Dienstag, 27. September 2016

Debatten abwürgen leicht gemacht


"Ist schon Kommunismus oder darf ich mich wieder hinlegen?" (Doris Akrap)

Keine Frage, über Erbschaftssteuer zu reden ist notwendig und überfällig angesichts der Besitzverhältnisse im Lande. Das lässt Don 'Im Gegensatz zu euch Mieter-Losern besitze ich Wohneigentum, historische Ölbilder, silberne Teekannen und Rennräder und habe auch sonst alles richtig gemacht im Leben - erwähnte ich übrigens schon, dass eure Armut mich ankotzt?' Alphonso deswegen gleich über Enteignung der von Vorfahren und ihm gestapelten Assets herumbarmen und quasi schon die Weltrevolution vor der Tür stehen sehen. Kann man machen, muss man sich andererseits aber die Frage gefallen lassen, wieso dann Erwerbsarbeit, die ja immer noch die Basis dafür ist, sich, so man über keines verfügt, ein vererbbares Vermögen aufzubauen, im Verhältnis zum Erben so viel stärker besteuert wird.

Nun ja, die Antwort ist einfach: Anders als in der Masse der abhängig Beschäftigten, gibt es unter Erben genug, die über so viel Einfluss verfügen, dass ihren Wünschen politischerseits Rechnung getragen wird. So wie Helmut Schmidt einst auf die Frage, wieso denn keine Börsenumsatzsteuer eingeführt werde, zwischen zwei Zügen an der Reyno trocken und präzise antwortete: "Weil das in London und New York versammelte Kapital dies nicht wünscht." Damit wäre diese Frage eigentlich hinreichend beantwortet. Bliebe noch die, wie man jegliche Debatte über höhere Erbschaftssteuern am wirksamsten abwürgt, so als potenziell Betroffener.

Nun sind wir alle keine Heiligen und das Sein bestimmt das Bewusstsein. Steckste nicht drin. Sollte ich dereinst einmal tatsächlich das elterliche Eigenheim erben, was bitte noch lange hin sein möge (meine Eltern gehören übrigens dank der Einkommensverhältnisse der Nachkriegszeit zu den ersten in der Ahnenreihe, die als ehemalige kleine Angestellte überhaupt Nennenswertes zu vererben hätten), wäre ich dann begeistert, wenn als erstes Vater Staat angeschissen käme, sich seinen Anteil zu holen? Keine Ahnung, wäre ich vermutlich nicht. Läge der Wert des Häuschens nicht eh unterhalb der üblicherweise so gehandelten Freibeträge, dann müsste ich mir eben etwas einfallen lassen, wie sich damit umgehen ließe. Möglich, dass ich, wäre ich privilegiert, jene Privilegien vermutlich auch verteidigen würde.

Wie aber würde ich das angehen, so als potenziell Betroffener? Ich könnte mich, wie der oben genannte bikende Bajuware, in länglichen Litaneien ergehen darüber, welch jahrhunderte alte Werte alles verloren gingen, wenn der Staat den Erben der Nation allzu gierig ins Säckel griffe und welch nichtswürdige Existenzen mit dem auf diese Weise vom anstrengungslos erworbenen Wohlstand abgezwackten Zaster unnötig und vor allem anstrengungslos gepampert würden. Arbeitsscheue, unterv*****e Akademikerinnen! Privilegierte Gender-Iwane!

Oder man macht es wie die vom erwähnten privilegierten Dickblogger, dessen Privilegien nach eigener Auskunft aber schmerzlos für andere sind, konsequent 'Prantlhausener Tagblatt' genannte und für linksradikal ausgegebene 'Süddeutsche Zeitung' und greift zu den bewährten Mitteln des Ängsteschürens und des Panikmachens. Auf dass jene auf Oma ihr klein Häuschen spekulierenden kleinbürgerlichen Kleinvermögenden in spe, die sich im Zweifel immer nach oben orientieren, sich sogleich bis zur Halskrause ins Hemd machen, obwohl sie kaum betroffen wären. Anders gesagt: Man inszeniert die Erbschaftssteuer als Popanz, als eine Art IS, als Ebola, Putins Höllenkanone für alle tatsächlichen und zukünftigen Erben. Buh!

