Sonntag, 24. Januar 2016

Apartheid 2.0


Ein öffentliches Bad zu besuchen und, sei's aus Unkenntnis, aus Ignoranz oder schlicht in Ermangelung entsprechenden Textils, nicht in angemessener Badekleidung ins Wasser zu gehen, kann für die anderen eklig sein, keine Frage. Es hat per se weder etwas mit Rassismus noch mit Diskriminierung zu tun, Leute, die so handeln, auf das Verbotene ihres Tuns hinzuweisen und ihnen im Wiederholungsfall notfalls auch Konsequenzen anzudrohen, wenn's denn gar nicht anders geht. Entsprechende, schön in tastbarem Großdruck gehaltene Zettel hängen schon lange an der Kasse hiesiger Schwimmbäder. Ich hatte nur immer gedacht, solche Regeln gölten ausnahmslos für alle, und es sei letztlich schnurzpiepe, wer genau da fehlbekleidet baden ginge.

Im 'Freizeitzentrum Stadtbad' im österreichischen Mödlingen ist es angeblich wiederholt zu Beschwerden von Badegästen gekommen, weil einige jugendliche Asylbewerber, die ohne Begleitung in einer örtlichen Unterkunft leben, in Unterwäsche oder auch Jogginghosen ins Wasser gegangen waren. Also sah der Leiter des Bäderbetriebes sich gezwungen, einen Aushang zu verfassen. Wir wollen ihm unbekannterweise gute Absichten unterstellen. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass es Probleme geben - elende Political Correctness aber auch! -, wenn er Worte wie Araber, Kümmeltürken, Tschuschen, Neger, Spaghettis, Katzelmacher u.ä. wählen würde. Also verfiel er auf folgende Lösung:

Diese verbale Muskelverspannung von einem Aushang offenbart in einem einzigen Satz, wo das Problem liegt. Wieso sah der Schreiber es als nötig an, die Benutzung des Bades nur "Menschen mit Migrationshintergründen" [sic!] zu untersagen (wie gesagt, er wollte wohl alles richtig machen und hat alles falsch gemacht), wenn diese unangemessen gekleidet und nicht am Händchen eines Blockwarts daherkommen? Darf man den Umkehrschluss unternehmen, dass es Einheimischen bzw. Menschen ohne Migrationshintergründen demnach gestattet ist, sich unbegleitet und in Straßenkleidung ins kühle Nass zu stürzen? Mit Schuhen und Mütze? Reicht ein Migrationshintergrund oder müssen es mehrere sein? Wäre ich Österreicher und hätte in Mödlingen somit keine irgendwie gearteten Migrationshintergründe, ich würd's ja einfach mal austesten.

Mindestens genau so unhygienisch und eklig wie in Unterwäsche o.ä. zu schwimmen, ist es übrigens, dies ohne vorheriges Duschen zu tun. Als regelmäßiger Schwimmer weiß ich, dass überdurchschnittlich viele ältere Damen gern knochentrocken ins Wasser steigen und dort dann verdächtige Parfümspuren im Kielwasser hinter sich herziehen. Gern auch einen Ölteppich aus fettigen Hautpflegemitteln, im Sommer meist aus Sonnencreme. Wann kommt das erste Badeverbot für Seniorinnen? Wenn es einzig und allein um Hygiene ginge, dann müsste das nach der Logik der Mödlinger Verantwortlichen doch eigentlich dringend erforderlich sein.

(titanic-magazin.de)
Faszinierend und erschreckend zugleich, mit ansehen zu müssen, in welchem Tempo die Beißreflexe braver Bürger gerade zivilgesellschaftliche Mindeststandards ins Rutschen bringen. Noch vor Jahresfrist hätte ich im deutschsprachigen Raum ein solches Schriftstück als offiziellen Aushang in der Öffentlichkeit für kaum vorstellbar gehalten. Und wenn so etwas doch passiert wäre, dann wäre ich davon ausgegangen, dass das für den Verfasser Folgen gehabt hätte. Ebenso wie ich gedacht hatte, das Verbot öffentlichen Frauenbetatschens gelte ausnahmslos für alle und Sondergesetze für Nichtdeutsche seien demnach unnötig.

Apropos Österreicher: Dass es sich mitnichten ein spezifisch österreichisches Phänomen handelt, zeigt ein Blick nach Freiburg oder ins nordrhein-westfälische Bornheim. Ein Einzelfall ist es also auch nicht.


2 Kommentare:

  1. Schreibt sich das Wort im Titel nicht „Apartheid“?

    Und sonst … yepp, speziell den sommerlichen Ölfilm im Schwimmerbecken kenne ich auch. Aber sag’ mal, wenn es eklig ist, wenn einer in der Unterhose ins Becken steigt, warum ist es dann in der schon daheim druntergezogenen, in der Sommerhitze gut durchfeuchteten und zwischen den Badbesuchen ungewaschen in der Sonne getrockneten Badehose nicht eklig? Und wenn Klamotten im Wasser sowieso eklig sind, warum gehen wir dann nicht einfach nackt baden?

    Fragen über Fragen.

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    1. Na ja, wenn das hier mal als Buch erscheint, dann hab ich ja nen Lektor. ;-)

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