Freitag, 18. Dezember 2015

#zunahamwasser


Ahhh, ich hatte das fast verdrängt. Diesen Werbespot, in dem Grandpa Dalton Jahr für Jahr mutterseelenallein in der kalten Butze hockt, in vergeblicher Erwartung, dass die Familie gefälligst mal aufschlägt zum Fest. Wie gesagt: fast. Aber dann kam Kollege Epikur des Weges und musste mich ja unbedingt daran erinnern. Musser jetzt durch. Hatter jetzt davon. Fangen wir vielleicht mit etwas Höflichem an: Weil bald Weihnachten ist, kann man der Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler durchaus einmal Respekt zollen für die Verdienste um die finanzielle Versorgung alternder Darsteller, die sonst nicht mal mehr in einer Daily Soap einen Schirmständer spielen dürften. Warum man sich aber bei der Schmierenkomödie die Augen aus dem Kopf flennen muss, wie dies Abermillionen rührseliger Klick-Zombies angeblich getan haben - schon das entzieht sich komplett meinem Verständnis.

Normalerweise versuche ich, die Werbung, mit der sie einen im Netz vollprötern wie nirgends sonst, irgendwie zu umgehen oder zu vermeiden. Daher gehören für mich Menschen, die im Netz freiwillig und ohne Not Werbespots gucken, zum Beunruhigendsten, was die Evolution bislang hervorgebracht hat. Ferner sind mir Leute, die sofort hemmungslos losheulen, sobald irgendein Industrieprodukt oder Marketingmittel bei ihnen irgendwelche sentimentalen Knöpfe drückt, und die das Elend dann auch noch als echtes Gefühl und als voll authentisch ausgeben, schon immer schwer suspekt gewesen. Wenn früher Freundinnen bei einer 08/15-Liebesschnulze im Kino ganze Großpackungen Papiertaschentücher verbraucht haben, saß ich immer etwas verloren daneben, hielt brav Händchen und kam mir vor wie ein ignoranter Eisklotz.

Ganz gerührt waren sie also alle, weil der Spot sie schmerzhaft daran erinnert habe, was wirklich wichtig im Leben ist. Hä? Ach so, die Famiiilie, verstehe! Ich bin kein Psychologe, aber mit einer Familie, in der das senile Oppamöbel erst den eigenen finalen Salto ins kühle Grab vorschützen muss, damit die bräsige Brut mal in die Socken kommt - vermutlich schon die Gier im Blick ob des abzugreifenden Erbes - stimmt auf so vielen Ebenen so vieles nicht, dass die Hälfte aller hierzulande zugelassenen Familientherapeuten panisch die Couch aus dem Fenster pfefferte, sollte so eine Sippe um Rat nachsuchen. Also, was bitte soll der Aufstand? Und warum genau heulen die noch mal alle Rotz und Wasser? Vielleicht kenne ich ja einfach die Fortsetzung noch nicht, in der Opa vom Krieg erzählt. Oder haben am Ende doch 42 Millionen Klicker wahlweise zu nah am Wasser gebaut oder schlicht einen an der Klatsche? Ich will niemandem Unrecht tun.

Es ist ja verständlich, dass der Einzelhandel in Zeiten stagnierender Umsätze sich immer mehr aufs Weihnachtsgeschäft konzentriert. Aber muss es denn wirklich so untergriffig sein? Vor einiger Zeit befand ein recht laut auftretender Höker von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten mal, Weihnachten werde unterm Baum entschieden. Anders gesagt: Machen wir uns nichts vor, Weihnachten bedeutet Geschenke, und zwar gekaufte, und das massig, alles andere ist Murks. Also los, Konsument, konsumier gefälligst, dass es eine Art ist. Und zwar bei uns, wenn's recht ist. Der Laden hat seinerzeit viel Kritik einstecken müssen dafür. Weihnachten aufs rein Materielle reduziert, christlicher Ursprung, Untergang des Abendlandes und nöhl, nöhl, moser, moser. Ich muss sagen, gemessen an der verlogenen Klebrigkeit des Rührschinkens vom Lebensmittel-Nahversorger war das wenigstens noch erfrischend ehrlich.

Wie so oft, sind die Parodien eh das beste:



5 Kommentare:

  1. Ja, man fühlt sich wahrlich fremd unter Selbstentfremdeten. 42 Millionen heulen bei einer kommerziellen Werbung, Hunderte Millionen schluchzen bei Liedern von Adele, tausende auf Facebook liken/sharen Cat Content - und bei der nächsten Großdemonstration gegen Sozialabbau, Lohndumping, TTIP, Fracking oder deutsche Kriegseinsätze im Ausland, kann man schon froh sein, wenn man mehr als 10.000 Leute zusammen bekommt. Das ist Zeitgeist.

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    1. Wieso denn? Geht uns doch allen super und gold! Wird uns noch furchtbar auf die Füße fallen. Schon jetzt ist der Michel ja mehrheitlich nicht in der Lage, etwa Flüchtlinge anders als unter ethnischen Gesichtspunkten zu sehen...

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  2. Ach nein, der arme verlassene Papi… *heul* Nicht nur, dass die Punkte, die Sie und auch Ihr Kollege aufzählen stimmen, was ist denn wenn die Kinder aus Gründen keinen Kontakt zum Vater wollen?! Könnte ja auch sein. Abgesehen davon sollte man sich schon fragen welche Persönlichkeitsstörung der Alte hat seinen Tod zu simulieren. Dass das Video so viele so rührend finden ist auch unter dem Gesichtspunkt arg befremdlich.

    Wie schon beim Adventskalender: Danke.

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  3. Rührseliges Clickbait war gestern, jetzt zünden wir Werbehuren die nächste Stufe: Gezielte Polarisierung. Ambivalenz ist Trumpf. Nur wenn sich ein Streit zwischen Andächtigen und Hatern unserer kleinen blöden Stinkbombe entzündet, schaffen wir nächsten viralen Hit, um unserem Konzern im Gespräch zu halten. Sehen Sie demnächst: Der Nazi, dem der Migrant das Leben rettet, nur um kurz darauf mit dessen Frau durchzubrennen. U-huuu ob das mal politisch korrekt ist? Sag mir wo du stehst, Mausklicker? Hoffentlich bald an unserer Fleischtheke. Wir haben Kalbsnieren im Angebot.

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    1. Hey, nichts gegen Kalbsnieren!
      @Anonym, 11:31: Gern doch.

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