Zu diesem Zweck zitierte das im Wirtschaftsteil nach wie vor stramm neoliberal ausgerichtete Blatt an prominenter Stelle den Vorschlag des Ökonomen Guy Kirsch, reiche Erben gnadenlos mit 99 Prozent zu besteuern. Bämm! Eine theoretisch sicher ganz reizvolle, ansonsten aber heillos überzogene, weil unter den herrschenden Verhältnissen wohl kaum realisierbare (und auch von den hartleibigsten Linken nicht erhobene), da für die meisten viel zu radikal klingende Forderung.

Dass das wohlwollend kommentiert wurde, spielt dabei keine Rolle, denn es soll eh bloß Stimmung gemacht werden bei panischen Kleinerben, die grundsätzlich vom Schlimmsten ausgehen, auf dass sie sich jeden Gedanken an weitere Besteuerung verbitten ("99 Prozent wollen die uns nehmen, die habense doch nicht mehr alle!"). Merke: Auch mit Überaffirmation lässt sich wirksam Propaganda treiben.

Beim radelnden Rentier vom Tegernsee jedenfalls hat es hervorragend funktioniert. Oder ist mir da am Ende eine ironische Brechung entgangen?


8 Kommentare:

  1. Das mag sein. Wie gesagt, ich war mir nicht sicher. Was sein Publikum/Kommentariat so angeht, bin ich es allerdings auch nicht.

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  2. Ich verstehe diesen Don Alphonso meistens auch nicht. Für mich schwurbelt der immer viel zu lange Texte zusammen. Aber ich habe bei ihm das Gefühl, dass er eher provozieren will. Eine wirkliche Aussage sehe ich da nicht dahinter. Ich meine, ist der wirklich so reich? Oder schreibt der das, weil es gegen den Mainstream ist? Mich interessiert es meistens eh nicht, was der zu sagen hat, weil er anscheinend andere Probleme hat als ich. Ich bin nicht reich und werde es wahrscheinlich auch nie sein. Und Bayern samt Fahrradtouren und Gender interessiert mich auch nicht.

    Sein Kommentariat hat er sich aber wohl schön zusammengezüchtet. Die halten den irgendwie für einen Messias, wenn ich das richtig überflogen habe und davon ausgehe, dass die das ernst meinen, was die schreiben. Mag aber auch an der Umgebung der FAZ liegen.

    Im Grunde ein unsympathisches und eigentlich auch überflüssiges Blog.

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    1. Richtig, sein Kommentariat ist schon recht eigen! Aber es macht Spaß, diesen Provokateur zu lesen, gerade, wenn man nicht seiner Meinung ist.

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    2. @Franderich – das Kommentariat rekrutiert sich aus – Überraschung! – FAZ-Lesern. Was erwartest du?

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  3. MT, das hast Du ganz wunderbar und treffend zusammengefasst. Danke dafür. Mehr gibt's zu dem selbsternannten Don auch aus meiner Sicht nicht zu sagen.

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  4. Dass der Don – übrigens nicht zum ersten Mal – seine Erbprivilegien verteidigt, ändert nichts am Fakt, dass er intelligent und zutreffend analysiert. Geht leider etwas unter im Ausschweif seiner Texte. Denn sich kurz fassen hat er, scheint's, nicht gelernt.

    Ah und Erbprivilegien. Er ist einer aus der ausgestorbenen Rasse „von und zu“. Die sind seit längerer Zeit nicht mehr die Quelle von Gesellschaftsproblemen.

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    1. Schreiben kann er und ich vermag mich zuweilen der Faszination seines Geschwurbels nicht immer zu entziehen, deshalb ist er auch hier in der Blogroll. Gut möglich, dass er sich jedes Mal über die Manipulierbarkeit seines Kommentariats einen Ast lacht, aber das weiß man eben nicht.
      Klar, die Von und zus haben an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt, aber beim Erben, da sind sie eben sehr konform mit denen vom Planeten Neoliberallala. Keine sympathische Mischung...

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