umfragen bei drei Prozent herumkrebsenden Liberalen bei der nächsten Bundestagswahl sehe, er sei da völlig gelassen. Denn die meisten Wähler seiner Partei seien Spontanwähler, die sich erst auf den letzten Drücker dafür entscheiden, ihr Kreuz bei den Gelben zu machen. Dann wäre da noch das gehäufte Auftreten von Wiedergängern, wie diesem Graf Dracula von Oberfranken, von dem man eigentlich dachte, das Land sei erlöst von ihm. Jetzt hat ihm sein Obervampir erst kürzlich wieder eine glänzende Karriere in Aussicht gestellt. Niemand wird daher nächstes Jahr sagen können, wir seien nicht gewarnt gewesen. Kruzifixe, Knoblauch, Holzpflöcke, Weihwasser und geweihte Silberkugeln zu bunkern, um sie im Notfall griffbereit zu haben, könnte sich auch für notorische Rationalisten und Atheisten als gute Idee erweisen.

Die Halloween-Folgen der Simpsons sind übrigens immer wieder sehenswert.


5 Kommentare:

  1. Ich kann Kürbis im Allgemeinen auch nichts abgewinnen. Aber falls mal der Wagemut die Kürbisabneigung übertrifft, probier doch mal einen Hokkaido-Kürbis. In Spalten von ca. 1cm geschnitten bei mittlerer Temperatur in einer Pfanne mit etwas Butter, Zucker und einer Prise Salz zu karamellisieren. Nur als kleines Danke für dieses nette, flattr-lose Blog.

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    1. Da nich' für, Jon. Danke für den Tipp. Ich hatte auch schon so was gehört, dass Sorten wie Hokkaido oder Butternut karamellisiert einen Versuch wert sein sollen. Gegrillte Zucchini mag ich schließlich auch...

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  2. Schön geschrieben. Als kulinarischen Genuss, seh ich Kürbisse jetzt auch nicht, - aber sie haben was, wenn man sie von innen beleuchtet. Und Halloween? Naja, - Gothic-Party für Kinder. FSK 4. Als Ganzjahreskürbis, seh ich das auch tolerant :-)

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  3. Probier doch mal nen Butternutkürbis mit Sellerie, Zwiebeln, Möhren, Kartoffeln und Äpfeln einzukochen.Wobei der Kürbis die Vormacht haben sollte.Das ist echt lecker. Hab mir auch berichten lassen, daß das Teil, mit anderen Früchten zusammen entsaftet, ein feiner Drink ist.Ich kann aber die Zurückhaltung verstehen, ist halt nicht jedermanns Geschmack. Fällt mir noch der grandiose "Kürbissuppe"-Comic bei COMACOMIX (Weißblech) ein, würg.

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  4. Ihrer eigenen Logik zufolge, müssten die so konsequent sein und gegen solche Globalisierung deutscher Besinnlichkeit auch auf die Barrikaden gehen.

    Da erlaube ich mir zu widersprechen. Wir (die Deutschen) sind ja die Guten. Unsere (die deutsche) Kultur ist ja, also, so gehört das ja, sonst würden wir das ja so nicht machen. Da ist es nur gut, dass man rund um den Globus von uns lernt, die wertvolleren Elemente unserer Kultur übernimmt, notfalls auch an lokale Gegebenheiten anpasst.

    Ich meine, wenn immer überall Oktoberfest wäre und die Leute bei zweifelhafter Musik zu viel zweifelhaftes Bier tränken, gäbe es weniger Krieg auf der Welt, und dagegen kann man doch wirklich nicht sein?

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